Expl0559: Gen Food & Nobelpreisträger

Gentechnisch veränderte Lebensmittel hin oder her. Emotionen rauf oder runter. Die Debatte versachlicht sich nicht, sondern wird emotionaler. Ein kurzer Blick auf die Versprechungen der Industrie und die Ergebnisse der letzten 25 Jahre könnte da beruhigend wirken. Liebe Nobelpreisträger, die ihr Greenpeace Briefe schreibt.


Download der Episode hier.
Musik: „Let’s Eat (2013)“ von Marc Reeves / CC BY-SA 3.0


Gentechnik und Essen. Genetisch veränderte Lebensmittel. Gen Food genannt. Ein wirklich schwieriges Thema. In kaum einem anderen Bereich der Wissenschaft kochen die Emotionen so hoch wie in diesem. In diesem Wirrwarr Informationen zu finden und sich eine Meinung zu bilden, ist fast nicht möglich. Diese Sendung zum Beispiel wollte ich ursprünglich vor beinahe einem halben Jahr machen. Aber… Weil halt… Schwierig und so…

Es war Ende Juni, als sich 108 Nobelpreistragende in einem offenen Brief an Greenpeace wandten. Greenpeace möge doch endlich seinen Widerstand gegen die Gentechnik aufgeben. Der sei irrational und unwissenschaftlich. Die Ernährungsprobleme der Welt würden sich in Zukunft nur mit genetisch veränderten Lebensmitteln lösen lassen, da war man sich einig.

Ein Beispiel, dass dabei im Schreiben zur Anwendung kam, war der berühmte „Goldene Reis“. Das ist ein gentechnisch veränderter Reis, der in der Lage ist, beim Anbau Beta-Carotin einzulagern. Was der Normalo-Reis halt nicht so drauf hat. Das wird im Körper als Vitamin A gebraucht. Dringend gebraucht vor allem bei armen, armen Menschen in Asien. (Regie: Hier bitte Bild eines hunngernden Babies einblenden.)

Weiters schreiben die Laureaten – und mittlerweile sind es, Stand November 121 auf der Liste – schreiben diese, dass es keinen wissenschaftlich belegten Fall gibt, in dem genetisch veränderte Lebensmittel bei Menschen oder Tieren jemals einen gesundheitlichen Schaden verursacht hätten. Seht ihr, Greenpeace, wie unwissenschaftlich ihr seid.

Und auch die meisten Wissenschaftler hierzulande schließen sich bereitwillig dieser Meinung an. Das riecht alles ja auch sehr verdächtig nach Hysterie. Nach altmodischer Öko-Nostalgie. „Auch die normale Zucht, das normale Kreuzen von Arten ist Genmanipulation“, so heißt es immer wieder. Alles also Panikmache? Eine Hexenjagd auf das logische Denken? Die den Verbraucher nur unnötig verunsichert?

Ein kleiner, schneller Faktencheck zu dem medienträchtigen Schreiben der ausgezeichneten Wissenschaftler also. So mein Gedanke im Juni. Aber die Recherche war nicht leicht. Schon alleine, weil ich eigentlich keine besonders ausgeprägte Meinung hatte. Und, bis dahin, ehrlich gesagt: Keinen Schimmer.

Beginnen wir also mit dem hübsch getauften „Goldenen Reis“. Da findet sich ein informativer Artikel beim „Internationalen Reisforschungs-Institut“. Ja, das gibt es wirklich. Und die kennen sich echt mit Reis aus. Und haben kein bisschen ‘was gegen Genmodifizierungen. Dieses Internationale Reisforschungs-Institut hat auf das Schreiben reagiert und eine Stellungnahme veröffentlicht.

Denn, wenn man genau hinkuckt, dann gibt es den segensreichen Reis eigentlich gar nicht. Außer auf ein paar Versuchsfeldern kam er nie in den Einsatz. China, wo Entscheidungen nicht wie bei uns am Supermarktregal getroffen werden, hat sich bisher gegen eine Nutzung entschieden.

Nicht, weil man Angst hätte, die eigene Bevölkerung zu vergiften. Neiiiin… Sondern hauptsächlich, weil der Anbau ausgeprochen ertragsarm ist. Und: Es gibt keinerlei Erkenntnisse darüber, ob das Beta-Carotin im genetisch veränderten Reis überhaupt im Körper verwendet werden kann. Verkalktes Wasser ist auch nicht gut für den Calciumhaushalt. Der Körper ist manchmal zickig. Man weiß nicht einmal, ob das Vitamin den Kochvorgang überhaupt übersteht.

Und dann sollte man nicht außer acht lassen, woher der Vitamin-A-Mangel in Asien vor allem rührt. Der kommt durch Mangelernährung. Viele Menschen haben halt hauptsächlich Reis zu essen. Was daran liegt, dass sie scheisse-arm sind. Das hat Gründe. Die Ungleichverteilung, mithin die Armut in der Welt kann aber gentechnisch veränderte Nahrung nicht ändern. Und es ist nicht unwissenschaftlich zu vermuten, dass ein Vitamin-A-Mangel nicht das einzige Problem und schon gar nicht das größte Problem armer Menschen ist.

Dieser Fall ist symptomatisch für das ganze Thema Gentechnik. Man braucht keinerlei Verschwörungstheorien vom bösen Monsanto oder eine Verurteilung von Greenpeace als Hexenjäger der Wissenschaft, um eines ganz klar zu erkennen:

Die gentechnische Veränderung von Lebensmitteln erfüllt nicht seine Versprechungen. Entgegen der Meinung vieler Menschen gibt es keine Tomaten mit Anti-Matsch-Gen oder irgendwelches Obst mit Extra-Vitaminen im Supermarkt. Weder in Deutschland, noch in Europa und nicht einmal in den USA. Die berühmte Savr-Flavr-Tomate, die 1994 durch die Medien irrte, rentiert sich nicht. Gibt’s in keinem Regal.

Die Versprechungen der Genforschung sind nun aber auch schon an die 25 Jahre alt. Das Vermarktungsmantra hieß immer: Weniger Insektizide, weniger Herbizide, höhere Ernteerträge. Und das mit dem Welthunger, das ist das älteste Versprechen überhaupt. Das haben wir schon zur Grünen Revolution in den Fünfzigern versprochen bekommen.

Und tatsächlich geht der Hunger der Welt seit 25 Jahren ständig zurück. Aber völlig ohne Gen-Food.

Es gibt im echten Einsatz in der Landwirtschaft hauptsächlich gentechnisch veränderten Mais oder Raps oder Soja. Der wird dann in hohem Maße dazu verwendet, um Tiere zu füttern. Selbst beim Soja: 80% des weltweiten Ertrags wandert ins Viehfutter. Die so ernährten Tiere landen dann als Steak im Supermarktregal. Man muss kaum Hardcore-Vegetarier sein, um zu erkennen, dass das verdammt wenig gegen den Hunger der Welt ausrichtet. Sondern der Sache eher schadet.

Die Gentechnik findet nicht wegen trotziger Greenpece-Aktivisten kaum Verwendung oder verblendeter europäischer Politiker, sondern hauptsächlich, weil sie keine großartigen Erfolge vorzuweisen hat. Ende Oktober hat die New York Times eine Reihe von Statistiken veröffentlicht, die das verdeutlichen.

Die Ertragssteigerungen beim Anbau von Getreide sind in den USA und Kanada genau in dem Maße gestiegen wie in Europa. Wobei die Amerikaner genetisch modifizierte Varianten verwenden und die Europäer eben nicht.

Beim Anbau von Zückerrüben haben wir auf unserer Seite des Atlantiks die Cousins sogar deutlich hinter uns gelassen. Mit den alten, konventionellen Sorten.

Während in Europa der Einsatz von Fungiziden, Herbiziden und Insektiziden Jahr für Jahr zurückgeht, steigert sich in Amerika die Verwendung von Pflanzengiften in erheblichem Maße. Was daran liegt, dass genau das die Funktionsweise der genetischen Veränderung ist.

Man entwickelt das als Paket. Mittlerweile ist der Vorgang so, dass man Breitband-Herbizide mischt, so wie Round-Up oder Dicamba, die in der Lage sind, pflanzliches Leben gründlich zu vernichten. Und dazu verkauft man dann die Sojabohne oder den Mais, die mit einem Gen ausgestattet ist, das genau diesem Gift widersteht. Das ist keinerlei Propaganda, keine Unwissenschaftlichkeit, das ist haargenau das Geschäftsmodell. Ein Bundle-Deal.

Eine nüchterne, wissenschaftliche Analyse der genetisch modifizierten Lebensmittel und ihres Anbaus würde, wenn er endlich einmal stattfände, zu dem Schluss kommen, dass diese Technologie weit davon entfernt ist, ihre Versprechungen zu erfüllen und sich – unterm Strich – in den meisten Anbausituationen schlicht nicht rentiert.

Die Verknüpfung mit Vitamin-Mangel oder dem Welthunger ist aber ein reines Marketing-Geheuchel. Und im eigentlichen Sinne das unwissenschaftliche, irrationale Gebaren in dieser Diskussion.

Ich bin mir sicher, dass sich hier 108 Nobelpreisträger – jetzt im November sogar schon 121 – den falschen Argumenten verschrieben haben. Aber… sind ja auch nur Menschen, so Nobelpreisträger.

Unbemerkt von der Presse haben beim „European Network of Scientists for Social and Environmental Responsibility“ derweil weit über 300 Wissenschaftler einen Aufruf unterzeichnet. Der verlautbart ganz neutral, dass es – entgegen Behauptungen, wie sie zum Beispiel im Brief der Laureaten gemacht werden – immer noch keinen wissenschaftlichen Konsens über die Sicherheit von gentechnisch veränderten Lebensmitteln gibt. Viele Biologen haben das unterschrieben. Weil das ja auch ein biologisches Thema ist.

Schauen wir uns mal die 120 Unterschreiber des Briefs an Greenpeace an: 39 Chemiker, 11 Wirtschaftsnobelpreisträger, 43 mal Mediziner und 26 mal Physiker. Ach, und Elfriede Jelinek.
Weil es keinen Nobelpreis für Biologie gibt.

Honi soit qui mal y pense.

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