Expl0579: Westen. Osten. Kein Volk.

Und gleich gibt’s die nächste Sendung, die das Seelenleben der Ostdeutschen erforscht, während der MDR ostalgische Witze sendet. Es steht nicht so toll um die Wiedervereinigung. Das liegt nicht an falschen Hoffnungen oder Enttäuschung. Das liegt vor allem am Neoliberalismus.


Download der Episode hier.
Beitragsbild: CC BY-SA 3.0, Link
Opener: „DDR – Karl Eduard von Schnitzler – Der schwarze Kanal“ von Phillip Parche
Closer: „Paulaner Werbung Verarsche Ossi im Biergarten“ von JayPi77
Musik: „Erich kommt rein (2007)“ von Coehn&Foehrb / CC BY-SA 3.0


Kürzlich hörte ich einen gar heiteren Scherz aus dem Land der gelungenen Wiedervereinigung. Der geht so: „Wie nennt man es, wenn ein Wessi einem Ossi in die Fresse haut? Solidaritätszuschlag Ost.“

Nicht nur, dass mir der Humor der Pointe völlig entgeht – noch schlimmer, mir wurde erklärt, der Witz sei auch noch doppelbödig. Jetzt komm’ ich mir natürlich auch doppelt blödig vor.

Es ist kein so tolles Adventsthema, aber auch nach diesem Erlebnis frage ich mich wirklich, ob das alles sooo toll gelaufen ist mit der Wiedervereinigung. Ob das eine „Erfolgsgeschichte Deutschland“ ist, wie die CDU auf ihrer Website dichtet und sich gleich dabei die Lorbeeren selbst auf’s Haupt setzt. Denn es war ja Opa Kohl, für dem man sich jetzt eigentlich ein bisserl schämt, aber der war’s, der das quasi allein organisiert hat.

„Ein großer Europäer“ steht da auch. Na ja. Das stimmt ganz sicher. Eins-dreiundneunzig ist in Europa ab.so.lutes Spitzenmaß. Das sollen uns die Briten erst einmal nachmachen!

Aber es gibt da schon einige Dinge, die einen sehr ins Grübeln bringen. Es ist nicht nur der Fakt, dass ein nicht unbeträchtlicher Anteil Dresdner Bürger scheinbar den Boden der Demokratie verlassen hat. Und am Tag der Einheit der Kanzlerin vorwerfen, sie sei eine Landesverräterin. Und man selber sei das Volk. Anscheinend haben wir mindestens zwei Volks in Deutschland.

Die Pegida, so schreibt Volker Heise in der Frankfurter Rundschau, die Pegida ist die Rache der DDR an der Wiedervereinigung. Die ganzen Milliarden des „Aufbau Ost“, das würde man den Wessis nie verzeihen. Und die Wessis sicher auch nicht den Ossis.

Könnte es sein, dass so ein Phänomen wie die Pegida auch etwas zu tun haben mit einer nicht so richtig super gelaufenen Wiedervereinigung?

Das ganze Unternehmen BRD 2.0 hat deutlich sichtbare Schwachstellen in der Konstruktion. Und die liegen weder an verschiedenen Mentalitäten wie besserwisserischer Faulheit auf der einen oder fauler Besserwisserei auf der anderen Seite. Sondern daran, dass wir alle das Wiedervereinigen ohne Navigation begonnen haben. Bürger in Ost und West und die Politiker und unsere Partner in Europa und der ganzen Welt. Kein Wunder: So etwas war ja noch nie vorgekommen.

Und dabei hat man halt einige Fehler gemacht. Ging kaum anders.
Drei große, psychologische z.B. Meine ich. Und die Psychologie ist eben verdammt wichtig! Da wären also…

Erstens: Für die Wiedervereinigung von DDR und BRD gibt es keine Symbol. Kein Foto. Keine Geste. Zu keinem Zeitpunkt standen sich zwei Staatsmänner oder Staatsfrauen gegenüber und haben sich die Hand gereicht. Oder sind Politiker an einem denkwürdigen Ort aufeinander zugegangen. Checkpoint Charlie z.B. Oder man hätte sich gegenseitig irgendwohin eingeladen.

Als Symbolbild für die Wiedervereinigung verkauft man uns den 3. Oktober, diesen Balkon, ihr kennt alle das Foto. Der fette Kohl, der alte Brandt, der kahle Momper, Genschman und der Weizsäcker. Gnädig winkend. Und die Margot. Ach nee, sorry, wie hieß die noch einmal? Hannelore. Sorry, mein Fehler! Irgendwo, im Hintergrund, drückte sich auch noch Lothar de Maiziere herum. Ganz schlechtes Marketing!

Zweitens: Der Mythos von der maroden DDR. „Liebe Ossis, tut uns leid mit der freundlichen Übernahme, aber wenn wir das nicht gleich und schnell durchziehen, dann geht bei euch alles den Bach runter. Denn das ist alles SO marode und kaputt bei euch. Was habt ihr eigentlich so gemacht die letzten vierzig Jahre?“ So in der Art. Übrigens meist geäußert von den gleichen Leuten, die im Kalten Krieg noch stolz waren, dass die deutschen Sozialisten die fleißigsten Kommunisten sind und nicht sooo faul wie die Polen und Tschechen. Aber plötzlich war das alles nichts mehr wert.

Drittens: Die blühenden Landschaften. Klar, eine Wahlkampflüge. „Und ich bin davon überzeugt, dass wir in den nächsten drei bis vier Jahren in den neuen Bundesländern blühende Landschaften gestalten werden.“ Ist natürlich großer Quatsch, in Gegenden so ohne Großkonzerne, Industrie oder zeitgemäßer Forschung. Auf einen größeren Zeitraum gedacht wahrscheinlich nicht falsch, aber: Drei bis vier Jahre – das war unverschämt gelogen! Aber das wurde geglaubt.

Kurz zusammengefasst war der Kardinalfehler, dass man sich nie auf Augenhöhe gegenüberstand. Es war nicht wirklich der Ossi UND der Wessi, nicht ich UND Du. Nein, es war Trabbi gegen Golf, Caro gegen Marlboro und Nutoka gegen Nutella. Ostmark gegen D-Mark.

Und damit natürlich auch Kapitalismus gegen Sozialismus. Klar…

Wobei das nicht so ganz wichtig war, wie man denken mag. Denn 1989 und 1990, da war man noch durchaus bereit, die sozialistische Vergangenheit totalitär zu nennen. Da wurden dem westdeutschen Gast noch stolz die Gebäude gezeigt, aus denen man die Stasi vertrieben hat. Das, was wir Ostalgie nennen, das kam später. Wahrscheinlich erst ab frühestens 1992, als der MDR seinen Dauer-DDR-Gedenk-Sendebetrieb aufnahm.

Entscheidend ist, dass der Kapitalismus nach 1990 weltweit noch einmal einen gehörigen Zacken an Schärfe gewann. Jetzt, ohne ein eventuelles Gegenmodell, ohne jegliche Konkurrenz, jetzt konnte man endlich das letzte Deckmäntelchen des „Sozialen“ endgültig abwerfen.

Abschwiff: Wenn man sich nur vorstellt, dass eine der Ikonen der CDU, Ludwig Erhard, einst gesagt hat, man wolle die soziale Marktwirtschaft schaffen, als Mittelweg zwischen Sozialismus und Kapitalismus, dann kann man nur den Kopf schütteln. Mit dieser Einstellung hätte er im heutigen Bundestag nur bei einer Partei Platz. Bei den Linken! Die neoliberale Mehrheit in unserer Volksvertretung diskutiert derweil, ohne viel Aufheben in der Presse, die Privatisierung der Wasserversorgung.

Die psychologischen Fehler der Wiedervereinigung und der weltweite Vormarsch einer menschenverachtenden neoliberalen Agenda, die mit dem Kabinett des Donald Trump ihren abschließenden Triumph feiert, haben uns alle verändert. Ossis. Wessis.

Und sie haben für die jungen Bundesländer einen Imageschaden erzeugt, der immer noch nicht repariert ist. Eine Freundin von mir z.B. kommt aus Sachsen. Und die wird, wenn man sie vorstellt, immer noch mitleidvollen Blicks angeschaut. Bis hin zur Frage, wann sie es denn in den Westen geschafft hätte. Kein Scherz. Ihrer Tochter, die jetzt 23 Jahre alt ist, bestätigte der Deutschlehrer – Gymnasium natürlich, wo wir uns die wirklich schlechten Lehrer leisten – bestätigte dieser Besserwessi ihr also die „Gnade der späten Geburt.“ Weil eben gleich in die BRD geboren

Wir sind innerlich noch weit davon entfernt, wiedervereint zu sein. Ein „Volk“ zu sein, was immer das auch ist. Mir kommt es eher vor, als würde die Entfernung gerade wieder wachsen. Der Stundenlohn in den frischen Bundesländern ist immer noch fast fünf Euro niedriger als in den greisen Bundesländern.

Das, was als der große Erfolg der Wiedervereinigung gefeiert wird, das ist folgendes: „Uns geht’s gut! Wir sind Exportnation Nummer Eins! Boah, ey: Wir haben so’n fettes Bruttosozialprodukt. Und im Durchschnitt sind wir so voll reich! Was für eine Erfolg!“

Herr, vergib Ihnen, denn die Neoliberalen wissen nicht, was sie tun.

Liebe Hörer in den neuen Bundesländern! Wenn ihr das Gefühl habt, ihr werdet verarscht – dann habt ihr recht! Wenn ihr denkt, die Presse berichtet einseitig – dann habt ihr recht! Wenn ihr glaubt, ihr werdet ausgebeutet – dann habt ihr recht! Aber, nur schnell ‘mal erwähnt: Pegida ist scheiße. Denn die Flüchtlinge können dafür nichts. Und auch nicht die Kanzlerin. Und auch nicht die Wessis an und für sich.

Liebe Hörer in den veralteten Bundesländern! Wenn ihr das Gefühl habt, ihr werdet verarscht – dann habt ihr auch recht! Wenn ihr denkt, die Presse berichtet einseitig – dann habt ihr auch recht! Wenn ihr glaubt, ihr werdet ausgebeutet – dann habt ihr auch recht!

Denn unser gemeinsamer Gegner in Ost und West ist der Neoliberalismus. Die Entmachtung des Staats durch das Kapital. Der will gar nicht, dass wir ein Volk sind. Der will nur Konsumenten. Staat, das sind wir ‘mal gewesen. Wir alle. Ossis und Wessis.

Solange der Umsatz stimmt, ist dem Neoliberalismus die Psychologie egal. Die Seelenlage des Westdeutschen oder des Ostdeutschen – völlig wurst. Depressiv? Auch recht, Depressive kaufen mehr Schnaps!

Historisch gesehen ist die Wiedervereinigung tatsächlich eine tolle Sache und auch eine einmalige Leistung. Aber der eingebaute Neoliberalismus ist ein Baufehler in der neuen Bundesrepublik.
Von Anfang an. Und die Opfer sind wir alle, in Ost und West.