Expl0633: Filme und das Web


„Und dann hat sich das GIF so langsam, Zeile für Zeile, aufgebaut. Hach, das waren noch Zeiten!“ Pfiffkas: Das war ein schöner Krampf! Es ist ganz gut, dass Twitter, YouTube, Google und Facebook die klassischen Movie-Homepage getötet haben. Beweist dieser Rückblick.


Download der Episode hier.
Opener: „YOU’VE GOT MAIL (1998) – Official Movie Trailer“ von xirstom1
Closer: „My Website Sucks“ von Pete Cossaboon
Musik: „Mission impossible (2009)“ von JEAN-JACQUES METELLUS / CC BY-NC-SA 3.0


Seit es das Internet gibt, gibt es auch Seiten über oder von oder um Filme herum. IMDb, die Internet Movie Database z.B. ist älter als das World Wide Web selber und wurde bereits 1989 von den Usern der Newsgroup rec.arts.movies im Usenet zur Verfügung gestellt.

Jetzt ist es die größte Datenbank zu Film und Fernsehen auf der Welt. 7 Millionen Macher und 4 Millionen Werke kann man da durchforsten. Die IMDb hat einen Alexarank von 50 und gehört mittlerweile natürlich nicht mehr den fleißigen Nerds des Usenets, sondern Amazon.

Zeiten ändern sich eben. Heute sitzen im Marketing jedes Films ganze Stäbe von Menschen, die sich um das Image, das Branding, das Feedback eines Films im Internet kümmern. Es braucht schon einen witzigen Twitteraccount, eine Facebookpage mit vielen Followers und ein Tumblr mit tollen Behind-The-Scenes-Fotos.

Für andere Fotos bemüht man einfach die Google-Bildersuche und für Filmschnipsel sucht man auf YouTube, wo gefühlt jeden Tag 12.000 neue Filmtrailer in HD-Qualität hochgeladen werden. Einige davon so vielsagend, dass man sich den Film dahinter gleich sparen kann.

Moderne Filme brauchen gar keine eigenen Websites mehr. Auf keinem Filmplakat prangt noch stolz die zugehörige URL, das würde heute altbacken und spröde wirken. Wie sollte auch die URL für „Norman: The Moderate Rise and Tragic Fall of a New York Fixer“ oder „Jeremiah Tower: The Last Magnificent“ aussehen? Um nur zwei Filme zu nennen, die nächste Woche starten und keine Homepage mehr haben.

Wer würde auch auf Verdacht „www.sparkaspacetail.com“ oder www.dieversunkenestadtz.de in seinen Browser tippen, nur um auf der Homepage eines Films zu landen? Alles was man braucht findet man auf Twitter, Facebook, Google, oder, wenn man mehr wissen will auf rottentomatoes.com und boxofficemojo.com. Für Fans gibt’s dann noch letterboxd.com oder – mittlerweile auch schon klassisch – das jeweilige Lieblingsblog der Wahl.

Moment, ich werd’ verrückt: sparkaspacetail.com gibt’s ja tatsächlich! „Discover the movie“ steht da in modernem Javascript und mit der Youtube-API eingebunden! Das ist ja nett. Hab’ ich nicht gleich gefunden, war auf der dritten Seite der Suchergebnisse…

Denn es ist doch in Wirklichkeit so: Die Movie-Homepage ist tot. Das ist so Web 1.0, wer will das denn noch? Und da kommt ja gar kein Feedback. Keine Interaktion. Die kann man basteln und dann warten, ob ‘was passiert. Ist so wie eine Million Flyer drucken und dann gleich vor der Druckerei auslegen zum Mitnehmen.

Doch das war einst noch ganz anders. Als noch Domains galore frei zu reservieren waren. Als das Internet noch hauptsächlich Text war. Aber weil es die Companies nicht mehr interessiert und weil es die Wayback-Maschine gibt, dürfen wir auch heute noch die guten, alten „offiziellen“ Movie-Homepages bewundern.

Wie z.B. für „You Got Mail“. Das, liebe Kinder, ist ein Film über eBooks. Die hat man früher noch komplett ausgedruckt gekauft. Musste man extra in die Stadt für fahren. Ehrlich. Und Tom Hanks und Meg Ryan – in dem Film – die streiten sich, ob große oder kleine Bücherläden jetzt wichtiger sind für das Überleben der westlichen Zivilisation. Das versteht ihr nicht, denn die gibt’s natürlich beide nicht mehr. Aber auf http://youvegotmail.warnerbros.com gibt es noch eine Website zum Film.

Alles zu den Figuren und den Schauspielern in schönen HTML-Frames, ein Flash-Intro mit dem typischen Sound eines Modems, das sich einwählt und mit einer Fotostrecke zu New York. Nannte sich auch schon virtuelle Realität, wir waren ja so bescheiden.

„Now you can take a quick tour of some of the Upper West Side sites featured in You’ve Got Mail. Visit the café where Meg Ryan meets Tom Hanks!“ OMG! Und da: Echte Soundschnipsel aus New York, aus dem echten New York von 1998, eingefangen in RealMedia-Schnipseln! Würde ich euch gerne vorspielen, aber das Dateiformat erkennt hier keine Software mehr. RealMedia, was’n Mist das war…

Oder aber http://www.lost-world.com/ingen/index.html Da haben sich die Filmemacher aber kreative Sachen einfallen lassen, Donnerwetter! Ingen, das ist die böse Company aus allen Jurassic-Park-Filmen, inklusive dem letzten, der gar nicht mehr „Jurassic Park“ heißt, sondern „Jurassic World“. Ist ja auch gaaaanz ‘was anderes, oder?

Und hier, auf der Website, da haben wir uns wohl aus Versehen in das Intranet der Bösen gehackt – das macht man ja auch leicht ‘mal aus Versehen, passiert mir jeden Tag. Ist das nicht total crazy Cyberspace? Schauen wir ‘mal, was die Bösen da über die Attraktion schreiben. Über den T-Rex: Bla bla bla… Aha: Eine Enttäuschung ist der. Der frisst lieber Aas und versteckt im Wald, wo ihn keine Touristen sehen statt spektakulär andere Dinosaurier zu zerfetzen. Aber bei Ingen arbeitet man an dem Problem. Steht da. Voll geheim. Na, dann! Dann muss ich den Film doch sehen, oder?

Oder die archivierte Website von meninblack.com auf archive.org. http://web.archive.org/web/19991012071434/http://meninblack.com/main.html
Hoppla. Die lädt erst einmal ungefragt eine DCR-Datei herunter – das sind Manieren, da war man noch ruppiger damals. DCR ist wohl eine Shockwave-Seite, lange ist’s her. Aber es tut immer noch weh.

Und hey – der Hammer: Die wollen, dass ich auch ein Mitglied bei den Men in Black werde! Weil ich ein so erfahrener Internet-User bin. Da seht ihr’s ‘mal! Mhm. Aber halt, da ist noch eine kleine Hürde. Ich brauche für die volle Erfahrung noch: Macromedia Shockwave, den RealPlayer – schon wieder – und mindestens den Netscape Navigator 3.0

Und dann gibt es noch das kostenlose Men-in-Black-Game für Windows und Mac zum Trainieren für die Aufnahmeprüfung, das ist aber nett! Oh, die Zip-Datei geht nicht mehr auf. Sehr traurig. So wird das nichts mit der Karriere. Muss ich doch weiter podcasten…

Oder Mission Impossible.
http://web.archive.org/web/19961022174928/http://missionimpossible.com/
Der Film ohne die Nummer dahinter. Der erste Film von 1996. Hier sehen wir wieder die wunderbare Technologie der HTML-Frames zum vollsten Potential ausgeschöpft. Border five pixel. Und natürlich: Grüne Schrift auf schwarzem Grund. Das kennen wir ja alle von den modernen Computern. Immer wird die Schrift grün, wenn’s ernst wird! Schwarz auf weiß, so arbeiten nur Lamer.

„Deine Mission, solltest Du sie annehmen, beginnt bei http://www.mission.apple.com/. Klicke hier, um beim Mission: Impossible The Web Adventure Lotto von Apple Computer teilzunehmen.

Nehme an sechs IMF-Operationen teil und Du wirst vielleicht ausgewählt bedeutende Preise zu gewinnen, unter anderem Apple Powerbook computer, wie sie auch von IMF-Feldagenten verwendet werden.

Apple Computer? Apple, sind das nicht die mit der grünen Schrift auf schwarzem Grund?
Egal, ein Powerbook von 1996, das 1400 bringt auf Ebay gerade ‘mal 50 Dollar, dafür hole ich mir nicht Flash 2.0 auf den Rechner. Ist vielleicht ansteckend.

Und zu guter Letzt noch: Titanic!
https://web.archive.org/web/19971210062035/http://www.titanicmovie.com/present/index.html
Oh, mein Gott, da kann man sich den Trailer anschauen! Die ganzen 150 Sekunden! Vorrausgesetzt allerdings, man hat das Vivo-Active-Plugin. Vivo? Kann ich mich gar nicht mehr daran erinnern. Oder Quicktime. Quicktime, das müsste eigentlich noch gehen.

Aber was soll ich jetzt nehmen? 240 x 103 pixel mit 10 fps zu 10.2 MB oder 160 x 69 pixel mit 5 fps zu 4.4 MB? Ich kann mich nicht entscheiden…

Dann gibt’s noch Movie-Information, aber… das ist alles dröger Text. Hey, wenn die Leute noch etwas lesen wollten außer Überschriften, dann gäbe es Meg Ryans Buchladen aus „You Got Mail“ heute noch!

Nee, das ist alles nichts. Da entscheide ich mich doch für den coolen Titanic-Screensaver. Wie? Geht nicht? Na, das wollen wir ‘mal sehen. Einen Moment, bitte.
Clip /Werkstatt

Er ist toll, der Screensaver! Das sind mindestens vier verschiedene Bilder in 640 mal 490 Pixeln. Wunderbar in 256 Farben gedithert. Und ein Werbeplakat mit Titanic-Typo und dem Startdatum! Ein Must-Have!

Ach, das war eine nette Reise in die Vergangenheit. Man kann deutlich erkennen, dass die gute alte Zeit halt auch immer die schlechte alte Zeit war. Und ich meine jetzt gar nicht einmal die schelppende Modemverbindung, die ganzen Browserstandards oder die dämlichen Plugins.

Heute arbeiten ganze Teams daran, unsere Meinung über einen Film zu beeinflussen und sein Image zu formen. In einem Hin und Her zwischen den Machern und den Konsumenten. Und alle finden das irgendwie schrecklich.

Als aber die Companies die Chance gehabt hatten, Movie-Websites zu einem wichtigen Bestandteil ihres Marketings zu machen, zur Anlaufstelle für einen Film im Internet, da haben sie einfach in großem Stil versagt. Sorry, selbst die hübschen Internet-Denkmäler, die wir heute angeschaut haben, sind einfach: Nicht informativ, lieblos hingeklöppelt, alles langweilige Standardware.

Bleibt nur noch eine Frage: Soll ich jetzt diese Sendung bei „Film & TV“ einpflegen oder doch bei „Geschichte“? Hm, ‘mal googeln…