Expl0627: Krieg dem Tod


Beim Zählen der Kerzen auf dem Geburtstagskuchen meiner Tochter kam mir der Gedanke, dass diese Anzahl Kerzen plus mein Lebensalter exakt die durchschnittliche Lebenserwartung hier in Deutschland abbilden. Ein kleiner Schock. Scheint den Machern in Silicon Valley auch so gegangen zu sein, denn die haben sich jetzt dem Kampf gegen den Tod verschrieben.


Download der Episode hier.
Opener: „CALL: I AM Immortal with Saint Germain“ von Ascended Master Decree Services
Closer: „Now young Skywalker you will die“ von Firmus Piett
Musik: „Live Forever (2008)“ von Angelo Maugeri / CC BY-NC-SA 3.0


Alten Männern fehlt meistens ein Körperteil. Alte Menschen haben kaum noch Zähne. Alte Menschen haben Geschwüre, oft am Hals und sie gehen tief gebückt. Alte Menschen sind Menschen über 50.

So war das zumindest für mich als Kind. Die alten Männer waren entweder körperlich oder geistig vom Krieg versehrt, Tumore im Gesichtsbereich wurden lieber nicht behandelt, der Kropf war hier in Oberbayern ein alltäglicher, weit verbreiteter Anblick und von den Zähnen fangen wir gar nicht an.

Das ist heute nicht mehr so. Und das liegt nicht nur daran, dass wir alte und gebrechliche Menschen jetzt halt aus dem Straßenbild wegsperren. Denn alleine in meiner Lebenszeit hat sich die Lebenserwartung um 10 Jahre erhöht. Medizinische Forschung, neue Methoden, geniale Maschinen, intelligente Medikamente, weniger Krieg und Mord und weniger Zigaretten auch.

Jetzt haben wir auf jeden Fall 2017 und unsere Gesellschaft ist eine andere. Die smarten Jungs und Mädels aus Silicon Valley haben alles verändert! Die meisten Jobs heutzutage hängen vom Computer ab. Und kleine Computer mit Internet-Anbindung tragen wir tagaus, tagein mit uns herum.

Es gibt mittlerweile für jeden erdenklichen Zweck eine App. „Run Pee“ ist eine App, die einem Tipps gibt, wann man im Kino am besten auf’s Klo kann, ohne etwas zu verpassen. Mit „Places I’ve Pooped“ kann man protokollieren, wo auf der Welt man schon ein großes Geschäft hinterlassen hat. Und mit „Cuddler“ – besonders herzzereißend – kann man jemanden finden, um sich mit zum unverbindlichen, platonischen Kuscheln zu verabreden.

Für jedes Problemchen gibt es eine App. Jetzt schon können unsere Hosentaschencomputer acht geben auf unseren Puls, unsere Durchblutung, die Atmung, unseren Schlaf, wieviel wir uns bewegen, was wir wann an Medikamenten brauchen und auch wirklich schlucken und wie es uns bei dem Ganzen geht. Verbunden mit unserer Krankenakte im Internet können uns Apps also rundum betreuen und uns bei den geringsten Symptomen zum Arzt schicken. Doll!

Mit künstlicher Intelligenz und den richtigen Sensoren können uns die Telefone vielleicht schon bald warnen, sollte sich nur eine einzige Zelle bösartig teilen oder nur ein Hauch von Viren-DNA unseren Körper verunreinigen. „Achtung! Gerade hat sich Plaque an Deiner Arteria femoralis abgesetzt. In 35 Minuten hast Du einen Termin beim Kardiologen. Biege die nächste Straße rechts ab!“

Krebs, Gefäßkrankheiten oder Infektionen: Bald, nur allzubald muß niemand mehr daran sterben!. Silicon Valley nimmt sich jetzt des größten Problems der Menschheit an: Des Todes. Die smarten Multimilliardäre wollen ja bekanntlich nur unser Bestes. Und jetzt wollen sie, dass wir ewig leben! Ist ja noch doller!

Das ist natürlich jetzt totaaal übertrieben… Aber, nein, ist es eigentlich nicht. Nehmen wir z.B. Peter Thiel. Kein populärer Name, aber wahrscheinlich der einflussreichste Risikokapitalist in Silicon Valley. Mitgründer von PayPal, erster Investor in Facebook und am Steuerruder der sogenannten Bilderberg-Gruppe, einer Elite der Reichen, Mächtigen und Einflussreichen.

Der sagt über den Tod: „In unserer Zivilisation akzeptiert man den Tod. Oder man verdrängt ihn. Aber ich lehne den Tod einfach ab. Ich denke, wir sollten dem Tod den Krieg erklären und ihn abschaffen.“
Oder Mark Zuckerberg. Der Gründer von Facebook, der ist sogar befreundet mit diesem gebürtigen Frankfurter. Mark und seine Frau Priscilla Chan haben gerade eben eine Stiftung ins Leben gerufen, die sie mit 45 Miliarden Dollar ausrüsten wollen, damit noch in ihrer Lebenszeit kein Kind mehr an irgendeiner Krankheit sterben muss. Wieder kein Scherz.

In San Francisco errichten sie jetzt ein sogenanntes „BioHub“, wo die Forschungsanstrengungen aus Stanford, Berkeley und der UC gebündelt werden sollen. „Wir investieren bisher 50 Mal mehr in die Behandlung von Krankheiten als in deren Vorbeugung“, so Zuckerberg. Das soll anders werden. Und zwar wissenschaftlich und open source und bald, sehr bald. Es wird immer doller!

Dann bleibt noch Google. Oder Alphabet, weiß ich selber nicht so genau. Egal. Larry Page hat auf jeden Fall eine Company innerhalb der vielen Companies von Google oder Alphabet gegründet, die „Calico“ heißt. Deren Ziel ist es, das Altern zu stoppen. Nicht mehr und nicht weniger.

Denn, so die These, wenn wir den natürlichen Alterungsprozess anhalten können, dann leben wir alle ewig. Der Biomediziner Aubrey de Grey, der Altern für einen Baufehler der Natur hält, meint:
„Seit Googles Entscheidung, seine astronomischen Ressourcen für einen gezielten Angriff auf das Altern zu nutzen, könnte dieser Kampf gewonnen werden.“

Chef von Calico ist der Molekularbiologe Arthur Levinson, Aufsichtsratschef bei einer kleinen Klitsche namens (hüstel) Apple. Weswegen auch deren Boss, Tim Cook, ganz Feuer und Flamme für Calico ist. Ähnlich wie Bill Gates ein großer Fan der „Chan-Zuckerberg-Initiative“ ist.

Da sitzen sie also, die Köpfe des Silicon Valleys und wollen uns jetzt allen selbstlos das Leben retten. Der Tod ist für diese Multimillionäre ein Problem, das man so ähnlich angehen kann wie eine bessere Datenverbindung oder ein intuitiveres Interface für den Computer.

Man nimmt nur die fähigsten Köpfe, die brillantesten Ideen, wirft da viel Geld darauf und dann werden schon Wunder geschehen. Hat ja bis jetzt auch geklappt.

Das leuchtet ein. Wahrscheinlich würde ich auch so denken, wenn ich gerade meine Milliarden Dollars gezählt hätte, dann in meinen Tesla steige, um in meine Villa zu fahren, die ganz mit Ökostrom versorgt wird. Klar, egal ob Tim Cook, Bill Gates, Larry Page, Mark Zuckerberg oder eben Du und ich: Wir spüren das mit dem Älterwerden. Und bis jetzt ist ja die Statistik „Ewiges Leben gegen Gevatter Tod“ sehr, sehr ernüchternd. Ein Ergebnis mit einer Null für uns lebende Organismen.

Irgendwann kann man eben nicht mehr in seinen Tesla steigen, sondern man macht wieder in eine Windel, hat verfluchte Schmerzen und stirbt. Da hilft keine App auf der Welt dagegen.

Und das kränkt natürlich den Narzissmus in Silicon Valley. Haben wir nicht die ganze Welt zum Besseren verändert? Sind nicht die Menschen glücklicher durch Facebook, Apple, Google oder eben „Places I’ve Pooped“? Hey, unser Firmenmotto ist „Don’t be Evil“ – also keine Angst.

Irgendwo muss da doch ein Haken sein. Das klingt jetzt alles sogar für mich einleuchtend. Hm. Was zeichnet Facebook, Apple oder Google aus? Was haben die gemeinsam?

Na ja, sie verdienen alle eine Schweinekohle. Richtig viel Geld. Lauter Geld, das dem Wirtschaftskreislauf entfernt wird und dann irgendwo rumliegt. Eine eiserne Reserve von $ 140 Milliarden Dollar bei Apple, nur als kleines Beispiel.

Es steht zu befürchten, dass auch diese Anstrengung eher den Menschen gewidmet ist, die sich das dann auch leisten können. Aus diesen noblen Initiativen werden Produkte entstehen. Hardware, Software, Programme, Apps, Maschinen und Sensoren. Kostet halt Geld, sorry.

Weil die das gar nicht anders können in Silicon Valley. So funktioniert der Mechanismus. Weil das die Machbarkeitsphantasie der Individualisten in Kalifornien ist. Geld fließt nur dahin, wo auch Geld rauskommt.

Denn in Wirklichkeit ist kindisch einfach, die Lebenserwartung der Menschheit auf diesem Planeten sofort drastisch zu verlängern. Und wir haben dazu sogar schon jegliche Technologie, die wir brauchen.

Die Zukunft ist schon da! Nehmt euer Geld, ihr alternden Helden der IT-Revolution und werft es auf folgende Dinge: Trinkbares Wasser für alle. Hygiene für die Slums der Welt. Kochgelegenheiten, die keinen Rauch produzieren. Den kostenlosen Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten. Ein garantiertes Mindesteinkommen. Und eine gute, kostenlose Erziehung für jeden.

Das wären philantropische Programme im Sinne des Wortes. In Kalifornien das Altern bekämpfen ist im Vergleich dazu einfach narzisstisches, egoistisches, geistiges Masturbieren.

Und zuletzt: Der Tod ist kein besiegbarer Gegner. Selbst, wenn wir seinen unendlichen Erfindungsreichtum für Krankheiten und Seuchen beenden könnten. Selbst, wenn wir das Altern stoppen könnten und alle furchtbar alt werden würden, wir würden trotzdem sterben.

Meine Vermutung: Wir würden uns dann früher oder später alle selber umbringen. Nicht nur per Suizid. Denn Mord, Totschlag, Kriminalität oder Kriege hätten ja wir ja noch immer.

Und selbst, wenn wir das auch noch mit coolen Apps, cleverer künstlicher Intelligenz und ununterbrochener Überwachung im Jahre 2200 in den Griff kriegen, dann blieben uns immer noch…
Unfälle…

„Larry Page, geboren 1973. Der findige Unternehmer hat Krankheit, Alterung und den Krieg besiegt und ist unlängst in seiner Villa auf Necker Island, der karibischen Insel von Richard Branson im Alter von 242 Jahren gestorben. Er war in seiner Dusche ausgerutscht. Auf einem Stück Seife.“

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