Expl0593: Der blöde Pate


Es gibt einige Filme, die man gesehen haben MUSS. Sagt jeder. Z.B. „Der Pate“. Sagt jeder. Ein Meisterwerk. Sagt jeder. Die Darsteller, die Dialoge, die Kamera, die Regie! Wer das noch nicht gesehen hat, der kann sich nicht Filmkenner nennen. Meine Meinung: Pah!


Download der Episode hier.
Opener: „Opening Scene Godfather“ von David Wong
Closer: „Peter: “I did not care for the Godfather.” von Incarnit0 0rca
Musik: „Parla piu piano – El padrino“ von DalCuore / CC BY-SA 3.0


Habt ihr schon einmal zwei wilde Filmfreaks beim Balzen beobachtet? Das geht so: Zwei Exemplare dieser Spezies begegnen sich und bald, nur allzu bald… geben sich beide als Filmfreaks zu erkennen. Nun beginnt ein kompliziertes Ritual, ein Sich-Beschnuppern, eine sehr, sehr vorsichtige Annäherung.

Zuerst reden sie über Filme, von denen sie vermuten, der neue Partner müsste sie mögen. Zum Beispiel, weil jeder sie mag. „Jäger des verlorenen Schatzes“ z.B. oder „Der weiße Hai“, solche safe bets. Aber auch das ist gefährlich! Denn jeder Filmfreak polstert sein Ego damit aus, dass er in der Pubertät beschließt, irgendeinen Film, den wirklich alle mögen, abgrundtief zu verachten. Und wenn DER zur Sprache kommt, dann ist das ganze Balzen völlig umsonst.

Aber wenn die ersten Fundamente gelegt sind, dann kann man vorsichtig ausgefallenere Filme zur Sprache bringen. Es ist dies ein vorsichtiges Testen, wie freakig der neue Kontakt ist. Kennt er „Godzilla vs. Megamoth“ oder „Buckaroo Banzai“?

Erst wenn der Kontakt fester ist, die ersten zarten Banden geknüpft sind, erst dann kann man die intimeren Themen besprechen. Vertraulicher miteinander umgehen. Über die Filme reden, die man wirklich hasst, wie z.B „Transformers“ oder praktisch alles, was Uwe Boll so gedreht hat. Das sind intime Momente, die wirklich herzerwärmend zu beobachten sind.

(fasziniert) In der vierten Phase der Annäherung könnte aus diesem Kontakt tatsächlich so etwas wie eine Freundschaft werden! Wäre das nicht wildromantisch? Nun müssen die Balzenden über Filme reden, die sie wirklich mögen, die sie lieben! Jetzt heißt es, keine Fehler zu machen, behutsam vorzugehen…

(weinerlich) Egal. Das berührt mich jetzt zu sehr… Ich… ich kann nicht mehr. Ich verrate euch ein Geheimnis. Etwas, dass ich nicht oft erzähle. Ich sage euch, warum ich immer ganz alleine ins Kino gehen muss. Warum kein Filmfreak bei mir je angebissen hat. Warum ich nicht wirklich als Cineast zähle. Die dunkle Seite meiner Persönlichkeit. Aber ihr müsst ganz nahe herkommen. Und niemandem etwas sagen, ok? Niemandem! Schwört! Ich meine das ernst! Schwört! O.k. Gut. Also…

(flüster) Ich habe den Paten nicht gesehen! Niemals! Und ich will ihn auch nicht sehen!

So! Da ist es! Jetzt ist es raus! Ich hab’s gesagt! Puh, das tut gut. Das musste einmal gesagt werden. Danke! Danke, danke! Jetzt geht’s mir schon viel besser! Vielleicht kann ich – nicht heute, wahrscheinlich nicht morgen… vielleicht erst nächste Woche oder nächsten Monat, aber vielleicht kann ich sogar wieder bald in einen Spiegel schauen. Das wäre toll! Bin gespannt, was mein Therapeut sagt! Danke euch, ich muss jetzt gehen! Ihr habt mir sehr…

Ach? Da wäre noch ‘was? Warum ich den Paten nicht gesehen habe? Obwohl das der beste Film aller Zeiten ist? Mit dem besten Casting, dass je ein Film hatte? Schon gut, schon gut! Ich weiß, was ihr sagen wollt… Habe ich doch alles schon hundert Mal gehört!

Der Pate ist der Pate aller Mafiafilme. Überhaupt. Einer der ersten Filme, in denen die Bösewichter sozusagen die Helden waren. Wo Copolla mit seiner genialen Regie den Corleones direkt in die Seelen geblickt hat. Praktisch ein Familienepos statt eines Krimis. Subtil, fesselnd, einmalig.

Auf allen 362 Listen im Internet mit den „Best Movie of All Times. All Times, do you understand! All times, ever, ever and ever!“ – auf allen diesen Listen ist der blöde Pate unter denn ersten fünf, bei ganz vielen auf Numer eins. Ich weiß, ich weiß…

Und die ganzen Preise, die der Film bekommen hat. Dreißig Oscars und neun Dutzend Golden Globes und 214 Emmys. O.k., das habe ich mir ausgedacht. Tut mir leid. Ich bin etwas angespannt.

Ohne diesen Film wäre Paramount damals pleite gegangen, doch dann kam der Pate. Der erste Film, der mehr als 100 Millionen Dollar verdient hat. Und das 1972. Das wären heute drei Billiarden Dollar! O.k, das habe ich mir auch ausgedacht.

Und die Dialoge! Die besten Dialoge, die je für einen Film geschrieben wurden! Alleine die Anfangsszene…

Es ist gut! Er reicht! Ich verstehe genau, was ihr sagen wollt!

Ich kenne die Anfangsszene! Und klar ist die genial! Ich kenne auch viele andere Szenen. Tatsächlich glaube ich, wenn man alle Clips auf YouTube, die „Best scene of The Godfather“ heißen nimmt, kann man den Film komplett zusammenschneiden.

Kein Film auf der ganzen Welt ist so gespoilert wie der blöde Pate! Ich kenne die ganze Handlung! Vito Corleone ist der Pate, der mächtige Oberboss einer Mafiafamilie. Aber halt mit Ehre und dem ganzen Machoscheiss. Keine Macht den Drogen und so. Und als dann ein geldiger Dealer daherkommt, fliegt alles durcheinander. Und der Lieblinngssohn, der Mafia als Job eigentlich blöd findet, der übernimmt dann den ganzen Laden und ist noch skrupelloser. Seht ihr, seht ihr! Ich kenne den blöden Film!

Alle Gangsterfilme seit dem Paten erzählen vom Paten. Alle Mafiosi seit den beiden Corleones sind ein bisschen wie diese Paten. Ich habe dreiundsechzig Parodien verschiedenster Szenen gesehen und zweihundert Imitationen von Marlon Brando! Ich lache ja mittlerweile schon mit, weil es mir mittlerweile so vorkommt, als hätte ich diesen Film gesehen! Weil ich weiß, was gemeint ist!

„The Press Association“ in Großbritannien hat eine Umfrage unter 1500 Filmfans gemacht. Die Frage war: „Von welchem Film, den ihr in Wahrheit nicht gesehen habt, lügt ihr am meisten, dass ihr ihn gesehen habt?“ Und auf Platz eins: Der Pate! Der muss halt sein. Vor Casablanca oder Citizen Kane. Wieder einmal Platz eins für den blöden Paten!

Ich habe den Paten nicht gesehen, aber ich habe einen Haufen Mafiafilme gesehen. Und ich mag sie alle nicht. Die sind alle gleich. Plot 1: Ein Typ gerät in die Mafia, meist ohne es zu merken. Er hat Skrupel. Aber er schuftet sich nach oben durch und verliert seine Skrupel. Und am Schluss wird er erschossen. Oder, Plot 2, ein Underground-Cop schleust sich in die Mafia ein. Er hasst alle Mafiosi! Aber dann merkt er, dass das auch Menschen sind. Er bekommt Skrupel. Und am Schluss erschießt er seine neuen Freunde.

Das ganze Genre interessiert mich nicht! Die Knarren, das ganze Testosteron, die Ritualmorde, die ganzen Nachtszenen und die Frauen. Hey, es gibt Wrestling-Filme in denen Frauen tragendere Rollen spielen als in jedem beliebigen Mafiafilm! Wer braucht das? Was hat das mit meinem Leben zu tun?

Na gut, es stimmt. Das war Quatsch. „Bela Lugosi fights the Brookly Gorilla“ hat auch nicht viel mit meinem Leben zu tun. Oder Star Wars. Wahrscheinlich wäre eine Verfilmung meines Lebens kein Blockbuster. Selbst mit Brad Pitt in der Hauptrolle. Brad Pitt beim Kaffeekochen. Brad Pitt beim Gassigehen. Brad Pitt beim Schreiben. Beim Podcasten. Beim Einkaufen oder beim Kochen. Nee. Ich gebe zu, das war ein übertriebener Anspruch.

Ich habe mich gehen lassen. Verzeihung! Aber es war die reine Verzweiflung! Der blöde Pate ist schuld! Jawoll! Und jetzt, wo das alles gesagt ist, werde ich diesen – ach so tollen Film, dieses Meisterwerk der Kinematographie, diesen Jahrhundertfilm – ich werde ihn erst recht nicht anschauen. So! Da habt ihr’s.

Ach, kuckt ‘mal! Denn gibt’s ja jetzt kostenlos auf Amazon Prime! Hmm…

Flattr this!