Expl0585: Clara Bow


Die Crazy Twenties würde ich ja auch gerne ‘mal besuchen. Da gab es ja diese Frauenmode mit dem Bubikopf, den kurzen Kleidern und dem Charleston. So ungefähr. Die nannte man im Original „Flappers“. Und die berühmteste war Clara Bow. Bis Hollywood sie aus der Filmgeschichte heraus operierte.


Download der Episode hier.
Opener: „Singin’ in the Rain (3/8) Movie CLIP“ von Movieclips
Closer: „Silent Hollywood Clara Bow “The It Girl” von The Theatre of the Mind
Musik: „Samba Pa Ti ( Samba for you )“ von Saimon Fedeli / CC BY-ND 3.0


Zum amerikanischen Traum gehört ja diese Geschichte, dass man es – durch harte Arbeit und eisernen Willen – vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen kann. Wir müssen nur wollen, müssen nur wollen. In meinem Bekanntenkreis befindet sich niemand, der das sooo erlebt hätte. Die Millionäre, die ich kenne und die gibt’s, die haben einfach von ihren Elten ein Haus geerbt. Das reicht in München.

Aber: Es wäre auch nicht richtig, wenn man sagen würde, dass es solche Geschichten überhaupt nicht gibt. Überhaupt nie gab. Und natürlich gab es die auch gehäuft in Amerika. Wo einfach jeder bei Null anfangen musste und wo gleich mehrere neue Industrien erfunden wurden.

Die Geschichte der Clara Bow, die ist so ein Märchen. Ich kenne eigentlich keine andere Biografie, wo ein Mensch so eine maximale Fallhöhe erreichte und dann auch wirklich gefallen ist. So tief gefallen, dass ihr Name auch heute noch vergessen ist. Ihr kennt jetzt die Dramaturgie dieser Sendung schon einmal vorab.

Aber diese Tellerwäschermärchen, die erzählt man ja immer von vorne. Das wäre dann der 29. Juli 1905. Brooklyn. Da lebt eine schizophrene Frau, Sarah, die sich mit gelegentlicher Prostitution über Wasser hält, wenn entweder der Alkohol oder das Essen ausgeht. Als an eben diesem Julitag die kleine Clara geboren wird, ist ihre Mutter richtig erleichtert, dass das kleine Wesen nicht atmet.

Das wird auch ihren Vater freuen, der chronisch pleite ist und wegen seiner Sauferei keinen Job halten kann. Bis das kleine Baby halt doch zu schreien anfängt… Es spricht Bände, dass sie ihrer Tochter diese Geschichte überhaupt erzählt hat.

Aber erstaunlicherweise schaffen es Kinder, auch ohne Liebe groß zu werden. So wie Clara. Geschlagen, getreten, regelmäßig vom eigenen Vater vergewaltigt, wird sie trotzdem groß. In ärmsten Verhältnissen. Und mehr wie ein Junge als wie ein Mädchen, denn wegen ihrer Lumpen und ihrem gekonnten rechten Haken wollten die anderen Mädchen nicht so richtig mit ihr imaginäre Teekränzchen feiern.

Als ihre geisteskranke Mutter erfährt, dass sich die junge Clara bewirbt, um Schauspielerin zu werden, beschließt sie, ihrer Tochter des Nachtens mit einem Küchenmesser den Kopf vom Rumpfe zu trennen. Was ihr aber, wegen besagten rechten Hakens, nicht gelingt.

Dann wird unsere Heldin für den Film entdeckt… Aber irgendwie auch nicht. Es beginnt jetzt nicht sofort eine steile Karriere, Clara muss sich – ohne Agenten, ohne Mentor, ohne Geld, ohne Sedcard – selbst die Füße wundlaufen, um Engagements zu bekommen.

Ist nicht leicht für eine junge Frau aus Brooklyn mit einem Dialekt, der ihre Herkunft sofort verrät. Klingt für uns erst einmal komisch. Aber mit ausgewachsenem Baierisch, Sächsisch oder Platt wird man ja auch nicht so eben mal zur neuen Veronika Ferres, kann man sich ja vorstellen.

„Spotzerl, jetzat, wo die glumperten Bomber die ganze Stodt kaputtschlogn duan, da missn mia fei glei die kloana Fratzn, die siassn Kinda ausm Bunker retten. Kimmst? De Musik im Hintergrund fangt scho an, jetzat reiss Di zamm, Heino Ferch!“

Die Karriere zieht sich also dahin. Auch weil sich Clara weigert, einen Vertrag mit morality clauses zu unterschreiben. Also Klauseln, die sie zum anständigen und wohlfeilen moralischen Verhalten verpflichten würden – nach Fatty Arbuckle war man in Hollywood vorsichtig.

Kurz zur Orientierung: 1921 war die Episode mit dem Kopf-Abschneiden, 1927 erst kommt der ganz große Erfolg.

Clara hat mittlerweile eine Menge, Menge Filme gedreht und sie wurde als das „hottest Jazz-baby“ in Hollywood gehandelt. Denn ihr ausgeprägter Dialekt spielte beim Film ja noch keine Rolle: Noch waren Filme nicht nur in Schwarz und Weiß, sondern auch ohne Ton. Mit Musik und mit Explikator. Nebenbei erwähnt.

Elinor Glyn wäre dann noch so ein vergessener Name Hollywoods, aber in den Zwanzigern war sie eine der erfolgreichsten Autorinnen Amerikas. Und die hatte sich in den Kopf gesetzt, ihren Erfolgsroman „It“ selber für’s Kino umzusetzen.

„It“, das ist das magische Etwas, das man entweder hat oder man hat es nicht. Eine Mischung aus natürlicher Schönheit, einer faszinierenden Persönlichkeit und einer erotischen Ausstrahlung. Denke ich ‘mal. Stelle ich mir so vor. Auf meinem Planeten gibt’s das irgendwie nicht. Ist halt ‘ne Idee.

Und Elinor Glyn, die wählte unsere tapfere Clara für die Hauptrolle. Für die Rolle des „It-Girls“. Für das Flapper-Girl schlechthin.

Flappers, Flatterhafte könnte man das altmodisch übersetzen, das war in den Zwanzigern ein ganz neuer Typ Frau.

Kurze Röcke, kurze Haare, der Busen weggebunden. Die rauchten glatt Zigaretten und die tranken Alkohol, trotz der Prohibition! Die hörten Jazzmusik und schwärmten für Rudolfo Valentino. Den latin lover – der leidenschaftliche Liebhaber.

Die hatten eine ganz gehörige Portion Selbstbewusstsein und wechselten ihre Liebhaber, wie sie nur wollten. Es waren diese It-Girls, die das Wort „Petting“ überhaupt erst erfunden und diese ungefährlichere Art von Sex auch praktizierten. Und zwar mit wem sie wollten.

Und das Flapper-Girl schlechthin für Hollywood, das war Clara Bow. Nicht unbedingt nur, weil sie sich so natürlich und selbstverständlich vor der Kamera bewegen konnte. So eine gute, so eine moderne Schauspielerin war. Sondern auch, weil sie diesen Lebensstil selber praktizierte.

Der Film wurde ein unglaublicher Erfolg und Clara für dieses Jahr, für 1927, zum größten lebenden Sexsymbol Amerikas. “Sie ist das Mädchen des Jahres”, schrieb beispielsweise F. Scott Fitzgerald, “aber auch ein reelles Wesen, dazu auserwählt, den Puls einer gesamten Nation zu beschleunigen.”

Obwohl sie den Studios also ordentlich viel Geld verdiente, blieb Clara Bow aber eine Einzelgängerin. Sie kam besser mit der Crew zurecht, den Kameraleuten, Beleuchtern oder Kabelträgern und den Sekretärinnen als mit ihren affektierten Schauspielerkollegen.

Keiner mochte das Arbeiterkind aus Brooklyn wirklich und es gehörte sich nicht, mit ihr Umgang zu pflegen. Denn: War man berühmt, dann hatte man sich aristokratisch zu geben. Auch wenn eine Mary Pickford oder Louise Brooks hinter dieser Fassade eben auch nicht lebten wie Klosterschülerinnen.

Und darum geht die Geschichte so weiter, wie diese Geschichte weitergehen muss. Ihre Sekretärin, ihre beste Freundin Daisy hatte Clara um einen Haufen Geld beschissen und landete nach einem Gerichtsverfahren ein Jahr hinter Gittern. Von wo aus sie eine Schmier- und Hetzkampagne veranstaltete, die noch heute ekelhaft riecht.

Clara, so berichtet diese ominöse Daisy, habe Sex: a) in der Öffentlichkeit b) mit dem gesamten Footballteam der USC. In einer Nacht c) mit bezahlten Gigolos d) mit Prostituierten und e) am liebsten mit Tieren. Kann sich jetzt jeder selber ankreuzen, was ihn besonders verstört.

Und dann kam da noch ein Problem: Der Tonfilm war da. Jetzt. Basta. Ab Ende 1927 gab es, von heute auf morgen, quasi keinen Stummfilm mehr. Und damit war ihr Akzent auf einmal wieder ein Problem.

Und das Mikrofon. Auf einmal konnte sie nicht mehr unverkrampft spielen, sondern sie musste aufpassen, dass sie auch brav in das irgendwo im Bühnenbild versteckte Mikro sprach. Das kostete sie den letzten Nerv. Sie brauchte unzählige Takes und fand alles, was sie von sich sehen und eben hören konnte, unerträglich. Sie wurde eine komplizierte Diva. Wegen der Mikrofone. Das war nicht ihre Art, zu spielen. Diese Selbstkontrolle, die man für das Mikro eben brauchte.

Dieser zweite Film von 1927, ihr erster Tonfilm, war „Wings“. Trotzdem ein großer Erfolg. Immerhin der allererste Film der überhaupt einen Oscar gewann, aber für Clara war diese veränderte Arbeit nicht mehr möglich. Das entsprach ihr nicht. Man musste sich verstellen. Und das genau war das, was sie nicht konnte.

Verstört zog sie sich auf ihre Ranch in Nevada zurück. Sie ehelichte ganz brav einen Gatten und gebar ganz brav zwei Kinder. Über deren Atmen sie sich wahrscheinlich besonders gefreut hat.

Wo sie aber auch depressiv wurde und letztlich versuchte, ihr Leben zu beenden. Die Diagnose lautete, wie auch bei ihrer Mutter, Schizophrenie. Clara Bow starb 1965, völlig alleine und völlig vergessen. Aus der Filmgeschichte gestrichen. Und sogar verspottet.

Im Film „Singin’ in the Rain“ gibt es diese Stummfilmdiva mit dem Namen Lana Lamont. Die einfach nicht kapiert, dass sie in den Busch reden muss, weil da eben, verdammt noch einmal, das Mikrofon versteckt ist. Das ist genau die Szene aus dem Opener. Diese Lamont, die sich so affektiert verhält und noch dazu einen breiten New Yorker Akzent spricht – damit gemeint ist natürlich Clara Bow.

Hollywood hat sich viel Mühe gegeben, das allererste It-Girl, das größte It-Girl, das Flapper Girl par excellence, das heißeste Jazz-Baby, die selbstbewusste junge Frau völlig aus seinen Annalen zu retuschieren.

Das kleine Arbeitermädchen, dass nicht einmal die eigene Mutter gewollt hatte und das sich seinen Erfolg tatsächlich Schritt für Schritt ertrotzt hatte.