Expl0561: Haile Selassie, der Ras Tafari

Die Hippies haben lange gebraucht, um zu gehen. Bis eben – endlich – Punk kam. Aber vorher war Reggae! Und Bob Marley. Und Jamaika! Und die Rastafari. Die irgendwie etwas mit Haile Selassie zu tun haben… Eine Religionsgeschichte aus der Neuzeit.


Download der Episode hier.
Opener: „Yami Bolo – Haile Selassie I“ von Rasta1966’s channel
Closer: „The Real Jamaican Accent“ von Funny4Shizzle
Musik: „LNP Roots Family – Reggae Music“ von Soldiah Beez / CC BY-NC-SA 3.0


Haile Selassie ist Christi Wiedergeburt. Dreimal ist Gott auf Erden gewandelt. Erst als Melchisedek, das haben wohl bisher wenige gewusst; dann als Jesus Christus, DAS hat der eine oder andere schon einmal gehört; und zuletzt als Haile Selassie I, Kaiser von Äthiopien.

Das wissen auch einige, schließlich gibt es eine ganze Religion, die sich nach ihm benannt hat. Und die heißen nicht die Haile-Salesianer oder so ähnlich, sondern – nach seinem Geburtsnamen: Rastafari. Ras ist ein äthiopischer Titel, wurde früher gerne imperialistisch mit „Häuptling“ übersetzt. Angemessen wäre wohl Herzog. Und Tafari ist einfach der Vorname der Person, die 1930 zum Kaiser Äthiopiens gekrönt wurde und sich seitdem Haile Selassie nannte. Machen wir in Europa ja auch.

Was das alles mit Reggae, Bob Marley und Jamaika zu tun hat, ist gar nicht so einfach zu erklären. Schließlich gibt es da einen gewissen räumlichen Abstand. Lässig 10.000 Kilometern. Eher mehr.

Dieses Jamaika war einmal ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt im Handel mit Menschen. Im Sklavenhandel. Man kann nicht oft genug betonen, in welch’ hohem Maße die Ausbeutung von Sklaven an der Wurzel aller Gesellschaften in den amerikanischen Staaten steht.

Das kann man auch gut daran erkennen, dass sich die Situation der Ex-Sklaven auch nach Abschaffung der Sklaverei z.B. in den USA erst einmal im Prinzip nicht groß änderte. Und war es auch in Jamaika. Viele junge Menschen afrikanischer Abstammung lebten da. Und ohne viel Hoffnung auf Verbesserung ihrer erbärmlichen Lebensumstände, das ist nie gut für den sozialen Frieden.

Doch in den 20er und 30er Jahren des 20ten Jahrhunderts gab es einen bekannten Aktivisten und Pfarrer – das war früher oft das Gleiche, siehe z.B. Martin Luther King – einen Aktivisten, der sich für einen sozialen und politischen Wandel einsetzte. Marcus Garvey. Und der predigte gerne Hoffnung. Und der predigte mit der Offenbarung des Johannes. Und er predigte zum Beispiel diesen berühmten Satz: „Wenn in Afrika ein schwarzer König gekrönt werden wird, dann… dann naht der Tag der Erlösung!“

Na ja, das passierte dann wohl 1930 und es war eine große Sache in den Medien. Haile Selassie landete nicht nur in jeder Wochenschau, sondern auch auf allen Titelbildern. Äthiopien hatte einen neuen König! Und der Westen genoss das Spektakel. König Hinz und Königin Kunz aus aller Herren und Damen Länder waren da. Und brachten angeblich 3 Mio. Pfund Geschenke mit. Also Pfund wie in der Währung, nicht wie in der Gewichtseinheit. Und 3 Mio Pfund sind heute umgerechnet…. na ja, halt viel Geld.

In Jamaika erkannte man den Rummel ganz klar als ein Zeichen. Womit Marcus Garveys Zitat eine Prophezeiung ist und Marcus ein Prophet. „Moment, so habe ich das gar nicht gemeint. Ich meinte das eher so… bildlich.“ – Pscht! Ruhe da oben! Lass’ uns hoffen hier unten!

Während man in Jamaika da so diskutiert, hat Haile Selassie in Afrika seine liebe Not. Ein italienischer Glatzkopf hat beschlossen, das römische Reich wiederaufzubauen und deshalb einen Krieg angezettelt. Italien unter Benito Mussolini versucht, sich auch ein paar Kolonien zu erobern. Der König gibt auf, flieht und sucht im Ausland nach Unterstützung.

Gerade hatte man doch so schön miteinander Krönung gefeiert, da könnte doch der eine oder der andere… Doch die Weltmächte waren geistesabwesend. Sie holten gerade – wir schreiben 1936 – gaaanz tief Luft, denn der nächste Weltkrieg stand vor der Tür. Kurz aber werden Mussolinis Träume war.

Doch die Briten erobern das afrikanische Land ruckizucki wieder zurück und 1941 schon kann Haile wieder zurückkehren nach Addis Abbeba. Hatte ich übrigens erwähnt, dass er der erste Monarch Äthiopiens war, der seinem Land eine Verfassung geschenkt hatte? Nicht? Hat er aber. Die „Verfassung des Kaiserreichs Abessinien von 1931“ War eher soso lala. Da stand zum Beispiel drinnen, dass das Land ab jetzt eine konstituelle Monarchie war. Im Prinzip gut, wie Großbritannien z.B. Aber mit ihm als gottgleichem, absolutistischen Kaiser. Na ja. Ein Versuch, immerhin…

Es vergeht jetzt erst einmal ein Vierteljahrhundert. Die Welt muss den Schaden erst wieder aufbauen. Äthiopien verarmt immer weiter, aber ohne direkte Schuld von Haile Selassie. Ganz Afrika wird im Kalten Krieg instrumentalisiert und aufgerieben. Er ist kein Tyrann, aber auch kein Demokrat. Er ist nicht rückständig, aber auch nicht modern.

In Jamaika entwickelt sich fernab die Religion der Rastafari weiter. Ein Gemisch aus Christentum, aus karibisch-afrikanischen Einflüssen und einem großen Versprechen: Haile Selassie wird seine Jünger aus Babylon zurückholen! Babylon, das ist die Welt des weißen Mannes, die Technokratie, der Imperialismus, die Unterdrückung und die Lügen der Medien. Zurückholen in die Heimat wird er uns. Nach Afrika. Denn er ist ja der Herr! Er ist Jesu Christi Wiedergeburt! Seht ihr nicht die Ähnlichkeit seines Gesichts mit dem Grabtuch der Veronika!

1966 schließlich besucht der König aus Äthiopien zum ersten und letzten Mal die Insel in der Karibik. Und entgegen aller Erwartungen der Beobachter erklärt er nicht, dass er nicht Jesus Christus sei. Er ist völlig überwältigt von der Verehrung, die ihm hier entgegen gebracht wird und äußert nie ein einziges Wort, dass Zweifel an der Rastafari-Religion hegt.

Das Ganze… das gefiel ihm wohl ganz gut.

In der Menschenmenge, die den Kaiser aus Afrika da am Flughafen anjubelt, stand auch die Frau eines Musikers, der gerade eben eine Band gegründet hat. „The Wailers“ hießen die und der Musiker hatte den Namen Robert Nesta Marley. Bob Marley.

Und damit hatte die Religion auch ihren Propheten gefunden. Ihren Star. Ihre Musik. Ihren Lifestyle. Ihren Ausdruck. Und mit diesem Gesicht und dieser eigenen Musik kam auch eine neue Welle an Selbstbewusstsein. An Mut und an Hoffnung für die jungen Menschen in Jamaika. 1973 erscheint die fünfte Platte von Bob Marley and the Wailers: „Catch a Fire“. Und diese, die wird überall auf der Welt gehört. Ein Riesenerfolg in der Karibik, in Afrika, aber auch in Europa und den USA. Die Rastas sind da!

In Äthiopien aber wütet eine schlimme Hungerkatastrophe. 1973 verhungern in einem Sommer über 200.000 Bewohner. Das Land zerbricht an seinen Konflikten. 1974 übernehmen die „Derg“ die Kontrolle in Äthiopien. Marxistische Offiziere. Kalter Krieg. Ein Punkt für den Osten. Haile Selassie wird inhaftiert.

1975 stirbt er in der Haft. Ungeklärte Umstände, so lässt der Diktator Mengistu Haile Mariam per Pressemitteilung verlauten. Mit einem Kissen erstickt, so meint Asfa Wossen Asserate, Selassies Großneffe. Der Leichnam Ras Tafaris wird unter einer Toilette eingemauert.

Das stellt natürlich für die Rastafari ein großes religiöses Problem dar. Nicht nur hat sie die Wiedergeburt Jesu nach Afrika zurückgeholt, mit seinem Tod haben sich alle Umzugspläne erst einmal auf unbestimmte Zeit verschoben.

Auf der anderen Seite haben Christentum und auch der Islam ja schon gewisse Schablonen geliefert, wie man mit solchen Personalkrisen umgeht. Und so haben das auch die Rastafari gelöst. Also die meisten. Das Konzept heißt in ihrer Religion I and I. Haile Selassie, also Ras Tafari, mag tot sein, aber ihn als Einzelgottheit zu betrachten wäre sehr un-rastamäßig, Mann. Sein Geist ist in allen von uns und kann nicht vernichtet werden. I and I. Wir haben verschiedene Körper, aber spirituell sind wir eine Einheit, verstehst Du, Mann?

So ungefähr habe ich das erklärt bekommen. Wobei es zumindest Anfang der Achtziger Jahre durchaus auch extremere Ansichten gab, speziell als 1981 auch Bob Marley starb. Das ging dann ungefähr so: „Haile Selassie soll tot sein? Echt? Und Bob Marley ist an einem Melanom am großen Zeh gestorben? Echt? Krebs am Fuß tötet einen? Glaubst Du das echt? Das sind alles Babylons Lügen. Mann! Alles Lügen!“

Diese Generation an Jamaikanern, die ich in München in den Achtzigern kennenlernte, weil wir in… privat-geschäftlichem Verhältnis standen – hüstel *verjährt* – glaubten übrigens alle nicht mehr an eine reale, eine körperliche Rückkehr nach Afrika, sondern verstanden das symbolisch. Für ein stolzes, selbstbewusstes Verhältnis zu den eigenen Wurzeln. Daran ist nichts zu bemäkeln.

Enden wir also mit Bob Marley. Und einem Zitat, dass immer noch aktuell ist: „Erhebe dich, steh auf. Steh auf für deine Rechte. Erhebe dich, steh auf. Gib den Kampf nicht auf!“