Expl0570: BOCHUM!

Ich war ja so cool in meiner Stufe! Der einzige Öko im Jahrgang 1984 am Gymnasium München, Moosach. Alle anderen waren hässlich, ich war sooo sexy. Na ja. *hust, hust, hust* Egal! Es ist aber wichtig, dass wir füreinander hässlich bleiben!


Download der Episode hier.
Opener: „Warum seid ihr so hässlich (Ironie)“ von A.B.K Official
Closer: „I AM UGLY.“ von Rclbeauty101
Musik: „Ugly (2009)“ von Rocket King / CC BY-NC-SA 3.0


Ich bin ja, wie schon manchmal erwähnt, ein Bayer. Persönlich würde ich mich eher „Münchner“ nennen, denn Bayern ist mir schon zu groß, um mich damit zu identifizieren. Auch bei dem Begriff „Deutscher“ habe ich große Probleme.

Neulich war z.B. die Subscribe8, das war so eine Art Klassentreffen der deutschen Podcaster. Da haben sich die Podcaster aus Österreich aus einer Gruppendynamik heraus selber so vorgestellt, als wären sie – als Österreicher – eigentlich einfach etwas vollkommen anderes als die „deutschen“ Podcaster. War ein Witz, tieferer Sinn, aber natürlich Quatsch.

Für mich persönlich ist Österreich beinahe Heimat. Selbst, wenn jemand ganz ausgeprägtes Wienerisch spricht, kann ich mich mit Bayerisch prima mit ihm verständigen. Bei richtig Hamburger Platt aber gibt es aber keine gemeinsame Ebene der Kommunikation. Das ist mir fremd.

Ich empfinde die meisten österreichischen Dialekte als sehr schön. Als heimatlich. Österreich ist mir persönlich näher als, meinetwegen, Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern. Sorry, tut mir leid. Is’ aber so. Punkt.

So bin ich also in diesem komischen München groß geworden. Eine Mischung aus einer Großstadt und einem Kuhdorf. Ein winziges historisches Zentrum und eine große Stadt aussenrum. Wir haben 41% Menschen, die man als Ausländer bezeichnet oder als Menschen mit Migrationshintergrund. Ich weiß nicht, was der schönere Begriff ist.

Von den 1,3 Millionen Menschen sind nicht einmal 250.000 hier geboren. Und hier geboren zu sein, heißt auch nicht, automatisch Lederhosen zu tragen und die CSU zu wählen. Ich habe Freunde mit türkischen Nachnamen, die echte Münchner sind. Das ist kein Witz – wir kennen die gleichen Orte, haben eine ähnliche Geschichte und erzählen uns die gleichen Anekdoten.

So weit, so gut. Klein-Olli war aber immer ein bisschen anders. Im Gymnasium wählte der pubertierende Explikator für sich das Schönheits-Ideal „Öko“. Ich fand Ökos cool und wollte einer sein. Das hat seltsame Blüten getrieben. Mit 17 Jahren rauchte ich südamerikanische Tabake aus einer englischen Tonpfeife, trug eine unbehandelte peruanische Schaffwollweste, die noch nach einem Jahr abschreckend nach Lanolin gestunken hat und pflegte einen modischen Look aus langen, fettigen Haaren und unbehandelter Akne-Haut.

Das war für mich sexy. Oder, genauer gesagt, dass war das, von dem ich dachte, dass es die Frau meines Herzens damals als sexy empfinden würde. Fragt nicht. Nach dem Abitur und einer Ausbildung zum Illustrator war ich auf einmal jemand in einer Werbeagentur. Mehr noch, Teilhaber. Ich trug keine Anzüge! Nein! Aber die coolen Buntfaltenhosen der 80er und sportliche Sakkos, kombiniert mit witzigen T-Shirts. Das war hip. Miami Vice.

Und der Beruf brachte mich schließlich nach Bochum. Liebe Hörer aus Bochum, ihr müsst kurz die Luft anhalten, es tut mir leid! Denn, was ich damals erlebte, war ein ästhetischer Schock. Da war ich als Münchner auf einmal in einer Stadt, in der ein nicht unwesentlicher Anteil der Bevölkerung der Meinung war, Jogging-Anzüge und Adiletten wären die richtige Art, das Haus zu verlassen.

Und am Vormittag um 10:00 Uhr an diesen Orten, die man Kiosk nennt, schon einmal ein paar Schnäpse zu zwitschern, war völlig normal. Eingesperrt von einer Architektur, die auf den ersten Blick nichts anderes war als menschenfeindlich.

Das man überhaupt so existieren wollte! Das man das als normal empfand! Als aktzeptierbar! Hatten diese Menschen keinen Respekt vor den anderen? Oder keinen Respekt für sich selbst? Egal, wo man in München herkam, man achtete darauf, wie man auf die Straße ging. München nennt sich immer stolz die nördlichste Stadt Italiens. Das ist natürlich Blödsinn.

Aber ähnlich wie die Italiener kuckten wir in München darauf wie wir aussahen. Das tat ich als Öko, das taten meine türkischen Freunde und meine griechischen und mein jugoslawischen Freunde auch – das nannte man damals so, Jugoslwawien – und natürlich taten das alle, die in irgendwelchen Werbeagenturen arbeiteten. Gleich dreimal.

Im Prinzip ist die Ästhetik die Geschichte meines Lebens. Ich bin ein ausgewiesener Bilder-Gerade-Rücker. Ich überlege mir wirklich von morgens bis abends: Wie könnte man das eleganter machen? Wie könnte man das effektiver machen? Und, vor allem anderen: Wie könnte man das schöner machen? Schöner für einen selber, schöner für die anderen und schöner für die Sache an sich.

Es muss doch einen Weg geben, schön Geschirr zu spülen! Schön für einen selber, schön für alle anderen, die das Geschirr benutzen müssen und schön auch für das Geschirr. Ihr lacht, aber ein Backblech will – da sind Backbleche sehr eigen – nun einmal anders abgewaschen werden als ein Glas. Und Gläser sind ja nun wirklich die Beauty-Queens des Abspülens, das sind wir uns wohl alle einig, oder? Ach, ihr habt eine Spülmaschine? Na, das tut mir leid. Da entgeht euch ästhetisch leider etwas…

Na ja. Auf jeden Fall, Ende der Achtziger, kam dann Bochum. Da waren Menschen, die nicht so auf das Aussehen achteten wie wir in Bayern oder Österreich oder in der Schweiz. Denen das egal war. Das war übrigens wegen einer Messe, für einen Kunden. Sonst wäre ich da NIE hingefahren. Nie!

Ein richtiger Kulturschock. Adiletten! Jogging-Anzüge! Aldi-Tüten! Kioske! Schnaps am Vormittag! Ekelhaft! Abscheulich! Abstoßend!

Aber natürlich war ich neugierig. Und so fand ich mich eines Morgens, vor der Messe, vor so einem Kiosk ein. Und redete mit den Menschen, die auch „Deutsche“ waren. Wahrscheinlich. Und die auch Deutsch sprachen, Gott sei Dank. Und, was soll ich sagen, es war… sehr nett. Das mit dem Schnaps war eher furchtbar, der Tag auf der Messe war schwierig durchzuhalten, ehrlich gesagt, aber: Es war nicht hässlich – es war schön. Ästhetisch.

Es war nicht das Sektglas, das da abgespült werden musste, aber es war auch nicht das Backblech. Es war eher so ein Teller. Ein Frühstücksteller mit ein paar Bröseln und einem Marmeladenfleck. Es war – ästhetisch gesehen – total machbar. Total o.k. Bochum und die Menschen in Bochum waren sehr freundlich zu mir.

Nicht hübsch, wie wir Bayern, Österreicher oder Schweizer – aber mehr als schön genug. Ästhetische Menschen. Ein Leben in einer menschenfeindlichen Architektur – sorry, nochma’ Bochum – dass sich die Menschen dort doch menschlich gestaltet haben. Allen Respekt!

Ich mag Bochum mittlerweile. Ich mag Essen – also den Ort. Ich mag den Pott. Es ist mir immer noch fremd, zugegeben, aber ich verstehe das Lebensgefühl. Es ist anders, weniger oberflächlich. Es zählt weniger, wie man aussieht als bei uns im Süden. Und das ist eigentlich gut.

Ich kann natürlich nicht aus meiner Haut und pflege mittlerweile eine maximal bescheidenen „Erwachsenen-Style“. Nicht jugendlich ausschauen mit beinahe 52 Jahren, das wäre unwürdig, aber doch nicht in Beige-Tönen rumlaufen. Oder in Grau. So alt bin ich dann doch nicht.

Aber, dank Bochum, vor dreißig Jahren, weiß ich mittlerweile, dass das alles ganz schön albern ist. Eigentlich eine Maskerade. Eine Show. Das ich da nur ein Spiel spiele, dass wir halt spielen in Bayern, Österreich und in der Schweiz. Oder – meonetwegen – Italien.

Es ist nur kulturbedingt. Nur, weil ich eben aus München komme. Kann ich ja auch nichts ‘für!

Und ich weiß auch, dass wir hier für andere wiederum hässlich sind. Für die Berliner oder die Hamburger oder die Cheeseburger oder die Bochumer und Essener. Essener….

Das ist vöölig okay. Lasst uns bitte alle hässlich sein. Bitte: Seid hässlich! Nichts ist langweiliger als Schönheit! Mögen Heidi Klum und alle Teilnehmerinnen von GNTM in einer Hölle weitermodeln, in der wir Österreicher, Schweizer, Bayern, Hamburger, Hessen, Sachsen, Brandenburger oder wer auch immer keine Berührung mit denen haben!

Lasst und hässlich sein füreinander! Und bunt! Und verschieden!

Hässlichkeit forever! München forever! Bochum forever! Boomer lives!

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