Expl0631: Pheromone


Ob man jemanden gut riechen kann, hängt von vielen Dingen ab. Zum Beispiel davon, dass diese Person gut riecht. Pheromone spielen dabei aber wahrscheinlich keine oder eine untergeordnete Rolle. Weswegen der Frauenduft „Alfa Donna“ mit unwissenschaftlichen Versprechungen wirbt.


Download der Episode hier.
Royal Society: Tristram D. Wyatt: The search for human pheromones: the lost decades and the necessity of returning to first principles
Opener: „Boom Chicka Wah Wah – Funny Axe Commercial von emcee007
Closer: „HOW TO GET WOMEN“ von Tobuscus
Musik: „Snake And Mouse“ von ZAMZA / CC BY-NC-SA 3.0


Jetzt sind wir schon so tolle Homo sapiens sapiens und womit verbringen wir unsere Hirnzeit? Mit Sex natürlich. So schlau kann man gar nicht werden, dass man als Mensch so ganz auf Sex verzichten kann. Selbst bei Asexuellen ist nur ein Bruchteil nonlibidonistisch.

Schlimm, schlimm, schlimm, wenn man so ein unattraktiver Nerd ist und z.B. einfach keine Frau abkriegt. Gut, gut, gut, dass es Axe gibt. Mit dem sogenannten „Axe-Effekt“, bekannt aus der Werbung, klappt das garantiert!

Da kann man durchschnittlich aussehende Typen bewundern, die, bloß weil sie das Deodorant mit dem Namen eines Holzfällerwerkzeugs auf ihren Körper aufgetragen haben, plötzlich von sexy Frauen angebalzt werden, die sichtlich komplett die Kontrolle über ihre Triebe verloren haben. Boom Chicka Wha Wha!

Das Ganze kommt natürlich mit einem gewissen Augenzwinkern daher, weil: Das glaubt ja so eh’ keiner. Wir meinen das ironisch, denn so ein Produktversprechen wäre ja widersinnig. Versteht ihr?

Ob das sexistisch ist oder nicht, das kann man auch diskutieren, wenn man will. Aber ist eigentlich überflüssig, weil das wohl niemand ernsthaft bezweifelt. Der Kauf dieses Produkts, so die evolutionsbiologische Werbe-Behauptung, schafft Fortpflanzungsvorteile. Die Spots funktionieren wahrscheinlich bei Bonobos, Schimpansen oder Gorillas auch ganz gut, sind ja nicht wirklich subtil.

„Axe ist und macht sexy“, so hieß der Slogan. In den USA hat man sich letztes Jahr von diesem Image abgewandt, ist vielleicht auch schon ein bisschen ausgelutscht. Da heißt der Slogan jetzt „Find your magic!“

Doch das heißt nicht, dass nicht andere solche Botschaften weiter verwenden. Sogar noch perfider. Da gäbe es einen wahrhaft bezaubernden Duft für Frauen mit dem schönen Namen „Alfa Donna“.

Alfa Donna ist, so die Produktseite: „…unsere „Alphafrauen“-Pheromon-Formel entworfen für das „Bad Girl“. Verzaubere Männer mit der vollkommenen „Alphafrauen“-Formel. Sei aggressiv, selbstsicher, wagemutig ohne schlechtes Gewissen und sehr sexy. Sei unwiderstehlich.

Alfa Donna reichert Deine natürliche Pheromon-Signatur mit zwei künstlichen Pheromonen an, die mächtiger sind als die Natur das je beabsichtigt hat: In Gegenwart von Männern gibt Dir das eine intensive, magische Aura und sie werden davon verzaubert, wie sie sich in Deiner Gegenwart fühlen.“

Da hammas also. Axe für Frauen, aber dieses Mal ohne Augenzwinkern, sondern mit wissenschaftlichem Hintergrund. Es sind die beiden Zauberpheromone, die uns Männer willenlos dem Träger des Alfaweibchen-Geruchs verfallen lassen. Und das für nicht einmal 60 Dollar, kann man nicht meckern. Kriegt man als Mann 10 Axes dafür… Aber Alfaweibchen ham halt auch Kohle.

Sehr interessant, das schauen wir uns einmal genauer an.

Pheromone sind einfach chemische Botenstoffe, die schon bei Einzellern nachgewiesen werden können. Man könnte sagen, dass sind die Vorläufer von Hormonen. Aber sie wirken nicht im Organismus, sondern werden über Drüsen oder Duftorgane an die Umwelt, an die Artgenossen abgegeben.

Sie werden dann entweder über Geruch oder aber oral von diesen aufgenommen und lösen dann in dessen Organismus bestimmte Verhaltensweisen oder Prozesse aus. Bienenköniginnen verwenden Pheromone, um die Arbeiterinnen zu sterilisieren und die Drohnen zu stimulieren, bei Fischen dienen sie vielleicht zur Steuerung ganzer Schwärme und Seidenspinnerweibchen locken mit Pheromonen tatsächlich ihre Sexualpartner an. Das ist auch das erste Pheromon, das isoliert werden konnte und beschrieben wurde.

Pheromone sind bei vielen Tieren nachgewiesen, aber – und das ist ein großes Aber – nicht beim Menschen. Wie Tristram Wyatt, Zoologe in Oxford, schon 2015 detailliert erklärt hat, ist es völlig unwissenschaftlich zu behaupten, es wären menschliche Pheromone belegt.

Alfa Donna verwendet die beiden Stoffe Androstadienon und Estratetramol, die da so supertoll funktionieren sollen. Tatsächlich gehören diese beiden Stoffe zu den vier chemischen Verbindungen, denen man hypothetisch nachsagt, dass sie vielleicht ähnliche Funktionen haben könnten wie Pheromone.

Aber sie sind keine Pheromone. Alle vier dieser Stoffe waren einmal im Verdacht, Pheromone zu sein, aber in vielen, vielen Jahren Forschung gibt es nicht ein Experiment, dass diese Wirkung hätte belegen können. Und neben gut gemachten Experimenten gibt es durchaus solche, die mit Konzentrationen arbeiten, die das natürliche Vorkommen dieser Moleküle um das Millionenfache überschreitet – bloß, damit einmal etwas passiert hier in diesem Laden!

Wenn man es noch genauer nimmt, dann wissen wir nicht einmal genau, ob und wie andere Wirbeltiere Pheromone benutzen. Die Forschungsarbeiten zu Pheromonen beschäftigen sich zu 90% mit Insekten, die restlichen 10% mit Amphibien, Fischen, Würmern.

Bei Wirbeltieren sind aber die chemischen Cocktails, die da in der Luft sind, meist so komplex, dass wir nicht wirklich genau bestimmen können, was da passiert. Es gibt einzelne Erkenntnisse für Mäuse, Hamster, die Zibetkatze und den Moschushirsch. Abgesehen davon wird es spekulativ.

Die Vorgänge sind so vielseitig, dass wir von keinem der Stoffe, die in Frage kommen könnten, Pheromone zu sein, sicher sagen können, ob er auch so wirkt. Es könnten gleichzeitig ganz andere Prozesse das Steuerrad in der Hand haben.

Pheromone sind eben Stoffe, die für alle Individuen einer Spezies typisch sind und nicht nur für ein einzelnes. Ob wir jemand anderes gut „riechen“ können, hängt von ganz vielen Komponenten und individuellen Faktoren ab. Niemand kann ernsthaft postulieren, dass Pheromone bei der Partnerwahl des Menschen eine Rolle spielen. Es ist nicht unwahrscheinlich, aber auch nicht belegt.

Das ist eine populärwissenschaftliche Idee, die von Firmen wie der US-Firma Erox, die „Alfa Donna“ produzieren, ausgenutzt wird. Eine Firma übrigens, die gerne auch Studien im Bereich Pheromonforschung finanziert. So wie diese eine spezifische Studie, die auf der Website zitiert wird und die schon 1991 genau diesen femme-fatale-Effekt nachgewiesen hat. Wer zahlt, schafft an.

Es bleibt uns als nicht asexuellen, nicht nonlibidonischten Homo sapiens sapiens leider keine Abkürzung, um zukünftige oder gegenwärtige Partner zu „verzaubern“ – wir müssen uns da schon selber anstrengen.

Einen Podcast machen soll da übrigens eine tolle Technik sein. Hat zumindest bei mir gewirkt…