Expl0581: 10 Jahre iPhone

Mein Name ist Oliver Wunderlich und ich war ein iPhone-Junkie. Bis es mir mit der Version 7einfach zu teuer wurde. Trotzdem kann man sich nur wundern darüber, wie das iPhone unsere Welt in den letzten 10 Jahren verändert hat.


Download der Episode hier.
Opener: „Steve Jobs Introducing The iPhone At MacWorld 2007“ von superapple4ever
Closer: „The iPhone 7’s New Features Will Blow Your Mind“ von The Late Show with Stephen Colbert
Musik: „Shine Your Light (2014)“ von Robert Avellanet / CC BY-NC-SA 3.0


Als die Telefone mobil wurden, war ich sehr lange sehr skeptisch. Das gehört sich als Linksintellektueller, dass man technologischen Neuentwicklungen misstraut. Könnte ja alles vom Klassenfeind beabsichtigt sein. Eine neue Methode der Ausbeutung. Hm. Das sollte jetzt lächerlich klingen, aber wenn man so darüber nachdenkt…

Egal, 2006 war ich auf jeden Fall doch noch volle Kanne dabei und stolzer Besitzer des coolsten Handys überhaupt. Des berühmten Flipphones mit dem Namen Razr. Bei jedem Anruf kam ich mir vor wie Captain Kirk und war überglücklich.

Bis dann zum Januar 2007. Als Steve Jobs auf der MacWorld dieses neue Dings da vorstellte. Ein iPod, ein Telefon und ein Internet-Kommunikationsgerät. Das alles ist ein iPhone auch heute noch, aber die Prioritäten sind wohl eher genau andersrum. Manchmal erschrecke ich heute richtig, wenn mein Handy ‘mal klingelt. Das passiert mittlerweile richtig selten.

Man brauchte 2007 kein Visionär zu sein, um sofort zu wissen, dass dieses Ding, dieses iPhone, alles verändern würde. Es dauerte wegen der großen Nachfrage noch bis Oktober, bis ich mein erstes eigenes, persönliches iPhone besaß, aber schon nach ein paar Tagen war ich komplett abhängig.

Schnell stellte sich die Frage: Wie hat man eigentlich früher Meinungsverschiedenheiten beigelegt? Ohne Internet in der Hosentasche? Ist man dann gemeinsam, Hand in Hand, zur Bibliothek gegangen? Rätselhaft.

Schon im Oktober 2007 war der Erfolg so groß, dass man absehen konnte, dass bestimmte Dinge nun für immer aus unserem Leben verschwinden würden. MP3-Player z.B. Sogar Apples eigener iPod blieb in den Regalen liegen. Oder Digitalkameras, denn die Kameras in den iPhones wurden von Generation besser und besser. Oder Navis, Navigationssysteme für’s Auto, gerade noch ein Riesenmarkt mit Mordsumsätzen, dann schon wieder wech…

Wenn man es sich genau überlegt, dann hat das iPhone auch Datenträger wie CDs oder DVDs verdrängt, denn mit iTunes – was ziemlich unentbehrlich wurde – kamen Musik und bald auch Filme oder Serien per Download aus dem Internet direkt auf Phone, Tablet oder PC. On demand.

Jetzt, zehn Jahre nach dem iPhone, gibt es auf der Welt sieben Milliarden mobile Endgeräte mit Internetzugang, beinahe so viele wie Menschen. Der durchschnittliche Nordamerikaner oder Europäerin verbringt am Tag 3,5 Stunden vor diesen Handys, Tablets oder sonstwie tragbaren Rechnern. Alle 7 Minuten greift man – im Durchschnitt – zu dieser Hardware.

Man könnte durchaus behaupten, dass Smartphones nun eine Erweiterung unser selbst geworden sind. Ein Teil dessen, was es heißt, in unserer Zeit zu leben. Smartphones besitzt man nicht, die besitzen einen selber auch. Ist mehr eine Art Symbiose…

Das liegt auch daran, dass durch das iPhone auch ein völlig neuer Markt entstanden ist: Der für Apps. Denn 90% seiner Zeit verwendet der User eines Smartphones mit Apps. Bei Google stehen ihm dafür 1,8 Mio. Apps zur Verfügung, bei Apple 1,5.

Der Durchschnitts-App-Benutzer hat 36 dieser Dienstprogramme installiert, wovon er ein Viertel täglich nutzt und ein weiteres Viertel nach dem Installieren genau einmal. Und dann vergisst…

Apps zu verkaufen oder Dinge aus Apps heraus zu verkaufen ist ein Riesenmarkt geworden, alleine in den USA wurden damit letztes Jahr 50 Milliarden Dollar Gewinn erwirtschaftet. Deutlich mehr als die Filmindustrie.

Das liegt daran, dass Apps mittlerweile nicht einfach nur mobile Versionen von Desktop-Programmen sind. Klar gibt es auch Word oder Excel für das Handy – wer auch immer das benutzen will – aber es gibt Millionen Zeilen Software, die nur auf einem Mobilgerät Sinn macht.

Dass Facebook oder Twitter mittlerweile hauptsächlich mobil genutzt werden, ist keine Überraschung, oder? Aber Instagram, SnapChat, Tinder, Spotify oder WhatsApp haben nicht einmal mehr vollwertige Programme für den Desktop-PC daheim. Nur eine Website. Auch deshalb prognostizieren viele dem klassischen P.C. schon das baldige Aussterben.

Die Bank of America hat 2016 Millennials befragt, wie wichtig ihnen ihr Smartphone ist. Millennials sind Menschen zwischen 18 und 25 Jahren erreichtes Lebensalter.
96% gaben an, dass ihnen selbiges sehr wichtig ist. Für 93% wichtiger als ein Deodorant zu benutzen. Für 91% sogar wichtiger als die Zahnbürste – igitt – und für 60% immerhin wichtiger als Kaffee! Also, dass geht aber zu weit! Wer denkt sich bitte solche Fragen aus?

Keine Frage, das iPhone hat die Welt verändert. Für Optimisten natürlich zum Besseren. Man lebt jetzt sicherer, man verläuft sich nie mehr und Lehrer und Professoren können nicht einfach irgendeinen Scheiss behaupten. Von überall kann man sich ‘was kaufen. Man hat Kontakt mit weit entfernten Freunden. Das ist alles augenfällig.

Natürlich wären auch Dinge wie die Revolutionen in Ägypten oder Libyien ohne moderne Handykameras und Facebook nicht denkbar. Sowie Hashtags wie Aufschrei oder BlackLivesMatter auf Twitter durchaus massiv Einfluss auf die Politik nehmen. Der baldige amerikanische Präsident verwendet ja auch lieber Twitter als einen Pressesprecher…

Pessimisten fürchten dagegen um das Seelenheil der jungen Generation. Das dauernde Smartphonen macht dumm, so die Behauptung. Diese armen Seelen, die könnten schon gar nicht mehr normal telefonieren. Keine Karten mehr lesen oder sich überhaupt ohne Handy orientieren. Keiner hätte noch eine leserliche Handschrift oder könne einfachste Rechnung im Kopf bewältigen. Oder gar einen altmodischen Wecker stellen. Zivilisationskrüppel! Wegen des iPhones! Wegen Steve Jobs! Danke, Merkel!

Tatsächlich gibt es Entwicklungen in unserer Zivilisation, die bedenklich sind und mit dem mobilen Internet zu tun haben, denke ich. Fake News z.B. , oder unsere undurchdringlichen Filterbubbles oder aber allgemein die stark gesunkene Halbwertszeit von Nachrichten. Oder deren immer geringere Recherchetiefe. Oder gar der Sinn von Wahrheit per se in Zeiten von Facebook und Twitter. Aber das führt hier zu weit.

Mir macht ein bisschen Angst, dass ich mir mittlerweile oft nicht die Informationen merke, die ich gesucht habe, sondern den Speicherplatz im Internet, wo ich fündig geworden bin!

Ich bin mir sicher, dass meine iPhones und jetzt mein Samsung auf Dauer mein Gehirn verändern. Das ist ein mittlerweile auch vielfach belegter Fakt und nicht wirklich verwunderlich – alles, dem man so lange so viel Aufmerksamkeit widmet, verändert das Gehirn.

Trotzdem ein bisschen gruselig. Ich versuche jetzt, mein Smartphone auch regelmäßig ausgeschaltet zu haben. Nicht erreichbar zu sein. Mittlerweile komme ich auf 12 Stunden am Tag, an dem mein Handy an ist. Und 12 Stunden ist es aus. Cool, oder?

Doch, Schlafen gültet. Doch gültet wohl! Doch!