Expl0588: Die falsche Cleopatra


Die Technicolor-Historienepen aus dem alten Hollywood! Ach! Und „Cleopatra“ ist immer noch mein Liebling. Elizabeth Taylor als die Cleopatra – dem Opfer römischer Propaganda, an die wir heute noch gerne glauben wollen. Weil es immer noch in unser Frauenbild passt.


Download der Epsiode hier.
Opener: „Cleopatra – Paris – TV Werbung – Feine Seife“ von Cleopatracadum
Musik: „Die Perlen der Cleopatra – Cleopatra, du Königin vom Nil“ von Oscar Strauss, 1923 von Robert Ostermeyer


Cleopatra! Ein Name wie aus dem Märchen! Die Verführerin par excellence. Die femme fatale. Die schönste Frau aller Zeiten! Die Sinnlichkeit in Person! Kein Mann kann ihr widerstehen! Doch das ist nicht Liebe, was ihr da spürt, o Julius Caesar und Mark Anton, das ist eiskalte Berechnung! Denn Cleopatra ist machtgierig und hinterlistig…
Aber diese Nase, Asterix, diese Nase!

Wir alle kennen die Story ungefähr. Mit 14 ist die kleine Cleopatra schon so atemberaubend hübsch, dass sie ihren Vater becirct, der sie zur Pharaonin macht. Mit ihrem Bruder. Den sie dann erst heiratet und später entsorgt. Als dann Caesar Ägypten bedroht, verwandelt sie diesen, als Teppich-Sandwich zu einem sabbernden Idioten. Um nach dessen Perforation wiederum an den Iden des März den erfolgsträchtigsten der Nachfolger, Mark Anton, auch noch um den Finger zu wickeln.

Weil sie halt so verführerisch war, so sinnlich. Das muss die Erklärung sein. Der exotische Charme Ägyptens, geheime Rezepturen für aphrodisierende Bäder, Schminke und natürlich diese Nase! Klingt einleuchtend, wenn man ein alter Römer ist.

Denn diese Geschichte ist in dieser Form natürlich nicht historisch, sondern das Ergebnis gezielter Propaganda römischer Schreiber. Die unter den Fittichen von Oktavian, später Augustus, gegen die Ägypterin anschrieben. Denn das schöne, erhabene, römische, heroische Bild von Caesar und von Mark Anton musste heil bleiben.

Nur, wenn überhaupt gar kein Mann dieser fremden Hexe widerstehen kann, nur dann kann man auch Verständnis für die beiden verführten Narren haben, oder?. Ist doch logisch, römische Bürger, wer kann schon Elizabeth Taylor auf der Höhe ihres Alkoholismus widerstehen?

Und wir glauben diese Geschichten immer noch gerne, weil sie… immer noch in unser Frauenbild passen. Eine Frau, die Herrscherin des reichsten Lands der Antike? Natürlich muss die sich hochgeschlafen haben! Welche anderen Attribute einer Frau könnten sonst zu so einem Erfolg führen? Es muss diese sagenhafte Schönheit sein!

O.k. dann fangen wir ‘mal damit an. Wenn wir die römischen Schreiber jetzt wegen Befangenheit einmal außer Acht lassen – Horaz, Propertio, Cassius Dio – was bleibt uns dann? Da wäre noch der Grieche Plutarch, der nüchtern meint, sie hätte eher durchschnittlich ausgesehen. Und viele Münzen, die eine Frau mit hoher Stirn zeigen und einem sehr männlichen Kinn und einem krummen… hüstel… Riesenzinken.

Sicher, zu diesem Zeitpunkt war es üblich, Portraits auf den Münzen eher wie Karikaturen zu gestalten, wegen des besseren Wiedererkennungswerts. Aber wäre ausgerechnet die Schönheit Cleopatras hervorstechendstes Porträtmerkmal gewesen, dann hätte sie wohl für diese Designs nie ihr o.k. gegeben, oder?

Dazu eine andere Überlegung: Cleopatra mag ja ein griechischer Name sein. Und sie mag aus einer griechischen Dynastie stammen. Aber deren Machtübernahme war dreihundert Jahre her. Die Ptolemäer waren nahtlos im Ägyptischen aufgegangen. Und in Ägypten, dass sich als Herrscher über Afrika verstand, gab es in der Antike keine Rassensegregation im heutigen Sinn. Welche Hautfarbe die Dame auf den Münzen da wirklich hatte, ist offen. Aber man kann keine Wette verlieren, wenn man behauptet, der Alabasterton von Elizabeth Taylor wäre eine Themaverfehlung.

Es ist auch so, dass die sinnliche Verführerin Cleopatra in anderen Traditionen als der römischen ganz anders beurteilt wird. In der arabischen Literatur wurde sie als Gelehrte und Förderin der Wissenschaft geschätzt. Noch 400 Jahre nach ihrem Tod wurde ihr in Philae ein Heiligtum geweiht, dass Wallfahrer auch außerhalb Afrikas anzog. Da muss es wohl eine spirituelle Seite an ihr geben, die wir im Westen gar nicht kennen.

Und sie war auch vierfache Mutter. Mit Caesar zeugte sie dessen einzigen Sohn, den Caesarion, den sie auch dessen Vaters Ermordung liebte und verehrte. Wenn man eine übermenschlich große Statue in Dendera so deuten darf. Und in den Jahren mit Mark Anton gebar sie noch drei Kinder, nämlich Ptolemäus Philadelphus, Cleopatra Selene und Alexander Helios. Die nach ihrem Ableben friedlich von Mark Antons Witwe in Rom aufgezogen wurden.

Das richtige Bild der Cleopatra können wir nicht mehr herstellen. Wir wissen nur, wenn wir die Quellenlage objektiv anschauen, dass sie eine hochintelligente Frau gewesen sein muss, die sich sehr wohl um das Schicksal ihres Landes gesorgt hat. Die Ägypten eine gute Pharaonin war und das mit höchstem persönlichen Einsatz.

Das falsche Bild der Cleopatra birgt zwei eklige Elemente in sich. Zum einen die tief eingefleischte Frauenfeindlichkeit der römischen Kultur, die wir über das westliche, das römisch-katholische Christentum vererbt bekommen haben. Jaja, klar haben die Ptolemäer regelmäßig Geschwister verheiratet. Aber Ehe, das war eben kein heiliger christlicher Bund für’s Leben, sondern ein machtpolitisches Bündnis. Da ging es nicht um Sex oder um die Erbfolge. Und es war durchaus jederzeit reversibel.

Aber Cleopatras Image macht auch deutlich, was für ein Bild die Römer von Ägypten hatten. Klar war diese Nation der Ingenieure und Architekten von den Pyramiden oder ähnlichen Weltwundern beeindruckt. Aber ihnen war auch bewusst, dass die besten Zeiten dieser Hochkultur schon vorbei waren.

Wahrscheinlich haben die Römer über Ägypten so gedacht, wie die Hippies über Indien in den Sixties und Seventies. Da ist dieses ferne Land mit der uralten religiösen Tradition. Deren Religion so anders ist als unsere. Jeder ist da tief spirituell. Und da gibt es noch Geheimwissen, dass sogar das Wissen der Griechen bei weitem überschreitet. Wenn man die Wahrheit hinter den Widersprüchen des Lebens finden kann, dann nur in diesem Alten Ägypten, man! Du brauchst Dich nur ein bisschen entspannen, Dude, komm’ rauch’ erst ma eine…

Lucius Apuleus ist ein berühmter römischer Komödienschreiber. In seinem Buch „Der Goldene Esel“ geht es also gar heiter daher, bis zu seinem Kapitel über die Göttin Isis. Da wird sein Ton ernst und weihevoll. Eine WAHRE Göttin ist sie, alliebend, allgnädig, allgegenwärtig. Die Liebe in der Welt, das ist Isis. Die Lust in der Welt, das ist Isis. Und schließlich die Fruchtbarkeit, das Neue, der Kreislauf des Lebens, das ist Isis.

Und man kann ihr begegnen, auf einem langen, mystischen Weg in die Innerlichkeit. Du musst nur loslassen können, denn Isis ist in allem Lebenden auf der Welt gegenwärtig, Mann. Verstehst Du? Willste nochma ziehen?

Wow. Das ist natürlich zutiefst unrömisch. Da geht man nicht in den Tempel und dealt den Opferpreis für einen bestimmmten Wunsch mit den Priestern aus. Die einem dann aufgrund der Schlachtplatte aus den Eingeweiden berichten, ob der Auftrag beim jeweiligen Gott angekommen ist. Das ist eher so ein mystischer Scheiß. So ausländisches Zeug…

Cleopatra galt den Ägyptern als die Verkörperung der Isis. Bei offiziellen Anlässen trat sie als Isis auf. Als Göttin dieser unheimlichen, alten Geheimreligion. Und: Caesar hatte im Tempel der Venus eine Statue von Cleopatra als Isis aufstellen lassen, beschriftet „Hervorbringerin des Lebens“.
Also, dett jeht ja nisch, dett wolle ma da nit inn Gölln, nee, isch meen in Rom. Dett nisch!

Antikes PR-Rezept: Man nehme: Römische Frauenfeindlichkeit, römische Fremdenfeindlichkeit, römische Minderwertigkeitskomplexe und mische das mit exotischen Gewürzen. Und lasse das von den wortgewaltigeren römischen Autoren zu einer Reihe populärer Tweets oder Facebook-Posts aufkochen. Voila!
Geboren ist die sinnliche Verführerin.

Und wenn man sich die Google-Bildersuchergebnisse zu Cleopatra so anschaut, dann glauben wir diese Märchen auch zweitausend Jahre später noch. Das muss wohl das sein mit diesen Fake News.

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