Expl0628: Bonnie und Clyde


Als ich „Bonnie and Clyde“ zum ersten Mal gesehen habe, war ich noch deutlich zu klein. Aber auch jetzt tue ich mir ganz schön hart, mich mit den beiden Gaunern zu identifizieren. Darum macht’s mir auch wenig aus, einen unromantischen Blick auf die historischen Fakten hinter dem Mythos zu kucken.


Download der Episode hier.
Opener: „Timeless 1×09-Here’s the story of Bonnie and Clyde“ von NDT TvClips Reborn
Closer: „Peter and Meg bank Robbery“ von butcher bane
Musik: „Come Bonnie & Clyde (2013)“ von Gli Shakers / CC BY 3.0


Es gibt da etwas im amerikanischen Wesen, das ich zutiefst beunruhigend finde. Und das ich nicht richtig verstehe. Es scheint so, dass viele Amerikaner ihre Regierung hassen. Und zwar egal welche Regierung. An allem Übel der Welt ist immer die Regierung schuld, die man aber selber gewählt hat.

Klar, das amerikanische Wahlsystem ist veraltet und doof. Aber das britische oder französische nicht minder. Und auch in Deutschland könnte man direktere demokratische Elemente vertragen. Auch bei uns ist ja an allem die Frau Merkel schuld.

Aber in den USA hat dieser Missmut eine lange Geschichte. Es gibt in den Staaten da zum Beispiel diese seltsame Verehrung von Kriminellen. Jesse James ist im kollektiven Unbewussten als Held verankert, als eine moderne Version von Robin Hood. Und das ist er sicher nicht gewesen.

Dieser Kult geht soweit, dass selbst eindeutige Psychopathen wie John Dillinger eine Portion Heldenverehrung abbekommen. Irgendwie ist es o.k., wenn die Zeiten schwierig sind Banken auszurauben und Polizisten zu erschießen.

Und dann gibt’s da noch Bonnie & Clyde. Die Symbolfiguren einer tragischen Liebe. Jung und hübsch haben sie ihre Schicksale miteinander verknüpft und waren bereit, sogar miteinander zu sterben. Bankräuber zwar, aber halt sooo romantisch.

So wie eben Warren Beatty und Faye Dunaway in dem berühmten Film von 1967. Es herrscht die Große Depression, alle sind arm und haben keinen Job. Da kann man schon einmal auf die Idee kommen eine Bank zu überfallen, schließlich sind die ja an der Misere schuld.

Und einmal auf die schiefe Bahn geraten, führt dann eines zum anderen und am Schluss werden sie feige aus dem Hinterhalt erschossen. Ein moderner Mythos. Aber halt nicht wahr. So gar nicht wahr.

Clyde Barrows war ein junger Mann, der die Musik liebte. Er sang und brachte sich selber nicht nur die Gitarre bei, sondern auch das Saxophonspielen. Sein Traum war es, einmal Musiker zu werden. Aber stattdessen begann er, wie sein großer Bruder, Autos zu klauen. Autofahren war ja irgendwie auch cool. So startete er seine kriminelle Laufbahn schon in der Pubertät und deutlich vor der Weltwirtschaftskrise.

Bonnie Parker war ein intelligentes Mädchen, die auch die Musik liebte, aber noch mehr die Bühne. Theaterspielen war ihre Leidenschaft und sie erzählte gerne, dass man einstmals ihren Namen groß am Broadway würde lesen können. Doch als sie 16 Jahre alt ist, heiratet sie ihre Jugendliebe Roy Thornton, liess sich „Roy and Bonnie“ auf’s Bein tätowieren und trennt sich auch nicht von ihm, als dieser für fünf Jahre in den Knast muss.

In dem berühmten Auto, in dem sie erschossen wurden, jeder wahrscheinlich getroffen von 50 Kugeln, fand man auf dem Rücksitz Bonnies Filmmagazine und Clydes Saxofon. Bonnie trug immer noch ihren Ehering.

Clyde Barrow war also schon auf die schiefe Bahn geraten, als er Bonnie Parker im Jahre 1930 kennenlernt. Zwei Monate später kommt er für 14 Jahre in den Knast und dieser Aufenthalt sollte ihn dauerhaft verändern. Wiederholt wird er dort vergewaltigt, von den Wachen gedemütigt und beinahe zu Tode gehungert. Er hackt sich selber anderthalb Zehen mit einer Axt ab, nur um dem Gefängnis zu entkommen.

Als er 1932 auf Flehen seiner Mutter begnadigt wird – das mit den Zehen hätte er sich sparen können – weicht Bonnie nicht mehr von seiner Seite. Eines ist klar: Zurück ins Gefängnis würde er nicht mehr gehen. Und alle Polizisten sind fiese Bullenschweine.

Von den 15 Menschen, die sie in ihrer kurzen gemeinsamen Zeit töten werden, sind neun Polizisten.

Doch die beiden sind eigentlich keine richtigen Bankräuber, typischerweise berauben sie eher kleine Gemischtwarenläden oder Tankstellen. Da ist natürlich weniger zu holen. Keiner ihrer Raubüberfälle hat je einen dreistelligen Dollarbetrag eingebracht, oft waren die Summen nicht einmal zweistellig. Nicht nur einmal gingen sie auch völlig leer aus.

Sie waren auch nicht besonders clever oder ausgefuchst, vielmehr ließen sie sich plan- und ziellos durch den Mittleren Westen treiben, viele Läden raubten sie deshalb sogar mehrmals aus. Sie wurden einfach deshalb so lange nicht geschnappt, weil Clyde mit dem Ford V8 das damals schnellste Auto geklaut hatte und die Polizei sie ganz simpel nicht einholen konnte.

Bei einem Unfall 1932, bei dem Clyde die Kontrolle über das Auto verliert, landen sie im Straßengraben und auslaufende Batteriesäure verätzt Bonnies rechtes Bein schwer. Aber zum Arzt können die zwei ja schlecht gehen, also wird sie genauso wie ihr Partner den Rest ihres Lebens kaum gehen können, sondern schwer humpeln oder hüpfen. Oft werden die Schmerzen so groß, dass Clyde sie tragen muss.

Auch Hotels können sich die beiden nicht wirklich leisten und so dürfen wir uns ihre gemeinsamen vier Jahre als eine ununterbrochene Flucht vorstellen. Meistens müssen sie im Auto schlafen oder einfach in freier Natur kampieren.

Selbst mit einer Vergrößerungslupe kann ich an der ganzen Geschichte nichts entdecken, was auch nur im Ansatz romantisch wäre oder nachahmenswert. Bonnie und Clyde sind verzweifelte Kleinganoven gewesen, die 15 unschuldige Menschen getötet haben, um sich selber zu bereichern. Es gibt nur zwei Dinge, die sie berühmt gemacht haben: Erstens Bonnies Gedicht „Die Story von Bonnie and Clyde“, in dem sie selber die bekannte, rührselige, romantische Variante ihrer Beziehung erfindet und der Fakt, dass die beiden hübsch waren und auf Fotos gut aussehen.

Früher oder später musste diese Geschichte ungut enden und das tat sie ja dann bekannterweise auch. Eine Sonderkommission stellte den beiden eine Falle und erschoss die Nichtsahnenden aus dem Hinterhalt als sie dem Vater eines ehemaligen Bandenmitglieds helfen wollten.

Bonnie hat in ihrem Leben nie eine Pistole abgefeuert und niemanden getötet. Eigentlich hat sie wahrscheinlich ein Haufen Leben gerettet, indem sie auf den immer zornigen Clyde mildernd einwirkte. So zu sterben haben aber natürlich beide nicht verdient, die Todestrafe ist sowieso abzulehnen, besonders aber ohne Verfahren, da gibt es keine Diskusssion.

Doch auch dieser grausame Tod trägt irgendwie zum Mythos bei. Kurz nachdem Texas Ranger Frank Hamer den beiden Leichen sicherheitshalber noch eine Kugel aus nächster Nähe in den Kopf geschossen hatte, war die Presse da. Und die Devotionaliensammler. Jemand versucht noch am Tatort Clydes Ohr abzuschneiden. Bonnies Kleid wird zerrissen und sie verliert einige Locken an die sensationsgeilen Andenkensammler.

Schon drei Jahre nach diesem Massaker wird ihre Geschichte dann verfilmt. Und zwar von Fritz Lang. In einem Film, der passenderweise YOLO heißt. Ja, Langs zweiter Film in den USA heißt „You only live once“, auf deutsch „Gehetzt“.

Wesentlich berühmter ist natürlich die Verfilmung mit Faye Dunaway und Warren Beatty, die den Ruhm der beiden Kriminellen für alle Zeiten zementiert hat. Mit dem poetischen Claim: „They are young. They’re in love. And they kill people.“

Aber es gibt zahlreiche Verfilmungen und Verfernsehungen und noch viel mehr Musik um die angeblich so romantische Geschichte der beiden unschuldigen Bankräuber. Begonnen hat das mit dem berühmten Song von Georgie Fame, den ich hier nicht spielen darf, und endet bislang dieses Jahr mit dem Schlagerduo „Fantasy“.

Dazwischen liegen Serge Gainsbourg, Brigitte Bardot, Tupac, Kollegah, Bushido, Die Toten Hosen, Eminem, Moses Pelham, Casper, Britney Spears, Stereolab und Beyonce. Weil Gangster sein halt irgendwie cool ist. Und böse Mädels und böse Jungs haben halt mehr Sexappeal, verstehe ich ja…

Klar gibt’s auch ein Musical, das aber am Broadway eher abgesoffen ist. Gott sei Dank. Sonst gäbe es wahrscheinlich früher oder später auch noch einen Disneyfilm über Bonnie and Clyde, die beiden drolligen Mäuseräuber.

Dear Bonnie Parker: You may only once liven, but robbery wasn’t a very schlau idea nachhert…