Expl0634: Lulu Hurst


Lulu Hurst war lange vor Pippi Langstrumpf das stärkste Mädchen der Welt. Mit vierzehn Jahren begann sie ihr Geld damit zu verdienen, ausgewachsene Männer über die Bühne zu schleudern. Zwei Jahre später setzte sich, stinkreich, zur Ruhe. Über Lulu Hurst. Und warum es immer noch Geschäftsmodelle gibt, die auf ihren Tricks basieren.


Download der Episode hier.
Opener: „Kirby’s Augusta: A Super Woman named Lulu“ von Kirbys Augusta
Closer: „People Try Superpowers For The First Time“ von After Party
Musik: „My Lulu“ von NOEL BUSH / CC BY 3.0


Im Norden von Georgia liegt Polk County. Das ist nicht wirklich für vieles berühmt, selbst der Präsident nach dem dieser Landstrich getauft wurde, ist heute mehr oder weniger vergessen. Wie in ganz Georgia kann hier das Wetter rasch extrem werden. Obwohl eigentlich ein feuchtes subtropisches Klima herrscht, fällt die Temperatur manchmal rasend schnellt. Es gibt also spektakuläre Stürme, Gewitter und in hübscher Regelmäßigkeit auch Tornados.

Unsere heutige Protagonistin war noch sehr jung, gerade 11 Jahre alt, als sie beim Spielen von so einem raschen Wetterumschwung überrascht wurde und in einen sehr seltsamen Sturm geriet. Ein elektrischer Sturm, so berichten auch ihre Eltern bereitwillig.

Auf jeden Fall zeigte das kleine Mädchen nach diesem Ereignis bald seltsame, ungewöhnliche Eigenschaften. Etwas… Unbekanntes. „Das große Unbekannte“, nennt es die kleine Lulu. Oder aber „die Kraft“, die plötzlich über sie kommt. Oder die „Macht.“
Clip: May the Force be with you…
Ja, Luke, jetzt heißt es stark sein: Das kleine Mädchen spricht tatsächlich von „The force“

Und was sie damit meint, heißt man in unser modernen Sprache wohl eine Superkraft. Das kleine zerbrechliche Teenagermädchen ist seit diesem Gewitter superstark! Sagt die kleine Lulu, sagen ihre Eltern und sagt ihr Manager Sanford Cohen.

Und der sagt auch noch: Könnt ihr selber ankucken für ein paar Pfenninge und könnt ihr auch selber ausprobieren. Bitte sehr, jeder kann sich höchstpersönlich überzeugen!

Denn seit 1883 tritt die 14-Jährige in Vaudeville-Theatern auf und ist sofort eine Sensation. Vaudeville, das ist das Konzept von RTL auf eine Welt übertragen, in der es kein Fernsehen oder Radio gibt. Eine Welt, in der auch der elektrische Strom noch etwas Neues, Rätselhaftes und Magisches hatte.

Für ein paar Pfenninge konnte man in ein Vaudeville-Theater schlendern und sich so lange unterhalten lassen, wie man wollte. Leute brachten ihr Essen und ihr Bier mit und unterhielten sich, während sich auf der Bühne unbekannte Sänger, Musiker, Komiker, Akrobaten oder Jongleure abwechselten. Oft für einen Hungerlohn, ich sagte ja schon: RTL.

Doch dann kommt die kleine Lulu und wirbelt ohne Anstrengung ausgewachsene Männer über die Bühne. Drei Männer halten horizontal einen Billiard-Kö und versuchen die kleine Teenagerin wegzudrücken. Mit ihren flachen Händen hält si dagegen und lässt die Angreifer über die Bühne tanzen.

Oder die Freiwilligen stapeln sich auf einen normalen Stuhl, kommt Lulu und kippt den ganzen Männerstapel ohne sichtliche Anstrengung um. Preisboxer versuchen mit all ihrer Kraft die Fäuste zusammen zu pressen und das zarte, weibliche Wesen nimmt nur ihre Zeigefinger und sprengt jeden Griff.

Selbst berühmte Sumo-Ringer schaffen es nicht, Klein-Lulu gegen ihren Willen hochzuheben oder zappeln willenlos an ihrem ausgestreckten Arm. Meine Damen und Herren: Das Wunder aus Georgia: Lulu Hurst!

Lulu Hurst war die Sensation des Jahres 1883 und bekam bald schon Gagen, die das Monatseinkommen eines jeden ihrer Besucher übertrafen. Sie tourte landauf und landab und füllte immer größere Säle in Atlanta, Chicago, New York: Wo sie hinkam, führte sie ihre Kraft vor ausverkauften Häusern vor. Und verschliss dabei jedes Mal eine große Menge an Freiwilligen aus dem Publikum, die ihre Niederlage selber dann in den größten Tönen ausschmückten und weiter erzählten.

1885 war dann das Jahr ihrer großen Tour durch ganz Amerika und ihr Ruhm begann schon nach Europa durchzusickern. Für das nächste Jahr war der Sprung über den Atlantik geplant.

Aber erst einmal wurde eine Million Dollar an Gagen innerhalb eines Jahres verdient und, nahe des ruhmvollen Endes ihrer Karriere, ein Auftritt vor dem Kongress gegeben.

Viele berühmte Männer und Wissenschaftler versuchten hinter ihre Tricks zu kommen, aber konnten sich das Phänomen namens Lulu Hurst nicht erklären. Alexander Graham Belle z.B. der, als offizieller Erfinder des Telefons ja im Umgang mit Elektrizität kein Neuling war.

Oder Winston Churchill, der Zeuge der Vorführung im Kongress wurde. Na gut, da war er erst 10 Jahre alt, aber immerhin! Name dropping ist name dropping.

Und dann, auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, verkündete die nun 16-Jährige, sie würde sich zur Ruhe setzen. Schluss, Aus, Äpfel, Amen! Lebt wohl, diese Aufmerksamkeit ist mir zu groß! Europa wird abgesagt, ich will das Leben einer normalen Frau führen.

Sagt’s und geht. Heiratet ihren Manager, nimmt das Geld und verschwindet ohne ein weiteres Wort und ward nicht mehr gesehen. Supergirl kehrt nach Krypton zurück.

Vielleicht war es Lulu wirklich zuviel geworden. Vielleicht auch ihrer Familie. Oder dem Manager.

Aber vielleicht hatte es auch mit dem Artikel von Professor Simon Newcomb in der Science zu tun, der detailliert an einigen Beispielen nachweist, dass es sich nicht wirklich um Superkräfte handelt, die hier wirken, sondern um ganz einfache Tricks, die die Naturgesetze intelligent benutzen.

Schwerpunkt und Hebel sind rätselhafte physikalische Prozesse. Es ist, wie Archimedes meinte, tatsächlich so, dass man mit einem festen Punkt und einem Hebel, der lange genug ist, die Erde aus den Angeln heben kann. Wenn man davon absieht, dass die – laut unserem wissenschaftlichen Kenntnisstand – natürlich keine Angeln hat.

Und so basierte der ganze Auftritt der kleinen Lulu auf perfide verstecken Tricks. An dem berühmten Foto mit den den drei Männern, die sich auf dem Stuhl stapeln und der Stuhllehne kann man das ganz gut erahnen.

1897 erscheint dann Lulus Autobiographie, sie ist gerade einmal 18, mit dem Titel: „Lulu Hurst, das Wunder aus Georgia schreibt ihre Autobiographie und erklärt und demonstriert zum ersten Mal das große Geheimnis um ihre wundersame Kraft.“

So hat man vor 120 Jahren einen Titel für einen Bestseller gedichtet! Denn genau das wurde dieses Buch natürlich.

Im Prinzip gibt Lulu darin ihren Kritikern mehr oder weniger Recht, aber räumt auch ein, dass sie als kleines Mädchen die Mechanik nicht verstanden hat, sondern wirklich glaubte, sie sei superstark. Was natürlich die größte Schummelei von allen sein dürfte.

Auch Harry Houdini sezierte alle ihre Zaubertricks und Kunststückchen im Detail und eine Ausgabe von Popular Mechanics erteilt mit erklärenden Fotos eine Anleitung zum Selber-Nachmachen. Könnte ein unterhaltsamer Abend werden, wenn man gerade einen berühmten Sumo-Ringer zu Besuch hat.

Lulu selber weist in ihrem Buch aber auch auf einen psychologischen Effekt, den wir mittlerweile belegt und benannt haben: Den Carpenter-Effekt. Kurz: Das Sehen, das Vorausahnen oder das Denken an eine bestimmte Bewegung können genau diese Bewegung unbewusst auslösen. Das ist der psychomotorische Vorgang beim Ouja-Board, beim Pendeln, beim Gläserrücken oder beim Wünschelrutengehen.

Und darum haben sich auch erwachsene Männer scheinbar willenlos über die Bühne schleudern lassen.

Übrigens: Wenn man die Tricks von Lulu und Annie heute anschauen möchte, dann kann man auf YouTube einfach nach „Power Balance Bracelets“ suchen. Das sind diese Plastik-Armbänder zu damals 30 Euro. Waren bei Sportlern der heiße Scheiß vor sieben Jahren. Die meisten Vermarktungsvideos für diesen – nachgewiesenen – Plastikmüll verwenden die körpermechanischen Tricks des einstmals stärksten Mädchens der Welt noch heute.

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