Expl0557: Über Zombies

Eigentlich habe ich gar keine Angst vor Zombies. Ich habe auch keine Angst vor Vampiren. In meinen Alpträumen kommen eher Werwölfe vor. Aber das ist mein persönliches Ding, in Hollywood dominiert der Zombie. Und dazu hätte ich eine Theorie parat…


Download der Episode hier.
Opener: „DED Talk: A TED Talk For Zombies“ von Official Comedy
Closer: „Zombies!!! – The Simpsons“ von lilkiedis07
Musik: „Zombie“ von Tony K. / CC BY-ND 3.0


Ich muss einmal über Zombies reden. Wir haben vor 16 Jahren ja gemeinsam ein neues Jahrtausend angebrochen. Tja. Und irgendwie gehen diese Zombies nicht weg. Wenn es ein Horror-Phänomen im zweiten Jahrtausend gibt, dann sind es eben Zombies. Filme. Serien.

Da schlurfen sie also hinter uns her. Ihres Verstands beraubt und ziemlich tot. Sehr tot. Sie können nicht rennen, sie können nicht reden, sie können keine Smartphones benutzen und sie haben auch kein Wahlrecht. Sonst würden sie sicher Trump wählen und das wollen wir ja alle nicht in Europa.

Eigentlich sind sie ja die lächerlichsten Filmmonster von allen. Wenn man in der Lage ist, ein normales Tempo zu gehen und wird in den späten Abendstunden von einer Gruppe Zombies verfolgt, was soll schon passieren? Man joggt einfach locker nach Hause, versperrt hinter sich die Tür und macht sich eine Tiefkühlpizza. Und kuckt einen Film mit Werwölfen, meinetwegen. DAS sind wenigstens noch Monster.

Aber der Horror kommt ja nicht durch ihre Dummheit oder ihre Geschwindigkeit. Zombies sind ein Problem, weil sie so etwas wie die Mehrheit sind. Es ist ja nicht eine Gruppe von, sagen wir ‘mal fünf Untoten, die jetzt meinetwegen über die Reeperbahn marodieren. Das würde wahrscheinlich niemanden stören. Sind die da gewöhnt, auf der Reeperbahn. Es sind aber nicht fünf. Es sind alle. Alle Menschen sind AUF EINMAL Zombies, nur nicht wir. Wir wenigen.

Und deswegen ist ihr Durchhaltevermögen das größere Problem. Nichts einfacher als einen einzigen Zombie malerisch auszutanzen. Aber das hilft halt wenig, denn der oder die Zombie hat halt noch ein paar Hundert Kollegen mitgenommen. Hase und Igel. Aesop in der Horror-Version.

Es ist wirklich interessant, das jede Zeit ihre Monster schafft. Fangen wir ‘mal ganz vorne an und gehen die klassischen Monster, wie wir sie so von Universal kennen, durch. Da wäre kulturgeschichtlich als erstes Monster der Werwolf zu nennen. Der oder die ist sehr unzweideutig die Verkörperung der Angst vor dem Tier in uns.

Eine Theorie besagt, dass der Werwolf im antiken Rom entstand, als die einigermaßen zivilisierten römischen Legionäre auf barbarische Krieger trafen, die im Drogenrausch einfach hemmungslos und wie irre vor sich hinmeuchelten. Ohne auf ihr eigenes Wohlehrgehen zu achten.

Das hat durchaus historische Hintergründe, die sich da so bemühen lassen. Sowohl Kelten als auch Germanen dopten sich manchmal vor wichtigen Schlachten. Die Berserker waren eventuell einfach Männer wie Du und ich, bloß im Fliegenpilzrausch.

Und der Werwolf ist ein Symbol für dieses Animalische. Ein Mensch, der sich gegen seinen Willen in ein unberechenbares Tier verwandelt. Eigentlich muss man da nicht einmal Drogen zur Erklärung bemühen. Ich bin schon ein paar Mal mit Menschen im Auto gefahren, die wirklich sympathisch und normal und zivilisiert und beinahe liebevoll gewirkt haben und: Sich hinter dem Steuer in richtige Parade-Arschlöcher verwandelt haben.

Danach kommt der Vampir. Der wird immer auf Bram Stoker zurückdefiniert und wäre damit ein recht neues Monster. Aber der Untote, der nachts Unschuldigen das Blut aussaugt, ist natürlich viel älter.

Man muss nicht einmal rumänische Dörfer bemühen, wo sich Legenden um stigoy schon im Mittelalter gebildet haben. Der Vampir ist wahrscheinlich noch viel älter. Und wahrscheinlich ist die schwülstige Erotik hier das wichtigste Element. Die Art, wie wir Menschen uns beim Geschlechtsverkehr voreinander ausliefern. Die Machtlosigkeit und die Macht, die ein ureigenes Element des Sexus sind. Aber eben auch etwas, das wir nicht komplett verstehen können. Die Erfahrung, dass Triebe uns beherrschen können. Und den Verstand dann im Notfall einfach – knips – ausschalten.

Mit Bram Stoker und seinem Graf Dracula kommt noch ein Element dazu. Der Adel. Blutlinien, die über Jahrhunderte hinweg reichen. Und die Tatsache, dass wir in Europa mehr als fünfhundert Jahre gebraucht haben, um diese Plage loszuwerden. Die Vorstellung eben, dass sich Macht vererbt. Den Adel.

Das funktioniert heute nicht mehr so gut. Wir müssen das für eine moderne Version dann an Verschwörungstheorien knüpfen. An Geheimgesellschaften, die im Untergrund wirken. An blood sucking Illuminati. Oder etwas in der Art. Aber eigentlich haben wir keine Angst mehr. Klar, wir hatten „Interview with a Vampire“, der noch prima funktioniert hat. In den 90ern…

Aber spätestens mit dem ganzen Twilight-Brimborium hat sich das Thema Vampire erledigt. Das war nicht mehr erotisch, das war nur noch zwanghaft. Vampire sind tot.

Klar sind die tot, das war ungünstig ausgedrückt. Denn alle diese Monster haben ja in Wirklichkeit den Tod beschissen. Auch Werwölfe, die quasi ewig leben und besser heilen können als Deadpool und Wolverine zusammen. Und natürlich Vampire. Aber das kommt halt auch immer mit einem Preis. Mit einer spezifischen Schwäche.

Die Monster leben ewig, aber sie zahlen dafür einen hohen Preis. Nicht nur ihre eingeschränkte Lebensweise, „Parties bitte erst ab Sonnenuntergang“, sondern auch lächerliche Schwächen. Wie z.B. Vampire, die wahrscheinlich noch nie das Blut einer Pizzabotin getrunken haben. Wegen des Knoblauchs eben. Was für eine lächerliche Schwäche.

Dann also Jahrtausendwechsel – rappzapp – und auf einmal waren die Zombies da. Monster, die es so vorher, im 18ten Jahrhundert z.B., nicht gegeben haben könnte. Denn die eigentlich Zombie-Erfahrung ist es ja frühmorgens oder spätabends in einer Großstadt U-Bahn oder S-Bahn zu fahren.

DA sind die Massen, die ohne jegliche Mimik fremdgesteuert dem einen oder anderen Ziel zusteuern. Die man nicht ansprechen kann und die hirnlos einfach funktionieren. Und weiterwanken und weiterwanken und weiterwanken. Die Zombies sind ein Symbol für das moderne Großstadtleben. Für die entfremdete Existenz an sich.

Ich finde, wir haben uns in Zombies ein großartiges Instrument geschaffen, um unsere Erfahrungen als Menschen im 20ten Jahrhundert zu symbolisieren. Wir alle fühlen uns abgeschnitten und isoliert von einem irgendwie seltsamen Mainstream. Wir alle glauben, wir gehören zu den paar Erwählten, die eben noch nicht zombifiziert sind.

CO2 muss reduziert werden, das leuchtet uns allen ein. Aber der Zombie-Mainstream ändert nichts an seinem Verhalten. Wie Untote ohne Hirn kaufen sie weiter und gerade erst recht SUVs und Sportwägen.

Der Kapitalismus funktioniert nicht mehr so richtig, wir bräuchten neue Rezepte. Aber wie Zombies verfolgen wir einfach immer weiter die gleichen Formeln und Ideen und stampfen willenlos vor uns hin.

Der Zombie drückt die Grunderfahrung des modernen Menschen aus. Die Erfahrung, dass heute JEDER vom Mainstream abgeschnitten ist. Dass es in Wirklichkeit keinen gesamtgesellschaftlichen Konsens mehr gibt. Keine eindeutigen Antworten einer Gemeinschaft auf drängende Fragen.

Die Erfahrung, dass uns das Internet in kleine Filterblasen zerschlägt, in denen wir uns alle lieb haben und alle der gleichen Meinung sind. Wir, die Überlebenden der Zombie-Apokalypse. Wir, die wir noch ein Hirn haben. Wir paar Erwählten.

Das ist die eigentliche Grunderfahrung des 20ten Jahrhunderts. Wir erwarten gar nicht mehr, dass der Staat Lösungen findet. Oder meinetwegen das Kapital. Oder die Justiz. Wir haben akzeptiert, dass es irgendwie eine seltsame, hirnlose Zombiemaschine gibt. Dass wir mit der Masse, mit der Mehrheit, mit der geltenden Meinung, ja selbst mit den Wahlergebnissen nicht wirklich etwas zu tun haben.

Es gilt gar nicht mehr, einen Konsens zu gewinnen. Es ist nicht wichtig, Leute zu überzeugen. In meiner Filterblase auf Twitter genügt es uns einfach, die nächsten Dummheiten der AfD sarkastisch zu kommentieren. Das machen wir halt gerne. Wir, die einzigen Überlebenden der Zombie-Apokalypse.

Der Zombie ist gerade unser Lieblings-Monster. Weil er für das Scheitern unserer Demokratie steht. Weil er dafür steht, dass sich nicht wirklich die besten Lösungen durchsetzen, sondern die am wenigsten schmerzhaften. Der Zombie ist das Symbol für eine Masse, für eine Mehrheit, die keine Antworten finden kann.

Weil sie alle hirnlos sind. Untot. Nicht mehr zu beleben. Verlorene Fälle.
Der Zombie ist der tote Demokrat.

Wir alle glauben nicht mehr, dass das Votum der Mehrheit auch das beste Votum ist. Wir haben alle, insgeheim, in unseren kleinen Köpfen, die Demokratie aufgegeben. Aber das geben wir nicht zu.

DAS ist der Zombiefilm. Die Zombieserie. Walking Dead. Der Zombie.

Und der wahre Horror beginnt eigentlich erst, wenn man über Alternativen nachdenkt. Dann beginnt das eigentliche Grauen. Wenn die Demokratie erst einmal weg ist, welche Alternativen haben wir dann? Dann… dann… kommt wahrscheinlich die nächste Generation an Vampiren.

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