Expl0591: Wir kiffen!


Ist Kiffen jetzt gut oder schlecht? Ist es gesund oder ungesund? Eine Riesenstudie hat 10.000 andere Studien ausgewertet, um da endlich ‘mal Tacheles zu reden. Und die Ergebnisse sind… Wenig überraschend? Und vielleicht sogar mehr oder wenig wertlos?


Download der Episode hier.
National Academies Press: The Health Effects of Cannabis and Cannabinoids
Opener: „Robin Williams – Weed“ von lingus11
Closer: „Louis CK – Weed and Texting“ von jackbel10
Musik: „MariaNicola (2016)“ von Organico Ridotto / CC BY-NC-ND 3.0


„Es muss echt ‘mal einer sagen, ey! Kiffen ist viel weniger gefährlich als Alkohol, Mann! Echt! Schon ‘mal von einer Schlägerei gehört, wo sich Kiffer geprügelt hätten, hm? Ist so scheiße, wie alle so tun, als wäre Kiffen schlimm! Alkohol ist schlimm, aber da redet keiner drüber! Diese Heuchelei! Wie bitte? Klar, bring mir noch’n Bier, danke! Aber nicht so warm wie die beiden letzten, wenn’s geht, o.k.?“

Ein Diskussionsthema in meinem Leben ist mit der Zeit so richtig abgestanden: Das mit den Vor- und Nachteilen von Cannabis. Aber irgendwie hört es einfach nicht auf. Nachdem jetzt in den USA mittlerweile mehr als die Hälfte der Staaten Cannabis auf die eine oder andere Art legalisiert haben, bleibt das Thema aber leider aktuell.

Die Erfahrungen in Portugal müssten eigentlich reichen, um zu zeigen, dass die Strafverfolgung von Kiffern nicht wirklich zielführend ist. Die haben den Besitz und den Konsum 2001 zwar nicht legalisiert – wie immer behauptet wird – aber wer mit unter 25 Gramm erwischt wird, der bekommt sozusagen nur einen Strafzettel. Das ist nur eine Ordnungswidrigkeit.

Trotzdem wurde Portugal nicht zum Drogenumschlagplatz Nummer 1 in Europa. Trotzdem gibt es nicht einen Kiffer-Touristenstrom, wie befürchtet wurde. Und trotzdem geht der Konsum zurück, vor allem bei jungen Leuten. Der „Krieg gegen die Drogen“, die andere Methode, die ist faktisch gescheitert.

In den USA haben letzte Woche die „National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine“ eine umfangreiche Metastudie zu Cannabis veröffentlicht. Umfangreich.

Der Bericht ist über 400 Seiten lang und steht im Internet zur Verfügung, Link wie immer auf explikator.de Die Forscher haben dabei sage und schreibe 10.000 Studien und Metastudien zu Cannabis ausgewertet, um zum ersten Mal eine wirklich fundierte Bilanz zum Stand der Forschung präsentieren zu können. Für künftige Gesetzgeber zum Beispiel.

Da gibt es drei Dinge in dieser Bilanz, die erwähnenswert sind. Die nenne ich mal Pro, Contra und fettes Aber.

Pro, das sind die guten Nachrichten für die Kiffer. In den meisten US-amerikannischen Bundesstaaten ist Cannabis ja nur zu therapeutischen Zwecken legalisiert. Und das hat auch gute Gründe, wie die Metastudie belegt.

Der positive Effekt bei chronischen Schmerzen ist von mehreren Studien belegt. Auch hilft Cannabis bei der Chemotherapie besser mit der Übelkeit und anderen Nebenwirkungen umgehen zu können. Gut belegt.

Das mit der Chemo war ja in der Diskussion historisch auch tatsächlich ein wichtiger Hebel, um die ersten Legalisierungen zu begründen. Auch die krampflösende Wirkung von THC ist deutlich belegt, weswegen zum Beispiel Patienten mit Multipler Sklerose auch einen Schein bekommen, um sich Haschisch kaufen zu dürfen.

Weiter gibt es nicht einen Indiz dafür, dass Kiffer einem höheren Krebsrisiko ausgesetzt sind als Nichtkiffer. Nachgewiesen ist auch, dass Cannabis, in der Schwangerschaft konsumiert, weniger Auswirkungen auf die Gesundheit des Babies zu haben scheint, als man denken mag. Die Kifferbabies sind aber im Durchschnitt signifikant leichter. Und das ist keine gute Nachricht. Über die Hirnentwicklung von Kifferbabies steht da auch nichts.

Eine Studie empfiehlt auch die Medikamentation von THC bei ADHS… Man hätte da durchaus positive Aspekte gesehen und keinerlei negativen. Interessant. ADHS merken wir uns kurz, o.k.?

Dann wäre da das Kontra. Also die schlechten Nachrichten für Stefan Raab und Afroman. Denn auch negative Nebenwirkungen sind nachgewiesen.

Da sind einige, viele Offensichtlichkeiten dabei und ein paar Überraschungen. Ganz klar nachgewiesen ist, dass man kein verlässlicher Verkehrsteilnehmer mehr ist, wenn man high ist. Ach. Die Reaktionsgeschwindigkeiten sind dermaßen grottenschlecht, dass – könnte ich mir vorstellen – auch Squash, Tennis oder jede andere Ballsportart aus gesundheitlichen Gründen bedenklich ist. Wegen Verletzungsgefahr…

In den USA wird Cannabis auch zur Behandlung von PTSD verwendet, auf deutsch die posttraumatische Belastungsstörung. Weswegen vielleicht auchh das amerikanische Militär schon seit Vietnam nicht mehr genau hinschaut, wenn Soldaten im Einsatz sich abends einen Joint bauen.

Dieser Effekt ist aber zum Beispiel sehr wenig belegt. Genau genommen gibt es nur eine einzige Studie, die das behauptet. Von 10.000. Nicht gerade viel…

Die Psychiatrie ist sowieso ein zwiespältiges Feld an diesem Punkt. Anscheinend ist Cannabis bei akuten Phobien durchaus ein Mittel der Wahl. Und auch bei Zwangsstörungen sind positive Effekte nachgewiesen.

Aber: Auf der anderen Seite entwickeln Dauerkiffer auch nachgewiesenermaßen deutlich häufiger Psychosen. Und das ist schon… irgendwie… bedenklich, oder? Eine Psychose ist eine Bewusstseinsstörung, bei der Patienten den Bezug zur Realität verlieren. In ihrer eigenen Welt leben. Nicht in einer hübschen. Typische Symptome sind Halluzination oder Wahnvorstellungen. Na, schönen Dank.

Im Kopf haben wir uns ja ADHS gemerkt, dass mit THC behandelt werden können soll. Denn hier, auf der Kontraseite haben wir auch eine Studie zu ADHS! Die das glatte Gegenteil belegt. THC verschlimmerte die Symptome bei den Untersuchten deutlich.

Und, zu einem ähnlichen Thema: Bei Langzeitkiffern sinkt deutlich messbar die Aufmerksamkeit und die Lernfähigkeit, was gleich von mehreren Studien diagnostiziert wurde.

So, dritte Abteilung. Das fette Aaaber. Metastudien geben ja oft nicht so ein tolles eindeutiges Bild wie Einzelstudien. Das ist normal. Dieses „Ja, aber…“

Doch so ein uneinheitliches Bild wie hier, das ist schon sehr bedenklich. Da haben wir ein Thema, dass die westlichen Gesellschaften schon seit den Fünfzigern polarisiert und eine politische Diskussion, die sich anscheinend nicht auf die Wissenschaft berufen kann.

Außer bei den erwähnten Punnkten stellt sich die Lage meistens genau so da wie bei ADHS. Immer gibt es Belege und Gegenbelege. Auch bei den herausgepickten Ergebnissen kann man wohl kaum von einer sicheren Grundlage sprechen.

Von diesen 10.000 Studien sind die allermeisten anscheinend nicht das Papier wert, auf dem sie gedruckt wurden. Es ist wirklich erstaunlich, was wir alles über Cannabis nach sechzig Jahren Forschung NICHT wissen. Bevor man Kindern THC gegen ihre Aufmerksamkeitsstörung verabreicht, sollte man doch wissen, wie sich das auf die Hirnentwicklung auswirkt, oder? Keine Studie dazu…

Die Datenlage verbietet meiner Meinung nach die Anwendung in der Psychiatrie vollkommen, weil wir da einfach viel zu wenige Erfahrungen gesammelt haben. Auch die Auswirkungen von Cannabis auf das Immunsystem sind nicht in einer einzigen von 10.000 Studien untersucht worden!

Das ist eine weitere Schattenseite des „Kriegs gegen die Drogen“. Es gibt einfach nicht genug Probanden, genug Forschungsgeld und – das haben die Autoren explizit angemerkt – nicht genug zu rauchen. Ich meine, nicht genug Cannabis für die Forschung!

Die Quintessenz dieser vielen, vielen Seiten scheint zu sein: Wer nicht zu früh anfängt und wer’s nicht zu lange nimmt und wer nicht zu viel konsumiert, der hat kein besonders hohes Risiko an irgendetwas zu erkranken. Und vielleicht sogar einen Nutzen, der lässt sich aber für gesunde Menschen auf diese Art auch nicht belegen.

Was alles hinausläuft auf den alten Satz des Paracelsus: Dosis facit venerum. Was giftig ist oder nicht, sagt euch jetzt das Licht. Quatsch, ich meine: Hängt von der Dosierung ab.

Meine persönliche Empfehlung: Lasst mich bloß endlich in Ruhe mit dieser Scheissdiskussion!