Expl0578: Norovirus

Meine letzte Begegnung mit dem Norovirus ist – ich habe gerade nachgerechnet – 21 Jahre her. Doch das bedeutet eigentlich nichts. Früher oder später wird mich der früher „Brechdurchfall“ genannte Erreger wieder erwischen. Darum hier ein paar Fakten zu diesem Scheißkerl!


Download der Episode hier.
Opener: „The Vomitorium“ von Hung Nguyen
Closer: „Norovirus; What You Need to Know“ von Tomas Cruise
Musik: „WC Zombies Act“ von MyLittleFuckinMonkey / CC BY-NC-SA 3.0


Rasend sei der Reporter, Milchreis schmeckt gut. Stets wachen Auges berichtet er über das Neueste vom Neuen, lange bevor jemand anderes daran auch nur einen Gedanken verschwendet. Täglich kämpft er gegen die grausame, weiße Leere des Papiers – oder des Word-Dokuments – und schafft nur anhand des Newstickers Meisterstücke der menschlichen Kommunikation. Wir legen hiermit in Anerkennung des Berufsstands fünf Schweigeminuten ein.

Oder doch nicht, denn in Wirklichkeit läuft der Hase ja anders. Da gibt es ja z.B. eine Schublade, in der Artikel rumliegen, die man schon ‘mal so auf Vorrat schreiben kann. Zum Beispiel kann man Nachrufe ganz gut vorbereiten. Kirk Douglas, Zsa Zsa Gabor oder Olivia de Havilland sind oder werden bald 100, da kann man schon einmal anfangen mit der Eulogie. „Älter als geschnitten Brot“ wäre ein historisch korrekter Aufhänger.

Und der Norovirus z.B. sucht uns jedes Jahr heim, da könnten vorausschauende Journalisten eigentlich an einem Weihnachtswochenende schon einmal Überschriften für die nächsten Jahre vorproduzieren, damit es nicht so langweilig wird wie dieses Jahr. Meine Vorschläge: „Noro: Ein Virus auf dem Durchmarsch!“ oder „Je dicker der Winter, desto dünner der Pfiff“ oder „Zur Wohnung gehört auch das Klo. Meine Erfahrungen mit dem Norovirus.“

Und was haben wir stattdessen gelesen 2016? Die Freie Presse behauptet: „Der Norovirus geht um“, der Zeitungsverlag Waiblingen meint eher: „Das Norovirus breitet sich aus“ und der MDR informiert, eher sachlich als poetisch: „Noroviren lösen Brechdurchfall aus“. Gott sei Dank weiß Spiegel Online, dass jedes Jahr 420.000 Menschen daran sterben und einige kleinere Blätter berichten von der drohenden Epidemie und dem Todesrisiko für Säuglinge und Rentner.

Alles in allem ist das aber als Ergebnis für 2016 echt Scheiße. Oder zum Kotzen, wahlweise. Und damit hätten wir dieses Wortspiel, das leider unvermeidlich war, auch aus dem Weg geräumt. Puh…

Der, die, das Norovirus ist natürlich Neuigkeiten-technisch gesehen ein Volontärsjob, denn er kehrt jedes Jahr im Winter wieder zu uns zurück. Und das schon länger als es überhaupt Zeitungen gibt. Wir wissen von seiner DNA, dass er – denn der Virus ist grammatikalisch ein Maskulin – viele Jahrhunderte alt ist.

Alles, was an den ganzen Meldungen einigermaßen neu ist, ist die Bezeichnung „Noro-Virus“. Wir Alten haben früher Brechdurchfall gesagt, oder Magen-Darm-Grippe, oder in Bayern und Österreich: Darm-Katarrh. Doch natürlich ist es korrekter und irgendwie cooler einfach „Noro“ zu sagen.

Wobei das nicht von einer kleinen Stadt in Japan kommt, wo Erbrechen überhaupt zum ersten Mal beobachtet wurde oder nach der chinesischen Prinzessin gleichen Namens, die als erste an Durchfall starb. Die Herkunft ist viel westlicher und weißer, denn das „NOR“ in Norovirus stammt vom kleinen Ort Norwalk in Ohio. (2)

Denn erst in modernen Zeiten machte man sich Gedanken, was diese alljährliche Kotzerei und Kackerei wohl verursachte Auf englisch nannte man das den „winter vomiting bug“. Und so sammelte man 1968 an einer schwer betroffenen Grundschule in eben Norwalk eine Menge Stuhlproben und… ach, ihr ahnt nicht, wieviele schlechte Wortspiele ich an dieser Stelle nicht ausspreche, stöhn… Äh, Stuhlproben. Und untersuchte die auf der Suche nach dem Erreger dieser sogenannten akuten Gastroenteritis. Und – zack, vier Jahre später – 1972 hatte man mit den modernen Elektronenmikroskopen den Bösewicht gefunden. Ein kleiner, unscharfer Ball von 0,0000039 Millimeter Größe in allen genommenen Proben: Der Norwalk-Virus war dokumentiert!

Dieser kleine Mistkerl ist einer der infektiösesten Viren, die wir kennen und einer der schnellsten auch noch. Daran kann man ihn auch ganz gut erkennen. Wenn es einem eben noch gut geht und dann auf einmal übel ist und man dann die nächsten beiden Tage auf dem Klo verbringt, dann ist es wahrscheinlich der Noro und nicht eine Lebensmittelvergiftung oder das Lesen der Kontoauszüge. Letztere haben ähnliche Symptome, aber noch kritischer.

Noro überträgt sich per Schmierinfektion. Das klingt nicht lecker, medizinisch korrekt heißt der Übertragungsweg fäkal-oral, was übersetzt noch viel, viel weniger lecker ist – wir lassen das mal so stehen.

Weil im schlimmsten Falle nur 10 Erreger reichen, kann man sich nur wirklich 100%ig schützen, indem man in der Winterzeit den Kontakt zu den Überträgern völlig unterbindet. Also zu Menschen. Und die Wohnung nicht verlässt. Man kann ja jetzt auch bei Rewe, Tengelmann und Co. online ordern. Praktisch, kann man gleich auf’m Klo sitzen bleiben. „Stellen Sie’s vor die Tür, Geld liegt abgezählt unter dem Fußabstreifer, danke!“

Das Zweitbeste ist häufiges Händewaschen. Und darauf achten, niemals die Hand zum Mund zu führen! Dabei übrigens viel Spaß: Wir fassen uns jedereiner durchschnittlich viermal in der Minute unbewusst ins Gesicht, das dient unserer Psyche als Selbstvergewisserung. Sagen die Haptik-Forschungslabors des Paul-Flechsig-Instituts für Hirnforschung in Leipzig zumindest.

Man liest über Noro Jahr für Jahr wieder, dass er immer schlimmer wird und immer gefährlicher und immer tödlicher und immer verbreiteter und außerdem Mundgeruch hat und die AfD wählt. Das ist alles nicht wahr. Wir hatten 2014 so viele Fälle wie 2006 und 2007 dafür dreimal soviele. Die Zahlen schwanken also stark, ein Trend lässt sich nicht erkennen.

An der Erkrankung sterben tatsächlich immer weniger Menschen, wir lernen die Krankheit immer besser kennen. Die medizinische Versorgung wird immer besser. In Deutschland stirbt einer von 200.000 Noro-Erkrankten. D.h. alle 2-3 Jahre stirbt eine deutscher Mitbürgerin, meistens ein sehr alter oder ein sehr junger. Alle anderen können den Flüssigkeitsverlust der Erkrankung rechtzeitig ausgleichen.

Das ist auch ein guter Hinweis auf die richtige Behandlung: Flüssigkeitsverlust ausgleichen. Im Bett rumliegen. Brühe schlürfen. Meine persönlichen Tipps: Auf einem Gummihuhn rumkauen. Schielen üben, Pi auswendig lernen. Das alles wirkt genauso gut wie alle handelsüblichen Medikamente. Antibiotika haben keine Wirkung, weil Noro ein Virus ist und keine Bakterie. Cola und Salzstangen – das Rezept meiner Mutter – ist wissenschaftlich gesehen nicht hilfreich, sondern sogar schädlich. Das war aber, neben geriebenem Apfel, für mich immer ein kleiner Lichtblick als Kind. Schnief…

Es hilft bei Noro in Wirklicheit nur, in rauher, Macho-Wissenschaftsmanier:
Zähne aushalten! Kopf steif! Ohren hoch! Durch tiefatmen!

Der Virus schlägt schnell zu, aber nach 48 Stunden ist dann , im statistischen Durchschnitt, auch alles wieder vorbei. Man kann sich nicht durch Impfung schützen, aber als Erwachsener erwirbt man immerhin ein paar Jahre Immunität mit jedem Durchgang, wie wir seit 2014 wissen.

Warum dieser buchstäbliche Scheißkerl mit Namen Noro uns bevorzugt im Winter heimsucht, ist Forschern übrigens ein Rätsel. Mit einer durch die Kälte geschwächten Immunabwehr hat es, entgegen landläufiger, gesunder Menschenverstandeskeit genau nichts zu tun, egal was das Schaufenster beim Apotheker auch behauptet. Die gängige Theorie besagt, dass der Virus leider ein wirklich widerstandsfähiges Bürschchen ist, dessen Kryptonit aber UV-Strahlung ist.

Noro ist ein gefährlicher kleiner Virus, superansteckend und superschnell. Es ist keine gute Nachricht, dass er rumhängt um vielleicht in Zukunft irgendwelche Pandemien zusammen mit anderen Viren auszuhecken. Aber in seiner momentanen Erscheinungsform muss man sich keine richtigen Sorgen machen und kann gelassen das meiste, was die Zeitungen über die Erkrankung schreiben ignorieren.

Also, dann gute Besserung. Schon mal vorab…

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