Expl0632: Die Swastika


Heute kommt außer dem Hakenkreuz in dieser Sendung auch das Basteln von Flugzeugmodellen vor. Das eine ist peinlich für Deutschland, das andere für mich. Ach, und da wäre ja noch Troja und der Heinrich Schliemann, die kommen auch vor…


Download der Episode hier.
Opener: „A NAZI Surprise! McDonald’s Customer Finds SWASTIKA Symbol SMEARD Into Chicken Sandwich!!“ von Hezakya Newz & Music
Closer: „Donald duck Approve Adolf Hitler“ von 20fadhil
Musik: „Anschluß March“ von BLÖRB, DER BÄR / CC BY-SA 3.0


Für einige verwirrte Monate meines Jugendlebens habe ich mich mit dem Modellbau beschäftigt. Ich habe also in Form gepresstes Plastik gekauft, die Teile ausgeschnitten, mit Plastikkleber zusammengeklebt, bemalt und dann mit Aufklebern versehen.

Und schon hatte man ein authentisches Modell einer Messerschmidt Bf 109! Natürlich die Version mit der gelben Motorhaube vom sechsten Jagdgeschwader, Frankreich 1940. Natürlich inklusive Schmauch-, Schmier- und Gebrauchspuren, Kratzern und kleiner Dellen. Sollte ja echt aussehen.

Es störte bloß, dass die Aufkleber nicht historisch waren. Auf den historischen Vorbildern prangten nämlich die Hoheitszeichen des jeweiligen Staates. Und auf deutschen Flugzeugen somit Swastikas. Haenkreuze. Nur, dass die den Modellen, die man in Deutschland kaufen konnte, nicht beilagen.

Die Verwendung des Hakenkreuzes war und ist in Deutschland immer noch verboten. Bis auf wenige Ausnahmen, z.B. in antifaschistischen Verbotsschildern, in Karikaturen, in Ausstellungskatalogen oder zur Religionsausübung der Falun Gong.

Die Bundesregierung hat 2005 sogar versucht, das Hakenkreuz europaweit zu verbieten, als Prinz Harry auf einer Faschingsparty mit Swastika-Armbinde fotografiert wurde. Das führte zu zwei Jahren Diskussion im Europäischen Parlament. 700.000 Hindus in Großbritannien fanden das keine gute Idee, die Skandinavier waren dagegen und die Litauer wollten Hammer und Sichel gleich mit verbieten. Also legte man die Idee 2007 wieder still und heimlich auf’s Eis.

Was ist aber so mächtig an einem Symbol, dass die Nazis 25 Jahre lang missbraucht haben, dass man immer noch so viel Angst haben muss? Und wo kommt das Ding eigentlich her? Swastika? Ist das überhaupt ein teutsches Wort?

Ist es natürlich nicht, es ist ein Sanskrit-Wort, das man als „Glückbringendes“ übersetzen könnte, ein altes indisches Glückssymbol also. Tatsächlich taucht das Hakenkreuz aber völlig unabhängig voneinander auf der ganzen Welt auf, nicht nur in Asien oder Europa, sondern auch bei den Indianern in Amerika oder in Afrika.

Es ist nicht gerade einfach, eine Spirale oder ein sich drehendes Rad mit Ziegeln oder mit groben Webstoffen hinzubekommen. Zeichnet einmal eine Spirale, wenn ihr nur fünf x fünf Felder habt. Wird ein Hakenkreuz. Einst auf dem C64 hatten bestimmte Grafikelemente, Sprites genannt, immerhin 24 mal 21 Größe, aber die Spirale, die ich da entworfen hatte, war trotzdem ganz klar ein Hakenkreuz. Was aber gar nicht in meiner Absicht lag.

Gut, dass erklärt immer noch nicht, warum sich die Nazis das 1920 als Symbol für ihre Partei ausgesucht haben, die hatten ja analoge Flaggen, hätten sich auch Nordic-Walking-Stöcke oder besser ein Wurstbrot als Symbol nehmen können, wenn es schon etwas exklusiv Deutsches sein sollte.

Doch 1920 hatte die Swastika schon einen langen Weg voller Missinterpretationen, Fälschungen und Umdeutungen hinter sich und stand in nationalistischen Kreisen schon länger für das Arische, die Arier, die Herrenrasse an sich. Ein erfundenes Symbol für ein erfundenes Volk.

Und schuld an der ganzen Symbol-Misere hat eigentlich ein Mann. Der grobmotorische Alrchäologe schlechthin, der notorische Grabräuber und Faktenfälscher Heinrich Schliemann. Noch heute gerühmt als Vater der modernen Archäologie, aber trotzdem vielleicht eher ein Beispiel dafür, wie Wissenschaft eben nicht geht.

Seine Leistung ist und war es, aufgrund großzügiger Interpretationen der homerischen Texte Troja gefunden zu haben. Er wollte Homers Welt entdecken, er war von Geschichte fasziniert und er verwandte viel Zeit und Geld, um zu diesem Ausgrabungshügel namens Hisarlık Tepe zu kommen.

1873 verkündete er der Welt, Troja ausgegraben zu haben und auf den Schatz des Priamos gestoßen zu sein. Des legendären trojanischen Königs, der in der Ilias von Homer besungen wird. Wahrscheinlich ist das mit Troja nicht falsch, einer der Schichten könnte das historische Troja sein. Aber das mit dem Schatz ist natürlich frei erfunden.

Schliemann war auf einmal berühmt. Plötzlich der Spezialist für Archäologie im Mittelmeerraum. Schlagartig die Koryphäe für Frühgeschichte, ein wissenschaftliches Genie. Na ja, und dieser Schliemann, der jetzt so hoch gehandelt wurde, der hat in Troja auch Hakenkreuze ausgegraben.

Das überhaupt noch Scherben zum Beschreiben übrig blieben, ist schon erstaunlich genug. Typische Schliemann’sche Grabungswerkzeuge waren Geräte wie Brecheisen oder Rammböcke – er war eher auf der Suche nach Gold, Juwelen und anderen Schätzen.

Aber auf Scherben und Statuen fand er trotzdem mehr als 1800 Darstellungen der Swastika. Und diese, so folgerte er messerscharf, seien identisch mit Funden von der Bischofsinsel bei Königswalde im Erzgebirge. Als Beleg bildete er in seinem Buch „Ilios“ von 1881 eine kleine Statuette mit Swastika im Schamdreieck ab. Er schreibt dazu, dass diese Swastika beweist, dass die Griechen und Trojaner zur arischen Rasse gehören und diese Funde deswegen ungeheuer wichtig wären für die Archäologie…

Für Schliemann muss man ins Feld führen, dass der Begriff „Arier“ damals noch diffuser war. Ursprünglich einfach nur ein Begriff für das Volk, das die indoeuropäischen Ursprache sprach, vermischte sich dieser Begriff erst langsam mit den hysterischen Nationalismen in Europa.

Und Schliemann steht auch nicht unter Verdacht ein Antisemit gewesen zu sein. Aber er hat auch nichts dagegen unternommen, dass speziell die Swastika als nicht-semitisches Symbol aufgeladen wurde. Was der Fundlage übrigens schon damals natürlich widersprach. Auch semitische Völker verwendeten Ziegel oder webten Stoffe.

Vorwerfen kann man ihm, dass seine Abbildung im Buch eine plumpe Fälschung war. Auf dem Fund vom Erzgebirge ist im Original gar kein Hakenkreuz, das hat Schliemann da einfach reingezeichnet, um seine idiotische These zu belegen.

Zwanzig Jahre historische Fälschungen, Geschichtsklitterung und Verschwörungstheorien später hatte sich Europa eine Theorie der Arier gebastelt. Einer blonden, blauäugigen Herrenrasse, von der alles Gute in der Menschheit einst ausgegangen ist. Die der Welt überhaupt erst Sprache, Schrift und Zivilisation gebracht hätten. Und die eben aus dem Herzen Europas kommen und nicht aus Indien. Die einzelnen Quellen und Belege brauchen wir hier gar nicht aufzählen, reine Zeitverschwendung.

Und das Ursymbol dieser Arier, das ist die Swastika. Das Hakenkreuz, da waren sich viele ganz sicher. Zu Beginn des Diskurses war das Hakenkreuz einfach erst einmal hip. Ein Glückssymbol. Es kam in der Coca Cola-Werbung vor, die Pfadfinder in den USA adaptierten es, aber auch der Deutsche Turnerbund oder die Theosophen.

Am Ende der Legendenbildung um dieses simple Symbol war es auf den Wappen der völkischen Bewegung, des Reichhammerbunds, der bayerischen Freikorps und eben des Germanenordens zu finden. Letzerer eine antisemitische Geheimgesellschaft, die 1919 schon ihre besten Tage gesehen hatte, die Absplitterung der Thule-Gesellschaft war schmerzhaft.

Friedrich Krohn, Mitglied in beiden Clubs, schlug der DAP 1919 das Hakenkreuz als Symbol vor. Hitler, ihr wichtigster Redner war angetan und kurz nachdem die DAP 1920 zur NSDAP mutierte, schnappten sich die Nazis die Swastika und Krohns Entwurf wurde das Parteizeichen.

Und landete deswegen auch auf allen Flugzeugen der deutschen Wehrmacht, aber nicht auf den Modellen von Airfix oder Revell in Deutschland. Damals gab es unter den Bastlern einen schwunghaften Handel mit Bausätzen aus England oder den USA, was in Zeiten vor dem Internet schwer konspirativ war.

Auch sonst gab es damals unter den Fans dieses seltsamen Hobbies den einen oder anderen alten Nazi zu finden. Aber ich war vor diesem Einfluss immer gut geschützt. Denn… ich war ein wirklich lausiger Bastler. Alle Kabinen waren blind – voller Kleber, alle Piloten hatten Spiegeleieraugen – wie Tex-Avery-Cartoons, nie habe ich ein Fahrwerk richtig hinbekommen und die blöden Aufkleber habe ich auch meistens ruiniert.

Frustriert wendete ich mich damals anderen Dingen zu. Scheiss auf 1:72 oder 1:32, da draußen gab es im Maßstab 1:1 so Dinge wie Zigaretten, Musik oder Mädchen! Wie ich an diesen drei Herausforderungen auch gescheitert bin, hat hier aber keinen Platz mehr. Sorry. Echt nicht.

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