Expl0580: Killerjahr 2016

Mein Reflex, wenn ich die Nachricht vom Tod des nächsten Promis höre, ist ja immer: „Wie alt war diese Person?“ Denn manchmal sind die Besorgnis erregend nahe an meinem Alter. Aber waren es 2016 tatsächlich so viel mehr Tode als sonst?


Download der Episode hier.
Closer: “Monty Python Not Dead Yet clip” von Matthew Baugh
Musik: “St Patrick Day – Lord Mayo (irish traditional) (2012)” von SaReGaMa / CC BY-NC-ND 3.0


Hier ist Feldwebel Thomas an Bodenkontrolle!
Ich trete gerade durch die Tür,
Und ich schwebe auf sehr eigentümliche Weise!
Und die Sterne – sie sehen heute so sehr anders aus.

Denn hier sitze ich in einer Blechdose
Hoch, hoch über der Welt!
Der Planet Erde erscheint blau
Und es gibt nichts, was ich noch tun kann.”

Hallihallo!

Ich bin wieder da! Hurra! Hurra! Der Kobold mit dem roten Haar! Alle Gerüchte, ich würde schon nach 580 Sendungen das Handtuch werfen, waren übertrieben. Ha! Für das Riesenproblem mit der Baustelle und meiner kleinen schallundichten lauten, sauteuren Wohnung aus den Fifties habe ich nämlich auch eine Lösung gefunden. Ich werde umziehen. Diese Sendung nehme ich schon in Bobingen auf, im Keller vom Haus von meiner Freundin. Cool, oder? Das klappt sicher bald auch wieder gewohnt regelmäßig, denn ich habe für dieses Jahr einige richtig gute Ideen und Pläne für den Explikator.

Tja. Wie meinte Mark Twain am 2. Juni 1897 in einem Leserbrief im New York Journal: „Der Bericht über meinen Tod war stark übertrieben.“ Gilt für den Explikator, aber nicht für viele Prominente nach diesem Jahr 2016. Weil sie nämlich tot sind. Die ewigen Jagdgründe haben sie als Mitglied aufgenommen … Keine Spur Leben in ihnen … Sie sind abgeritten zu ihren Ahnen … Diese Promis sind Ex-Promis!

So viele tolle Menschen haben 2016 das Zeitliche gesegnet, dass man das Gefühl bekommt, das vergangene Jahr war besonders grausam und erbarmungslos. Als es gerade eben auch noch Debbie Reynolds, die Mutter von Carrie Fisher, erwischte ging ein Stöhnen durch das Internet: Jetzt hat 2016 noch jemand ermordet! Du verfluchtes Killerjahr, kennst Du den keine Gnade?

Und, ganz ehrlich gesagt: Mir kam das auch so vor. Begonnen hat die Sterberei in meiner Erinnerung ja mit David Bowie. Den vermisse ich auch jetzt noch sehr. Er hatte mich bisher verlässlich ein ganzes Leben begleitet. Ich habe jedes Album von ihm. Und finde auf jedem Album ein paar Song genial und ein paar Scheiße. Bowie halt.

Alan Rickman, der unvergleichliche, der deutsche Terrorist in meinem alljährlichen Weihnachtsfilm „Die Hard“, Nancy Reagan oder Johann Cruyff – der Holland 1974 beim WM-Finale in München mit 1:0 in Führung schoss. Wie? Klar, beim Fußball! Wo sonst?

Dann Prince, mein Musikheld aus den späten Achtzigern. Das war völlig unerwartet. Muhammed Ali, der übrigens starb, während ich zeitgleich, genau in seiner Todesstunde eine Dokumentation über sein Leben gesehen habe. Ein bisschen habe ich ein schlechtes Gewissen. Dass der Explikator-Fluch auch jenseits des Mikros wirkt, wer hätte das gedacht…

Walter Scheel, hoch auf dem gelben Wagen. Singender Präsident meiner Kindheit. Oder der geniale Gene Wilder, DER Willie Wonka oder Dr. Frankensteen oder Leopold Bloom. Ohne Wilder auch kein Mel Brooks.

Leonard Cohen, auch ein Held aus Jugendtagen. Der mir viele narzisstische, melancholische Tränchen der Pubertät getrocknet hat. Fidel Castro, auf dieser privaten Todesliste sicher die Person mit deren Tod man am ehesten gerechnet hat. Der für die Linken in meiner Jugend irgendwie einen freundlichen Orangen-Sozialismus geschaffen zu haben schienen schein. Oder so in der Art.

Und dann auch noch „Last Christmas“ George Michael, mit 53 Jahren verflucht nahe an meinem persönlichen Lebensalter. Das gruselt natürlich besonders. Obwohl ich ja mit seiner Musik, also, nicht wirklich, also eher so „Neeee“…

Debbie Reynolds Tod hat mich dann schon gar nicht mehr so richtig erschüttert. Auch wenn „Singing in the Rain“ das vielleicht beste Film-Musical aller Zeiten ist. Aber ich kannte sie eher aus den Büchern ihrer Tochter, der hochintelligenten und sehr, sehr lustigen Carrie Fisher. Bekannt als Prinzessin Leia aus den Star-Wars-Filmen. Und – ganz ehrlich zugegeben – mit dem Sklavenhalter-Bikini auch Zielpunkt meiner sexuellen Fantasie. 15 war ich da… Wollte ich noch zu meiner Verteidigung sagen.

Das war’s dann so für 2016. Ein Killerjahr, dass alle diese Menschen auf dem Gewissen hat. Also so im sprachlichen Sinne. Jahre töten ja in echt nicht selber, die lassen töten. Und bei allem „De mortuis nil nisi bonum” – einige der Damen und Herren haben durchaus einen aktiven Anteil an ihrem frühen Ableben. Das kann man nicht ernsthaft auf das Jahr schieben.

Carrie Fisher hat ja von ihren Süchten offen geredet, George Michael eher nicht, aber Kokain oder wie beim ehemaligen Wham-Star sogar Crack sind bekannterweise wirklich das Schlechteste, was man einem menschlichen Herzen so antun kann. Also dem Organ.

Dann wäre da, bei den Jungen, noch the Artist formerly known as Prince. Der starb an einer Überdosis eines Opiods namens Oxycodon, von dem er schon seit Jahren abhängig war. So ähnlich wie sein großer Konkurrent Michael Jackson war auch Prince Rogers Nelson der Meinung, er würde ohne Medikamente ständig Schmerzen leiden.

Das kann man jetzt natürlich nicht Selbstmord nennen, aber sooo besonders gnadenlos sind Drogentode nicht.

Dann bliebe noch die Frage offen, ob denn 2016 nun wirklich so ein Ausnahmejahr war, was dass Über-den-Jordan-Gehen betrifft. Das ist gar nicht so leicht zu recherchieren. Die Listen auf der Wikipedia verfügen eigentlich bei jedem der letzten Jahre über gleichbleibend so an die 300 Einträge.

Auf der anderen Seite kenne ich die meisten Leute da nicht. Anscheindend ist man für die Wikipedia prominent, wenn man auf der Wikipedia ist. Dasselbe Problem hatte anscheinend auch Greg Laden bei seinem Artikel “Is 2016 really killing more celebrities than other years did?” in den Science-Blogs.

Der wertete dort zusätzlich noch Fernsehzeitschriften und die Sterbemeldungen auf CNN aus. Und siehe da: Für Prominente, für Celebrities, f Stars war 2016 das beste Jahr zum Überleben seit langem. 2015 und 2014 waren viel grausamer und 2013 mit Abstand das grausamste Promi-Killerjahr der letzten Dekade.

Die Todesliste für 2017 auf der Wikipedia hat aktuell elf Einträge. Keiner dabei, den ich kenne übrigens. Es ist aber noch zu früh, um zu raten, wie das wohl so wird. Letzten Endes sterben nun halt die Helden meiner Kindheit und Jugend. Was daran liegt, dass die meisten nicht mehr so frisch sind wie z.B., sagen wir ‘mal, Keith Richards. Weil sie halt alt werden. Weil ich alt werde.

Bittere Wahrheit, aber besser alt leben als jung sterben, oder?

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