Expl0598: Seinfeld


Als „Seinfeld“ auch bei uns endlich im Fernsehen lief, war er im Programm gar nicht leicht zu finden. Richtig gut fand ich die Serie aber erst, als ich sie beim zweiten Mal im englischen Original gesehen habe. Manche Dinge lassen sich eben nicht synchronisieren, selbst wenn alle Beteiligten ihr Bestes geben.


Download der Episode hier.
Opener: „One of the best Seinfeld lines EVER.“ von metalfan8806’s channel
Closer: „Seinfeld about Life“ von Stefan Nilsson
Musik: „No Fear (2016)“ von Niki J Crawford / CC BY-NC-ND 3.0


Jetzt, wo man die berühmte Serie „Seinfeld“ auch kostenlos streamen kann, kucke ich tatsächlich hin und wieder ‘mal rein. Ein Gruß aus vergangenen Tagen. Als diese Serie, die Jerry Seinfeld zum bestbezahlten Comedian aller Zeiten machte, bei uns lief, konnte man sie nicht finden.

Dauernd wechselte sie die Fernsehsender und den Vor- und Abspann, noch häufiger wechselte sie den Sendeplatz. Bei ProSiebenSat1Media war man sicher enttäuscht die Rechte gekauft zu haben. In den USA zu seiner Zeit über Jahre die erfolgreichste Comedyserie mit Zuschauerzahlen bis zu 40 Millionen, bei uns ein gediegener Flop.

Und auch heute ist es für mich schwer zu ertragen, die Serie in der deutschen Version zu kucken. Und das liegt nicht daran, dass ich ein Snob bin. „Du musst das im Original sehen! Das ist im Original so viel besser!“ Was auch heißt: Klar, kann ich jedes Wort verstehen, wenn Matthew McConaju seinen breiten Südstaatenakzent in „True Detective“ vor sich hinmurmelt. Du etwa nicht, Du Loser?

Nein. In diesem Fall stimmt es leider einfach. Filme und Serien zu synchronisieren ist kein leichtes Geschäft. Aber natürlich variiert der Schwierigkeitsgrad. Der Humor der drei Stooges, die sich hauptsächlich gegenseitig hauen, braucht kaum eine clevere Übersetzung. Doch Seinfeld steht am anderen Ende der Skala.

Das liegt in der Natur dieser Serie. Bei „Seinfeld“ ging es um junge Erwachsene in New York in den Neunzigern. Denen es eigentlich prima geht. Selbst wenn sie arbeitslos sind, spiegelt sich das nicht in ihrem Lebensstandard wieder. Ihr Problem ist eigentlich nur, dass sie ein Haufen egoistischer Arschlöcher sind, die sich gegenseitig und andere ständig belügen und behumsen.

Denn in den sorgloseren Neunzigern musste man aus den simpelsten Fragen eine Drama gestalten. Der Kalte Krieg war vorbei – wir haben übrigens gewonnen, glaubt man kaum, gell – und das Ende der Geschichte erreicht. Zeit, sich wirklich wichtigen Fragen zuzuwenden! Kann man einen Killer beauftragen, den Nachbarshund zu erschießen, der so nervig kläfft? Wer hält es am längsten aus, nicht zu masturbieren? Wie kriegen wir raus, ob diese Brüste echt sind?

Und vor allem: Wie mogeln wir uns aus Situationen mit dem höchst möglichen Gewinn für uns selber heraus? Such were the Nineties. (seufzt)

Schlimm zu übersetzen wird das, weil diese Comedy aus den Dialogen besteht. Weil es um das alltägliche Leben in den USA geht. Noch genauer: In New York. Und um die Gepflogenheiten des „normalen“ gesellschaftlichen Umgangs. Um die Regeln des amerikanischen Zusammenlebens.

„Wieviel Trinkgeld für das Zimmermädchen“ ist bei uns eine Nebensache. In den USA, wo das Tipping für Dienstleistungen manchmal den Lohn übersteigt, ist das eine hoch ethische Frage.

Aber egal. Lebensgewohnheiten hin, New York und obendrauf Judenwitze von Juden her – ganz egal! Schon damals waren sich alle einig: Die Übersetzung ist schuld! Die deutsche Version ist einfach nicht so witzig! Und die Synchronsprecher. Und das Dosenlachen. Jawoll! Die Amerikaner kriegen immer die tollen Sachen zum Spielen und wir Deutschen, wir müssen das dann auftragen wie kleine Geschwister. Fies ist das!

Einverstanden. Seinfeld ist auf Deutsch nicht so witzig. Aber das liegt an der Unübersetzbarkeit des Material und nicht an den deutschen Übersetzern oder Sprechern. Speziell Sabine Sebastian in der Dialogregie vollbrachte bei der Übertragung der Serie kleine Wunderwerke.

Aber auch Oliver Feld als Jerry, Traudel Haas als Elaine, Detlef Bierstedt als George und K. Dieter Klebsch als Kramer steuerten ihren Teil an Charme, Esprit und witzigen Ideen bei. Wie die Originaldarsteller auch wurde dieses Team eine eingeschworene Gemeinschaft und man sollte ihre Arbeit mehr als nur respektieren.

Ich muss beruflich ab und an hin und her übersetzen und dass ist schwierig genug, wenn man nicht witzig sein muss. Oder dass nicht auf Lippenbewegungen passen muss. Oder auf die Lacher des Studiopublikums. Ja, große Teile von Seinfeld wurden live vor einem echten Publikum gedreht, es handelt sich nicht um Dosenlachen. Doch im Deutschen mag sich eine Pointe beim Übersetzen verschieben und dann lachen die Amerikaner über einen Gag, der in Deutsch noch gar nicht gezündet hat.

Doch alle diese fiesen Kleinheiten hat das Team um Sabine Sebastian berücksichtigt, denn die fünf deutschen Seinfelds waren alle totale Fans des Originals. Und dieses Herzblut merkt man der Umsetzung an, wenn man das nur will.

Beispiel: In einer berühmten Folge hat Jerry wieder ‘mal ein Verhältnis mit einer tollen Frau. Bloß dumm, dass er den Namen vergessen hat. Aber es reimt sich auf ein Teil der typisch weiblichen Anatomie, das wusste er noch! Er durchsucht ihre Handtasche, um einen Ausweis zu finden, lenkt Gespräche so, dass sich die Angebetete selbst vorstellen muss – aber er erfährt den Namen nicht.

Kramer, George und Jerry brainstormen gemeinsam. Welches Körperteil? Ist es Celeste? (reimt sich auf breast). Oder Aretha? Bovary? Mulva? Sie kommen nicht darauf. Die Zielperson der sexuellen Gelüste unseres Titelhelden kommt aber auf dieses Defizit und macht Schluss mit Jerry, der sie ins Bett kriegen will, ohne ihren Namen zu erinnern.

Die Gute hieß Dolores. Reimt sich im Amerikanischen – nicht so recht im Britischen – auf Klitoris.

Na denn! Viel Spaß beim Übersetzen, ihr Klugscheißer da draussen in den Fernsehserienforen! Macht ‘mal! Ihr habt ab jetzt zehn Minuten Zeit!

/Clip: Jeopardy

Nee, war nur ein Witz. Unser tapferes Team hatte die rettende Idee. Die Gute heißt auf Deutsch: Uschi. Kann man jetzt beurteilen, wie man will. War schon im Englischen nicht die beste Pointe…

Dann gibt es Gags, die man gar nicht ins Deutsche übersetzen will. Wenn Elaine in der U-Bahn steckenbleibt, dort das Licht ausgeht, sich minutenlang nichts bewegt und sie in einem Anfall von Klaustrophobie zu sich selber sagt: „Oh, mein Gott, jetzt weiß ich, wie sich die Juden beim Transport nach Ausschwitz gefühlt haben!“

Dann ist das für Amerikaner witzig, auch für amerikanische Juden, wie die Macher Larry David und Jerry Seinfeld oder Julia Robert-Dreyfus und ihre Figur Elaine Benes… aber wir hier in Deutschland werden darüber nie Tränen lachen. DAS übersetzt man einfach besser nicht. Komisch, dass das Studiopublikum lacht, oder? Ja mei, die Amerikaner…

Hut ab vor dieser Großtat der Übersetzung, die trotzdem alle gehasst haben! Eine unlösbare Sysphos-Arbeit, die niemand würdigt. Und auch Hut ab vor Seinfeld, der Serie! Beste Dialoge ever! Aber halt nicht im Deutschen. Weil, wegen geht halt nicht…