Expl0624: Göttin ist tot


Was ist eine Sekte? Was eine Religion? Und was dann eine Kirche? Fragen, die wirklich kitzlig zu beantworten sind. Es sei denn man ist Göttin. Dann weiß man Bescheid. So wie Edna Rose, die unlängst verstarb. Nach Gott ist nun auch Göttin tot.


Download der Episode hier.
Fotostecke bei Daily Mail Online: Last living followers of Harlem religious leader and the mansion where they all live together
Opener: „Father Divine teaches Jim Jones“ von Nishtavishe
Closer: „We Love You, Perfect Leader!“ von ThingsICantFindOtherwise
Musik: „I’m Gonna Die Someday (2016)“ von Eve / CC BY-SA 3.0


Was kann man über die allmächtige, allbarmherzige und allwissende Göttin sagen? Welche Eigenschaften machten Göttin verschieden von den anderen kleinen Mädchen in Kanada? Selbst ihr Vater war da eher ratlos: „Jeder mochte sie. Sie war ein anständiges, gesundes Mädchen – völlig normal!“

Sagt ihr Vater. Denn als Mädchen hieß Göttin noch Edna Rose Ritchings und war die quirlige Tochter eines Blumenhändlers in Vancouver. Und scheinbar völlig normal, was immer das bedeutet. Doch das ändert sich mit einem Schlag, als Edna Rose Ritchings in ihrer Kirche die Stimme Gottes hört.

Gott ist 59 Jahre alt, 1 Meter 57 groß und von kompakter Statur, aber nicht korpulent. Er trägt einen peinlichst gepflegten Anzug, hatte einen strammen, aufgeräumten Scheitel und einen sauberen, kleinen Schnauzbart wie Errol Flynn. Ach, ein leider nicht unwesentliches Detail: Gott ist schwarz.

Aber es ist sowieso nicht das Äußere, was Edna zu Gott hinzieht, es ist seine Predigt. Sie sagt selber in einem Interview über dieses Erlebnis: „Als ich den göttlichen Vater gehört habe, wußte ich intuitiv: Er hat die Antworten! Der Vater steht für Frieden und dafür, dass Menschen aller Länder und Rassen zusammenfinden!“

Sie spricht über „Father Divine“. Leitfigur einer religiösen Bewegung, die sich „Mission des Internationalen Friedens“ taufte. Offiziell nannte er sich Reverend Major Jealous Divine, über seinen bürgerlichen Namen wissen wir nichts. Geboren war er in den frühen 70er Jahren des neunzehnten Jahrhunderts. Wahrscheinlich im Süden der USA. Es wird immer noch wild spekuliert.

Wir wissen aber sicher, dass auf seiner FBI-Akte steht: „George Baker. Auch bekannt als Gott.“ Denn das ist genau das, was dieser George Baker von sich behauptete. Eben Gott zu sein. In jungen Jahren hatte er noch als Jesus angefangen, aber als seine Anhänger ihn so langsam reich machten, ging’s die Karriereleiter hoch und er wurde eben Gott.

Mist. Wenn ich George Baker sage, klingt immer das Clip/ GBS Paloma Blanca in meinem Ohr. Die George Baker Selection. Ohrwurm des Tages…

Aber halt, machen wir nicht unnötig Quatsch. Fakt ist, dass dieser „Gott“ und seine Bewegung des Internationalen Friedens die wichtigste Sekte in den USA zur Depressionszeit war. Hm. Sagen wir besser: Keiner hatte mehr Presse.

Der göttliche Vater predigte Enthaltsamkeit, Keuschheit und die Gemeinschaft ihrer Gläubigen. Bevor das Wort „Kommune“ bei den Hippies von gestern modern wurde, lebten seine Anhänger in solchen. Schwarz und Weiß und Gelb zusammen, aber Männlein und Weiblein strikt getrennt. Bis heute.

Rauchen, Fluchen, Alkohol: Selbstverständlich verboten! Genauso wie ein eigenes Einkommen, das Führen eines Bankkontos, Trinkgelder, Geschenke oder Lebensversicherungen. Seine Anhängerschaft – wir reden von Hunderttausend Menschen in den Dreißigern – gab brav ihr Einkommen ab. Und nachdem nur Bares Wahres ist, hat das Finanzamt das Nachsehen.

Die Mission betrieb bald Dutzende von Restaurants, Reinigungs- oder Friseurgeschäften, besaß mehrere Wohnblocks in New York und drei piekfeine Hotels. In allen Etablissements zahlte man immer weniger als bei der Konkurrenz und selbstverständlich wurden die Menschen aller Rassen dort gleichberechtigt behandelt. Schwarze in einem Luxushotel, wer denkt sich so etwas aus!

In den vielen Cafeterias, die Gott in der ganzen USA betrieb, bekam jeder Hungrige, wenn er nur danach fragte, eine kostenlose Mahlzeit. Ohne weitere Verpflichtungen.

Das war in Zeiten der Depression eine große Sache. Ein Drittel aller Weißen war arbeitslos und über die Hälfte der Schwarzen in den Städten. Sozialsysteme gab es nicht, es gab nur spärlich food stamps, die aber vorne und hinten nicht reichten. Menschen verhungerten im wörtlichen Sinn.

Gott und seine Mission waren die Vorläufer der Bürgerrechtsbewegungen der Sechziger. Ohne Father Divine keine Rosa Parks und kein Marthin Luther Jr. Zum Beispiel startete er eine Petition, die ein Gesetz verlangte, dass Menschen, die bei einem Lynchmob getötet hatten, eben wie normale Mörder behandelte. Denn, wenn da Schwarze baumelten oder brannten, gingen die Lynchjustizler meist straffrei aus. Unvorstellbar. Und schon noch einen Tacken dramatischer als Sitzplätze in einem Bus.

Aber zurück zu Edna, die gerade, mit 15 Jahren, die Stimme Gottes gehört hatte. Gott, oder eben der Chef der George Baker Selection, hatte 1941 seine besten Zeiten schon hinter sich. In New York war er zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt worden, wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.

Der Richter unterschrieb das Urteil und verstarb danach. Gott meinte dazu in einem Interview: „Ich habe es wirklich gehasst, als ich das tun musste…“.

Aber auch zahlreiche Ehemalige forderten in einem Berg von Klageschriften die Kohle zurück, die sie Gott einst freiwillig gegeben hatten. Die Depression war vorbei, jetzt gab es wieder zu fressen!

Doch Edna war das alles egal. Mit 20 macht sich die schlanke Blondine auf die Socken nach Philadelphia – Gott war aus New York geflüchtet – und wird dessen Privatsekretärin. Kaum ein paar Monate am Schreibtisch, unterbreitet sie Gott einen Heiratsantrag. „Ich möchte Sie heiraten, weil Sie Gott sind.“ Auch ein Satz, den man in monotheistischen Religionen eher selten hört…

Am 29. April wird dann auch geheiratet. Sie ist weiß, er ist schwarz. Sie ist 21, er ist 65. Die Schöne und das Biest.

Aber, Moment, da war doch ‘was? Ist Ehe nicht verboten in der Mission, Gott? Werden Frauen und Männer nicht penibel segregiert?

„Äh. Das ist etwas anderes in diesem Fall. Sie ist die Wiedergeburt meiner ersten Frau, wir waren praktisch schon verheiratet.“

„Halt, halt! Gott, was ist denn Wiedergeburt? Hast Du nicht gesagt, dass gäbe es nicht?“

„Äh. Tja. Hmm… Ein Wunder! Ein Wunder! Preiset die göttliche Mutter!“

Und Göttin hat auch noch etwas zu ergänzen. Also die göttliche Mutter. Also Edna. 1950 im „Ebony“: „Ich bin immer noch genauso tugendsam wie an dem Tag als der göttliche Vater mich zu seiner unbefleckten Braut nahm. Ich bin ein Beispiel und ein Vorbild für alle, die sich danach sehnen, auf übernatürliche Weise und auf ewig gesegnet zu sein!“

Na dann. Passt schon. Der stetige Abwärtstrend der Mitgliederzahlen setzte sich so oder so unaufhaltbar fort. 1965, als die Bürgerrechtsbewgung Schwung aufnimmt, stirbt Gott.

„Nein, nein. Er ist nur eine Zeitlang fort. Er wird bald in körperlicher Form wieder zurück sein!“ Meint die göttliche Mutter kurz nach seinem Tod, die die Mission sofort übernimmt.

Sie hatte auch sonst alles geerbt, die göttliche Mutter, und verwaltete dieses Erbe bis zu ihrem Tod.

Als Jim Jones, der Sektenführer des Volkstempels, verkündet, er sei die Wiedergeburt von Father Divine, schickt sie ihm zuerst Spione auf den Leib und dann Dutzende von Klagen.

Jim Jones und über 900 seiner Anhänger werden berühmt, als sie sich am 18. November 1978 kollektiv umbringen. Das Massaker von Jonestwon. Eine wirklich schreckliche Tragödie. Und bestimmt keine gute Idee, wenn man eine weltweite Kirche aufbauen will.

Das ist genauso Fakt, wie die nüchterne Tatsache, dass bisher alle Sekten ausgestorben sind, die Sex, Schwangerschaft und Nachwuchs verbieten. Und die Mission des Internationalen Friedens ist da nur ein weiteres Beispiel.

2005 hat ein Journalist die göttliche Mutter in dem riesigen Palast besucht, in dem sie mit den letzten 18 Anhängern in Gemeinschaft lebte. Kein Bewohnender mehr unter 70 Jahre alt. Schöne Fotos dazu als Link auf explikator.de

Noch immer ließ sie für den göttlichen Vater mit aufdecken. Beim Interview nahm sie neben seinem leeren Stuhl Platz. Was Göttin nicht davon abhielt, den Abwesenden anzusprechen und um seinen Rat zu fragen.

Wie ein Fels hielt die göttliche Mutter durch, so lange sie nur konnte. Die Mission instand. Die Fahne aufrecht. Die Botschaft lebendig. Nie hatte sie nur den Hauch eines Zweifels, bis ins hohe Alter. „Das ist meine Berufung. Ich bin ein ruhiger, unaufgeregter Mensch. Ich schwanke nicht“, sagte sie in eben diesem Interview.

Am 4. März diesen Jahres ist die göttliche Mutter gestorben. Gott ist schon lange tot. Göttin jetzt auch.