Expl0583: Scientology und Psychiatrie


München ist ja Hauptstadt der Bewegung. Der Scientology-Bewegung, deren Hauptquartier sich hier befindet, meine ich. Darum habe ich mich schon früher mit dieser „Kirche“ auseinandergesetzt. Ein besonderer Aspekt ist dabei ihr komplette Ablehnen von Psychiatrie und Psychologie.


Download der Episode hier.
Opener: „History of Psychiatry“ von bluegrl318
Closer: „Russell Brand Is Hurt Tom Cruise Didn’t Want Him For Scientology“ von Team Coco
Musik: „Psychiatric Rock (2008)“ von Fresh Body Shop / CC BY-NC-ND 3.0


Man kann ja viele lustige, einige bizarre und auch ein paar gruselige Sachen über die Scientology-Sekte erzählen. Lustig ist die Sache mit den Außerirdischen, die in uns wohnen und deren übermenschlichen Mächte man freisetzen kann. Mit sauteuren Kursen…

Bizarr ist es, einfache Kästen zur Messung des Hautwiderstands „Mark Super VII Quantum E-Meter“ zu nennen und für 7428 Euro zu verkaufen. Das ist, bei geschätzten Produktionskosten von 100 Euro eine Gewinnspanne, die noch besser ist als beim iPhone 7 – und die ist schon unverschämt genug.

Gruselig an dieser Bewegung ist aber ihr Kampf gegen die Psychiatrie und gegen die Psychologie. Scientology schreibt sich Wissenschaft zwar auf die Fahne, vertritt aber massiv anti-wissenschaftliche Ansichten, was eben speziell an diesem Punkt so richtig schön überdeutlich wird.

Wichtig für die Anti-Psychiatrie-Propagandamaschine ist in den USA die „Citizens Commission on Human Rights“ oder CCHR. Dieser „Bürgerausschuss für Menschenrechte“ wurde gegründet von Thomas Szasz, seines Zeichens ehemaliger Professor für… Psychiatrie. Ach ja, und von der Scientology-Kirche natürlich auch.

Die deutsche Schwester dieses Scheinvereins heißt „Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte“. Eingetragen beim Amtsgericht München seit 1973. Sie, die Kommission will, laut Satzung, „die Menschenrechte gegen Missbräuche durch die Psychiatrie und verwandte Gebiete sichern.“

In den USA betreiben die Scientologen ein richtiges Museum in Los Angeles, indem man ihre Dauerausstellung „Psychiatry: An Industry of Death“ bewundern kann. In Europa agiert man durchaus sensibler. Da trägt eine immer wieder auftauchende Wanderausstellung ähnlichen Inhalts z.B. vorsichtig den fragenden Titel: „Psychiatrie – Hilfe oder Tod?“ (süßlich) Das ist ja erst einmal nur eine Frage, stimmt’s?

Eben. Nur eine Frage. Und darum IST es eben so markerschütternd, dass Psychiater an den sogenannten School Shootings in den USA schuld sind. Das wissen nur wenige, aber Ritalin und Co. machen aus unseren Kindern gewaltbereite Terroristen. 35 Shootings zählt der Film „Psychiatry: An Industry of Death“ auf und alle diese jugendlichen Shooter hätten Drogen von Psychiatern verschrieben bekommen. Also z.B. Prozac, Xanax, Zoloft oder Mittel gegen ADHS. Wenn das kein Beweis ist!

Das ist eine so oft und laut geäußerte Meinung, dass sich einige ernsthafte Wissenschaftler dieser Frage gewidmet haben. Tatsächlich ist die jährliche Rate an Morden von Menschen, die wegen Psychosen behandelt werden 1: 10.000 Der Anteil an Menschen, die Gewalttaten begehen und bereist mit einer psychischen Erkrankung diagnostiziert wurden, liegt bei 5-10%. In den allermeisten Fällen waren das Personen, die eben gerade NICHT behandelt wurden oder aber zusätzlich zur Verschreibung noch andere Substanzen konsumiert haben.

Aber die Psychiater, von Scientologen abfällig nur „Psychs“ genannt, sind noch an viel mehr schuld. Zum Beispiel an… Ach, fangen wir doch volle Kanne an! Am Holocaust. Punnkt. Die Shoah. Geplant von Psychiatern und Psychologen. Und dieses Argument ist trotzdem ein bisschen schwieriger zu beantworten. Zitiert wird hier meist Sir Francis Galton, Wissenschaftler und einer der Großväter der Eugenik.

Das ist, kurz gesagt, die Idee, bestimmte Vorstellungen, die mit Darwins Theorien populär wurden, auf die Population anzuwenden. Das Schwache muss weg, damit das Starke überleben kann. Survival of the Fittescht, wie die Prenzelschwäbin das nennt. Aber leider auch Gedankengut, dass sich genauso bei den Nazis finden lässt. Die Psychiater und Psychologen hätten somit Hitler und Konsorten quasi eine wissenschaftliche Rechtfertigung gegeben. Und damit den Grundstein für die Shoah gelegt.

Tatsächlich ist die Eugenik und die Position einiger wichtiger Psychiater oder Psychologen im Dritten Reich kein Ruhmesblatt für Deutschland. Oder für die Wissenschaft an sich. Da sollte man auch durchaus noch einmal genauer hinkucken.

Aber. Natürlich ging es den Nazis nicht um die seelische Gesundheit ihrer Bevölkerung! die war ihnen völlig egal! Die allermeisten Toten der Vernichtungsmaschinerie Himmlers waren nicht Geisteskranke, sondern Juden, Sinti und Roma. Psychiatrie steht nirgends in der Nazi-Agenda, sondern Rassismus. Ach, nebenbei erwähnt: Sir Francis Galton ist weder Psychiater noch Psychologe, sondern Geologe. Nur am Rande.

Aber, wenn wir schon bei Rassismus sind: Auch daran sind die Psychos schuld, wer hätte das gedacht? Das fängt in der Schule an. Die Kinder von Nicht-Weißen würden da schon viel häufiger mit Lernbehinderungen diagnostiziert und mit Psychopharmaka behandelt. Hört aber da nicht auf, auch die Diagnose „Schizophrenie“ würde öfter Nicht-Kaukasiern gestellt. Weil Psychiater diese Minderheiten eben für unwerter halten.

Diese Theorie hat einen großen Haken: Statistisch gesehen ist das einfach die komplette Unwahrheit. In Wirklichkeit ist eher das Gegenteil der Fall. Und auch das wiederum ist nicht rassisch bedingt, sondern hat etwas mit den Einkommensverhältnissen zu tun. Psychopharmaka kosten viel Geld.

Zum Thema Rassismus sollte man auch nicht die Schreiben von Sektengründer L. Ron Hubbard vergessen, der sich in den Sechzigern der Apartheids-Regierung in Südafrika angebiedert hat. Mit seinen Leuten und einem Haufen E-Metern – siehe oben – könne man potenzielle schwarze Aufständische schon vorher genau erkennen. Und dann am besten gleich exekutieren. (Für etwas, dass sie noch gar nicht getan haben.)

Psychiater und Psychologen haben übrigens auch mit voller Absicht Marylin Monroe und Kurt Cobain umgebracht. Deren Kreativität hätte sonst zu viele Menschen geweckt und unabhängig gemacht. Darum wurden sie mit Psychopharmaka beseitigt.

Psychiater und Psychologen sind Terroristen und versauen die Seelen von 80% aller Menschen in der westlichen Welt. Sie entführen Kinder auf offener Straße, aber auch Erwachsene, um sie im Namen der Wissenschaft mit Drogen und Elektroschocks und Lobotomie zu foltern.

Psychiater und Psychologen sind auch am 9. September schuld. Nine-Eleven. Die Twin-Towers mit Passagierflugzeugen anzugreifen ist – natürlich – der Plan eines Psychiaters. Nein, nicht Osama Bin Laden, sondern dessen Mentor. Der Mann im Hintergrund, der alle Fäden in der Hand hält. Der Psychiater Ayman al-Zawahiri! (dramatic)
Na ja. Hüstel. Der ist sogar tatsächlich Arzt. Aber halt Chirurg. Augenchirurg, um genau zu sein. Aber auch ein gaaanz schlimmer Haufen, diese Augenchirurgen, üble Bande!

Die Scientologen sind der Meinung, dass es psychische Krankheiten nicht gibt. Im Gegensatz zu körperlichen Erkrankungen, die ja jeder sehen oder hören oder fühlen kann, gibt es keinerlei Nachweis für psychische Erkrankungen. Kein Blutbild als Beleg, kein Hirnscan oder keine genetischen Ursachen – wie unwissenschaftlich ist das denn? (Das ist vor allem eines: Nicht wahr. Klar gibt es genetische Prävalenzen, klar sieht man Depression im Hirnscan oder kann einen Serotonin-Mangel im Blutbild sehen.)

Die Psychos haben sich das nur ausgedacht, mit den Geisteskrankheiten. Um die Menschheit zu kontrollieren. Zu verblöden. Uns alle zu versklaven. Wie in L.Ron Hubbards Science-Fiction-Epos „Battlefield Earth“, wo die bösen Catrists – psychiatrist, Nachtigall, ick hör Dir trapsen – die sich für Spezialisten für seelische Gesundheit ausgeben — die unschuldige Rasse der Psychlos komplett verdummt haben.

Psychopharmaka haben drüber hinnaus keine Wirkung und verdecken nur die wahren Probleme. Und die kann man nur bekämpfen und beeinflussen, wenn man eben die Methoden der Scientologen anwendet. Mit einem E-Meter im Gespräch mit einem dafür ausgebildeten Scientologen, einem sogenannten Auditor.

Denn wir Menschen speichern jegliche schlechte Erfahrung im Gehirn als Engram ab. So ein Engram ist eine physisch erkennbare Veränderung des Gehirns. Engram-Zellen haben sogar quasi ein eigenes Bewusstsein und führen einmal gemachte schlechte Erfahrungen im Hirn immer wieder auf, bis man dann ein unfreies, von Angst beherrschtes Leben führt.

Nur durch die Behandlung eines Scientologen, nur durch die Dianetik und nur durch das Bezahlen teurer Kurse kann man also seelische Heilung erfahren.

Der Hass der Scientology auf die Psychiatrie und Psychologie – und es ist Hass – erklärt sich also ganz simpel : Es ist nichts anderes als Propaganda. Gegen ein Konkurrenzunternehmen – gegen diese Psychs.

Vielleicht hat das aber auch andere Gründe. Persönliche Gründe aus dem Leben des Sektengründers vielleicht? 1951 hatte Hubbard aktenkundig seine zweite Frau Sara Hubbard entführt – sie war auf der Flucht von ihm. Danach reichte sie endgültig die Scheidung ein. Wegen extremer Grausamkeit, dem Zufügen großen seelischen Schmerzes und zahlreicher körperlichen Leidenserfahrungen. Sie sei nicht nur entführt worden, sondern auch gefesselt und gefoltert und im Rahmen ominöser wissenschaftlicher Experimente gar gewürgt und geschlagen.

Vorwürfe, die nicht nur Hubbards erste Frau so ähnlich bestätigte, dem Schreiben lagen auch Gutachten von Psychiatern bei, die Hubbard mit paranoider Schizophrenie ferndiagnosizierten und dem Gericht die Einweisung in eine geschlossene Anstalt empfahlen.

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt begann Hubbard so langsam seinen Hass auf die moderne Psychiatrie zu entwickeln. Coincidence? I think not.

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