Expl0587: Sankt Buddha


Eine Geschichte, die weiter erzählt werden soll, muss einfach eines sein: Gut. Dann ist es uns Menschen wurst, aus welcher Kultur oder Religion sie kommt. Das passen wir uns schon an. Weshalb auch „Josaphat“ eine Art christlicher Heiliger ist. Obwohl er ja eigentlich Buddha ist…


Download der Episode hier.
Opener & Closer: „Church For People Who Are “Spiritual, But Not Religious“ von CollegeHumor
Musik: „Today (2016)“ von Ay – 14ice / CC BY-NC-ND 3.0


Wir erzählen uns seit den frühen Lagerfeuern ja mit Begeisterungen Geschichten. Und gute Geschichten können auch ganz schön rumkommen in der Welt. Von einem Land ins andere, von einer Kultur in die andere und: Von einer Religion in die andere.

So eben auch diese. Am besten ich erzähle sie erst einmal. Wir gehen ja immer davon aus, dass hauptsächlich zwei Apostel die ganze christliche Missionsarbeit getan haben. Peter und Paul, Petrus und Paulus. Doch auch der Apostel Thomas hatte sich auf die Socken gemacht und hat in Indien eine eigene christliche Kirche begründet.

Und tatsächlich waren die Portugiesen nicht schlecht verwundert, diese Christen dort zu treffen, die sich auf gleiche Art auf Legenden von Thomas berufen, wie die katholische Kirche eben auf Petrus. Tatsächlich sind diese Thomaschristen wahrscheinlich sogar die ältere Kirche und es gibt immer noch sieben Millionen davon.

Im dritten Jahrhundert also war das Christentum in Indien auf dem Vormarsch. Zur Geschichte aber: Das eben besorgte den großen König Abenner. Denn bei der Geburt seines ersten Sohnes wurde vorhergesagt, dass dieser ein bedeutender Christ werden würde. Das galt es zu vermeiden.

Und so errichtete Abenner einen großen Zaun um den Palast und sorgte dafür, dass sein Sohn Josaphat diesen nie verlassen könne. Wenn er nicht rauskommt und das Leiden in der Welt nie kennenlernt, dann würde sich die Prophezeiung nie erfüllen.

Doch bei einem Ausritt geschieht das unvermeidliche. Josaphat begegnet einem sterbenden Menschen, einem blinden Menschen und einem Greis. Jetzt fehlt noch der Mönch. Das ist Barlaam, der von Gott den Auftrag bekommt, zu Josaphat zu eilen, um dessen drängende Fragen zur Vergänglichkeit zu beantworten.

Als Kaufmann verkleidet, schmuggelt sich der Einsiedlermönch ein. Er erzählt eine ganze Reihe von wunderschönen Parabeln – das eigentliche Herzstück dieser Geschichte – und bekehrt Josaphat. Sein Vater, König Abenner, ergreift seine letzte Chance und versucht seinen Sohn jetzt mit weltlichen Genüssen zu verführen. Ihr wisst schon, Wein, Weib, Gesang, Netflix und frischem Popcorn. Süß, mit Butter. Stelle ich mir so vor…

Doch es ist zu spät. Josaphat weist alles von sich und beginnt selber ein asketisches Mönchsleben zu führen und die Menschen zum Christentum zu bekehren. Am Ende wird er auch seinen Vater überzeugt haben und mit seinem Lehrmeister in der Wüste leben, wo er satt und zufrieden – man könnte auch erleuchtet sagen – verstirbt.

Heute springt es einen an: Josaphat ist ja Buddha! Das ist die Buddhageschichte mit einem spärlichen christlichen Deckmäntelchen.

Tatsächlich sollte diese Geschichte eine der beliebtesten des Mittelalters werden und die verwendeten Parabeln zum Stoff vieler Predigten. Sowohl Barlaam als auch Josaphat sind noch heute Quasi-Heilige, nicht nur in der orthodoxen Kirche, auch in der katholischen. (D.h. nicht offiziell kanonisiert, aber mit festen Feiertagen.) Oder, naja: Josaphat steht seit 1590 im „Martyrologium Romanum“, also doch ein Heiliger.

Noch Heinrich Heine schreibt in seiner „Romantischen Schule“: „Die Blüte der heiligen Dichtkunst im deutschen Mittelalter ist vielleicht »Barlaam und Josaphat«, ein Gedicht, worin die Lehre von der Abnegation, von der Enthaltsamkeit, von der Entsagung, von der Verschmähung aller weltlichen Herrlichkeit am konsequentesten ausgesprochen worden.“

Little. Did. he. know. Es sollte bis in die Mitte des 19ten Jahrhunderts dauern, bis die ersten Mediavisten so ins Grübeln kamen. Denn diese ungewöhnliche Geschichte war weitverbreitet, quasi in allen eurasischen Kulturkreisen.

Mittlerweile kennen wir den Weg, den dieses Werk gegangen ist, so einigermaßen genau.

Ursprung ist ein indisches Sanskritwerk, wahrscheinlich aus dem dritten Jahrhundert. Hier trägt der Held noch den eindeutigeren Namen „Boddhisattva“. Zwei- oder dreihundert Jahre später taucht der Text in Persien auf.

Hier wandelt sich der Name zu „Bodisav“. Noch einmal zweihundert Jahre später wird die Geschichte im arabischen Raum populär. Im Ismaelitischen. Dort heißt er zuerst Budhasaf und dann Yudasaf, wohl aufgrund eines Abschreibfehlers. Im Arabischen ist der Unterschied zwischen den Versionen nur ein Yota, ein kleiner Punkt.

Im 10ten Jahrhundert dann erzählt man sich die Buddhageschichte im christlichen Gewand. Zuerst in Georgien. Aus dem Yudasaf wird im Georgischen Iodasaph. In der griechischen Übersetzung dann wird daraus ein Iosaph, das ist dann im 11. Jahrhundert. Und als dann die Übersetzung ins Lateinische ansteht, wird dann endlich der Josaphat daraus, denn wir auch heute noch kennen und lieben.

Von der arabischen Wurzel her entsteht parallel auch eine jüdische Variation der Geschichte. Die jüdische Erzählung Ben ha-Melekh ve ha-Nazir = der Sohn des Königs und der Heilige.

Vom lateinischen Quellmaterial heraus entwickeln sich nun alle möglichen Übersetzungen. Die Geschichte von Barlaam und Josaphat liegt uns in 160 verschiedenen Quellen vor. Äthiopisch, französisch, Katalan, Provencal, Italienisch, Portugiesisch, Altenglisch, Norwegisch und Mittelhochdeutsch – das ist übrigens der Text, den Heine für urromantisch und urdeutsch hält.

Wo es eine kritische Masse an Christen gibt, wird der Text übersetzt. Er passt mit seiner Botschaft von der Abkehr vom Weltlichen, der Zuwendung zur Innerlichkeit und den hübschen Parabeln ganz prima ins Hochmittelalter und noch besser in den frühen Barock.

Und dann sind diese Geschichten, die der heilige Einsiedler da zum Besten gibt, auch noch schön bunt. Klar, christliche Autoren hatten den Sämann aus dem Neuen Testament eingeschmuggelt oder die bekannten zehn Jungfrauen. Und Bibelverweise über Bibelverweise. Aber „Die Todestrompete“, „Die vier Kästchen“ oder „Der Mann in der Grube“, das sind nie gehörte orientalische Erzählungen. Sozusagen Bibel aus Tausendundeiner Nacht.

Da ist er also. Josaphat. Sankt Buddha. Namaste und Amen, kann man da nur sagen.

Gute Geschichten sind eben hochansteckend. Wahrscheinlich ist schon die Urgeschichte geklaut und nicht eine wirkliche Beschreibung des Lebens von Buddha Gautama Siddhartha Shakyamuni, wenn es den als historische Figur überhaupt gab.

Und auch die Schöpfungsgeschichte in der Bibel oder die Arche Noah oder die Heiligen Drei Könige: Alles nicht wirklich nagelneu, sondern einfach gut geklaut. Bloß selten können wir die Reise so gut nachvollziehen wie bei Barlaam und Josaphat.

Da fällt mir ein, habe ich euch schon erzählt, was meiner Cousine neulich passiert ist? Na ja, nicht wirklich meiner Cousine, aber ihrem Nachbarn. Aber sie sagt, dem kann man trauen, der ist so ein Nüchterner. Na ja, fährt der also mit dem Auto von der Arbeit nach Hause, da kommen plötzlich so Klopfgeräusche aus dem Kofferraum. Seltsam, denkt er sich und fährt rechts ran….