Expl0609: Die Toilette


So peinlich ist es uns, auf die Toilette zu gehen, dass das Symbol für diesen Ort entweder ein Männlein oder ein Weiblein ist – nicht das Klo selber. Arme Toilette, niemand redet über seine Kulturgeschichte! Bis heute!


Download der Episode hier.
Opener: „Toilet Training – Baby’s Potty iPhone Gameplay“ von DroidCheat
Musik: „No Country Song (2017)“ von thejunetominfluence / CC BY-NC-ND 3.0


Wenn sich der menschliche Körper im Bauch der Mutter so langsam entwickelt, dann ist er erst ein hässlicher Zellklumpen und wird in Schritt 2 zu einem Schlauch. Oben geht ‘was rein, unten geht ‘was raus. Und dieses System bleibt im Prinzip dann auch so. Mit dem ‘was oben reingeht, beschäftigen wir uns ja recht gerne. Mit dem, was unten rauskommt… nicht so gerne.

Das Thema ist einfach zu privat, zu intim, zu übelriechend und zu peinlich. Und das wohl schon immer. Selbst Tiere verrichten ihre Notdurft nicht da, wo sie leben oder essen und viele Spezies vergraben oder verscharren ihren Kot. Scheint ein evolutionärer Vorteil zu sein.

Und so sind auch wir Menschen gerne alleine, wenn unten ‘was rauskommt. Hier in Deutschland erkennt man das Hochnotpeinliche ganz gut daran, dass wir praktisch kaum ein deutsches Wort mehr übrig haben für das, was noch im Mittelalter ganz offen „Scheisshaus“ hieß – und das war damals vom Image her ganz normal und kein bisschen übelriechend…

„Toilet“ ist französisch. Für ein Tüchlein, hinter dem man sich am französischen Hof versteckte, wenn man sich – noch bis ins 18te Jahrhundert – in Gänge, Ecken oder Gärten entleerte. Klo wiederum kommt von „closet“, was einen kleinen Raum beschreiben, aber halt auch einen Wandschrank. „Coming out of the closet“ bedeutet nicht, dass jemand gerade beim Pinkeln war.

Latrine oder Lokus sind Latein, denn die Römer hatten unsere Technik der Wasserklos ja schon einmal vorerfunden. Nicht nur, dass es öffentliche Latrinen in den Städten gab, auch die Häuser der Wohlhabenden oder Kastelle wurden mit Wasserspülung ausgestattet.

Der Abort, der dann in mittelalterlichen Burgen diese Technik ersetzte, war dann technisch doch deutlich eine Rückentwicklung. Selbst wenn das Erkerchen oder Türmchen mit diesem Namen so gebaut war, dass der Hintern der Rittersleut über dem Burggraben zu sehen war – Spülung ist das nicht, sorry.

Die in Bayern oder Österreich noch anzutreffende Bezeichnung „Häusl“ umschreibt die Technologie, die in Mitteleuropa 1200 Jahre dominiert hat, gar trefflich. Außerhalb des Wohnbereichs gab es eine Hüttlein als Schutz gegen Wind und Wetter. Und darin ein Brett mit einem Loch. Über einem weiteren Loch in der Erde.

Das war simpel und einfach, Klempner waren allesamt arbeitslos, aber auch unhygienisch. Und speziell im Sommer nur bei Menschen beliebt, die Riechkolben aus Stahl hatten und sich leidenschaftlich für die Vielfalt der heimischen Insektenwelt interessierten.
Aber: Teuer war das natürlich auch nicht gerade.

Weswegen sich das Wasser-Klosett heutiger Spielart auch ewig nicht durchsetzen konnte. Wann genau es wieder erfunden wurde, ist nicht mehr genau zu klären. Aber die Ehre gehört wohl den Briten. Wahrscheinlich, weil sie witterungsbedingt die Methode „Häusl“ als besonders notdürftig empfanden.

Als Erfinder müsst man eigentlich Thomas Brightfield nennen, der schon1449, 
in London, ein Klo baute, das mit dem Wasser aus einem Spülkasten spülte. Allgemein aber gilt Sir John Harrington als der Erfinder, der neben sein Haus in Bath ein Wasserklo baute, weil ihn seine Patentante, Queen Elizabeth the First besuchte.

Vielen Briten aber gilt jemand anderes als Erfinder des Wasserklos und zwar ein Mann mit dem sprechenden Namen Thomas Crapper. Weil „crap“ im Englischen ein Wort für „Scheisse“ ist. Viele Mythen ranken sich um seine Gestalt. Angeblich hat ihn Queen Victoria geadelt, so zufrieden war sie mit seinen Spülklos. Sir Thomas Crapper. Leider halt nicht wahr.

Doch wenn auch der Name zu schön ist, um wahr zu sein, so gab es Mr. Crapper – Herrn Scheißer – tatsächlich. Allerdings war er kein Erfinder, eher ein Bastler. Und vor allem ein gelungener Vermarkter dieser noch recht neuen, technologischen Errungenschaft.

Seine neue Idee war es, seine Sanitärprodukte – egal ob Wannen, Duschen, Waschbecken oder Klos – in seinem Laden in Chelsea fix und fertig zu installieren. Kunden konnten so alle seine Produkte ausprobieren, bevor sie sich zu dieser doch recht teuren Investition durchrangen.

Rein technologisch gibt es keine wirklichen Errungenschaften, die wir ihm zu verdanken hätten. Er hat nicht die Spülkästen erfunden, die es unnötig machten, dass Wasserleitungen im Haus unter hohem Druck geführt werden müssen. Und auch nicht den Syphon. Das ist dieses S-förmige Stück im Abfluss, das verhindert, dass üble Gerüche oder gar Nagetiere aus der Kanalisation das heimische Glück beeinträchtigen könnten.

Tatsächlich waren einige seiner Basteleien eher berüchtigt als beliebt. Ein Modell, dass den Toilettendeckel automatisch heben und senken konnte, trug den Spottnamen „Buttslapper“ – Arschklopfer. Wir können an dieser Stelle recht risikoarm historisch davon ausgehen, dass dieser Pejorativ ein Hinweis auf eine unerwünschte Fehlfunktion des Mechanismus ist.

In Wirklichkeit war die moderne Toilette aber zu Tom Crappers Zeiten eigentlich auserfunden. Zumindest bei uns in Europa. In Japan hat die Ingenieurskunst da noch viele Dinge beizutragen gehabt.

Man könnte doch die Klo-Brille beheizen, wenn man immer einen warmen Hinter haben will.

Sich auch gleich nach dem Stuhlgang den Hintern mit duftendem Wasserstrahl reinigen zu lassen, klingt auch nett, ebenso wie Toiletten, die automatisch für das richtige Raumaroma sorgen.

Besonders verbreitet ist die „Geräuschprinzessin“ – Otohime – ein kleines Gerät, dass auf Winken laute Spülgeräusche produziert. Gerade Frauen in Japan waren wohl ihre Pupsgeräusche so unangehm, dass sie ununterbrochen die Spülung zu betätigen pflegten gehabt haben. Um diese Wasserverschwendung zu reduzieren, gibt es die Otohime. Teurere Modelle unnterscheiden sich von günstigeren dabei durch die Natürlichkeit und die verschiedene Audioqualität des Spülgeräuschs.

Und das mit dem Spülen, das ist ja auch das große Problem und vielleicht das baldige Ende für unsere beliebten WCs. Jeder Deutsche spült im Durchschnitt am Tag 36 Liter sauberen Trinkwassers durch den Syphon, das entspricht fast zwei Kästen Mineralwasser ohne Sprudel.

Ein bisschen weniger noch als die US-Amerikaner bislang. Aber gerade dort denkt man intensiv über neue Toilettentypen nach. Denn im Sommer leiden viele Bundesstaaten unter extremer Trockenheit. Springbrunnen, Garten gießen, Rasen sprengen oder Duschen kann man ja vielleicht gesetzlich einschränken, aber man kann den Leuten schlecht verbieten, das Klo zu benutzen.

Moderne WCs sollen also mit mehr Druck und weniger Wasser arbeiten. Statt 12 Litern pro Spülgang nur fünf Liter benutzen. In anderen Gegenden der Welt wie China oder Afrika, wo Trinkwasser noch rarer ist, setzen sich chemische Trockentoiletten durch.

Besonders umweltfreundliche Toiletten sind aber die nagelneuen Kompost-Toiletten. Wo also das, was am Ende des Schlauchs mit Namen Mensch rauskommt, aufgefangen werden kann und als Natürdünger weiterverwendet wird. Z.B. um wohlriechende Rosen zu züchten oder süße, sinnliche Erdbeeren.

Das ist natürlich im Prinzip genau das, was der Bauer im Mittelalter mit den Ergebnissen seines Häusls genauso gemacht hat. Sollte sich also der Kreis wieder schließen und das WC ein Ausflussmodell, ein Ausfallmodel, ein Auslaufmodell sein, dann hätte ich persönlich wenigstens gerne noch so eine Geräuschprinzessin. Könnte ich vielleicht als neues Intro verwenden,oder?

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