Expl0603: Fakten, Fakten, Fakten


Was ist ein Fakt? Was eine Tatsache? Und die Wahrheit? Gibt es Schlümpfe? Wenn also Facebook und Donald Trump gerade das postfaktische Zeitalter einläuten, was war denn davor? Hier einige Geschichts-“Fakten“ zu Fakten.


Download der Episode hier.
Opener: „fakten fakten fakten“ von Sky Love
Closer: „You Can’t Handle The Truth!“ von ThingsICantFindOtherwise
Musik: Puttin’ on the Ritz“ by the Tin Pan Paraders / Public Domain Mark 1.0


Postfaktisch ist das neue Modewort. Wir leben in einer Zeit, soll das wohl heißen, in der die Fakten nichts mehr wert sind. Wo Facebook, Twitter und die amerikanische Regierung jeden Tag neue Unwahrheiten servieren, die aber trotzdem als Wahrheit, als Tatsache, als Fakt präsentiert und geglaubt werden. O tempora, o mores – wie der alte Pirat bei Asterix immer gesagt hat.

Es ist ja auch so eine Sache mit der Wahrheit. Will man die denn wirklich? Mark Twain sagte: „Noch niemals sah ich einen Menschen, der wirklich die Wahrheit sucht. Jeder, der sich auf den Weg gemacht hatte, fand früher oder später, was ihm Wohlbefinden gewährte. Und dann gab er die weitere Suche auf.“

Angenommen, wir lebten jetzt also wirklich in postfaktischen Zeiten, dann müssen ja die Zeiten davor die faktischen gewesen sein. Die Zeiten, in denen es harte Fakten gab. Als Tatsachen noch etwas wert waren. Als sich Medien noch um die Wahrheit gerangelt haben. Als Männer noch Eier hatten! Äh, das ist erklärungsbedürftig, dazu später im Detail.

Tatsächlich ist unsere Meinunng, dass es Fakten überhaupt gibt, dass sich gewisse Dinge objektiv und unverrückbar formulieren lassen, eine erstaunlich neue Idee. Und die kommt nicht aus der Philosophie, nicht aus der Theologie und nicht aus der Astrologie. Alles noch respektable Wissenschaften im Mittelalter. Nein, Fakten entstammen der modernen Wissenschaft. Der Ausdruck „Faktum“ entstammt der modernen wissenschaftlichen Methode.

Und damit nicht der guten, alten Antike, die sonst ja immer an allem schuld hat. Die hatte es in Wirklichkeit nicht so mit Fakten. Wenn ein bedeutender Mensch wie z.B. Herodot bestimmte Dinge behauptet hat, dann galten die, dank seiner Autorität, als faktisch.

Und so glaubte man in der Antike, dass die Babylonier Eier kochen, indem sie sie in Schleudern herumwirbeln. Dass Knoblauch Metalle magnetisch macht, dass man Diamanten nicht zerkleinern kann, dass die Nerven ihren Ursprung im Herz haben, die Seele aber in der Leber sitzt und Schiffe immer mehr Auftrieb entwickeln, je weiter sie sich von der Küste entfernen.

Klingt in unseren Ohren alles eher lächerlich, aber wenn das Aristoteles und Konsorten so behauptet haben, dann ist das so. Basta. Diese Erkenntnisse der Antike haben sich im Christentum im Prinzip alle bis zum Ende des Mittelalters tradiert.

Galileo Galileo noch sollte seine Studenten mit Büchern unterrichten, die im Kern aus dem 13ten Jahrhundert stammen. Warum auch nicht? Eine Wahrheit kann ja nicht noch wahrer werden. Alles ist ausgeforscht, Herr Galileo.

Also sagte sich Galileo: Wir haben Schleudern, wir haben Eier und wir haben starke junge Männer. Sollen die also so lange Eier durch die Luft wirbeln, bis sie gekocht sind. Und für den Fall, das das nicht gelingt, belegt dieses Experiment meine These, dass man Eier durch Gewirbel nicht kochen kann.

Gesagt, getan. Männer, Schlingen, Eier, Wirbeln. Und siehe da: Junge Männer können ihre Eier nicht so lange durch die Luft wirbeln, bis diese gerinnen. Oder so. (hüstelt) Wichtige Dinge waren entstanden: Die Begriffe Hypothese, Experiment oder These waren vorgeprägt. Der „Fakt“ allerdings noch nicht.

Wie belegt, hatte in der Antike die Wahrheit durchaus etwas mit Autorität zu tun. Vor römischen Gerichten wurde die Wahrheit aufgrund der Stellung einer Person gefunden. Einem Sklaven wurde weniger geglaubt als einer Frau als einem freien Mann als einem Patrizier als den Auguren. Im römischen Recht hatten „rumor“ und „fama“ durchaus ihren Platz. Gerüchte, Geschwätz, Hörensagen, Vorurteile, Zeugenaussagen und die persönliche Reputation des Angeklagten entschieden das Strafmaß.

Erst durch die moderne wissenschaftliche Methode entstand der Fakt, die Tatsache. David Hume, einer der ersten Philosophen des Faktums, meinte: Dass die Winkelsumme in einem Dreieck immer 180 Grad ergibt, ist ein Fakt, weil es notwendig ist, dass dies ein Fakt ist. Kaum zu fühlen heute, aber das war eine erschütternde These.

Keine Autorität kann sich über diese Erkenntnis stellen, kein Kaiser einen Erlass verkünden, dass in diesem seinen Reich, dem Kaiserreich Olivien, die Winkelsumme im Dreieck ab jetzt 193 Grad ist. Zeitgleich mit diesem neuen Verständnis von wissenschaftlich basierten Wahrheiten, Fakten, die sich jederzeit überprüfen lassen, kam auch der Druck. Bücher, Pamphlete, Enzyklopädien – die Demokratisierung von Informationen jenseits von Klosterbibliotheken.

Es würde noch 500 blutige Jahre dauern, bis Europa das Joch des Feudalismus abschütteln würde, aber im Prinzip war dieser Wahrheitsbegriff der Anfang vom Ende. Das Ende von Wahrheiten, die von Autoritäten geprägt wurden. Der Fakt, so wie wir in spätestens seit dem Positivismus benutzen, ist ein anti-autoritärer Begriff.

Und darum ist die gefährlichste der Strategien von Donald Trump auch die kontinuierliche Medienschelte. Wenn autoritäre Regime die Macht ergreifen, dann reißen sie immer – ohne Ausnahme in der Geschichte – die Wahrheit an sich. Die Autorität.

Wer ein autoritäres Regime innerhalb einer Demokratie schaffen möchte, der muss erst einmal die Medien und deren Rechte abschaffen. Und es besteht ein gewisses Risiko, dass wir dafür mittlerweile tatsächlich Möglichkeiten geschaffen haben.

Wir haben kollektiv die Funktion des Journalismus als Filter zwischen Augenzeugenberichten, Gerüchten, Gefühlen und der Wahrheit abgeschafft. Diese alte Journaille, die brauchten wir nicht mehr. Die haben ja unser tolles Internet nicht begriffen. Haben die total verschlafen. Wir aber nicht!

Jeder kann jetzt veröffentlichen, ein Tweet von mir fängt erst einmal mit den gleichen Chancen an wie ein Tweet von Queen Elizabeth.

Aber die alte Journaille hat das ja leider doch irgendwann begriffen. Und reagiert mit blitzschnellen Eilmeldungen, ungeprüften Augenzeugenberichten, 1:1 kopierten Agenturmeldungen und einem beständigen Veröffentlichungsdruck, der Newsjunkies in schöner Regelmäßigkeit in Depression stürzte.

Und diese Art der Berichterstattung, das war der eigentliche Fehler. Das erschütterte das Vertrauen, das ist die Wurzel der „Lügenpresse“. Es hat lange gedauert, bis zum Beispiel die „SZ“ auf die Idee kam bei einer Katastrophe nicht einfach jeden Tweet mit dem entsprechenden Hashtag zu verwursten, sondern eine Liste mit „Was wir wissen und was wir nicht wissen“ beständig zu aktualisieren.

Aber der Schaden war schon angerichtet. In dem Versuch den Wettbewerb mitzuhalten, hatte man nur sich selber diskreditiert. Keiner hatte so richtig bemerkt, dass es schon lange nicht mehr um Fakten ging, sondern um Emotionen.

Wenn jetzt ein Sender wie Fox auf einmal selber nicht mehr mithalten kann mit seiner Schöpfung namens Trump, dann ist es halt zu spät, Victor Frankenstein.

Wir werden neue Gatekeeper brauchen. Einen neuen Journalismus, der nicht mit Facebook-Likes oder Herzchen auf Twitter seine Bedeutung nachweisen muss. Der auch unabhängig wird von Politik und von Werbung. Und der entsteht bereits, den gibt es da draußen schon. Wie schon einmal möchte ich geneigten Hörenden sowohl „Perspective Daily“ als auch „Piqd“ ans Herz legen.

Autoritäre Regime können uns von der Wahrheit für eine gewisse Zeit abschneiden. Es kann sein, dass es Zeiten geben wird, in denen sogenannte „gefühlte“ Wahrheiten – also Emotionen – wichtiger werden als Fakten. Aber eine Idee, wie die wissenschaftliche Methode eine ist, wird nicht unvergessen zu machen sein. Die überlebt auch harte Zeiten. Wie die jetzigen.

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