Expl0562: Der Clown-Heul-Tag

Jeder in meiner Generation kann sich an regnerische Sonntagnachmittage erinnern, die wir vor dem Fernseher verbringen durften. Oft kamen da Jerry-Lewis-Filme – wenn man Glück hatte. Doch 1972 war die Karriere des kindischen Komikers plötzlich vorbei. Das lag an „The Day the Clown Cried“.


Download der Episode hier.
Opener: „Jerry Lewis answers THE DAY THE CLOWN CRIED“ von The Cinefamily
Closer: „I HATE CLOWNS!“ von Dew U Blaze
Musik: „Jerry’s long walk home (2011)“ von The System/Addicts / CC BY-NC-ND 3.0


Diese Sendung zu produzieren, fällt mir nicht ganz leicht. Als ich das letzte Mal über ein Jugendidol gesendet habe, war selbiges kurz danach tot. Am 20. Mai habe ich allen erklärt, warum Christopher Lee die coolste Sau von allen ist – am 7. Juni war er tot.

Das ist halt das Risiko, wenn man selber ein alter Sack ist und die Idole noch älter. Heute soll es auf jeden Fall um Jerry Lewis gehen. Der ist erst knackige neunzig und damit drei Jahre jünger als Christopher Lee. Sollte klappen – bis er dann stirbt, gibt keiner mehr mir die Schuld.

In meiner Kindheit und frühen Jugend liefen die Jerry-Lewis-Solofilme im Fernsehen rauf und runter. Man konnte ihnen nicht entkommen und das wollte man nicht. Für uns Kinder war er halt einer von uns. Ein Kind, dass sich in der Erwachsenenwelt durchschlagen muss! Und verlacht wird und verspottet. Aber es am Ende doch schafft. So gehört sich das ja auch!

Jerry-Lewis-Filme zu erklären ist heute gar nicht mehr so einfach… Man könnte sagen, er ist so etwas wie der Opa von Adam Sandler und Jim Carrey. Sein Erfolg basiert darauf, dass er ein Mann-Kind spielte, wie Sandler oft in seinem Filmen, aber mit einer unglaublichen Gummi-Mimik wie Jim Carrey am Anfang seiner Karriere. Physical humor sagt man im Englischen. Slapstick trifft es auch. Aber immer mit dem naiven Charme eines Kinds.

Sein Erfolg basiert auch auf jemand anderem. Auf Dean Martin nämlich. Deren beider Karrieren begannen nämlich zusammen. 1946, nach dem zweiten Weltkrieg. Ihr Act mit dem phantasievollen Namen „Martin & Lewis“ war eine modernisierte Version der klassischen Clownsnummern aus dem Zirkus. Dean Martin war der gutaussehende, erwachsene Weißclown und Jerry Lewis halt der Hanswurst. Sex und Slapstick.

Das Billboard-Magazin schrieb über ihre Auftritte im Club 500 in Atlantic City: „Die Jungs nehmen sich gegenseitig auf die Schippe, fallen einander rücksichtslos ins Wort, schneiden die wildesten Fratzen und verwandeln den Saal in ein Tollhaus“.

Bald waren die beiden DER heiße Show-Act und in einem Jahr zahlten die Clubs für ihre Auftritte pro Abend $ 30.000,- Was heute ungefähr… noch viel mehr Geld wäre. 5 Jahre lang waren sie das Herzstück der „Colgate Comedy Hour“ und improvisierten sich in dieser Fernsehshow durch 190 Folgen.

Schon 1947 begann Paramount dann ihren Act für das Kino umzusetzen. Oder anders ausgedrückt: Jedes Jahr kam mindestens ein Film mit Dean Martin und Jerry Lewis ins Kino. Und jedes Jahr war der Martin & Lewis-Film in den Billboard-Top-Five. Jedes Jahr erreichten diese immergleichen, zuckerleichten Kömödchen die magische Grenze von 100 Millionen Dollar. Was heute ungefähr noch viel mehr Geld wäre.

1953 gingen sich die beiden Männer dann so langsam tierisch auf den Zeiger. Die Clown-Ebene mit Jerry Lewis wurde immer wichtiger in ihren Filmen. Und die Ebene, in der Martin kitschige Lieder singt und fremde Frauen knutscht, immer unwichtiger.

„Na gut“, sagten dann beide 1955, „mach’ ich halt alleine erfolgreich weiter!“ Und so machten sie das auch. Dean Martin wurde in den Sechzigern die große Nummer im Schlagerfuzzi-Gewerbe. Crooner nennt man das in den USA – Schnulzer wäre dafür eine gute Übersetzung. Erfolgreichster Entertainer in Las Vegas ever.

Aber auch die Filme von Jerry Lewis liefen klasse an der Kasse. Drei Jahre hatte er sich in seiner eigenen Fernsehshow erholt und lieferte dann wieder jedes Jahr mindestens einen Film ab.

Die haben im Deutschen unschöne Titel. Nennen wir ein paar: Z.B. Aschenblödel (Cinderfella, 1961), Ich bin noch zu haben (The Ladies Man, 1961), Der Bürotrottel (The Errand Boy, 1961), Der verrückte Professor (The Nutty Professor, 1963) oder Boeing-Boeing von 1965. Mit Tony Curtis in der Rolle von Dean Martin.

Jerry Lewis war Mitte der Sechziger der Comedy-Gott von Hollywood. Was er berührte, verwandelte sich in Dollars. Und er schrieb auch noch viele der Drehbücher, führte meistens die Regie und war fast immer der Hauptdarsteller.

Doch was wäre ein griechisches Drama ohne den Bruch. Ohne die Hybris. „Hach, kleiner Jerry, flieg’ nicht zu nahe an die Sonne! Oder Deine Flügel werden schmelzen!“

Die Drama-Hypothese wäre also im Falle dieser Sendung: „Auf dem Höhepunkt seines Erfolges nimmt sich Jerry Lewis eines Herzensprojekts an. Und scheitert tragisch. Und beendet damit seine Karriere.“ So macht man das als Journalist, glaube ich.

Aber das stimmt so natürlich nicht ganz. Denn ab der Mitte der Sechziger nimmt der Erfolg seiner Filme deutlich ab. Das Kino ändert sich und wird erwachsener. Der Humor ändert sich. Aber in Europa ist Mr. Lewis noch ganz groß. Vor allem die Franzosen lieben ihn abgöttisch.

Und da entwickelt sich die Idee zu einem Projekt. Wo der große Clown endlich zeigen könnte, dass er mehr kann, als nur Rumalbern. Wo Jerry Lewis beweisen kann, dass er auch ein großartiger Schauspieler ist. Ein Künstler. Ein Genie vielleicht sogar, wie die Franzosen meinen…

Und darum begann er ab 1972 in Schweden, mit französischem Geld eine Film zu drehen, der in Deutschland spielt. Mit dem Titel „Der Clown-Heul-Tag“. Oder wie man „The Day the Clown Cried“ sonst übersetzen soll. Und damit wird Jerry Lewis den berühmtesten aller Filme schaffen, den es nie zu sehen gab.

Die Geschichte lässt sich knapp so zusammenfassen: Da ist dieser Zirkusclown. Helmut. Auch privat ein lustiger Mensch. Macht z.B. Witze über Hitler. Kann man ja machen, aber Helmut lebt halt im Dritten Reich und landet deshalb im KZ. Doch weiter kann er nicht aufhören, Späße zu machen und er erheitert die zum Tode verdammten jüdischen Kinder. Am Ende muss er die kleinen Schutzbefohlenen auf dem Weg ins Gas mit seinen Scherzen ablenken, wo er dann auch selber stirbt. The End.

Gelacht? Ich auch nicht. Aber ich fand auch „Das Leben ist schön“ mit Robert Benigni richtig scheisse, Oskar hin oder her und erfolgreichster italienischer Film hin oder her gleich zweimal. Die Idee ist geklaut, bei Jerry Lewis. Aber 1997 war es immerhin möglich einen Film über die Shoah zu machen, in dem auch gelacht werden darf. Bittersüß war möglich, denn wir hatten alle schon viel gelernt.

1972 aber wäre das ein Drahtseilakt geworden, der unlösbar war. Denn 1972 hatte man noch nicht einmal angefangen, den Holocaust in Film oder Fernsehen aufzuarbeiten. Die Fernsehserie „Holocaust“ erschien erst einige Jahre später und die sorgte richtig für Wirbel und Streit und Diskussionen in den Familien, da habe ich persönlich Erinnerungen dran.

Beinahe wäre der Film fertig gewesen. Ein Tag noch, zwei vielleicht. Bestenfalls eine Woche. Jerry Lewis hatte sein eigenes Geld eingesetzt, um die Dreharbeiten noch abschließen zu können. Neben ihm spielten die besten Schauspieler, die ihm Ingmar Bergman nur empfehlen konnte. Und die hofften alle auf einen Sprung nach Hollywood.

Doch am nächsten Tag ist kein Jerry Lewis mehr da. Er hat mit den Filmrollen Schweden verlassen und ward da Zeit seines Lebens nicht mehr gesehen. Fragen zu dem Film hat er immer sehr ausweichend beantwortet. „The Day the Clown Cried“ wurde zum größten Mysterium Hollywoods.

Alte Texte – vor 2013 – über diesen legendären Film sind noch im Konjunktiv geschrieben. „Angeblich gibt es diesen Film…“ 2013 hat er dann das Interview aus dem Opener gegeben. Das erste Mal, dass er dezidiert Stellung bezog. Er sei gescheitert. Der Film ist einfach nur schlecht, schlecht, schlecht. Wörtlich: „Tausendmal habe ich mich gefragt: Wo war die Comedy, wenn der Clown 65 Kinder in eine Gaskammer führt?“ Das ist. Eine. Berechtigte. Frage.

Anfang des Jahres waren neben den paar Minuten des Films, die man auch auf YouTube sehen kann, ein paar Fotos vom Set aufgetaucht. Was der BBC gleich eine halbstündige Doku wert war.

Im Februar lief dann die Dokumentation „Der Clown“ vom großartigen Eric Friedl im ARD, in dem es ihm anscheinend gelang, Jerry Lewis ausgiebig zu diesem Film zu befragen. Habe ich aber nicht gesehen und ist auch schon aus der Mediathek raus.

Aber egal. Dieser Film hat dem größten Kind Hollywoods auf jeden Fall das Herz gebrochen. Zwar sollte er im genialen „The King of Comedy“ von 1982 noch die Rolle seines Lebens spielen und dafür eigentlich einen Oscar bekommen haben, aber nach dem Clown-Heul-Tag funktioniert die Comedy-Filmmaschine mit Namen Jerry Lewis nicht mehr. Der Titel ist gespenstisch akkurat.

Vor einem Jahr geisterte dann die Meldung durch’s Netz, er habe dem Film der „Library of Congress“ überlassen. Die „The Day the Clown Cried“ dann ab 2025 in ihrem Kino aufführen darf. Dem Kino der Bibliothek. 200 Sitze. In Culpeper, Virginia.

Jerry Lewis hat das mittlerweile dementiert.