Expl0567: Napoleon Dynamite

Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, wie ich Napoleon Dynamite zum ersten Mal gesehen habe. Denn ich wollte es zuerst gar nicht glauben, dass man überhaupt so einen Film machen kann. Es hat lange gedauert, bis ich überzeugt war, dass diese Komik nicht unabsichtlich war sondern sehr genau und subtil geplant war. Alleine dafür liebe ich diesen Film!


Download der Episode hier.
Opener: „Napoleon Dynamite – Uncle Rico’s Time Machine“ von FlatheadedGorilla
Closer: „Napoleon Dynamite – Pedro’s Feeling Hot“ von FlatheadedGorilla
Musik: „Stick Around (2015)“ von Steady Hussle / CC BY-ND 3.0


Es gibt eine Kategorie von Filmen, die man entweder lieben muss oder nur hassen kann. Filme, die einige Menschen verstehen und andere eben nicht. Das allerbeste Beispiel für diese Kategorie Film ist und bleibt der unvergleichliche „Napoleon Dynamite“.

Dieser Film teilt meinen Bekannten- und Freundeskreis genau in der Mitte. Die einen lieben ihn und die anderen fragen sich, was man denn an diesem seltsamen Film überhaupt mögen kann. Und warum man das witzig findet. Und es ist ja auch wirklich nicht leicht zu erklären…

Und das geht nicht nur uns Menschen so, sondern auch den Computern. Es gibt ein Programmierer-Problem, dass sich das „Napoleon-Dynamite-Problem“ nennt. Im Herzen von Filmportalen oder Streamingdiensten befindet sich ein Stück Software, dass einem andere Filme empfiehlt. Diese Software heißt bei Netflix z.B. „Cinematch“. Ihr kennt das ja: „Wenn Ihnen „Lethal Weapon“ gefallen hat, vielleicht mögen Sie dann auch „Bad Boys“. So in der Art.

Diese Software kann das schon richtig gut und ist Netflix auch richtig Aufwand wert. Immer wieder wird sie durch externe Programmierer verbessert. Damit wir als User eben länger bei Netflix verweilen. Weil wir uns da so gut beraten fühlen.

Netflix versucht also zu erraten, wie uns bestimmte Filme gefallen. Das ist in vielen Fällen auch gar nicht so schwer. Außer bei „Napoleon Dynamite“. Cinematch kann einfach nicht erraten, ob man den Film witzig finden wird oder nicht. Der Computer versteht Napoleon Dynamite eben auch nicht.

Jared Hess und seine Frau Jerusha haben das Drehbuch zu diesem Meisterwerk im Jahre 2003 geschrieben. Basierend auf dem Kurzfilm „Peluca“, den Jared im Jahr davor gedreht hatte. Schon da spielte Jon Heder die ikonische Rolle des jungen Mannes mit dem seltsamen Namen Napoleon Dynamite.

Jon und Jared waren sich schon in der Uni über den Weg gelaufen, man kannte sich flüchtig. Der junge Regisseur hatte genaue Vorstellungen, wie seine Hauptfigur so aussehen und wirken sollte und – siehe da – Jon Heder verstand das auf Anhieb. Der perfekte Napoleon!

Und so drehten die Hesses und Jon Heder mit einem kongenialen Cast diesen kleinen, skurrilen Brillianten von einem Film im Sommer 2003. In Franklin County in Idaho. Idaho, der Bundesstaat, der in den USA bekannt ist für… für… na ja, für Kartoffeln. Idaho, der Kartoffelstaat. Nicht die spannendste Ecke der Staaten und sicher nicht der Ort, an dem man als junger Mensch bleiben möchte.

Trotzdem der Ort, in dem Jared Hess aufgewachsen ist. Der Film selber ist irgendwie zwischen die Jahrzehnte gefallen. Die Figuren wirken so, als wären sie aus den 80er Jahren, wenn man ihre Kleidung beachtet. Technologisch könnten es auch die 90er sein, wenn man die Rechner so ansieht. Frägt man Hess, zu welcher Zeit Napoleon Dynamite handelt, pflegt er zu antworten: Idaho.

Er bearbeitet also in Napoleon Dynamite sozusagen das Trauma, dass man erwirbt, wenn man in Idaho groß wird. In Franklin County Seine Mutter warf ihm am Tag der Premiere gar vor, dass er hier zu viele Familiengeheimnisse ausgeplaudert hätte.

In gewisser Weise ist dieser Film am ehesten der Gattung High-School-Comedy zuzurechnen. Auch wenn das natürlich eben so gar nicht passt – sonst hätte es ja Cinematch auch viel leichter.

Der Held, Napoleon Dynamite eben, ist, was man in den USA einen „dork“ nennt. Schwierig zu übersetzen, vielleicht irgendetwas zwischen Idiot und Außenseiter? Und sympathisch ist er obendrauf auch nicht. Man identifiziert sich nicht mit Napoleon, dafür ist er zu ungeschickt, zu peinlich und sozial zu minderbemittelt. Er fragt das Alphaweibchen der High School z.B. einfach ins Gesicht, ob sie nicht einmal Lust hätte, mit ihm Tetherball zu spielen. Das hieß bei uns Schwungball. Ein Ball, der mit einer Schnur an einer Stange festgebunden ist, kennt ihr?

Und das macht er, weil er halt denkt, dass man das macht. Warum auch nicht. Er ist ein Außenseiter, er ist nicht geschickt, nicht schlau, nicht beliebt und alles in allem ein Mensch ohne Eigenschaften. Dem das aber auch völlig egal ist. Ist halt so. Punkt.

Dieser Napoleon freundet sich mit Pedro an, der einzige an der High School, der schon Bartwuchs hat und der einzige, der vielleicht genauso unbeholfen und linkisch ist wie unsere Hauptfigur. Der beschließt sich zum Schülersprecher wählen zu lassen und macht seinen neugewonnenen Freund Napoleon gleich zum Wahlkampfleiter.

Und dann ist da noch die liebe Deb, die eigentlich auch prima ins Team passt und vielleicht sogar die Freundin von Napoleon werden könnte. Oder Kip, der ebenfalls völlig unbegabte Bruder von Napoleon, der seine Tage in Chatrooms verbringt und mit seinen 32 Jahren auch noch nicht wirklich etwas auf die Beine gestellt hat.

Und natürlich noch Onkel Rico, der auf die beiden aufpassen soll. Und dann bald mit Kip beginnt Haushaltsschüsseln zu verkaufen – vielleicht klappt’s ja doch mit dem Schnellreichwerden. Und der Farmer, der die Kuh vor den Kindern im Schulbus erschießt. Oder der Rex-Kwon-Do-Lehrer. Oder die Zeitmaschine. Und, und, und…

Es macht bei diesem Film gar keinen Sinn, die Handlung zu erzählen. Genauer gesagt: Wenn ich so drüber nachdenke, bin ich mir nicht einmal sicher, ob dieser Film überhaupt eine Handlung hat… Sie ist auf jeden Fall nicht besonders wichtig.

Wichtig sind hier nur die Charaktere, die Figuren, die Personen. Diese seltsamen Wesen, die da in der Provinz festsitzen und die alle wirken, als wären sie bestellt und nicht abgeholt, wie man im Bayerischen sagt.

Das ist das eigentliche Thema von Napoleon Dynamite. Dieses Gefühl zwischen peinlich und unbeholfen, zwischen linkisch und fremdschämen, dass, was man im Englischen „awkward“ nennt. Und wir alle kennen solche Menschen. Wir alle sind manchmal solche Menschen.

Es ist an keiner Stelle so, dass man Napoleon oder Pedro in den Arm nehmen möchte oder sie trösten, wie ungeschickt sie auch gerade durch die Handlung stolpern. Sie werden nie zu Helden oder erfahren große charakterliche Veränderungen. Sie sind einfach so, wie sie halt sind.

Und in dieser Selbstverständlichkeit liegt die Stärke dieser Figuren. Während die Außßenseiter in praktisch allen High-School-Filmen, die es gibt, verzweifelt versuchen, Anerkennung zu finden, sozusagen einen gesellschaftlichen Status zu entwickeln, ist das Pedro und Napoleon herzlich egal.

Verlatete Moonboots, häßliche Röhrenhosen, lächerliche T-Shirts, kahlrasierter Kopf, idiotische Schnurrbärte – das spielt alles gar keine Rolle. Man muss nicht von anderen respektiert werden. Darum geht es nicht.

Napoleon und Pedro sind nicht Zielscheiben des Spotts in diesem Film, auch wenn man manchmal nicht anders kann als über ihre Ungeschicktheiten zu lachen.

Eigentlich sind sie in ihrer Gott-gegebenen Awkwardness richtige Helden. Man kann sie nur dafür beneiden, wie selbstverständlich sie bereit sind, einfach Napoleon zu sein oder Pedro. Oder Kip oder Onkel Rico.

Napoleon Dynamite ist meine Lieblingskomödie der Nullerjahre. Und das heißt etwas, da sind nämlich auch Tropic Thunder, Shaun of the Dead und Idiocracy dabei.

Kein Film, der reich wäre an Schenkelklopfern, aber breit grinsen muss man meistens.

Weder Jared Hess noch Jon Heder haben seitdem etwas gemacht, was nur ansatzweise so genial gewesen wäre.

“Hey Napoleon, gib mir mal ne Krokette!”

“Nein! Such dir doch selber welche!”