Expl0622: Antibiotika


Ohne Antibiotika wäre ich schon tot. Und auch viele andere Menschen, die ich kenne. Ich hatte allerdings auch schon eine Lungenentzündung, die nicht mit Antibiotika behandelbar war. Heute also zur Geschichte und der Zukunft dieses menschlichen Wundermedikaments.


Download der Episode hier.
Closer: „Take Your F***ing Pills! (100 Million B.C.)“ von Steven Burrell
Musik: „Medicine Song“ von Symmetry / Public Domain Mark 1.0


Ganz ehrlich: Gefährlicher kann ein Bakterienstamm nicht mehr heißen, oder? Hießen die Erreger der Karies statt Streptococcus mutans eher so Mamambubu lalala, keiner würde sich mehr die Zähne putzen. Oder wenn man ihren Gattungsnamen übersetzt: Wandelbare, kugelförmige Halskettenkörner. Gegen solche Bakterien muss man gewiss keine Antibiotika nehmen, oder?
Aber gegen Strreptokokken – hach, ich muss es immer wieder sagen!

Diese Bakterienfamilie ist in unseren Körpern heimisch, sie macht einen Teil der 100 Billionen Zellen aus, die uns zu dem machen, was wir sind. Auf eine Humanzelle kommen 10 Bakterien, um den Luxus-Körper zu formen, den wir regelmäßig duschen oder baden.

Aber diese lieben Streptos haben auch fiese Geschwister, die unsere Zähne ruinieren, Eiter bilden, Blutvergiftungen verursachen oder Herzinfarkte. Überhaupt können Bakterien eine richtige Plage sein – im wörtlichsten Sinne – man denke nur an Tripper, Cholera, Syphilis, Diphtherie, Typhus, Tuberkulose und Borreliose. Oder an die Pest, an der im Mittelalter mindestens 50 Mio. Menschen alleine in Europa starben.

Darum forschte ein schottischer Forscher – wir werden in Zukunft lernen müssen, nicht alle Briten Engländer zu nennen – äh, ein schottischer Forscher namens Alexander Fleming in den Roaring Twenties auch intensiv, wie man denn Bakterien bekämpfen kann.

Die Legende will, dass er aus dem Urlaub nach London zurückkehrte und bemerkte, dass die Lebensmittel in seinem Kühlschrank verschimmelt waren. Das alleine ist noch keinen Nobelpreis wert, aber einige dieser Lebensmittel waren Staphylokokken, das sind die Cousins und Cousinen der Hunnen, äh, Streptokokken.

Doch der Schimmel hatte die lange gepflegten Erreger getötet. Und dieser Schimmelpilz war nicht ein exotischer, seltener Pilz aus dem Amazonas, sondern unser Haushalts-Pinselschimmel. Der Klassiker, der Lebensmittelverderber, der Schimmelpilz schlechthin. Dem wir aber auch den Camembert, den Brie und den Roquefort verdanken. Und der heißt Penicillium.

Fleming hat Penizillin entdeckt und damit das erste Antibiotikum der Geschichte. Eine Sensation! Einer der Meilensteine der medizinischen Forschung, die aber eigentlich niemanden weiter interessierte. Seine Ergebnisse verschimmelten sozusagen in den Regalen, bis der Zweite Weltkrieg losbrach.

Auf einmal gab es viel Geld für den Kampf gegen die Bakterien. Denn Soldaten fallen nicht tot um, wenn sie eine Kugel trifft, wie in Hollywood. Wenn nicht direkt das Herz oder das Hirn durchschlagen wird, dann leben und schreien die noch, bis sie letzten Endes an einer Bakterieninfektion sterben.

1944 besaßen die Alliierten Penizillin und nach dem Krieg kam auch die Zivilbevölkerung in den Genuss. Die vorhin aufgezählten Krankheiten und Seuchen sind keine lebensbedrohende Gefahr mehr für uns. Die Pest gilt als ausgestorben und die anderen Kandidaten als therapierbar.

So durchschlagend war der Erfolg der Antibiotika, dass sie ungehemmt Einsatz fanden. Bakterien sind böse, Antibiotika helfen! Besonders sogenannte Breitband-Antibiotika, also Medikamente, die gleich gegen eine ganze Armada von Bakterien wirken.

Egal ob Schnupfen, Grippe oder Bronchitis, die nicht durch Bakterien, sondern durch Viren ausgelöst werden: Immer mit der Kanone auf Spatzen schießen! Könnte sich ja auf den geschwächten Körper eine bakterielle Infektion draufsetzen! Und für Abstrich und Labor haben wir leider keine Zeit, kein Geld und keine Geduld.

Und das klappte ja auch prima. Wenn es zu keiner Infektion kam, was schadet’s? Und falls: Nach 48 Stunden sind 99% der Erreger tot. Klar, dass der Patient dann versucht ist, seine Kur nicht zu Ende zu machen. Antibiotika sind ja „Hammer“-Medikamente! Nicht ahnend, dass die überlebenden Bakterien sich dann per try und error in Seelenruhe auf die Pilzgifte einschießen können.

Und genauso verfahren wir auch mit Hund, Katze, Maus und Kuh, Schaf und den lieben Hühnern. 50% aller Antibiotika verabreichen wir unseren Tieren. Ist eine Kuh krank, kriegt der ganze Stall eine Behandlung. Ein deutsches Masthähnchen lebt vierzig Tage, bevor es an Grillständen bräunt oder in Chicken McNuggets landet. 10 Tage davon bekommt es im Durchschnitt Antibiotika verabreicht. Und das ist bei Bio-Hühnern nicht viel besser – die dürfen nur nicht „vorbeugend“ Antibiotika erhalten. Aber wenn ein Gickerl im Stall erkrankt, dann eben schon…

Und so haben wir über Jahrzehnte Antibiotika eingesetzt wie Zucker beim Marmelademachen. Wir finden sie in unserem zivilisierten Deutschland überall. In unserem Gemüse, Obst und Fleisch genauso wie im Trinkwasser, der Ackererde und in jedem von uns, egal wie gesund wir leben.

Aus all’ diesen Gründen hatten die Bakterien genug Zeit und Training, um sich gegen ihre Vergiftung zu wehren. Besonders in Krankenhäusern hatten sie ideale Übungsplätze und die berühmten „Krankenhauskeime“ sind deshalb so gefährlich, weil sie eben nicht mehr gut behandelbar sind.

MRSA ist die Abkürzung für den Multi-Resistenten-Staphyllococcus-Aureus. Bakterien, die über Antibiotika der Familie Penicillin nur noch müde lächeln, kitzelt die gar nicht mehr. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene schätzt für 2014, dass etwa 40.000 Menschen an Infektionen sterben, die sie sich in Krankenhäusern eingefangen haben. Das ist mehr als das Doppelte wie die Toten durch die jährlichen Grippewellen.

Noch mehr Angst hat man vor den Bakterienstämmen, die eine Tuberkulose auslösen. Denn bereits 90% aller Erreger zeigt eine Resistenz gegen ein bestimmtes Antibiotika und schon 3% sind so multi-resistent, dass Antibiotika keinen Therapie-Erfolg mehr versprechen.

Wer sich heute eine Tuberkulose einfängt, kann damit rechnen über 20 Monate eine ganze Batterie an Antibiotika einzuwerfen. Nur mit diesem mächtigen Knüppel können wir die einstmals so verbreitete Schwindsucht noch k.o. schlagen.

Klingt bedrohlich, ist es auch. Aber man stirbt in Deutschland trotzdem noch zu 80% an Herz- und Gefäßerkrankungen oder an Krebs. Nur in Punkt acht der häufigsten Todesarten, verbirgt sich bei „Pneumonie, Erreger nicht näher bezeichnet“ in den erwähnten 2.1% die multiresistente Tuberkulose. Aber es ist natürlich unklar, wie häufig. Die beste Prophylaxe gegen Punkt 8 bleibt trotzdem das Nicht-Rauchen.

Wenn unsere Waffen also stumpf werden, was können wir tun?

Erstens aufhören, Breitband-Spektrum-Antibiotika auf jeden Infekt zu werfen. Auch wenn es für den Patienten unangenehm ist, zwei Tage auf’s Labor zu warten. Und jedermann erklären, dass er eine einmal begonnene Kur zu beenden hat.

Zweitens: Eine Infektion nicht mit Antibiotika behandeln. Echt doof und gefährlich auch. Aber resistente Keime haben einen Wettbewerbsnachteil gegenüber ihren schutzlosen Geschwistern: Sie schleppen viel mehr DNS-Ballast herum. Kocht eine Infektion unbehandelt und medizinisch begleitet hoch, frisst die Revolution oft ihre Kinder. Sprich: Die nicht-resistenten Keime setzen sich gegen die resistenten durch. Aufwendig, schmerzhaft, riskant. Aber doch ein Mittel der Wahl in Zukunft.

Oder wir warten, bis die Phagen fertig sind. Das sind spezielle Viren, die in unserem Körper spezielle Bakterien angreifen und sie umprogrammieren, so dass diese statt Bakterien weitere Doktor-Viren erzeugen. Klingt futuristisch, aber war z.B. in der Sowjetunion oft das Mittel der Wahl, da dort Antibiotika nicht so zugänglich waren wie im Westen.

Doch diese Behandlung ist noch in der Entwicklung, viele Fragen noch offen. Mutieren diese Viren vielleicht und sind dann gefährlich? Was richten die in der freien Natur für Schaden an? Und, vor allem: Wo ist die Datenbank in der steht, welcher Phagus hilft gegen welche Bakterie? Das sind die Gründe, warum es in Westeuropa noch keine zugelassenen Phagen-Präparate gibt, auch wenn die Pharma-Forschung gerade intensiv daran schraubt.

Wir selber als Zivilisten können aber auch jetzt dazu beitragen, unsere Antibiotika noch länger als Schutz vor den bösen, bösen Strrreptokokken und ihrer Geschwister verwenden zu können.

Zum Beispiel unseren Ärzten signalisieren, dass wir leidensbereit genug sind, auch einmal zwei Tage auf’s Labor zu warten. Und unsere Kuren durchhalten und nicht den Blister in den Müll werfen, sobald die Symptome weg sind.

Und – es ist wirklich wahr – bei Fleisch oder Wurst auf Bio zu setzen. Bei Käse, Milch und Eiern wäre das auch nicht schlecht. Die Bios kommen zwar auch nicht ganz ohne Antibiotika aus, aber halt doch mit deutlich weniger und das ist gut für uns alle.

Das machen wir dann nicht nur für uns, sondern eben auch für unsere Kinder. Entgegen ihres Rufs sind nämlich Antibiotika nicht böse „Hammer-Medikamente“, sondern ein Segen für die Menschheit. Und das können sie auch noch lange bleiben, wenn wir das wollen.

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