Expl0564: Eichhörnchen-Rassismus

Und diese Nager verdrängen angeblich unsere Eichhörnchen, so heißt es allgemein. Und so jagen selbsternannte Eichhörnchenschützer graue und schwarze Exemplare. Obwohl es bei uns gar keine Grauhörnchen gibt.


Download der Episode hier.
Interessanter Artikel der Eichhörnchen-Hilfe Berlin/Brandenburg: Die angebliche Bedrohung.
Opener: „Top Gear – Germans can’t say squirrel“ von Kamikaza’s Videos
Closer: „10 Canadians say ‘Eichhörnchen’“ von PamelaVanime
Musik: „I wanna Dance“ von Doll Patrol / CC BY 3.0


Also, ich bin ja kein Rassist. Ich persönlich habe ja wirklich überhaupt nichts gegen amerikanische Grauhörnchen. Tatsächlich sind einige meiner besten Freunde amerikanische Grauhörnchen. Aber…

Das diese unverschämten Amis unsere wunderschönen, zierlichen, kleinen, unschuldigen, harmlosen, liebreizenden und süßen deutsche Eichhörnchen völlig verdrängen, ausrotten und bedrohen, dass geht ja nun wirklich nicht!

Jetzt, wenn man in Parkanlagen oder Wäldern unterwegs ist, sieht man ja praktisch nur noch diese grauen oder gar schwarzen amerikanischen Eichhörnchen. Die original deutschen mit den Puscheln an den Ohren, mit dem buschigen Schwanz und in herrlichem Kastanienblätterherbstrot, die sieht man ja schon fast gar nicht mehr! Die sterben aus!

Und jetzt mal unter uns, so ohne jeglichen Rassismus: Das kann nun wirklich keiner wollen, oder? Das muss ja nicht auch noch sein? Was denn noch? Erst diese Blue Jeans und die Kaugummis und dann diese Negermusik, dieses Rocknroll und diese Computer und dieses Internet. Und Coca Cola! Und Halloween! Und jetzt auch noch die Eichhörnchen! Werden unsere Kinder überhaupt noch Deutsch verstehen? Oder reden die dann nur noch Englisch?

Nein, meine Damen und Herren! Irgendwo muss die Toleranz ihre Grenzen haben. Und das ist hier! Da hat der Herr Trump völlig recht! Hier gilt es nun den Grenzpfosten einzuschlagen. Und wir alle sollte zusammenhalten und unsere teutschen Eichhörnchen vor der drohenden Ausrottung bewahren! Jawohl!

Darum haben die Berliner, die Grauhörnchenfallen aufstellen, völlig recht. Oder die Baden-Württemberger und Bayern, die Jagd auf die fremdrassigen Eindringlinge machen auch! Es wird Zeit für uns, dass wir uns wehren! So ist das richtig!

Na ja, so oder so ähnlich geht diese Geschichte. Und ich kann mich ja jetzt auch ganz gut darüber lustig machen. Allerdings habe ich den Kern dieser Geschichte auch ungefähr so geglaubt. Dass es da amerikanische Eindringlinge gibt, die unsere Eichhörnchen bedrohen. Und dass unsere Hörndl klein und rot sind und die Ausländer eben grau oder schwarz. Daher eben auch Grauhörnchen.

Und ich muss zugeben, auch ich war ob des bitteren Schicksals des armen, unterlegenen Einheimhörnchens traurig angerührt. Dabei hätte, wie so oft im Leben, nur eine kurze Recherche gereicht, um die wissenschaftlichen Realitäten heraus zu finden.

Die sind zum einen natürlich die, dass es solche Vorgänge schon immer gab und immer geben wird. Man redet dabei von einer sogenannten biologischen Invasion. Und zwar unabhängig davon, ob der Mensch die Lebensformen einschleppt oder Mutter Natur selber.

Ohne biologische Invasion hätten wir in Deutschland eine ganze Reihe von Tieren nicht. Z.B. Wildkaninchen, Damhirsch, Mufflon, Wanderratte, Kanadagans, Mandarinente, Fasan, Wels, Regenbogenforelle, Bachsaibling, Barsch oder Karpfen.

Und von Pflanzen wollen wir gar nicht erst anfangen. Schauen wir auf den Speisezettel unserer germanischen Vorfahren, dann ist das Angebot damals eher dünn. Was wir so bisher in ihren Küchen gefunden haben, würde heute niemanden mehr in ein Restaurant locken.

Hauptsächlich haben wir da vegetarische Eintöpfe im Angebot. Auf der Basis von Roggen, Emmer und Hafer. Dazu gab’s dann Linsen und Bohnen. Und Löwenzahn. Egal, welches Gewürzkraut ihr euch ausdenkt, alles importiert von den Römern. Vorher gab’s hier keine Petersilie, keinen Schnittlauch, Majoran oder Dill.

Und auch das Angebot an Obst war kärglich. Äpfel gab’s und Quitten, der Rest: Die Römer. Birne, Kirsche Pfirsich, Weintrauben – alles erst seit 2000 Jahren in unseren Breitengraden.

Aber an der Obst- und Gemüsetheke sind wir noch tolerant. Da stört’s ja auch nicht, wenn der Spargel im Februar aus Chile eingeflogen wird oder die Avocado aus Südafrika. Wenn’s um unsere Bäuche geht, wird auch noch der größte Nationalist tolerant. Während die gute deutsche Quitte so langsam tatsächlich vom Aussterben bedroht ist.

Na gut. Tiere, die sich hier ansiedeln nennt man Neozoen, Pflanzen Neophyten und alles zusammen Neobiota. Und ein reger Austausch zwischen allen Regionen der Welt ist ein völlig natürlicher Prozess in der Evolution. Und fand schon immer statt und wird auch, lange nach uns Menschen, weiter stattfinden.

Wir werden halt immer so pseudo-betroffen, wenn wir glauben, wir sind für solche Verschiebungen in Populationen verantwortlich. So wie eben in England oder Italien. Wo tatsächlich das Grauhörnchen aus Amerika mittlerweile viel öfter zu sehen ist, als die heimischen roten Arten.

Von da stammen auch die Bedenken, denn nachdem die Engländer auch Nationalisten erster Güte sind, waren auch sie sehr besorgt, dass ihre Eichhörnchen verdrängt werden. Wobei das nicht so verlief, dass sich die amerikanischen Einwanderer und die Einheimhörnchen da in den Parkanlagen blutige Schlachten geliefert hätten.

In den Besuchern aus Übersee war vielmehr ein Erreger verborgen, gegen den sie immun waren. Eine spezielle Hörnchenversion der Pocken raffte in England die Einheimischen weg und nicht der Streit um knappe Ressourcen.

Schon alleine, weil die Chipmunks aus den USA und Kanada gar nicht genau in der gleichen ökologischen Nische sitzen wie die Squirrels.

Aber – und jetzt kommt das große und entscheidende Aber: Das alles trifft für Deutschland überhaupt nicht zu. Mit Stand vom November sind die Grauhörnchen, vor denen alle Angst haben, nur ein paar Mal in den bayerischen Wäldern beobachtet worden. Das waren einzelne Auswanderer aus Italien, die sich aber in den Nadelwäldern überhaupt nicht wohl fühlen.

Die grauen und schwarzen und braunen und roten Eichhörnchen, die wir bisher in unseren Wäldern und Parkanlagen beobachten können, sind alles brave teutsche Urhörnchen. Und die kamen schon immer in den verschiedensten Schattierungen daher.

Die Zunahme an grauen oder schwarzen Hörnchen ist eine Täuschung. Eine Wahrnehmungsstörung. Irgendwie sind die Geschichten aus England und Italien nach Deutschland geschwappt und haben sich hier verbreitet. Völlig grundlos. Wer nicht gerade am Schliersee oder in Füssen wohnt, hat wahrscheinlich die amerikanischen Hörnchen nur in der Mickey Mouse gesehen oder bei Alvin and the Chipmunks.

Es gibt in Deutschland de facto keinerlei Invasion amerikanischer Grauhörnchen. Eine völlige Fehlmeldung. Und Fehlwahrnehmung. Die größte Bedrohung für die teutschen Rothörnchen ist die teutsche Agrarpolitik.
Und der Städtebau. Und der Straßenbau. Und nicht irgendwelche Ausländer.

Ganz still und heimlich hat mit dieser Fabel, diesem Hoax unser aller Xenophobie, unser aller Fremdenfeindlichkeit ein Ventil gefunden. Und das es die Cousins aus den USA sind, zu denen unser Verhältnis nicht erst seit der letzten Wahl gespannt ist, machte die Lügengeschichte gleich noch plausibler.

Oder? Ging auf jeden Fall mir so…