Expl0612: Nekro-Neurologie


Der Haken an „Forever Young“ ist ja das „Forever“. Wir alle sterben, nüscht ist forever. Darum hoffen wir auf ein Leben nach dem Tod und wären echt froh, wenn sich das beweisen ließe. Doch auch dieser neue Fall des Kanadiers, der noch lange nach dem Exitus ein EEG lieferte, beweist leider nichts…


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Musik: „My World (2011)“ von WE ARE FM / CC BY-NC-SA 3.0


„Und hier“, sagte Gott in seiner allumfassenden Güte, „hier habt ihr noch den Verstand. Als mein letztes Geschenk an die Menschen. Ihr könnt damit meine mathematischen Formeln knacken, das Universum vermessen, die kleinsten Teile der Schöpfung immer kleiner und kleiner teilen oder Sudoku spielen.“

„Danke, Allmächtiger! Wie cool!“ So antworteten wir Menschen und begannen sofort nachzudenken. Wir erfanden Algebra, beschleunigten Hadronen und spielten nicht nur Sudoku, sondern auch Bier-Pong und „Müllabfuhr Simulator“.

Und wir bemerkten, dass Gott nirgendwo zu finden war. Entweder er war tot oder aber er machte einen wirklich, wirklich langen Urlaubstrip.

Und wenn wir schon bei tot sind: Wir bemerkten weiters, dass wir alle sterben müssen. Jeder stirbt. Das ist nicht nur psychologisch die denkbar größte narzisstische Kränkung, sondern ruiniert auch den genialen Plan in meinem Leben eine Milliarde Schokoküsse zu essen.

Das wären bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung immerhin 38.000 Schokoküsse am Tag, das schaffe ich nie! Schon, weil ich die ersten 52 Jahre so geschlampert habe und bisher insgesamt wahrscheinlich nicht einmal 1000 verdrückt habe.

Tja, wirklich blöd, man müsste Tausende von Jahren alt werden.
Das einzig Gute daran ist: Ich hasse Schokoküsse!

Die Angst vor dem eigenen Ableben, so geht die nicht mehr wirklich taufrische Theorie, ist in Wirklichkeit der Grund, warum wir uns Gott überhaupt ausgedacht haben. Oder das Übernatürliche. Oder ein Leben nach dem Tod.

Und weil die Wissenschaft und die Religion über Jahrhunderte brav händchenhaltend das Universum erklärt haben, gibt es auch viele „wissenschaftliche“ Belege für ein Leben nach dem Tod. Die Anführungszeichen konnte man hören, oder?

Am berühmtesten ist sicher Duncan MacDougal. Das ist der Forscher, der 1901 sechs Sterbende gewogen hat. Vor und nach dem klinischen Tod eine durchschnittliche Differenz von 21 Gramm feststellte. Die Seele hatte also Masse und verließ den Körper nach dem Tod. Die Seele wiegt 21 Gramm.

Man muss nicht einmal die komplexen Prozesse des Körpers beim Sterben anzustrengen, um diese Ergebnisse zu erklären. Es reicht völlig, sich die Studie selber genauer anzuschauen. Denn eigentlich zeigte nur einer der Patienten die Reaktion, die MacDougal für seine Hypothese brauchte, die anderen fünf schloss er mehr oder weniger aus seiner Mini-Statistik aus.

Nichtsdestotrotz dreht dieser pseudowissenschaftliche Zeitungsartikel von 1907 aus der New York Times im Internet immer noch fröhlich seine Runden. Wenn es uns schon auf Erden nicht vergönnt ist, eine Milliarde Schokoküsse zu essen, dann muss doch etwas sein, nachdem wir gestorben sind!

Sei es ein ewiger Stammtisch in Walhalla, Harfe spielen auf einer Wolke oder aber 72 Jungfrauen – wir nehmen alles, Hauptsache es ist nach dem Tod nicht einfach aus, finito, basta, Schluss, Aus, Äpfel, Amen!

Das ist auch sicher der Grund, warum ein gerade erschienenes Paper „Canadian Journal of Neurological Sciences“ gerade so populär ist. Es trägt den poetischen Titel: „Electroencephalographic Recordings During Withdrawal of Life-Sustaining Therapy Until 30 Minutes After Declaration of Death“

Kurz: Schon dreißig Minuten klinisch tot und trotzdem läuft das Gehirnstrom-Sichtbarmachungsgerät immer noch. Aber ganz so ist es nicht.

Eine Reihe kanadischer Ärzte begleiteten vier Patienten beim Sterben. Zu einem gewissen Zeitpunkt des Lebens kommt dann der Zeitpunkt, wo das Leben nach unserer Definition vorbei ist. Man nennt das „klinisch tot“.

Drei der Patienten – oder sagt man ab dann: drei der Körper – verhielten sich auch brav, wie sich das gehört und spätestens dreißig Sekunden nach dem Tod schaltete sich auch das Gehirn aus und auf dem EEG war nichts zu sehen außer einer flachen Linie. In einem Fall sogar davor.

Doch Kandidat Nummer vier war anders. Sein EEG zeigte immer noch heftige Ausschläge. Eine Deltawellenaktivität, wie sie typisch ist für die traumlose Tiefschlafphase. Deltawellen nennt man die Gehirnstöme mit der niedrigsten Frequenz, nämlich von 0,1 bis unter 4 Hz.

Sie treten aber auch typischerweise bei Hirntumoren, Hirninfarkten oder Hirnblutungen auf. Schnallt man auf eine süße kleine Labor-Ratte süße kleine Ratten-Elektroden, schließt diese an ein EEG-Gerät an und HACKT ihr dann den Kopf ab, dann gibt es noch einmal einen ordentlichen Gammawellenausschlag. Eine Minute nach Köpfung. Niemand würde DAS als Beleg für ein Leben nach dem Tod werten, es ist eher so wie der Schalter, der ausgeht.

Doch bei Kandidat vier war alles anders. Während die verwunderten Ärzte um ihn herumsprangen um immer neue Methoden zu benutzen, die sein Ableben dokumentieren, e-e-gte dieser eine Mensch immer weiter. Es sollte 10 Minuten und 28 Sekunden dauern, bis sich das Gerät ohne den Biep endlich beruhigte.

Über diese Studie kann man jetzt schon vieles lesen. „Kanadische Wissenschaftler beweisen das Leben nach dem Tod“ – liegt auf der Hand. Aber: „Nach dem Tod lebt unser Gehirn weiter“ war bei weitem der gruseligste Fund. Wir wären dann alle Bizarro-Zombies. 10 Nerdpunkte für alle, die verstehen, was ich meine.

So groß ist die Sehnsucht, dieses blöde Problem mit diesem Sterben am Schluss lösen, dass sich keiner so richtig die Mühe gibt, das Paper auch einmal anzuschauen. Denn die Autoren sind zwar sehr von ihrem Ergebnis begeistert und haben sich wirklich alle erdenkliche Mühe gegeben, das auch ordentlich abzuliefern.

Aber sie schreiben ganz offen: Das war ein Fall. Ein einzelner Fall. Es könnte sich also durchaus um einen Messfehler handeln oder ein Fehlfunktionieren der Gerätschaften. Jeder, der schon einmal an ein EEG angeschlossen war, weiß, dass diese Elektroden nicht gerade kinderleicht zu benutzen sind…

Noch einmal, langsam zum Mitschreiben: Kandidat vier ist ein Einzelfall. So etwas ist noch nie dokumentiert worden. Und: Wir wissen nicht, warum nach seinem klinischen Tod noch 10 Minuten und 38 Sekunden Deltawellen zu messen waren. Tatsache bleibt: Danach war halt auch nichts mehr zu messen. Mit einem Leben nach dem Tod hat das nichts zu tun. Keine Schokoküsse oder Jungfrauen für Kandidat Nummer vier.

Das Paper macht zwei Dinge deutlich.

Zum einen ist dieser „klinische Tod“ eine sehr irreführende Ausdrucksweise, die wir so langsam ‘mal ablegen sollten. Gemeint ist eigentlich ein Kreislaufstillstand. Das Team aus dem Paper hat festgestellt, dass ihre Patienten keine Atmung mehr hatten, keinen Puls in den großen Arterien Carotis und Femoralis, keinen in den kleinen – am Handgelenk, dass er keine Reflexe mehr hatte, auch nicht in den Pupillen und dass er nicht würgen musste, obwohl im Raum „Modern Talking“ lief. O.k.,das letzte hab’ich mir ausgedacht…

Das nennen wir dann Tod. Wir könnten das auch „extreme Bewusstlosigkeit“ nennen, wenn wir das wollten, das wäre genauso präzise.

Sterben ist ein sehr langer Prozess, der eigentlich mit der Geburt beginnt und nach dem „klinischen Tod“ noch lange nicht aus ist. Wir wissen seit letztem Jahr, dass beinahe 1000 Gene noch Tage nach dem Tod fleißig weiterarbeiten.

Und dann fällt mir auf, dass wir über die Hirnprozesse beim Sterben allgemein erstaunlich wenig wissen. Wir bräuchten eine Wissenschaft der Nekro-Neurologie, um mehr über diesen seltsamen Kanadier und seine Deltawellen sagen zu können.

Wahrscheinlich finanziert das aber niemand. Dazu ist das Leben zu kurz!