Expl0623: Flowerpower!


Download der Episode hier.
Opener: „HIPPIE meaning, definition & explanation“ von The Audiopedia
Closer: „Back to the Garden: What’s a hippie?“ von Kevin Tomlinson
Musik: „Bring Flower Power Back (2011)“ von Brady Harris / CC BY-NC 3.0


Es war in einem dieser endlosen Sommer. 1972, ich war der Anführer unserer Bande. Nicht, weil ich der Stärkste war oder der Schlaueste oder am besten Fussball spielte oder reich war. Ich war einfach der Älteste. Wir Kinder gingen damals nur zum Schlafen und Essen nach Hause. Eines Vormittags kam der Piesenecker Toni zu uns auf die Wiese geschlichen, wo wir zum wahrscheinlich hundertsten Mal versuchten mit etwas, das wir Feuerstein getauft hatten, endlich Stroh zu entzünden.

Er flüsterte: „Da ist ein Hippie. Vor der Garage von der Connie. Ein echter Hippie!“ Das war eine Sensation. „Hippie“, das war das Schimpfwort, das die Alten benutzten, wenn die Haare von uns Jungs nicht dem HJ-Standard entsprachen oder wenn wir Jeans trugen statt der üblichen, robusten Lederhosen.

So standen wir kurze Zeit später vor einer weißen Version von Jimi Hendrix – einer sonnengegerbten, weißen Version – der im Schneidersitz vor der Garage saß und ein Reclam-Heftchen las. Nachdem wir ihn gefühlt den halben Tag angestarrt hatten, war es an mir, ihn anzuquatschen – einer der Nachteile, wenn man Boss ist.

Ein Amerikaner mit recht guten Deutschkenntnissen, stellte sich heraus. Und sehr freundlich und fröhlich. Im Gegensatz zu den anderen Erwachsenen behandelte er uns, als wären wir vollwertige Menschen und nicht nur Plagen, die dauernd Mist bauten. Was ja auch Teil-Wahrheitscharakter hatte, unter uns.

Er sei auf der Flucht vor Vietnam. „Vietnam, muss ich mir merken“, dachte ich mir. Interessantes, neues Wort. Er erzählte uns, wie er eines Tages einfach von Ramersdorf aus aufgebrochen war und nun zu Fuß nach Indien gehen wollte, nur um nicht nach Vietnam zu kommen. Vietnam war also ein Land, aber kein schönes. Indien muss aber toll sein. Alles merken, Oliver!

Doch die Sensation sprach sich auch bei den Großen herum. Der Papa von Andreas tauchte auf. Der war Architekt und arbeitete daheim, alle anderen Väter verließen unser Viertel am Morgen. „Ich muss Sie bitten, dieses Grundstück zu verlassen“, sagte er bestimmt. Aber wir Kinder sahen es ganz deutlich: Der Oberchecker mit dem Ro80 hatte Schiss! Unser freundlicher, friedlicher Hippie jagte dem erfolgreichen Unternehmer eine Heidenangst ein!

Roger, so sein Name, schlief dann bei uns in der geheimen Höhle, die wir in der Hecke hinter der Trauerweide gebaut hatten. Das mit dem Feuerstein konnte er auch nicht, aber er hatte ein Zippo. Am nächsten Morgen, als wir endlich wieder rausdurften, da war er weg. Unterwegs nach Indien, dachten wir. Unser Hippie.

Mit acht Jahren und als Kind in einem Münchner Vorort konnte ich leider kein Hippie werden, ich musste ja dauernd in die blöde Schule. Deswegen konnte ich auch nicht nach Indien aufbrechen, wo sich die Menschen alle lieb hatten. Als ich dann 16 war, gab es keine Hippies mehr und ich wurde Öko und Friedensbewegter. Eine Übersprungshandlung, das sah am ähnlichsten aus.

Als ich dann 16 war hatte ich Freunde, die waren Punks. Die hassten die Hippies inniglich. Statt Liebe hatten die Wut im Angebot und statt Haschisch Bier. Statt Songs, die sich über drei LP-Seiten ziehen und denen man in Ruhe zuhören musste, hatten die welche, wo man mitschreien musste und die gerade ‘mal zwei Minuten dauerten.

Andere Freunde von mir sahen sich mehr als Nachfolger der 68er und kleideten sich auch im Sommer in Rollis und die konnten jedes Gespräch so führen, dass man mit dem was man gesagt hatte, gerade eben höchstpersönlichdas Proletariat unterdrückte. Die Hippies waren für schwarze und rote Front einfach dumme Nabelbeschauer, die Drogen brauchten, um sich nicht mit der harschen Realität zu konfrontieren.

Als ich dann 16 war, gab es Hippies nicht mehr. Omas färbten sich die Haare bunt, die Mütter trugen Schlaghosen, die Väter Krawatten mit Paisley-Muster. Alle hatten für heutige Verhältnisse lange Haare. Batik-T-Shirts kamen jetzt vom Woolworth und das Geschirrspülmittel kam mit Flowerpower-Aufklebern.

Der Kapitalismus hatte seine erste große Aussteigerbewegung einfach geschluckt. Integriert. Vermarktet. Aussteigen selber war nur noch ein Modell für Menschen mit Wahnvorstellungen. Die Hippies waren alle weg. Die Flowerpower-Bewegung war tot. Wieder war „Hippie“ ein Schimpfwort geworden.

Aus Kommunen waren Wohngemeinschaften geworden, die freie Liebe war als Idee tot und es galt als weich und dumm, einen zärtlichen Umgang miteinander zu pflegen. Nacktheit war wieder tabu. Jimi Hendrix, Jani Joplin und Jim Morrison waren an Überdosen gestorben. Jetzt regierten Ronald Reagan, Margaret Thatcher und Helmut Kohl. Die moralische Wende, so dichteten alle drei, war gekommen. Die unmoralische Hippiezeit vorbei. Stattdessen begann der Neoliberalismus sein gesellschaftliches Zersetzungswerk, dessen Auswirkungen wir erst heute deutlich sehen. Die Flowerpower-Bewegung war gescheitert.

Das stimmt natürlich so nicht. Die Hippies meiner Kindheit waren nur erwachsen geworden. Sie standen jetzt in Schwandorf und demonstrierten gegen Atommülldeponien und gegen den neuen Flughafen hier in München. Sie gründeten die Grünen mit, sie schufen Organisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“, die Cap Anamur, die Flüchtlinge aus Seenot rettete, oder Greenpeace. Und sie verkauften Traumfänger, Gebetsketten und Räucherstäbchen auf Flohmärkten oder in New-Age-Läden.

Hippies waren also entweder politisch geworden. Oder spirituell. Oder aber waren komplett vom Radar verschwunden. Weil sie eben erfolgreich ausgestiegen waren. Man findet sie in Südfrankreich, Spanien oder Italien immer noch, wenn man das will. Es ist keine Bewegung mehr, aber wir haben die Ideen dieser sogenannten „Schmuddelrevolutionäre“ durchaus in unsere Gesellschaft integriert.

Ich zitiere ‘mal Walter Hollstein, der im Rückblick 1981 in seinem Buch „Die Gegengesellschaft“ über die Hippies folgendes schreibt: „Das Ziel der Hippies war eine “antiautoritäre und enthierarchisierte Welt- und Wertordnung ohne Klassenunterschiede, Leistungsnormen, Unterdrückung, Grausamkeit und Kriege. Der Gesellschaft der Angst, wo ein jeder sich vor dem Vorgesetzten, dem Nachbarn, der Polizei, dem Schicksal und dem Anonymen fürchtet, boten die Hippies mit einer Gemeinschaft Paroli, in der die Freiheit die Autorität, Zusammenarbeit den Wettbewerb, Gleichheit die Hierarchie, Kreation die Produktivität, Ehrlichkeit die Heuchelei, Einfachheit den Besitz, Individualität den Konformismus und Glück den platten Materialismus dominieren sollten.“

Und, nicht weniger schön: „Der Kapitalismus hatte nur die materielle Seite des Lebens entwickelt und Seele und Geist verloren. Alle Werte wurden ihres Inhalts entleert und erstarren in bloßer Rhetorik. Die Menschen degenerierten zu Empfangsstationen einer entseelten Bürokratie.“

Oder, wie wir das mit Frank Zappa ausdrücken können:
Die Menschen werden zu Clip:/ Plastic People.

O.k. ich bin zu romantisch. Ich weiß schon… Wahrscheinlich leitet mein Hippie Roger mittlerweile erfolgreich eine Unternehmensberatung und lehrt seinem Plastic Son gerade, wie man kleine Unternehmer mit Worthülsen das Firmenkonto abfischt.

Aber es hilft alles nichts. Seit diesem Sommer bin ich, innen drin und ganz heimlich, ich sag’s nur euch, ein Hippie. So, jetzt isses raus! Clip: Peace! And love!

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