Expl0566: Sonne! Nacktheit! Kokosnuss!

Ich tippe. T-Shirt, Hemd, Strickjacke, Daunenweste. Drei Paar Socken. Hinter Mauern. Hinter einer Heizung. Ist das wirklich so von Gott gewollt? Oder hatte – vor hundert Jahren schon – nicht August Engelhardt recht? Sollten wir nicht alle nackt an der Sonne leben und von Kokusnüssen leben?


Download der Epsiode hier.
Closer: „Monty Python-Coconuts“ von Indestructible
Musik: „Paradies (2012)“ von LBone / CC BY-NC-SA 3.0


Ich tat, was ich dachte. Ich floh den Tod:
Des Nordens Grau und Schwarz und Weiß,
Des Nordens Kälte und des Nordens Nacht.
Wo Immergrün und Immerblau ich finde,
Wo immer Sonnenschein mein Herz erfreut,
Den Geist erhellt und füllt mit neuem Schaffen
Da ging ich hin, vom Tode halb zernagt.

Wo immer Leben, Licht ob meinem Haupte,
Wo nimmer Kälte mir das Blut erstarrt
Und lange Nacht den Geist mit Wolken füllet,
Da wollt’ ich meines Lebens schwache Flamme
Zu ruhigem, strahlend-heiterm Licht entzünden.

Durch Helios Licht, das ich als Geist verehre,
Durch seine Wärme, die ich Liebe nenne,
Wollt’ ich, wo eignen Geists und Herzens Schwäche,
Erwecken tiefsten Geist und größte Liebe.

So kam’s, daß ich Europa ganz verließ,
Und Kabakon, ein Südseeparadies,
Ein Kokoshain und trop’scher Sonnenpark
Wird spenden Leben mir und neues Mark.

Und wenn nicht mich, so wird der Freunde Schar,
Die sich hier sammeln wird von Jahr zu Jahr,
Der Sonnengott mit seinen heil’gen Kräften
Erfüll’n mit heil’gen reinen Säften

Und was im Norden jetzt in Stein zu sehen,
Wird hier als jauchzend Leben auferstehen.

Na, ihr Bewohner des Nordens? Wie geht es euch in drei Lagen Kleidung? Versteckt hinter Wällen aus Stein, Ziegeln oder Beton? Angewiesen auf eure Heizungen? Auf das Verbrennen von fossilen Energien? Da sitzt ihr. Versteckt und alleine in euren kleinen Wohnungen, für die ihr die Hälfte des Tages arbeitet und esst tote Tiere.

Fleisch, Salami, Cervelat, Hackfleisch, Leber- und Blutwürste und Innereien und Gedärme von einst unter euch wandelnden Mitbewohnern des Planeten. Und ihr vergrabt euch in Leder und in Fellen und schützt euch vor dem grausamen Grau des Winters im Norden.

Glaubt ihr wirklich, dass Gott das wollte? Seid ihr geschaffen, euch mit Garn und Zwirn, mit Stoff und Leder zu umhüllen? Den widrigen Umständen des Wetters im Norden zu trotzen? Seid ihr so geschaffen? Warum habt ihr dann kein Fell? Warum keine Reißzähne, um Wild zu jagen?

Ihr seid verloren in euren Wüsten aus Stein! Vereinsamt hinter Wällen aus Ziegel und Beton und fürchtet euch vor dem Frost, dem Hagel, dem Schnee und dem Eis! Und darum seid ihr alleine und einsam und verloren in all den Wirrungen des Lebens. Im Tohuwabohu des Seins.

Weil Gott uns geschaffen hat, nackt zu sein. Weil Gott uns geschaffen hat, ihn anzubeten. Ihn, die ewige Sonne. Die Wärme, die Liebe, das Leben an sich! Gott ist die Sonne! Helios, Du bist die Liebe!

Unser Organismus ist gemacht für das Wetter rund um den Äquator und nicht für das Klima in Deutschland, Frankreich oder gar England! Das liegt doch auf der Hand! Wie kann man sich unter drei Lagen Oberbekleidung nur dagegen wengel? Seid ihr dumm?

Wärt ihr nicht auch lieber den ganzen Tag nackt? Wie Gott das geplant hatte für uns Menschen? Wie wir geschaffen sind? Wie es normal ist für unseren menschlichen Organismus? Und würdet nur und ausschließlich von Kokosnüssen leben? So wie Gott das geplant hat…

Moment. Was ist das? Hüstel… Ich falle… gerade aus der Rolle. Das mit den Kokosnüssen, das war zuviel. Sorry. Gerade habe ich den Geist von August Engelhardt gechannelt. Live für euch, als treue Zuhörer des Explikators. Es hat mich einfach übermannt. August Engelhardt, geboren im Winter 1875, wurde bekannt als der erste deutsche Hippie. Als der erste Aussteiger. Berühmt geworden durch den Roman „Imperium“ von Christian Kracht.

Aber seine Geschichte stellt sich anders dar als in diesem Roman. August Engelhardt war einer der Menschen, die sich durch die industrielle Revolution überfordert sah. Der mit dem Lärm und dem Dreck und der Gewalt der Neuerungen einfach nicht mehr leben wollte.

Der es schon als Affront empfand, dass die Trambahn von Pferden auf Elektrizität umstellte. Der nicht damit leben konnte, dass nicht die Tatsache, dass man lebte, schon genug Berechtigung für die Existenz bedeutete. Denn so muss das eigentich sein. Es muss reichen, dass man lebt.

Er war ein Teil der sogenannten Lebensreformbewegung. Ein Teil von „Lebensborn“. Wo Menschen nackt in den Wäldern lebten und von den Früchten der Natur lebten. So wie Gott das wohl gewollt hatte. Allerdings war das natürlich etwas hart und grausam im Harz. Weil das Wetter in unseren Gefilden – sind wir mal ehrlich – echt scheiße ist.

Darum schloss unser August messerscharf, dass es wohl andere Gegenden sind, in denen unser menschlicher Körper die angemessenen Lebensumstände antrifft. Irgendwo, wo es immer warm ist. Immer warm genug, um sich nicht in Kleidung einhüllen zu müssen. Nackt. So hat uns doch der Schöpfer gemacht, oder? Kommt nicht der Stand, der Adel, alle Unterschiede in Rang und Namen von der Kleidung?

Wenn wir alle nackt sind, wer wäre dann der König? Der Kaiser? Der Prinz? Wer würde richten, wer würde Steuern zahlen an wen? So ist doch der von der Schöpfung gedachte Plan! Ein Kommunismus der Sonne! Wo uns die Nahrung in den Schoß fällt, so wie im Paradies!

Wir können das erreichen, so dachte unser „dummer“ August, und floh in die Südsee. Auf die Insel Kabakon. Neu-Guinea. Damals, als August das tat, deutsche Kolonie. Ein Vegetarier war er und noch mehr. Ein Fruktivor. Jemand, der nur von Früchten lebt. Und noch mehr war er, ein Kokovor. Das ist jemand, der nur von Kokusnüssen lebt.

Denn es ist die Palme, die dem Menschen alles gibt, was er braucht. Wenn man nur alleine von den Früchten der Palme lebt, dann erlangt man die Erleuchtung! Denn die Palme ist der Sonne am nächsten und die Sonne, die Sonne ist Gott. Die Sonne spendet das Leben, die Sonne nährt uns und gibt uns alles, was wir brauchen!

Es ist doch in Wirklichkeit diese „Kultur“, die den Planeten verschmutzt. Die Kultur, die wir geschaffen haben, macht das Gold der Sonne zuschanden. Wir sollten alle nackt sein! Uns alle am Äquator aufhalten und unsere Städte aus Stein verlassen, so wie die Schöpfung uns gewollt hat. Und wir würden alle gesunden! Und ewig leben in Anbetung der Sonne! In Anbetung des göttlichen Willens. Ich lese aus den Schriften des Erlösers das Gedicht: „Das Lied von der Sonne!“

Das Lied von der Sonne
von August Engelhardt

Nicht die Weisheit bringt uns Segen,
Weise Tat nur bringt uns Glück,
Darum wollen wir uns regen
Und zum Sonnengott zurück!
Ihm, dem Spender allen Lebens,
Aller Wärme, allen Lichts;
Er nur sei das Ziel des Strebens,
Er nur macht das Leid zu nichts.

Er nur löset unsere Fragen,
Löst des Dasein Disharmonie.
Nur durch ihn kann Frühling tragen.
Die Kultur vermag es nie.

In dem Tode der Kulturen,
In dem Anschluß an die Sonne
Wurzeln unsere Götterspuren,
Ruht des Lebens Glück und Wonne.

Ein Jahrhundert hat geendet.
Ein Jahrhundert hat begonnen.
Gott hat sich uns zugewendet,
Ist versöhnend uns gesonnen.

Näher tritt in diesem Jahre
Unsrer Erde Seine Gnade.
Dien’ der Sonne und erfahre
Fried’ und Glück im Sonnenbade!

Schon seh’ ich die Menschenmassen
Nach dem Sonnenreiche streben;
Seh’ sie schmutzig Gold verlassen,
um vom Sonnengold zu leben;
Seh’ sie wandeln unter Palmen,
Sich an ihren Früchten labend,
Singend Lob- und Dankespsalmen;
Denn geendet hat der Abend.

Menschennacht! Du bist vergangen!
Menschentag ist angebrochen.
Nach dem Himmelreich verlangen
Neue Scharen alle Wochen.

Sie auch wollen Frühling haben,
Sie das Glück der Brüder teilen:
Sie, befreit von Menschengaben,
Unter Himmelsgaben weilen.

Frühlingsgeist ist eingezogen
In die kranken Menschenherzen.
Mächtig schlagen seine Wogen
Und begraben Tod und Schmerzen.

Ganz verödet ist der Norden;
Stadt und Dorf, sie stehen leer.
Alle Menschen sind ein Orden:
Ihres Sonnengottes Heer!

Auderstanden ist die Menschheit
Aus dem Grabe der Kultur.
Ganz, als Ebenbild der Gottheit,
Ist sie Herrscher der Natur.

Auferstanden ist die Menschheit:
Leid und Elend ist ihr Sage.
Wie ein Märchen klingt dem Ohre
Schilderung vergangner Tage.

Auferstanden ist die Menschheit:
Sonnenkinder sind sie alle.
Gott, der Herr, hat sie erlöset
Von dem tiefen, tiefen Falle.

Ja, ihr Traum ist wahr geworden,
Ihres Herzens Sehnen Tat:
Herrscher sind sie allerorten,
Herrsche von dem Zeitenrad.

Leben, Leben sind sie alle,
Herrscher über Tod und Schmerz!
In der Sonne heilg’er Halle
Widertönt ihr jubelnd Herz:

“Ewig Dank Dir, Gott, o Sonne,
Von der Nacht sind wir befreit,
Unser Sein ist lauter Wonne,
Ew’ger Tag ist uns’re Zeit.

Menschenmacht hat uns gewiesen,
Daß nichts sein kann ohn’ Dein Leben.
Dir, o Gott, sind wir ergeben.
Ewig sei, o Herr, gepriesen”!

August Engelhardt, so geht die Geschichte, erwarb im Sommer 1902 eine Kokosplantage in Neu-Guinea. 75 Hektar auf der kleinen Insel Kabakon. Und lebte fürderhin von den Kokusnüssen. Und nur von diesen. Denn er war sich sicher, dass reichte. Das war, was Gott für den Menschen geplant hatte. Gott, der zugleich die Sonne war. Helios. Der Lebensspender. Denn auch Kleidung war nicht in der Schöpfung vorgesehen. Siehe die Bibel. „Und siehe waren beide nackt. Der Mann und sein Weib. Und sie schämten sich nicht.“ Moses 11, 25.

Und da lebte der Nudist. Der Vegetarier. Der Lebensbornanhänger. Glücklich, scheinbar. Doch er hörte nicht auf, Briefe, Artikel und gar ganze Bücher zu schreiben, um aus seiner Weltansicht eine Revolution zu starten. „Eine sorgenfreie Zukunft“, so sein Bestseller in fünf Auflagen.

Sein Weg zu leben, das war sicher der einzig richtige Weg. Nein, das Gehirn bezog seine Energie nicht aus dem dreckigen Darm, es war die Sonne selbst, Gott selbst, die das Gehirn mit göttlicher Kraft versorgte. Durch die Haarwurzeln!

Und die Kokusnuss, die reichte völlig, um den Menschen stark und kräftig und gottgleich zu machen! Wie die Statuen aus Stein aus der Antike! So würde der Mensch werden, wenn er sich nur endlich damit abfinden würde, dass er an den Äquator gehört.

In einem Klima, in dem er nackt sein kann. Für ihn gemacht. Das muss doch Gottes Willen sein und nicht Rheumapflaster, Schals, Pelzmäntel und Bolleröfen!

Die Geschichte von Alexander Engelhardt ist schon oft erzählt worden. Normalerweise geht sie so: Ihm gelang es, einige verlorene Seelen für seine Mission zu gewinnen. Je nach Quellenlage zwischen neun und maximal dreißig verlorener Seelen, die sich auf seiner kleinen, deutschen, Kokoviren-Kolonie versammelten.

Doch es kam zu Zerwürfnissen, zu Streitereien, gar zu Totschlag. Sein Lebenstraum zerbarst. Hat nicht geklappt mit dem Nudisten-Weltreich der Sonnenanbeter, die ausschließlich von Kokosnüssen lebten.

Wir wissen, dass er 1909 im Hospital landete. Völlig unterernährt. Geplagt von der Krätze und von vielen verschiedenen Entzündungen. Wir wissen auch, dass er 1919 verstarb. Völlig entkräftet und nicht in der Lage einen harmlosen Schnupfen zu überleben.

Das passt uns natürlich gut. So enden diese Aussteiger-Geschichten halt. Wir kennen das von Robinson Crusoe, vom Herrn den Fliegen oder von „The Beach“. Wir mögen es, wenn die Aussteiger scheitern. Weil es uns in unseren Hamsterrädern bestätigt. Wir haben recht! Diese Spinner! Hah!

August Engelhardt war ein richtig großer Spinner! Helios habe ihn selig! Er hat groß geträumt und hat den Preis gezahlt. Seine Kokusnüsse haben ihn nicht ernährt. Ein Aussteiger, der es nicht geschafft hat, so erzählen wir uns diese Geschichte.

Aber: Immerhin. August Engelhardt endete nicht in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Er wurde nicht engelhaft erschossen als Held des deutschen Vaterlands, sondern hat sich selber mit Kokusnüssen vergiftet. Klingt dumm. Aber das hat meinen vollen Respekt!

Er hat sein Schicksal selber gewählt. Und, ganz ehrlich, jetzt, wo ich mir gerade eine Zigarette anzünde und noch ein paar Socken anziehe, weil es wirklich scheißekalt ist – Vergiftung durch frische Kokusnüsse – das klingt nicht sooo schlimm für mich.

Sonne! Nacktheit! Kokusnüsse!

Ich bin dabei! August, ich komme!