Expl0576: Die Wikipedia

In Enzyklopädien kann man ganze verregnete Sonntage verbringen. Und dabei ist es gar nicht wichtig, ob die analog sind oder digital. Trotzdem hat sich die Wikipedia gegen die alten Klassiker – wie den Brockhaus – deutlich durchgesetzt.


Download der Episode hier.
Opener: „Wikipedia“ von sciencerevue
Closer: „I love wikipedia!!!!!!!!“ von Roman Empire clan
Musik: „Wikipedia, I Love You“ von Kaylee Brown


Die ältesten unter uns erinnern sich: Einst gab es eine Zeit, als es in unserer Gesellschaft nicht nur Menschen und Idioten gab, eine Zeit, in der noch nicht die Idioten wichtige Wahlen gewannen; eine Zeit, in der westliche Gesellschaften verschiedene Schichten ausgebildet hatten.

Eine Schicht war einst das sogenannte, mittlerweile ausgestorbene „Bildungsbürgertum“. Das waren Menschen mit einem höheren Bildungsgrad. Die wussten z.B., wie man eine Beethoven-Platte auflegte oder den „Osterspaziergang“ in der Goethe-Ausgabe fand und wie man Baden-Württemberg wirklich schreibt.

Diese faszinierenden Kreaturen Gottes besaßen oft und gerne sogenannte Enzyklopädien. Wertvolle Lexika, in Tierhaut eingebunden, mit zahlreichen, liebevollen Illustrationen und gekauft für eine uuunbeschreibliche Kohle. Deren Erwerb zog sich dann per Abo schon einmal über ein paar Jahre und jeder wußte: Kuck ‘ma, die Müllers! Die haben da für eine Schweinekohle den Brockhaus im Regal. Die müssen ja quasi auch selber schlau sein. Oder?

Der Brocki, wie ihn keiner liebevoll nannte, war ein Statusobjekt, klar. Und auch wichtig für den Familienfrieden, denn wo sonst konnte man wichtige bildungsbürgerliche Fragen letztgültig klären? Wie hieß Idi Amin mit Mädchennamen, wann ist Schopenhauer geboren worden und warum und – jetzt wird’s ernst – gibt es das Wort „Hagestolz“ wirklich? Weil, sonst hätte Papa beim Scrabble uns so ‘was von abgezogen…

Und so war das Verlegen dieser Luxuxdruckwerke zweihundert Jahre eine gmahte Wiesn für die Brockhäuser.

Scheinbar selbstgefällig und siegesgewiss, blickt man im Jahre 2005, eben am Geburtstagsfest, noch hochoptimistisch in die digitale Zukunft. Die zweibändige Festschrift schwärmt noch vom brockhausschen Geist als Pfeiler für die Zukunft.

Im August 2005 schimpfte noch der Brockhaus-Pressepsrecher auf die böse, kostenlose Wikipedia: „Das Einzige, was mich stört, ist, dass so getan wird, als ob das ein verlässliches Lexikon ist, und das ist es beileibe nicht. Brockhaus setzt auf Qualität, auf Fachredakteure, auf Fachautoren und wir haben ein System, was diese Qualität und diese Verlässlichkeit absolut absichert. So dass jeder, der aus dem Brockhaus zitiert, auch wirklich sicher sein kann, dass das, was er da zitiert, stimmt.“

Hach. Das ist eine so richtig schöne Behauptung. Diese Vorstellung findet man auch jetzt noch, 10 Jahre später, an einigen Fakultäten. Das klebt noch der aufklärerische Geist der frühen Enzyklopädisten aus der Renaissance wie Petersilie zwischen den Zähnen. Die Idee, es gäbe objektive Wahrheiten.

Im gleichen Jahr nahm sich der „Wissenschaftlichen Informationsdienst Köln“, 50 zufällig ausgesuchte Stichwörter und verglich sie in beiden Lexika bezüglich Richtigkeit, Vollständigkeit, Aktualität und Verständlichkeit. Beim Thema „Verständlichkeit“ ging der Punkt an Brockhaus. Die anderen drei Punkte gingen an die Wikipedia. 3:1

Die Nature selber verglich im gleichen Jahr die Encyclopdia Britannica mit der Wikipedia und wertete ihren Bereich – die Naturwissenschaften – als gleichwertig gut, verlässlich und richtig auf beiden Plattformen.

Diese Jubiläumsausgabe des Brockhaus, die 21. Auflage ist – bis heute – auch die letzte. Obwohl man ein Viertel des Budgets – 20 Millionen Mark – in die Werbung steckte und z.B. Vorzeigebildungsbürger Otto Sanders oder Marcel Reich-Ranicki abfilmte: Keine 10.000 Menschen mehr wollten die 30 Bände zum Jubiläumspreis von € 2937,- erwerben.

Ein Jahr später bereits, 2006, wurden alle Redakteure entlassen, Rechte wurden noch hin- und herverschachert, seit 2010 ist auch die Webseite tot und sogar das Remissionsrecht erloschen.

Im Jahre 2007 kam das iPhone auf die Welt, ein Telephon, das man smart taufte. Aber vor allem ein kleiner Computer für die Hosentasche, der überall ans Internet angebunden ist.
Also fast überall. Also, sein könnte. Also, außer in Deutschland…

Heute kann jeder, an fast allen Orten seine Siri, Cortana, Alexa oder sein „O.k. Google“ direkt fragen, wann wohl Donald Trump sein Amt antreten wird und das Gerät wird in Sekundenschnelle die richtige Antwort ausspucken: „Viel zu früh. Whiskey? Wo steht mein Whiskey?“

Bildungsbürger können also seit 2007 auch in Parks und Grünanlagen diskutieren und Scrabble spielen, soviel und wann immer sie wollen – der soziale Frieden ist dauerhaft gesichert.

Das Wissen der Menschheit sammelt sich tatsächlich irgendwie im Internet und ein wichtiger Ort ist und bleibt die Wikipedia. Gehasst und geliebt, aber praktisch unentbehrlich. Die deutschsprachige Version ist auch gleich die Nummer 2 weltweit, was die Nummer der Artikel betrifft, mit mittlerweile 2 Millionen davon. Der Brockhaus, in seiner letzten, der 21. Fassung, hatte im Vergleich dazu 300.0000 Stichwörter.

de.wikipedia.org ist mit ca. 20 Millionen Aufrufen täglich auch zumeist in den Top Five der meistbenutzten Webseiten in Deutschland und unter den 50 beliebtesten Angebote auf der Liste das einzige, das NICHT aus kommerziellen Gründen betrieben wird.

Eine der letzten Bastionen unserer alten Traums vom Internet quasi. Zur Verteidigung der Nummer Eins aller Webseiten – Google – muss man erwähnen, dass diese Suchmaschine der größte Einzelspender für die Wikipedia ist und jedes Jahr zwei Millionen beisteuert. (Vom Jahresumsatz von 60 Milliarden Dollar, hüstel…)

Es geht eigentlich nichts mehr ohne die Wikipedia. Kein Studium, keine Websuche, wahrscheinlich überhaupt wenige Berufe kommen ohne diese Seiten der Wikimedia Foundation Incorporated aus. Und vor allem auch nicht die oben aufgezählten digitalen Assistentinnen. Die mit den ganzen Frauenstimmen und den Frauennamen. Die greifen bei Fragen auf Wikipedia zurück und der User bemerkt das nicht einmal.

Und wie ist es jetzt mit den Bedenken der Bildungsbürger von anne dazumal? Also 2005. „Beim Brockhaus, da konnte man noch sicher sein, dass es stimmt, wenn man da etwas zitiert hat. Jawoll! Aber, bei der Wikipedia, da darf ja jeder reinschreiben, was er will – wie soll das eine verlässliche Quelle sein?“

Und dieses Argument, so verstaubt ich das hier auch vorspiele, ist nicht einmal so von der Hand zu weisen. Es gibt einen Grund, warum die meisten Unis es verbieten, dass Studenten aus der Wikipedia zitieren. Und das liegt vor allem daran, dass sich Artikel da halt wandeln können und auch wandeln werden – das ist ja die Stärke.

Interessanterweise ist es dann nach dem Studium nicht mehr ein sooo großes Problem. Letztes Jahr tauchten in mehr als 5000 Papern Zitate aus der Wikipedia auf – und das durchaus auch in peer reviewten Magazinen. Der Widerstand der akademischen Welt lässt also langsam – sehr langsam – nach.

Das liegt zum einen daran, dass da eben nicht „jeder reinschreiben kann“, was er will. Das kann man ja gerne jeder einmal versuchen. Da braucht man für seine Behauptung erst einmal eine Quelle. Und da sind in Deutschland 2 Millionen registrierte Nutzer am Aufpassen. Davon 6000 Menschen, die aktiv mitarbeiten. Von denen wiederum 3000 Sichter, ohne deren Stempel – deren Freigabe – erst einmal gar nichts online geht. Und darüber sitzen noch einmal über 250 Admins, die entstehende Diskussionen moderieren und schlichten.

Denn es wird viel diskutiert hinter den Seiten bei der Wikipedia. Die Zeiten haben sich geändert seit dem Brockhaus. Nicht nur im Bücherregal, auch in den Köpfen. Was richtig ist und was wahr ist, dass ist in unserer Gesellschaft kein monolithischer Block mehr, kein göttliches Gebot, keine unverrückbare Weisheit.

Wir haben aus der Geschichte gelernt, dass sich Wahrheit schnell ändern kann. Und dann Karl-Marx-Stadt – wie in meinem Diercke-Schulatlas – auf einmal Chemnitz heißt. Eine Tatsache, die, am Tag dieser Änderung, Lexikons-Redakteure in Osten und Westen wahrscheinlich komplett verschieden bewertet haben.

Die große Schwäche der Pracht-Enzyklopädien war, dass sie schon bei der Drucklegung im Prinzip inhaltlich veraltet waren. Weil es mittlerweile so viel Information gibt und weil die sich so schnell verändert.

Die große Stärke der Wikipedia ist, dass sie sich dauernd verändert und anpasst. Dass sie eben nicht so richtig akademisch zitierfähig ist. Noch nicht.

Denn die Wikipedia ist nicht wirklich ein Lexikon, nicht einmal eine Enzyklopädie. Sondern mehr eine Wissens-Datenbank. Wo Information nicht nur gesammelt ist, sondern auch verknüpft.

Und unter uns: Sie ist von all’ den großen Hoffnungen, die wir hatten, als das mit diesem „Neuland“ namens Internet losging, einige der wenigen, die sich nicht komplett vom adretten Dr. Jekyll zum gewalttätigen Mr. Hyde verwandelt haben.

In der Wikipedia zu surfen, die für jeden kostenlos ist und an der Millionen Menschen gemeinsam arbeiten, zum Wohle von allen und ohne kommerzielle Absichten: Das ist das einzige Gegenmittel zu Kommentarseiten auf Facebook, YouTube oder sogar Zeit online.

Danke, Wikipedia!