Expl0602: DNA Lifestyle


So ein persönlicher Lifestyle-Coach ist eine teure Sache. Wie gut, dass es den jetzt auch für das Smartphone gibt. Und dazu noch komplett auf die eigene DNA angepasst! Der Fitness-Durchbruch, oder nicht? Eher nicht…


Download der Episode hier.
Opener: „DNA Lifestyle Coach by Titanovo“ by Oleksandr Savsunenko
Closer: „The Simpsons – It’s genetic, man“ von letsbepandas
Musik: „Just a Glass (2014)“ von Kara Square and Piero Peluche / CC BY-NC 3.0


Zu allererst: Sorry, dass es gestern keine Sendung gab. Aber zur Zeit geht’s bei mir ganz schön durcheinander. In drei Wochen ziehe ich um und wenn dann der März erst einmal geschafft ist, sollte alles wieder in regelmäßigen Bahnen verlaufen. Ich hoffe, mein Tohuwabohu bringt euren Lifestyle nicht zu sehr durcheinander.

Denn so etwas sollte man schon haben, einen Lifestyle. Und man kann dem auch nicht entkommen. Selbst die Weigerung einen bestimmten Lebensstil zu haben, ist soziokulturell auch schon wieder einer. Ätschibätschi!

Also bastelt man sich einen individuellen Lebensstil. Einen, der ganz genau zu einem selber passt. Maßgeschneidert. Nur für mich. Das Problem ist nur, dass man sich oft gar nicht genug kennt. Sich selber nicht genug kennt. Und dann entscheidet man sich halt lifestylemäßig glatt daneben. Und merkt erst später, dass man nicht so der Typ Bungee-Jumper ist, sondern eher so der 5000-Teile-Puzzler.

So wursteln wir uns also durch unser Leben auf der Suche nach den Dingen, die zu uns passen. 80 Jahre try and error. Ach, könnte man den Lifestyle einfach durch Wissenschaftler festlegen lassen. Dann würde man sich nicht aus Versehen den falschen Namen auf die Brust tätowieren lassen. Nicht plötzlich im Einhandsegler sitzen und sich, mitten im Atlantik, denken: „Eigentlich finde ich Segeln ja bescheuert.“ Oder nicht Ecstasy-abhängig werden, obwohl man eigentlich eher der Schnupftabak-Typ ist…

Doch wir leben ja in neuen, in aufregenden und fortschrittlichen Zeiten! Hatte das Human Genome Project noch Jahre um Jahre gedauert und Superrechner auf der ganzen Welt ausgelastet, ist DNA-Sequenzierung mittlerweile für einen Apple und ein Egg zu haben. Steve Jobs musste 2011 noch 100.000 Dollar ausgeben, schon heute kostet eine komplette Sequenzierung keine 1000 Dollar mehr und bald, so die Firma Illumina, unter hundert.

Dieselbe Führer, Illumina – Marktführer bei den Sequenzern, hat sich auch für Millionen eine Company mit Namen Helix gekauft. Ziel ist es, einen App-Store für Genetik zu entwerfen. Und das hat alles sehr mit Lifestyle zu tun. Da gibt es gleich mehrere Firmen, die die glücklichen Besitzer eines Smartphones mit genetischen Lebensratschlägen beglücken wollen.

Angefangen hat das mit einer Company mit dem bescheidenen Namen Titanovo. Die hatten auf Indiegogo mit ihrer Geschäftsidee $ 10.000,- gesammelt und haben 2015 losgelegt. Die Idee war folgende: Am Ende der Chromosomen finden sich die sogenannten Telomere. Bei jedem Kopiervorgang werden die ein Stückchen kürzer.

Und wenn sie ganz klitzeklein sind, dann ist man kurz vom Exitus, denn die Kopierfehler werden immer schwerwiegender. Am Zustand der Telomere kann man also die Lebenserwartung messen, so die Idee. Für nicht einmal $ 150,- ganz bequem zu Hause.

Nachdem aber eine ganze Reihe von Kunden die Botschaft bekamen, dass sie kurz vor’m Exitus sind, kam es nie zu einem richtigen Durchbruch auf dem Markt für Lifestyle-Produkte. Titanova musste einräumen, dass ihre wissenschaftliche Beweislage eher dürftig war und keiner wegen eines Messergebnis anfangen sollte zu hyperventilieren.

Doch die Idee war in der Welt und bald schufen die findigen Existenzgründer das nächste Projekt. Mit reichlich Kapital von Kickstarter ausgestattet und mit professionellem Marketing macht sich „DNA Lifestyle Coach“ auf, den Markt zu dominieren.

Das geht ungefähr so: Man schafft sich einen User-Account und kann dann seine DNA-Ergebnisse hochladen. Oder man schickt der Company eine Speichelprobe, die dann von „Doktoren und Wissenschaftlern“ untersucht wird – so der Werbeclip. Man beachte den feinen Unterschied zwischen PhD und scientist!

Danach bekommt man seinen neuen, ganz individuellen Lifestyle auf das Smartphone. Die Gene legen nämlich fest, wie man am besten lebt. „Deine DNA, lieber Kunde, sagt, Du musst mehr Ausdauertraining machen und weniger Krafttraining. Du solltest unbedingt mehr Vitamin B12 zu Dir nehmen, aber auf keinen Fall zuviel Vitamin K.“

„Und Du solltest abnehmen. Trinke am besten 500 ml trüben Apfelsaft am Tag. Verzichte auf Sonnenblumenöl und verwende lieber Olivenöl. Es könnte gut sein, dass Du eine Laktoseintoleranz entwickelst, passe also bei Milch und Käse auf. Mehr als drei Tassen Kaffee am Tag sind schlecht für Dich und Alkohol kann Dein Körper besonders schlecht verstoffwechseln.“

Und diese Ratschläge sind erst der Anfang. In Zukunft möchte sich DNA Lifestyle Coach auch um die Hautpflege kümmern oder auch um das seelische Wohl seiner Kunden. Issja klar, alles liegt in unseren Genen.

Eine ganze Generation an neuen Supermenschen wird da von begeisterten Biohackern in der Zukunft herbei geschwurbelt. Wenn wir endlich wirklich nach den tatsächlichen Bedürfnissen unserer Körper leben könnten, dann werden wir alle 150 Jahre alt und Krebs, Alzheimer oder Diabetes gehören für immer der Vergangenheit an! Hurra! Brave New World!

Wenn da nicht ein Problem wäre: Die wissenschaftliche Basis für die ganzen Empfehlungen, die der DNA Lifestyle Coach da so absondert, ist – wenn man es wirklich gut mit dem StartUp meint – sehr, sehr dünn. Will man eher böse sein, dann könnte man auch behaupten, dass jeder dieser Tipps und Empfehlungen glatter Humbug ist.

Zum ersten startet ja keiner dieses DNA-Trainingsprogramm mit einem völlig neuen Körper. Ohne vorherige Erkrankungen oder Organbelastungen oder erlittener Verletzungen. Wenn der Meniskus schon kaputt ge-ironmant ist – ja, das ist ein korrektes Verb – schadet das Joggen wahrscheinlich eher. Egal ob die Gene einem das empfehlen oder nicht.

Zum zweiten ist das mit der Ernährungswissenschaft und deren Erkenntnissen sowieso immer so eine Sache. Weil wir in der Regel gewisse ethische Bedenken haben, eine Kontrollgruppe zum Beispiel fünfzig Jahre nur Gluten zu füttern. Oder gar, für die Wissenschaft verhungern zu lassen. Darum ist Kaffee auch einst das pure Gift für das Herz gewesen und jetzt plötzlich das Wundermittel gegen den Infarkt. Weil man halt nur statistisch forschen kann und so eine Korrelation halt immer nur eine Hypothese ist.

Und zum dritten: Hey, wo haben die denn diesen Unsinn her? Ich kann schon ein bisschen recherchieren, aber nirgendwo findet sich auch nur die allerkleinste und albernste Studie, die so einen Ernährungstipp wie die 500 ml trüben Apfelsaft in irgendeinen Zusammenhang zu genetischen Prädispositionen bringt! Das stammt eher so aus dem Handbuch für den Ernährungsberater-Volkshochschulkurs.

Und zu guter Letzt: Seit dem das menschliche Genom im Jahre 2003 zum ersten Mal komplett entschlüsselt wurde, haben wir viel gelernt. Es kam nicht so wie erwartet. Da ist nicht ein Gen, dass für die Vorliebe für Marzipanschokolade zuständig wäre oder ein anderes für die Abhängigkeit von Schnupftabak.

Wir wissen mittlerweile, dass die ganze Sache sehr viel komplexer ist. Dass viele Gene zusammenwirken und andere Gene gar nicht benutzt werden. Und dann plötzlich doch.

Und mehr noch als das: Welche Information zu welchem Zeitpunkt benutzt wird, hängt von der Epigenetik ab. Also von Erbinformationen, die gar nicht in der DNA selber gespeichert sind. Wir können tatsächlich sogar Erlebnisse vererben, so scheint es gerade.

Klar, man kann seine Speichelprobe bei „DNA Lifestyle Coach“ oder bei „Helix“ oder bei „23AndMe“ einreichen. Kostet zwischen $ 70,- und $ 200,-. Aber die Lifestyle-Tipps sollte man nicht ernst nehmen. Das ist alles wissenschaftlich so genau wie Horoskope.

Da empfehle ich doch eher den Service „Vinome“. Da schickt man auch seine Speichelprobe ein und bekommt, für nur siebzig Dollar, genau die eine Flasche Wein, der optimal zur eigenen DNA passt. Kein Unsinn. Vinome.com

Klar, das ist haargenau der gleiche Blödsinn, aber man hat halt dann danach wenigstens eine Flasche Wein. Das ist immer noch besser als genetische Lifestyle-Tipps.

Na, dann Prost!

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