Expl0565: Die postfaktische Nostalgie

Zum dritten Mal in meinem Leben haben die Amerikaner den Präsidenten gewählt, den ich für unwählbar hielt. Mit Donald Trump feiern die modernen Populisten den nächsten Erfolg. Für uns gilt es jetzt, im neuen Klassenkampf, die Wahrheit zu verteidigen. Wow! Habe ich das gerade geschrieben? Tss, tss, tss…


Download der Episode hier.
Musik: „Give Yourself Away“ von Mickey Blue / CC BY-NC-ND 3.0


Da hocken wir nun, wir Schlaumeier. Wir Aufgeklärten. Die wir auf Twitter so witzig und so wütend, so engagiert und so intelligent sein können. Und müssen in diesem Jahr nach dem Aufstieg der AfD und dem Brexit auch noch den Wahlsieg Donald Trumps verarbeiten.

Das ist aber natürlich kein Thema für den Explikator. Und die ganzen Exit-Poll-Analysen langweilen mich. Tierisch. Genau die Medien, die sich bei den Prognosen komplett verhauen haben, erklären einem jetzt, warum. Und – hier bei uns – das Cover des Spiegels – „Das Ende der Welt“ – erregt eine tiefe Übelkeit in mir. Wie schnell das Geschäft mit der Angst losgeht, ist erschreckend.

Es hilft aber niemanden, jetzt in Schockstarre zu verfallen, auch, wenn ich das Gefühl gut verstehen kann. Und noch weniger hilft es, die Wähler, die diese seltsamen Entscheidungen treffen, lächerlich zu machen.

Es gilt eher, sich zu überlegen, was da passiert. Was ist das für ein Trend, was ist das Gemeinsame an den ganzen Populisten? Und zwar in Europa und in den USA. Und in Russland. Oder der Türkei oder Polen.

Mir fallen dabei zwei Dinge auf: Zum einen ist da der deutlich spürbare Tod der objektiven Wahrheit. Oder der Wahrheit an sich. Das Ende der Ratio, dem Aufklärerischen in unserer Kultur. Der Wahrheitsgehalt einer Aussage hat mit diesem Wahlkampf ganz deutlich seinen Wert endgültig eingebüßt.

Und das hat sich schon deutlich vorher abgezeichnet. Konfrontierte man z.B. Georg Pazderski von der AfD in Berlin mit der Tatsache, das Ausländer im Schnitt auch nicht krimineller sind als Teutsche, kontert der damit, dass das nicht wichtig ist. Wichtig sei nur, was der Bürger empfindet.

So ähnlich hat ja schon Michael Gove für den Brexit argumentiert: Die Bürger hätten die Schnauze voll von Experten und Statistiken. Newt Gingrich hat das noch schöner auf den Punkt gebracht: Fakten, meinte dieser, Fakten wären ihm egal. Wichtig sei, was die Menschen fühlen. Das ist wichtiger als Fakten.

Man kann getrost behaupten, dass wir also in einer postfaktischen Welt leben. Das Wort „Postfaktisch“ ist auf dem besten Weg, das Wort des Jahres 2016 zu werden. Immerhin teilt sogar unsere Bundeskanzlerin diese Meinung.

Donald Trump oder Boris Johnson oder Marine Le Pen oder Frauke Petry: Die Wahrheit ist tot, es lebe die schiere Provokation. Einfach ‘mal zackig fordern, Flüchtlinge an Europas Grenzen zu erschiessen oder eine Mauer zwischen Mexiko und den USA aufzubauen. Schon steht man im Kameralicht. Und schaden tut das alles nicht, so blöde und dumm es auch ist.

Denn es gibt ja danach überhaupt keinen Diskurs mehr. Keine Diskussion, die Folgen hätte. Wir hier, in unserer behüteten Gymnasiastenblase, wir freuen uns, wenn John Oliver den dummen Donald akribisch seziert. Das ist sogar unterhaltsam und – ach, so intelligent!

Doch während die ganzen Faktenchecker wieder die neuesten Lügen und wilden Behauptungen protokollieren, haben die Populisten schon längst die nächsten hundert verbreitet.

Fakten sind obsolet. Die Wahrheit ist nicht wichtig, wichtig ist die Emotion. Denn wichtig ist heute, was anklickbar ist. Wahlkämpfe werden nicht mehr in Zeitungen ausgetragen – bis auf eine Zeitung stand in den USA praktisch keine einzige Redaktion hinter Trump – sondern auf Facebook.

Die Algorithmen von Facebook, Google, Amazon, YouTube, Spotify – die schaffen Realitätsblasen und eigene Welten. Selbst die Anhänger der Theorie, dass wir von Reptiloiden regiert werden, können sich tagelang durch ihren Abschnitt des Internets klicken, ohne von so unangenehmen Dingen wie Wahrheit oder Realität gestört zu werden.

Das ist das eine. Wahrheit ist langweilig. Emotion ist alles. Und das erklärt auch die zweite Wirkkraft in der populistischen Bewegung.

Denn das ist die Nostalgie. Das Erstarken des Populismus in unseren Demokratien ist eine Gegenrevolution auf eine zu komplizierte Welt. Auf eine ekelhaft globalisierte Welt. Das ist ja alles viel zu bunt hier! Früher war alles besser! Wir wollen das wiederhaben!

Und so macht jetzt Donald America great again, während sein Buddie Wladimir Putin Russland als Weltmacht in Szene setzt. Von Ungarn reden wir lieber gar nicht. Und auch die AfD wünscht sich ja, ähnlich wie die Front Nationale in Frankreich, eine Welt wie in den Fünfzigern zurück. Oder den Sechzigern.

Getragen von einem Mittelstand, der Angst hat, abzustürzen – was ja durchaus passieren kann. Eine ganze Bevölkerungsgruppe, die sich von irgendwelchen Eliten verraten fühlt – was auch nicht komplett falsch ist. Wenn man zum Beispiel in Sachsen immer noch durchschnittlich 800 Euro weniger im Monat für die gleiche Tätigkeit bezahlt bekommt.

Alle vereint in ihrer Wut auf… Den Islam und mit ihrer vorgeschobenen Angst vor dem Terror. Das ist natürlich irrational und völlig realitätsfern – aber: Siehe Punkt 1, das mit der Wahrheit.

Unsere westlichen Gesellschaften brechen in der Mitte auseinander und der trennende Graben ist nicht mehr das Einkommen oder die Herkunft. Der moderne Klassenkampf wird um die Wahrheit geführt werden müssen. Um die Ratio. Um die Verdienste der Aufklärung.

Um alles, was wir seit 1968 erreicht haben. Und das ist eine ganze Menge. Für die Rechte aller Minderheiten. Oder die der Frauen – die ja schon immer eigentlich die Mehrheit waren. Für die Transparenz, die Demokratie, die freie Wissenschaft z.B., für den Frieden und die Völkerverständigung.

Das alles wollen die Rechtspopulisten wieder zurückschrauben. Wie nennt das Jörg Meuthen von der AfD: Das “links-rot-grün versiffte 68er-Deutschland“. Da muss man ‘mal aufräumen! Den Siff wegbürsten! Das es wieder so blank und sauber ist, wie meinetwegen in den Achtzigern.

Aber natürlich war früher nicht alles besser. Und natürlich gibt es keinen Weg zurück. Sich einzumauern ist überhaupt keine Option. Sich zu isolieren der sichere Weg in den wirtschaftlichen Niedergang. Im neuen Klassenkampf um die Wahrheit hat die Gegenseite in Wirklichkeit ja gar nichts zu bieten. Nur heiße Luft.

Die Populisten können ihre spießige Traumwelt natürlich nicht mehr errichten. Keine seiner Versprechungen wird Donald Trump wahrmachen können. Oder sonst einer der rechten Nostalgiker. Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Es wird durch das Geplärre und Gekeife nur für uns alle unangenehmer und lauter und härter.

Wir haben es hier – auf unserer Gegenseite vor lauter gepflegtem Zynismus und sinnreichen Wortspielen völlig versäumt, unsere Vision einer Gesellschaft zu formulieren. Und zu zeigen. Und zu erklären. Weil Visionen irgendwie gefährlich sind. Utopien irgendwie kindisch. Das hat uns der real existierende Sozialismus gelehrt. Und Werte zu haben, das ist ja so kitschig! Wie in einem Hollywood-Schinken! Wir sind lieber sarkastisch!

Und darum machen das jetzt eben die Heißluftbläser. Die haben eine krude Vision, eine überholte Utopie und sie glauben sogar, für gewisse Werte zu stehen. Und die meinen das völlig unironisch.

Unsere Aufgabe muss jetzt sein, erst recht nicht die Klappe zu halten. Weiter zu reden, weiter zu erklären, weiter zu senden, zu schreiben, zu diskutieren. Vielleicht nicht mehr so oberlehrerhaft wie ich gerade in dieser Sendung. *hüstel* Denn die Populisten haben nichts zu verkaufen.

Vielleicht auch nicht mehr so ironisch wie früher – Ironie verstehen die nämlich oft nicht so richtig.

Aber es geht um die Wahrheit. Die Ratio, den Verstand, die Aufklärung. Um die Rechte von Frauen, oder die von Intellektuellen. Oder der gesellschaftlicher Minderheiten. Und der Flüchtenden der Welt. Es heißt, glaube ich: Klappe aufmachen, zurücktrollen – jetzt erst recht!

Ich such’ ‘mal meine TSS-Platten wieder ‘raus…

Flattr this!