Expl0599: Das Psycho-Mikrobiom


Als ich den Ausdruck „Mikrobiom“ zum ersten Mal gehört habe, dachte ich, es sei Produktwerbung für ein Parfum. Jetzt weiß ich, dass es alle Lebewesen subsummiert, denen unser Körper eine Heimat bietet. Und die vielleicht auch unsere Psyche beeinflussen. Spooky, oder?


Download der Episode hier.

Musik: „Demain je change de vie“ von LÖHSTANA DAVID / CC BY-NC-SA 3.0


Da sind wir nun. Freie Menschen. Effektive Biomaschinen mit Bewusstsein. Mit Verstand. Körper sind wir und Geist sind wir. Physis und Psyche. Ratio und Emotio. Billionen von Körperzellen, die zusammenarbeiten, sind wir. Und nur um der Welt wichtige Dinge zu geben, wie z.B. die Neunte Symphonie, die Relativitätstheorie oder Spongebob Schwammkopf.

Wir haben uns selber am meisten erforscht und aufgeschnitten, kartographiert, gemessen, verzeichnet und verglichen. Wenn man uns sticht, bluten wir dann nicht? Wenn man uns kitzelt, lachen wir dann nicht? Und wenn man uns Musik von Modern Talking vorspielt, erbrechen wir dann nicht?

Doch, wenn wir uns wirklich genau anschauen, wenn wir alles so zählen, was wir z.B. an Zellen haben, dann zeigt sich da ein beunruhigendes Ungleichgewicht. Denn auf jede menschliche Zelle in unseren Körpern, gehören ca. 10 Zellen, die nicht menschlich sind. Es sind Gäste, die wir da beherbergen. Mikrobielle Zellen. Einzeller. Kleinstlebewesen. Jeder von uns wird von 100 Billionen Bakterien besiedelt.

Im Laufe der Evolution hat sich da zwischen unseren Körpern und unseren Gästen eine richtig gut funktionierende Symbiose entwickelt, auch wenn einige Stammgäste eher zum Pöbeln neigen. Aber nur, wenn sie zu viel getrunken haben.

Wir sind also nicht nur unsere Zellen, sondern auch die Zellen all’ dieser Gäste. Ohne diese würde unsere Verdauung nicht funktionieren, denn unser Darm könnte ohne diese Mikroben die Nahrung gar nicht umwandeln. Aber auch unser Sexualleben würde nicht besonders gut klappen, ohne Hilfe von Mikroben kein Sex und schon gar keine Fortpflanzung.

Es ist ganz entschieden wichtig, dass unsere Gäste einigermaßen in Frieden miteinander leben. Denn, wenn eine Gruppe wirklich das randalieren anfängt, kann das unsere Gesundheit ganz schön durcheinander bringen.

Menschen mit Magengeschwüren sind Personen, die psychisch angegriffen sind. Durch den ganzen Stress und das cholerische Verhalten übersäuert der Magen und es entsteht eben ein Ulcus. Ganz klar. Aber falsch. Völlig falsch.

Es ist einer unserer eher unbeliebten Gäste, das Bakterium mit dem Namen Helicobacter pylori. Der siedelt in 50% aller erwachsenen Menschen. Es kann aber sein, dass der Helico durchdreht und dann ein Magengeschwür verursacht. Oder gar Darmkrebs. Genaueres wissen wir noch nicht, der Nobelpreis für diese Entdeckung von Barry Marshall und John Robin Warren aus dem schönen Perth ist erst 12 Jahre alt.

Und dann gibt es ja noch die Erkenntnis, dass man vom schlechten Zähneputzen Herzinfarkte bekommen kann. Gell? Na ja. Das ist gewagt. Aber Karies und bakteriell bedingte Endokarditis sind manchmal der gleiche durchdrehende Gast, nämlich Staphylokokkus aureus. Coincidence? I think. Well, propably.

Wir wissen fast nichts über unsere vielfältigen Besiedler und wie sie sich so miteinander vertragen und sich selber kontrollieren. Oder eben auch nicht. Darum gibt es seit 2007 das sogenannte „Human Microbiom Project“. Man hofft, wenn man alle unsere Gäste erfasst und durchzählt, mehr über die Funktionsweise unseres Körpers zu erfahren.

Da ist aber noch etwas, dass mich ein bisschen beunruhigt. Wenn also einzelne Gäste und ihr ungastliches Verhalten unseren Körper und dessen Funktion so durcheinander wirbeln können…
…dann muss das doch auch für unsere Psyche gelten, oder? Für unser Seelen- und Gefühlsleben. Könnten auch psychische Phänomene von Mikroben ausgelöst werden?

Beispiele dafür gibt es in der Natur genug. Da gäbe es z.B. den Schlauchpilz. Der wird in der sogenannten alternativen Medizin gerne bei Potenzproblemen verwendet. Höchstwahrscheinlich hauptsächlich, weil seine Frucht, sein Myzeel, ungefähr so aussieht wie ein orangefarbener Dildo.

Von diesen Schlauchpilzen gibt es einen Stamm, der Ameisen befällt. Die Ameise bekommt dadurch ungeahnte, völlig neue Wünsche. „Da, dieser Baum. Ich muss auf die Spitze dieses Baumes klettern. Ich muss. Warum? Weil er da ist“. Gesagt, getan. Im Wipfel verstirbt das Insekt, wir können nur hoffen, dass es dabei glücklich ist. Der Pilz vermehrt sich dann noch einmal heftig und verteilt dann von dort oben seine Sporen über ein weit größeres Gebiet, als er das am Boden könnte.

Saitenwürmer wiederum befallen glückliche, völlig zufriedene Grillen, die gar heiter ihr Liedchen zirpen und lösen in ihnen suizidale Gedanken aus. Die harmlosen Musiker werden dann schwer depressiv und stürzen sich terminal in die kalte Flut. Was wichtig ist für den Saitenwurm, da er sich nur dort vermehren kann.

Und dann gibt es da noch einen Gast, der auf den Namen Toxoplasma hört, Nachname Gondii, der einzige seiner Art. Der ist mehr der Katzen- als der Hundetyp, denn sein Endwirt sind eben Katzen. Als Zwischenwirt kann schon einmal jedes andere Wirbeltier dienen.

Bei Mäusen sind die Auswirkungen eines Befalls besonders interessant. Jerry steht ja nicht so auf Tom. Denn Tom will Jerry ja fressen. Weswegen die Otto Normalmaus um Katzen einen weiten Bogen macht. Aber die Toxoplasmosemaus nicht. Der parasitäre Einzeller nimmt der Maus alle Hemmungen vor Katzen. Damit er seinen Endwirt erreicht, wird Jerry richtig draufgängerisch. „Fress’ mich doch, du dummer Kater!“. Was Tom dann macht, um selber an Toxoplasmose zu erkranken. Ein Psychotrick.

Nun ist es aber so, dass in Deutschland ungefähr die Hälfte aller Menschen dieses kleine Urtierchen mit sich herumschleppen. Bei über 50-Jährigen sind es gut und gerne drei von vier Menschen, die Toxoplasma ein lauschiges Plätzchen in ihrem Mikrobiom eingerichtet haben.

Werden diese Menschen dann auch alle zu Katzenliebhabern? Ist das ein perfekt ausgefeilter Plan der Katzen, der eigentlichen Weltherrscher? Nein, so funktioniert das nicht. Während Mäuse Katzenurin auf einmal nicht mehr zum Erbrechen finden, sonder das für das neue Chanel Nr. 5 halten, wenn sie erkranken… müssen erkrankte Menschen beim Katzenkloreinigen immer noch würgen.

Doch es gibt da andere Verdachtsmomente. Einige Studien legen nahe, dass Männer mit Toxoplasma sich risikoreicher verhalten als solche ohne. Aggressiver sind und eifersüchtiger. Während Frauen, deren Körper diesem speziellen Einzeller Kost und Logis bieten, eher zu Suiziden neigen.

Doch die Untersuchungslage ist noch sehr dünn. Auch andere Verdachtsmomente sind noch nicht wirklich belastbar, aber Toxoplasma könnte auch Demenz, Zwangsstörungen oder bipolare Bewusstseinsstörungen auslösen.

Wir wissen von Versuchen an Mäusen, dass die Toxoplasmose in den Gehirnen Zysten in der Amygdala bildet und dabei auf den Hormonhaushalt wirkt, speziell auf die Produktion von L-DOPA, einer Vorstufe des Dopamins. Und damit auf eines der drei wichtigsten Hormone eines ausgeglichenen Seelenlebens auch bei uns Menschen.

Und es lassen sich immerhin 40 verschiedene Studien finden, die belegen, dass Menschen, die an Schizophrenie erkranken, im Durchschnitt signifikant höhere Werte für die Antikörper haben, die bei einer Infektion mit Toxoplasma gebildet werden.

Eigentlich liegt es auf der Hand, aber die Erkenntnis ist ernüchternd. Die 100 Billionen Kleinstlebewesen, die jeder von uns beherbergt, die sind auch für unser Seelenleben mitverantwortlich.

Wir stehen ganz am Anfang der Forschung und können nicht wirklich etwas dazu aussagen. Aber vielleicht behandeln wir in ferner Zukunft Depressionen mit spezifischen Antibiotika. Oder einen Waschzwang mit einer schönen Kot-Transplantation, das wäre doch Fortschritt, odeR?

Aber die Mikroben, die mich zwingen, diese Sendung zu machen, signalisieren mir, ich muss aufhören. Bevor ich mit euch noch dieses Dingsda diskutiere. Diesen sogenannten freien Willen. Aber. Ich. Muss. Gehen. Muss gehen…