Expl0574: Daimler & Benz

Stellt euch eine Stadt vor ohne Autos! Und Parkplatz-Mangel! Ohne Strafzettel! Ohne stundenlange Staus auf der Fahrt nach Italien! Ohne 500.000 Verletzte im Straßenverkehr jedes Jahr! Stellt euch Stuttgart im Jahre 1885 vor! (Wiederholung der Sendung vom 24.10.2014)


Download der Episode hier.
Musik: „Live By The Code“ von Skulastic / CC BY-NC-SA 3.0


Stuttgart, 1885. Ein regnerischer Herbsttag. Feiner Nadelregen, Windböen. Die Strassen sind verstopft von fliegenden Händlern, Kutschen und Droschken. Zwei Männer gehen, wegen des Regens mit eiligem Schritt durch das Tohuwabohu.

Gottlieb Daimler ist ein hochgewachsener, stattlicher Mann mit grauem Bart und stattlich herausgeputzt. Ein Patriarch in der Blüte seines Lebens. Aber leider in Wirklichkeit ziemlich abgebrannt.

Carl Benz ist zehn Jahre jünger als sein Freund und trägt im Gesicht einen stattlichen Schnauzer. Auch er ist eigentlich nicht so gut bei Kohle, aber seine reiche Frau unterhält ihn. Zum einen mit einer aus einer Socke gebastelten Handpuppe namens „Berthold“ und zum anderen mit Geld.

Einmal die Woche treffen sich die beiden im „Kupfernen Rössle“ auf einen Schoppen Wein. Oder zwei. Oder drei. Sie nennen das ihren „Herrenabend“. Bertha und Emma, ihre Ehegattinen verwenden einen anderen Ausdruck, den zu erwähnen die Höflichkeit verbietet.

Auf dem Weg zur Eingangstür stolpert Carl auf dem regennassen Kopfsteinpflaster und landet in einem Haufen Pferdeäpfel. Er ist ziemlich aufgebracht.

Die beiden setzen sich an ihren Stammplatz, der Wirt hat schon Gläser und eine Karaffe hingestellt.
Während Carl sich auf dem Abort vom Pferdemist befreit, entzündet Gottlieb eine Zigarre.
Bald setzt sich der immer noch süsslich riechende Carl an den Tisch uns schimpft wie ein Rohrspatz.

Carl: Diese verdammten Pferde! Überall hinterlassen sie ihren Mist, ganz Stuttgart ist voll mit Misthaufen. Und wenn sie nicht gerade kleine Kinder tottrampeln, beissen sie einen hinterrücks! Und diese besoffenen Kutschenfahrer – man muss ja um sein Leben fürchten. Wenn man nicht wie ein Schachtelteufel in einen Hauseingang flüchtet, dann würden sie einen glatt überfahren.

Gottlieb: Jetzt beruhig’ Dich einmal! Du willst doch nur nicht zugeben, dass Du eine kindische Angst vor Pferden hast!

Sie stossen an und leeren ihr erstes Glas Wein auf einen Zug.

Carl: Natürlich habe ich Angst! Diese riesigen, hirnlosen Untiere! Man hat den Eindruck die Stadt gehört ihnen und wir haben die Ehre sie zu versorgen. Tonnenweise Stroh ranschaffen, die Strassen dauernd von ihrem stinkenden Kot befreien und die ganzen Ställe! Das könnte man doch für Wohnungen nützen!

Gottlieb: Du träumst doch!

Carl: So ist es doch! Das ist eine historische Fehlentwicklung! Vor ein Schiff spannt man doch auch keinen Walfisch, oder? Das kann aus eigener Kraft fahren! Du hast doch selbst das Motorboot erfunden!

Gottlieb: Und das Motorrad!

Plötzlich haben beide einen Geistesblitz. Sie schauen sich mit grossen Augen an. Sie nehmen beide ihr Glas Wein und trinken es, völlig synchron, auf einen Zug aus!

Dann rufen sie, wie aus einem Mund:
Wir bauen einen Motor in eine Kutsche!
Ein Wagen, der von selber fährt!
Eine Kutsche ohne Pferde!
Tod allen Pferden!

Bei „Eine Kutsche ohne Pferde“ wurden alle Gäste des Etablissements aufmerksam und die beiden Genies werden von allgemeinem Gelächter aus ihrem Eureka-Erlebnis gerissen!

Carl: Stell Dir das vor! Eine Stadt ohne Pferde! Ohne verhasste Pferde!

Gottlieb: Und ein Daimler vor jedem Haus – ‘was das Umsatz bringt!

Carl: Du meinst einen Benz?

Gottlieb: Einen Daimler-Benz, einverstanden?

Carl: Und dann noch ein Dach und Türen, damit man bei Regen nicht nass wird!

Gottlieb: Genau, das nennen wir Limousine. Ist natürlich viel teurer. Aber gut für den Umsatz.

Carl: Und natürlich Differentialgetriebe!

Gottlieb: Aschenbecher!

Carl: Wasserkühlung und Vergaser!

Gottlieb: Kofferraum!

Carl: Gangschaltung und Kupplung!

Gottlieb: Und ganz aus Metall und Stahl!

Carl: Die könnten bis zu 300 km/h fahren!

Gottlieb: Und sie wären echt teuer. Einen Jahresverdienst z.B. Riesenumsatz wäre das.

Beide brauchen nach diesem Ansturm von Ideen eine Atempause. Sie grübeln. Schnell werden die Nachteile ihrer Idee sichtbar.

Carl: Natürlich müsste man überall glatte Strassen bauen. Aus Asphalt. 3% Deutschlands sollte man schon zukleben um alle Ecken miteinander zu verbinden.

Gottlieb: Und natürlich wäre dann in den Städten kaum noch Platz zum Flanieren, es würde alles voller Autos stehen.

Carl: Ja, und wenn die Kutscher der Zukunft –

Gottlieb: Die Daimler-Fahrer!

Carl: Ja, wenn die Daimler-Benz-Fahrer der Zukunft bei den Geschwindigkeiten nicht aufpassen, dann gibt’s schnell Tote. Und Verletzte.

Gottlieb: Und es würde ziemlich stinken, wegen der Abgase. Gesund ist das nicht.

Carl: Ja, und der Wirkungsgrad unser beider Motoren ist eigentlich auch eher lächerlich.

Gottlieb: Ja, und die Autos wären schwer. Wahrscheinlich eine Tonne schwer. Nur um ein, zwei Menschen zu transportieren. Welch eine Energieverschwendung.

Carl: Und wenn alle Leute ein Auto haben, dann wir das Erdöl schnell ausgehen.

Gottlieb: Und dann braucht es Gesetze, und Ampeln und den ADAC und Parkhäuser und Daimler-Benz-Parteien. Und Strafzettel für Falschparken.

Carl: Wenn man darüber nachdenkt, ist es eine völlig unwirtschaftliche Idee.

Gottlieb: Ja, und eigentlich auch unsozial. Man sieht sich nicht mehr. Keiner redet mehr in Zug oder Tram, jeder sitzt in seinem Daimler-Benz.

Carl: Ja. War doch keine so tolle Idee.

Gottlieb: Nee, wenn man darüber nachdenkt. 3% der Fläche mit Teer verkleben – ‘was für ein Wahnsinn!

Carl: Ja. Und hunderttausende Verletzte pro Jahr. Und Tausende Tote.

Jetzt werden beide ein bisschen traurig. Sie leeren, wieder gleichzeitig, wieder auf einen Zug, ihr drittes Glas Wein. Stumm starren sie vor sich hin.

Gottlieb: So viel schöner Umsatz.

Vom Wein rührselig geworden, rollt eine einzelne Träne über die Honoratiorenbacke…
Draussen wiehert ein Pferd.

Carl: Diese Scheissviecher! In die Hölle mit diesen Pferden!
Gottlieb: Genau! Auf den Profit!

Sie stossen miteinander an und leeren ihr viertes Glas.
Es ist beschlossen! Das Auto wird erfunden!
Unter dam Absingen unanständiger Burschenschaftslieder torkeln die beiden nach Hause um ihren Frauen von der tollen Idee zu berichten.

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