Expl0625: Die Simpsons


Als ich die erste Folge „Simpsons“ sah, war ich – ehrlich zugegeben – ziemlich geschockt. Das Fernsehen hatte mich glauben gemacht, dass alle Familien in den USA einfach nur happy sind. Nicht so normal und dysfunktional wie alle Familien, die ich kannte. Danke dafür! Und darum ein Rückblick auf die Anfänge der erfolgreichsten Zeichentrickserie aller Zeiten.


Download der Episode hier.
Opener: „TRACEY ULLMAN SHOW – THE ‘SIMPSONS’ FIRST APPEARANCE“ von MyTalkShowHeroes
Closer: „Stop, Stop! He’s Already Dead“ von Charles Montgomery
Musik: „Das Lied vom Bart (2011)“ von Eijkel & The Bart Of Noise / CC BY-NC-ND 3.0


Die Simpsons sind dreißig. Hurrah! Aber nun zu etwas völlig anderem: Kanntet ihr die Musik aus dem Opener. Wette nicht. Der Opener ist aus der „Tracey Ullman“-Show geklaut. Die ist eine britische Schauspielerin, die es in den USA in den Achtzigern zu so mittelmäßigem Ruhm gebracht hat. Aber James Brooks war ganz verrückt nach der singenden Britin und konzipierte eine ganze Fernsehserie um sie herum.

Diese Serie war eine Sketch-Show mit einem Standup-Teil am Anfang und am Ende. So wie heute noch z.B. Ladykracher, als es noch gut war. Und sie lief auf Fox, als das noch gut war und nicht ein republikanischer Propagandakanal.

Alle Kritiker und Insider liebten die Tracey-Ullman-Show, 1989 und 1990 gewann sie vier Emmy, Tracey insgesamt drei Golden Globes.

Aber beim Publikum war die Serie kein besonders großer Erfolg. Man munkelt, sie wäre für das Jahr 1987 einfach zu intelligent gewesen. Na ja, wen wundert’s, schaut man sich das an, was wir im Marketing das Konkurrenzumfeld nennen.

TV-Comedy-Shows der Achtziger:

Eine happy family mit Außerirdischem:Alf
Eine happy family am Tresen: Cheers
Eine happy family in den Sechziger Jahren: Wunderbare Jahre
Eine happy family mit einem Ex-Baseball-Spieler: Wer ist hier der Boss?
Eine happy family mit einem Psychotherapeuten: Unser lautes Heim
Eine happy family mit einem Juppie-Sohn: Familienbande
Eine happy family aus lauter alten Frauen: Golden Girls
Und eine happy family mit Knarren: Das A-Team – klar ist das eine Comedyshow. Was sonst?

Aber ihr erkennt das Muster, oder? Muss ich noch deutlicher werden?

Also weiter: Bei der Tracey-Ullman-Show verwendete man zwischen den einzelnen Sketchen, in denen sich Tracey immer aufwendig verkleidete, sogenannte „Bumper“. Kleine Zeichentrick-Einspieler, so ca. 30 Sekunden lang.

James Brooks, der Produzent und Showrunner war ein großer Fan des Underground-Comicstrips „Life in Hell“. Daran sind Hasen depressiv und zynisch und heißen Binky, Sheba oder Bongo. Akbar und Jeff sind darin ein Schwulenpärchen, die völlig identisch ausschauen. Und sie haben, wie in Entenhausen, Neffen. Hier mit den Namen Gooey, Screwy und Ratatouille.

Das ganze ist kritzelig gezeichnet und hat Einflüsse aus Surrealismus und Dadaismus. Und der Comicstrip hat viel, viel Text und wenig Handlung. Manchmal kommt auch sein Schöpfer darin vor. Matt Groening eben.

James Brooks hatte Groening schon 1985 gebeten, die Bumper für die Tracey-Ullman-Show zu animieren. Binky, Bongo und Sheba als Zeichentrick. Mithilfe einer Ausschreibung hatte man auch eine Zeichentrickbude gefunden, die alle anderen preislich deutlich unterbieten konnte. Gabor Csupo und Gyorgyi Peluce hießen die beiden Zeichner aus Ungarn, die den suizidalen Hasen Leben einhauchen sollten.

Doch es kam anders. So will es auf jeden Fall die Legende, die Brooks und Groening gerne beide erzählen. Auf dem Weg zur Präsentation wurde Groening auf einmal klar, dass er dabei war, die Rechte an seinen Häschen an Fox zu verscherbeln. In der U-Bahn, auf dem Weg, entwickelt er flugs einen Alternativplan.

Eine echte, realistische Familie war viel lustiger als die ganzen happy families im Fernsehen. Spätestens seit Leo Tolstoi wissen wir ja, dass jede Familie dysfunktional ist. Keiner ist so happy wie die Tanners, die Seavers, die Bowers, die Keatons oder meinetwegen das A-Team. Life is hell. Jede Familie scheitert irgendwie. Shit happens.

Angekommen bei Brooks stellt Groening seine neue Fernsehfamilie vor: Die Namen Homer, Marge, Liza und Maggie entlieh er auf die Schnelle bei seiner eigenen Familie. Springfield war das Kaff neben dem Kaff, in dem er aufgewachsen war.

O.k. Gut. Etwas Kreatives, bitte! Kreativ. Moment: Die Figuren sollen alle gelb sein, damit… die Zuseher irritiert zum Hinkucken gezwungen wurden.

Und so erblickten die Simpsons vor dreißig Jahren das Licht der Welt. Man kann sich gut vorstellen, dass diese Familie in den Achtzigern so richtig aus dem Rahmen gefallen ist, oder soll ich die ganzen happy families noch einmal aufzählen?

Clip: Burping contest

Die Figuren selber waren simpel gezeichnet, sie waren krude und windschief. Alle Figuren sahen aus, als hätten sie gerade in die Steckdose gefasst. Die Animation flimmerte dilettantisch und der Gesamteindruck war roh und anarchistisch. Das war ganz sicher kein Disney-Cartoon.

Mit diesem anarchistischen Ansatz und den familienunfreundlichen Pointen wurden die Simpsons bald beliebter als die Sketch-Show um sie herum. Brooks und Groening siedelten die gelbe Familie darum um in eine eigene, halbstündige Fernsehserie, die drei Jahre später an den Start ging.

Den Rest erspare ich euch, den kennt ihr. Die erfolgreichste Zeichentrickserie aller Zeiten, die erfolgreichste TV-Serie aller Zeiten, die am längsten laufende Zeichentrickserie, ungefähr 2 Milliarden Auszeichnungen, alleine 28 Emmies, ausgestrahlt auf der ganzen Welt, bekannteste Familie der Welt, beste Comedy-Show aller Zeiten, genial, brilliant, witzig, sarkastisch und eben irgendwie ganz toll. Alle lieben die Simpsons!

Und dann die ganzen tollen Gastauftritte: Aerosmith, Michael Jackson, Johnny Cash, Mel Gibson, Stephen Hawking, die Beatles bis auf John, Bette Midler, Hugh Hefner, Dustin Hofmann – ach, es ist wurst, wer. Alle waren schon einmal Gaststars bei den Simpsons.

Aber diese Simpsons sind auch nicht mehr die gleichen Figuren, die 1987 noch Rülpswettbewerbe ausgetragen haben. Sie sind natürlich glatter, weichgespülter und leichter verdaulich. Sie sind zwar noch gelb, aber nicht mehr absichtlich hässlich. Die Animation flimmert nicht mehr, die Linien und Farben und Perspektiven könnten jetzt durchaus von Disney sein.

Man kann gar nicht mehr anders, als ein Fan der Simpsons zu sein. So erfolgreich war das Konzept, dass es eine ganze Reihe von billigen Nachahmern gibt. Nein, ich mag „Family Guy“ nicht. Und auch nicht „American Dad“. Ich mag ja nicht einmal das Original! Ich mag die Simpsons nicht!

Auf jeden Fall nicht besonders. Ich habe amüsiert einzelne Folgen gesehen, zugegeben. Aber irgendwann wurden mir die Klischees zu doof. Homer Simpson wurde bald der eigentliche Held der Serie und dabei von Staffel zu Staffel blöder und flacher.

Meine Meinung. Wahrscheinlich irre ich mich sogar. Aber ich werde auch nicht der Staffel 18, 22 oder 26 noch eine Chance geben. Ich brauche die Simpsons nicht. Tut mir leid. Ihr dürft aber gerne noch weiterkucken, stört mich gar nicht.

Mich rührt eher das Schicksal von Bart an. Der einzigen Figur, die Groening nicht aus seiner Familie geklaut hat. Sein Name ist ein Anagram von „brat“ und brat ist Englisch für Quälgeist oder Rotzlöffel oder Bengel.

Er war der eigentliche Held. Die eigentliche Hauptfigur. Heute ist er 34 Jahre alt. Wahrscheinlich arbeitet er irgendwo in einem Atomkraftwerk, hat drei Kinder, kuckt Itchy und Scratchy und trinkt am liebsten viel Duffbier. Manchmal aber denkt er zurück an 1987. Wo er der Held war. Wo er noch Anarchist war. Wo er die noch die Leute verschreckt hat.

Das waren noch Zeiten.