Expl0589: The Three Stooges


Zuerst habe ich die „Three Stooges“ auf Fernsehern IN amerikanischen Filmen gesehen und für nicht echt gehalten. Dann fand ich sie strange und mittlerweile bin ich Fan. Und ich kann das auch (Sehr intelektuell ;-)) explizieren!


Download der Episode hier.
Opener: „The Three Stooges Theme Song“ von warholsoup100
Closer: „The Three Stooges – Slaps, Smacks and Pokes“ von JuPaDeIr87
Musik: „No Fun“ von Kaptain Bigg / CC BY-NC-ND 3.0


Es gibt ja wirklich einen Haufen Idole, die uns die USA durch Film und Fernsehen beschert hat. Auf der ganze Welt werden die verstanden. Und nein, ich meine nicht David Hasselhoff. So zeitlose Symbole wie Marylin Monroe, Clint Eastwood, Liz Taylor, Laurel & Hardy, James Stewart, Katherine Hepburn, Gary Cooper, Bette Davis, Errol Flynn, Shirley McLane, Jerry Lewis, Audrey Hepburn… Die Liste könnte noch ewig gehen, wenn ich so darüber nachdenke…

Das sind Icons, sagen die Amerikaner. Das finde ich mit Ikonen immer richtig schlecht übersetzt. Aber natürlich funktioniert Idole und Symbole, wie gerade eben, auch nicht so dolle… Vielleicht sind das Schauspielende, die sich ihre eigenen Archetypen geschaffen haben.

Lustig ist, wenn man mit Amerikanern darüber redet, dass da immer drei Handlanger auftauchen, die außerhalb der USA eigentlich niemand so richtig mag. Oder vielleicht versteht. Die Three Stooges. Drei Handlanger in der Übersetzung, drei Sündenböcke, Strohmänner oder eben auch drei Trottel. In Europa verachtet als billige Raubkopierer, in den USA aber Kult.

In Europa sagt man, die hätten einfachdie Marx Brothers und Laurel & Hardy kopiert und daraus einen lächerlichen, brutalen Cocktail gebastelt. B-Comedy, C-Comedy, Klamauk. Ohne Witz oder Hirn. Einfach brutaler Slapstick.

Ja, sooo eingebildet sind wir Europäer. Diese Truppe hat im Laufe von mehreren Jahrzehnten 220 Kurzfilme gedreht, im deutschen Fernsehen liefen gerade einmal 59 davon. Und die sind auch noch schlecht angekommen. Der französische Wikipedia-Artikel besteht aus zwei verächtlichen Sätzen. Bouffonerie urteilt man da knapp. „Derbe Komik“ sagt mein Wörterbuch.

Warum finden wir diese Form von Slapstick nicht witzig? O.k., es stimmt schon, die Komik ist derb. Man nennt das Slapstick – steckt ja Slap schon drinne – und in der Variante der Stooges bedeutet das Ohrfeigen, Kopfnüsse, Schienbeintritte, Hirnbatzl, Arschtritte, Schubsen und – exklusive Erfindung der Stooges – das Pieksen ins Auge gleich mit zwei Fingern. Und das sind jetzt die harmlosen Varianten. Sägen, Hämmer, Zangen, Gewichte – ach, jeder Gegenstand, mit dem man nur im Ansatz Schmerz erzeugen kann – die kommen auch zum Einsatz.

In der Regel gibt es erst einmal eine Aufgabe, die die Drei bewältigen sollen. Da ist bei 220 Filmen so alles dabei, was man sich vorstellen kann. Dann kommt der Plan. Und dann… Natürlich scheitern sie nicht nur in grober, derber, dummer, aber auch sehr lustiger Weise an dieser Aufgabe, sondern reißen alles um sie herum auch noch ins absolute Chaos.

Wir in Europa finden das blöd, bis auf wenige Ausnahmen. In Amerika sind sie immer noch Kult und es findet sich auch heute immer irgendwo ein Sender, der gerade eine Stooges-Filmserie im Angebot hat.

Das hat drei Gründe. Und keiner hat damit zu tun, dass wir in Europa so einen erlesenen Geschmack haben oder gar eine überlegene Kultur. Das würden wir bloß gerne glauben.

Da wäre zum einen die Tatsache, dass die drei Stooges in der großen Depression aufgetaucht sind. DAS ist das große amerikanische Trauma. Die dauerte 10 Jahre, die Löhne sanken und sanken, die Jobs wurden immer weniger und immer schlechter. Das Ausmaß überschreitet die Krisen der Weimarer Republik deutlich; das sind diese Krisen, die wir immer als Ausrede nehmen, dass unsere Großväter die Nazis gewählt haben…

Und da sind, wie aus dem Nichts die Stooges. Kleine Handlanger eben. Habenichtse. Ungelernte. Prekariat. Und die schlugen sich. Und schlugen sich durch. Egal, was ihnen widerfährt, die stehen immer wieder auf und machen weiter. Nichts, was ihnen passiert, ändert sie. Die Stooges sind und bleiben die Stooges.

Und wie sie die Villen der Reichen demolieren! Und die Smokings der Adeligen verkleckern! Kein bisschen Respekt vor Geburt, Geld, Macht oder Einfluss. Mit „You Nazty“ drehen sie auch den allerersten Anti-Nazi und Anti-Hitler-Film, neun Monate vor dem großen Diktator von Chaplin, als in Amerika noch alle vorsichtig stille halten, damit nichts Schlimmes passiert. So landen sie gar – wie man immer liest – auf Hitlers Todesliste. Die aber wahrscheinlich eher ins Reich der Legenden gehört…

Dann wäre da noch der zweite Faktor. Das Publikum. In den USA ist praktisch niemand zwischen 1930 und 1970 – sagen wir ‘mal so – groß geworden ohne die drei Stooges. Ihr Erfolg reichte von den Slapstick-Kurzfilmen zu abendfüllenden Kinofilmen, einer sogar in Farbe. Als diese Art Kino altersschwach wurde, wurden sie gefeuert… Und wurden dann mit die ersten großen Fernsehstars. 220 Folgen reichen, dass man immer wieder denkt: Ach, DEN kannte ich ja noch gar nicht.

Natürlich kann es sein, dass es für französische Cineasten nicht reicht, wenn Moe einen derben Spruch absondert und Curly danach, wie angekündigt auf die Nase haut – aber für fünfjährige Amerikaner, die sich am Sonntag morgen vor dem Fernseher kringeln, während Mami und Papi noch sanft schlummern, für Kinder reicht das völlig. Für uns Kinder.

The Three Stooges sind deshalb auch ein Format, dass die Generationen verbindet. Nicht so elegant, wie das Pixar in seinen Filmen schafft, aber bei den Stooges können Opa, Papa und die kleinen Racker gemeinsam kichern. Schadenfreude IST die schönste Freude.

Dann wäre da noch die dritte These. Meine These. Die sogenannte „Larry“-These. Wenn ich heute die Stooges sehe, dann identifiziere ich mich nicht mehr mit Curly. Das machen ja nur Kinder. Ich identifiziere mich mit Larry. Dem mittleren Stooge.

Da ist auf der einen Seite der bissige Boss, das ist Moe. Der mit dem Topfschnitt. Der Vernünftige. Und auf der anderen Seite des Spektrums ist Curly. Der mit ohne Frisur. Das Kind. Der Debile. Der mit den komischen Geräuschen. Und den komischen Gesten…

Und mittendrin ist Larry. Der schlägt sich mal auf die eine Seite, dann auf die andere. Eigentlich versucht er, so gut es geht, auf alles zu hören, was Moe sagt. Der wird schon wissen. Aber…

Er ist halt nicht viel heller, kaum geschickter als Curly. Der den ganzen schönen Plan am Ende zunichte machen wird. Es ist immer Curly, der als erster aus seinen Poren Chaos absondert. Curly ist der Beginn der Anarchie. Und das Ende auch noch des allerschönsten Plans. Dafür mögen wir ihn ja auch so.

Die Theorie geht also so: Die Stooges sind das tiefsinnigste und philosophischste Sinnbild auf die Psyche des Menschen. Sie sind tatsächlich Archetypen für unsere innersten Antriebe. Und damit für unsere Lebensführung.

Da ist der Verstand. Der Intellekt. Die Vernunft. Die gebiert einen Plan. Eine Strategie. Es macht Sinn, was Moe sagt. So könnte das klappen. Lass’ es uns genau so machen. Das Über-Ich vielleicht. Und so fangen wir also an. Mit Plänen und guten Vorsätzen.

Doch unweigerlich kommt dann das Chaos, das Kind in uns, der Trieb, das Es und sabotiert alles gründlich. Unwissentlich. Nicht in böser Absicht oder aus Uneinsichtigkeit. Sondern einfach, weil Curly nicht anders kann. Er ist halt nicht der Hellste und meint es doch nur gut…

Und das Ich, dass, was wir als unser Selbst empfinden, das steht in der Mitte dieser beiden Kräfte. Hin- und hergerissen zwischen dem Einsehen in den Sinn des Plans und oberstes und größtes Opfer des Chaos, ununterbrochen vom Kind in uns produziert.

Ich, Du, wir alle sind Larry. Es ist übrigens nicht umsonst so, dass Larry der Musiker der drei Stooges ist. Larry Fine, der Schauspieler, hat Violine studiert. (leiser) Bevor er Boxer wurde…

Und DARUM sind die drei Stooges die derbe Form der menschlichen Tragödie an sich. Nicht nur Sigmund Freud hätte Spaß an dem Anarcho-Trio, sondern auch C.G. Jung oder eben Aristophanes und Platon. Nietzsche, Baudrillard, Wittgenstein…

Die Stooges: Die Tragikömodie mit Namen Mensch, versinnbildlicht durch drei Handlanger!

Ha, take that, französisches Feuilleton! Oder, um es mit den Worten des unsterblichen Larry Fine auszudrücken: Tut mir leid, Moe, das war alles ein Unfall!

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