Expl0569: Nur noch 1000 Jahre

Manchmal würde ich gerne verstehen, warum ausgerechnet Stephen Hawking so berühmt ist. Aber das ist mir wohl zu hoch. Auf jeden Fall würde ich es begrüßen, wenn er aufhören würde, ständig Prognosen über die Zukunft der Menschheit abzugeben. Das dient der Sache nämlich oft nicht.


Download der Episode hier.
Opener: „Ricky Gervais on War, Racism and Stephen Hawking“ von vbyuer
Closer: „Stephen Hawking Sucks!“ von Brutally Honest Abe
Musik: „Black & White (2016)“ von Arrow & Olive / CC BY-ND 3.0


Stephen Hawking hat wieder ‘was gesagt. Also, ihr wisst schon, seine Pupillen bewegt und Buchstaben kombiniert und sein Sprachsynthesizer hat dann ‘was gesagt. Das ist ja auch sein gutes Recht. Jeder darf das. Aber wenn man Stephen Hawking heißt, dann muss man schon besonders darauf aufpassen, was man sagt.

Denn, nachdem alle Welt und ihre Nachbarn ihn für den größten Geist der Welt halten, für ein außergewöhnliches Genie und überhaupt das Beste in der Naturwissenschaft seit geschnitten Einstein, hat er – so meine Meinung – schon eine besondere Verantwortung.

Ich kann die Genialität seiner Arbeiten nicht wirklich beurteilen. Astrophysik ist mir in Wirklichkeit genauso rätselhaft wie die Quantenphysik. Wenn die Dinge so richtig groß werden oder so richtig klein, dann wird’s kniffelig. So mit dem, was ich habe an sogenanntem „gesunden Menschenverstand“.

Aber was Herr Hawking dieses Jahr wieder verlautbart hat hat, nennt man im besten Fall eine Zukunftsprognose und im schlechtesten Fall Kristallkugelseherei. Wir Menschen, so Herr Hawking, leben in einer risikoreichen Zeit. 1000 Jahre hätten wir Zeit, aber dann wäre es mit uns Menschen vorbei auf diesem Planeten. Jahr zu Jahr betrachtet sei die Chance, dass eine Katastrophe uns dahinrafft natürlich klein, meinte das Genie, aber auf tausend Jahre gerechnet, sei es beinahe sicher, dass wir uns selber ausrotten.

Für am wahrscheinlichsten als Mittel der Wahl hält Mr. Hawking dabei die Klimaerwärmung, gefolgt von Mensch-gemachten Viren und einem Atomkrieg. Wir müssten also schleunigst daran arbeiten, schnell andere Planeten zu besiedeln, sonst könnte es sein, dass die gesamte Menschheit sich selber den Darwin-Award verleiht. Hundert Jahre würden wir allemal brauchen bis zur ersten Kolonie auf einem anderen Planeten. Und bis dahin müssten wir sehr, sehr, sehr vorsichtig sein. Wie Igel… Lassen wir das…

Also, in 1000 Jahren ist der Vorhang gefallen, liebe Hörende! Und die Klimaerwärmung wird unser Ende. Und darum müssen wir andere Planeten besiedeln. So die Kernthese noch einmal zugespitzt.

Uff. Harter Tobak. Beginnen wir erst einmal mit dem Offensichtlichen: Wie Herr Hawking auf tausend Jahre kommt, ist wissenschaftlich betrachtet, ein großes Rätsel. Es müssen wohl mystische Kräfte des größten Geists unseres Jahrhunderts sein. Diese Festlegung ist völlig irrational und auch völlig unnötig. Bestenfalls dient sie allen erst einmal dazu, einfach so weiterzumachen wie bisher.

Und im schlimmsten Fall löst sie unbegründet Ängste aus. Es besteht keinerlei Zwang, sich auf eine Zahl fest zu legen.

Und natürlich sind die genannten Gefahren wirklich bedrohliche Dinge, das sollte man auf keinen Fall wegdiskutieren oder vernebeln. Ich persönlich bin der Meinung, dass kein Problem in der Gegenwart der Menschheit so drängend und bedrohlich ist wie die Klima-Erwärmung.

Bisher ist es uns nicht gelungen, entscheidende Schritte zu unternehmen, um den Ausstoß an CO2 zu verringern. Jahr für Jahr folgen sich die wärmsten Jahre seit Aufzeichnungsbeginn. Es ist realistisch, damit zu rechnen, dass das auch noch länger so bleiben wird.

Das wird zu einem Anstieg des Meeresspiegels führen. Ganze Landstriche werden von der Karte verschwinden in diesem Prozess, der jetzt schon im Gange ist. Steigt der Pegel um einen Meter, dann ist z.B. 18% von Bangladesch unter Wasser und 38 Millionen arme Menschen suchen einen neuen Ort zum Leben. Das macht die syrische Flüchtlingskrise zu einem Witz im Vergleich.

Und Bangladesch ist ja nicht das einzige Land, das betroffen sein wird. Wir können uns bei Gelegenheit gleich überlegen, wohin wir Holland so verlegen. Oder Polynesien. Oder Singapur. Oder Tokio.

Ich finde wirklich, dass sind Dinge, die wir mittlerweile akzeptieren müssen und auf die wir uns ernsthaft vorbereiten sollten. Denn, so wie die politischen Mühlen gerade mahlen, wird sich ein Anstieg um einen Meter wohl kaum vermeiden lassen. Wie zumindest die meisten Rechenmodelle das so prognostizieren.

Aber: Das sind keine schönen Tatsachen, wirklich nicht. Wir können uns nicht einmal im Ansatz ausmalen, was passiert, wenn Abermillionen Menschen Platz in Nachbarländern suchen. 100.000 Syrer führen bei uns schon einmal zu sehr befremdlichen Wahlerfolgen der AfD.

Doch auf der anderen Seite ist die Klima-Erwärmung keine Gefährdung für die Menschheit an sich. Wir erleben gerade, wie alles durcheinander geht, wenn man das Klima um einen Grad erwärmt. Das ist schlimm genug, aber keine Gefährdung für das Leben auf diesem Planeten. Wir hatten es schon einmal 25 Grad wärmer im Jahresdurchschnitt auf der Erde und trotzdem hat das Leben im Jura geboomt.

Bevor es aber soweit ist, wird uns schon längst der fossile Brennstoff ausgegangen sein. Die Welt wäre dann natürlich eine ganz, ganz andere. So anders, dass wir uns das gar nicht ausmalen können. Und sicher nicht in dem Zustand, dass sie 10 Milliarden Menschen versorgen kann. Aber es gibt, rein wissenschaftlich gesehen, keinen Grund, warum es nicht auch auf diesem Hitzeplaneten überhaupt Menschen geben sollte.

Ich teile die Vorstellung, dass es wichtig ist, Forschung, Neugier, Wissenschaft immer weiter zu treiben und ja, den Weg ins Weltall zu gehen. Denn der nächste Meteor kommt bestimmt. Und wir wissen nicht, wann. Könnte nächstes Jahr sein, da hilft keine Statistik.

Doch die Klima-Erwärmung ist nicht wie ein Meteor. Das ist keine Katastrophe, gegen die man nichts unternehmen kann. Das slebst gemachte Geschick der Menschheit ist nicht unausweichlich. Was in 1000 Jahren ist, hängt nicht von Prognosen, Schicksalsmächten oder Katastrophen ab, sondern davon, was wir jetzt tun. JETZT.

Die Probleme, die wir jetzt haben, müssen auch jetzt angegangen werden. Wer glaubt, die Besiedlung neuer Planeten wäre der einzige Ausweg aus dem Schlamassel, den wir da mit unserer Umwelt anrichten, der glaubt wohl auch, schwarze Löcher vernichten nicht alle Information. Oder die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise und seiner 400 Mann starken Besatzung sind eine Doku aus der Zukunft. Sorry.

Ich würde mir wünschen, wir könnten alle akzeptieren, dass Stephen Hawking ein Mensch ist wie Du und ich. Vielleicht, wahrscheinlich ein brillanter Astrophysiker. Aber er ist kein Klimaforscher. Und auch kein Spezialist für künstliche Intelligenzen, denn die werden den Laden in 100 Jahren übernehmen, meint Hawking. Oder Theologe, denn den Himmel gibt es nicht, meint Hawking. Oder Spezialist für extraterrestrisches Leben, denn die Mathematik verlangt, dass es das auch gibt, meint Hawking.

Wäre er nur ein Mensch und kein Genie, könnte man nämlich einfach nicht auf ihn hören. Müsste seine düsteren Prognosen überall verbreiten und verteilen. Und müsste nicht deprimiert die Hände in den Schoß legen.

Sondern man könnte stattdessen etwas tun gegen die Erwärmung des Klimas. Und sich, offenen Auges und in Ruhe, auf die Folgen vorbereiten. Das wäre nämlich – im Sinne Darwins – wirklich arterhaltend.

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