Expl0613: 72 Jungfrauen


Nichts wäre schlimmer, als im Paradies aufzuwachen und auf einmal für 72 Jungfrauen zuständig zu sein, oder? Allein die Kosten an der Kinokasse! Aber ich bin ja auch Christ. Und sollte darüber keine Witze machen. Warum, das erkläre ich heute…


Download der Episode hier.
Opener: „DIETER NUHR – 72 Jungfrauen (Übersetzungsfehler)“ von Schäff Online
Closer: „Domian – Uwe, 36 ist noch Jungfrau“ von Domian Fan Kanal
Musik: „Paradies (2012)“ von LBone / CC BY-NC-SA 3.0


Über 5% der Menschen, die in Deutschland leben sind anders! Sie halten sich nicht an unsere Traditionen, nein! Sondern sie leben nach ihren eigenen Regeln! Bei diesen Menschen gibt es keinen leckeren Schweinebraten mit Knödeln, diese Menschen, die essen überhaupt kein Schweinefleisch. Seltsam sind die. Man macht Witze über sie. Ja, es ist traurig, aber wahr, mittlerweile sind schon 5% der Menschen in Deutschland Vegetarier. Über die wissen wir so einiges.

5% der Menschen in Deutschland sind auch Muslime. Über die wissen wir eigentlich nicht so viel. Die beten fünfmal am Tag oder auch nicht, die pilgern nach Mekka oder auch nicht, die lesen den Koran oder auch nicht. Um alles zu verwirren: Es gibt gar Muslime, die den Ramadan nicht einhalten und noch nie in einer Moschee waren. Oder sogar Würstchen essen!
Und die nennen sich trotzdem Muslime.

Das ist alles zu kompliziert. Wir machen es uns lieber einfach. Muslime sind Menschen, die eine veraltete Religion haben. Von rechts wird gefordert, dass sie sich gefälligst anzupassen haben oder sie fliegen raus. Und von links macht man sich neuerdings gerne lustig über sie. Oder den Koran.

Die gleichen Menschen, die dem Dalai Lama fasziniert an den Lippen hängen und sich ehrfürchtig Buddhastatuen in den Garten stellen, die lachen sich ganz aufgeklärt kaputt, wenn Kabarettisten Witze über den Islam machen.

Wie Dieter Nuhr, der uns im Opener erklärt hat, dass mit den 72 Jungfrauen, dass sei alles ein Übersetzungsfehler. Islamwissenschaftler hätten das gesagt. Christoph Luxenberg hat das gesagt, der gilt Muslimen nicht gerade als Autorität, eher als Querkopf, die sind da – zugegeben – recht pingelig. Die Jungfrauen, so meint Luxenberg, das sind nur Trauben. Witzig, gell? Kommt man ins Paradies und kriegt – genau von Allah abgezählt – 72 Trauben!

Aber das mit dem Übersetzungsfehler, das kennen wir halt. Das ist uns Christen vertraut. Wir schätzen das, dass die haarsträubendsten Stellen aus der Bibel halt nur Übersetzungsfehler sind. Die Jungfrau Maria ist in Wirklichkeit nur die junge Frau Maria. Und das Kamel, dass durch das Nadelöhr muss, das ist in Wirklichkeit nur ein Schiffstau.

Und überhaupt, man muss das verstehen mit der Bibel. Das waren ja gaaanz andere Zeiten und eine gaaanz andere Kultur und schon so lange her. Was kümmern uns die dämlichen Regeln in Leviticus oder die Massaker in der Apokalypse?

Also nehmen wir die uns halt die blöden 72 Jungfrauen, schauen wir uns das einmal an. Die sind so berühmt geworden, weil die Attentäter des 11. September mit einer geistlichen Anleitung ausgestattet waren. Diese versprach ihnen, dass eben diese Jungfrauen ihnen aus dem Paradies schon zuwinken würden…

Beginnen wir erst einmal mit der Zahl 72. Diese… findet sich im Koran nicht. Die findet man nur im Hadith. Und selbst dort kann man davon ausgehen, dass 72 eher eine poetische Zahl ist, wir sollten das vielleicht in unsere wissenschaftliche Welt einfach mit „viel“ übersetzen.

Aber die Jungfrauen im Paradies, die auf muslimische Männer warten, die stehen ganz klar im Koran. Und zwar an drei verschiedenen Stellen. Im Koran selber steht, dass sie große Brüste haben und große Augen. Das schließt, meiner Meinung nach, einen Übersetzungsfehler völlig aus, oder? Es sei denn, die Trauben, die wir jetzt haben unterscheiden sich von den Trauben zur Zeit Mohammeds wirklich dramatisch. Bizarr.

Wenn wir also den Koran ernst nehmen, dann müssen wir zugeben, dass diese Jungfrauen da enthalten sind. Punkt. Auch wenn ein Großteil ihrer Eigenschaften aus den Hadith-Schriften stammen.

Im Islam gibt es im Kern den Koran. Das sind die Schriften, die laut Überlieferung das reine Wort Gottes sind, denn der Erzengel Gabriel hat sie dem Propheten genau so Wort für Wort diktiert. Man nennt das in der Theologie die Verbalinspiration und ein Gutteil der Christen glaubt, dass unsere Bibel genau so entstanden ist.

Aber im Islam gibt es dann eben noch einen reichen Schatz an weiteren wichtigen Schriften, der Hadith. Das sind Schriften, die der Prophet höchstselbigst gebilligt hat. Entweder durch direkte Zustimmung oder in dem er sie zugelassen hat.

Wenn wir alle Eigenschaften dieser sagenumwobenen Huris aus dem Hadith sammeln, ergibt sich folgende Liste:

Sie bleiben auch nach dem Sex immer Jungfrauen, sie haben große Brüste, die aber niemals hängen, sie verfügen über anregende Vaginas – was immer das auch bedeutet, sie sind nie, nie, nie unzufrieden und meckern rum, sie haben große, schöne Augen und keinerlei Haare außer Augenbrauen und auf dem Kopp, sie haben eine weiße Haut und sie altern nie.

So weit sollten wir das noch verstehen. Das sind auch heute noch die Mindest-Einstellungs-Voraussetzungen für einen Job in unserer christlich-westlichen Pornoindustrie. Denn, machen wir uns nichts vor: Frauenfeindlichkeit, das können wir auch selber, da brauchen wir keinen Islam für.

Aber der Hadith erzählt uns eben noch mehr, festhalten: Die Huris haben keine Menstruation, kriegen nie Kinder, müssen niemals auf’s Klo – weder Nummer eins oder Nummer zwei, sie singen den ganzen Tag Lobgesänge auf Allah, sie sind 27 Meter groß und drei Meter breit – echt schwer, denen einen Badeanzug auf Amazon zu klicken und… sie sind durchsichtig bis auf’s Mark ihrer Knochen.

Gruselig, oder? Aber ich habe mir das nicht ausgedacht, für jede Behauptung habe ich eine Quelle, die von hasan bis zu sahih reichen. Denn, wohlorganisiert wie der Islam ist, werden Hadith-Quellen nach Authentizität geordnet. Hasan heißt „gut“ und sahih – oberste Qualitätsstufe – heißt einfach „authentisch“.

Was uns diese Sammlung an seltsamen Eigenschaften aber wirklich sagen sollte, ist Folgendes: Wir stochern da in einer religiösen Symbolik herum, die wir gar nicht wirklich verstehen können. In einer Kultur, die sich nicht auf den ersten Blick erschließt, weil sie mit ungewohnten Analogien und Metaphern arbeitet. 27 Meter groß? Durchsichtig?

Und daraus ergibt sich eine gewisse Etikette mit dem Umgang solcher Texte. Ja, im Koran gibt es im Paradies für Männer Jungfrauen. Für Frauen gibt’s im Koran übrigens keinerlei Äquivalent, im Hadith manchmal aber einen Ehemann, mit dem Frau dann aber auch ewig glücklich ist.

Doch was man dann aus solchen Texten macht, bleibt doch dem Gläubigen selbst überlassen. Wir, mit unserem Alten und Neuen Testament im kulturellen Gepäck sollten nicht vorschnell urteilen.

Ich kenne persönlich einige Christen, die der Meinung sind, dass die Bibel Wort für Wort göttlich inspiriert ist. Und ich denke, diese Ansicht teilt in Amerika – im Süden wie im Norden – die Mehrheit der Menschen, die sich Christen nennen.

Trotzdem steinigt niemand Gotteslästerer, wird niemand verbannt, weil er während der Menstruation Sex hatte, rasieren sich die Männer, wird Hummer gegessen oder Kleidungsstücke aus verschiedenen Stoffen kombiniert. Alles Dinge, die unser biblischer Gott ausdrücklich verbietet.

Genauso ist es im Islam. Fundamentalisten glauben an die wörtliche Wahrheit der Jungfrauen im Paradies, Sufis an eine mystische Bedeutung, aufgeklärte Muslime halten das für eine Bebilderung, dass das Paradies eben ein Sinnliches ist und kein Geistiges und Liberale ignorieren diese Koranzitate. Genau wie auch wir die Bibelstellen ignorieren, die uns nicht in den Kram passen.

Halten wir’s doch einfach mit folgendem Gedicht: „Wenn’s heißt, ein Paradies mit Huris winkt, lob’ ich den Wein, den man auf Erden trinkt. ‘s ist bares Geld. Auf Hoffnung pfeife ich! Von fern nur schön die tapfre Trommel klingt.“ Meinte auf jeden Fall der muslimische Dichter Omar Chayyam, bereits im 12ten Jahrhundert. Aber den kennt hier natürlich niemand…

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