Expl0635: Rotten Tomatoes


Es ist bei gefühlt 2 Fantastilliarden Filmen im Jahr nicht leicht, sich zu orientieren. „Rotten Tomatoes“ will da helfen, indem es viele verschiedene Kritiken sammelt, auswertet und daraus einen einzigen Wert berechnet. Darum ist die Site auch sehr populär und wird gleichzeitig von Filmschaffenden gehasst. Ist „Rotten Tomatoes“ der Untergang der Filmkultur?


Download der Episode hier.
Opener: „Is Rotten Tomatoes a BAD Website?“ von ElectricDragon505
Closer: „Louis CK – movies are all s**t now!“ von FUNny zONE
Musik: „Rotten Tunes (2016)“ von LENNY / CC BY-NC-ND 3.0


Das Internet hat die Art, wie man sich mit Filmen beschäftigt grundlegend verändert. Wenn ich heute von einem neuen Film höre und keine Ahnung hab’, was das nun wieder für ein Machwerk ist, dann mache ich folgendes. Nein, besser, wir nehmen ein konkretes Beispiel. Unlängst bin ich auf einen Film von Chris Columbus gestoßen, den ich noch gar nicht kannte.

Chris Columbus ist ein wichtiger Filmschaffender, ich sage nur „Kevin – Allein zu Hause“, „Mrs. Doubtfire“ oder „Harry Potter“. Und da gibt’s eben seine erste Regiearbeit: „Die Nacht der Abenteuer“ oder „Adventures in Babysitting“, so der Originaltitel. Ist dreißig Jahre alt und hat mich damals, mit 22 Jahren, wohl nicht angesprochen.

Also kucke ich zuerst zur IMDb, wo ich die Crew schön aufgelistet sehe. Hauptdarstellerin ist Elizabeth Shue. Die kennt man als Jennifer Parker von „Zurück in die Zukunft“. Die anderen Darsteller kommen mir erst bekannter vor, als ich sie anklicke. Na gut. Kinderstars aus den Achtzigern, die meisten schafften es halt nicht…

Dann schaue ich mir auf Boxoffice-Mojo an, wieviel Kohle der Film gemacht hat. Nicht, weil ich Aktien von Paramount besitze oder ähnliches: Es ist der Erfolg hier, der für die Produzierenden wichtig ist. Die Bewertung eines Films ist die eine Sache, aber die Frage, ob ein Film Geld einspielt oder nicht ist die andere. Da steht 35 Millionen Domestic. Vor dreißig Jahren war der Auslandsmarkt unwichtig. Die Zahl kann man verdoppeln, wenn man das an die Inflation anpassen will.

Ist also so wie „Harry und die Hendersons“ oder „Spaceballs“ oder „The Lost Boys“. Für einen Erstling also ein beachtlicher Erfolg.

Und dann bleibt mir als letzter Schritt immer noch „Rotten Tomatoes“. Das ist eine Website, in der Kritiken gesammelt werden. Von sogenannten „Top Kritikern“, meist Menschen, die noch im Print arbeiten, von einer ganzen Riege von Netzkritikern und dann noch von Dir und mir. Daraus rechnet „Rotten Tomatoes“ dann einen einzigen Wert aus. In diesem Fall sind das 77%. Das gilt als „Fresh“, das Symbol ist eine saftige, rote Tomate.

Hätte es „Adventures in Babysitting“ nicht über 60% geschafft, dann wäre er „rotten“, also verfault. Symbol dafür ist eine grüne, zerplatzte Tomate. Warum auch immer. Soll halt bedeuten, wir, das Publikum, solche Tomaten auf die Bühne geworfen hääten, wenn wir den Film gesehen hätten.

Eigentlich wären aber 77% genug für das beste Symbol, nämlich für „certified fresh“, also „garantiert frisch“. Aber da gibt es einen Graubereich, in dem immer noch die Macher entscheiden und nicht die Algorithmen alleine.

Dann kann man noch runterscrollen und einige, ausgewählte Kritikerstimmen sehen oder lesen. Der große Roger Ebert z.B. gab den „Adventures“ nur 2,5 von vier Sternen, aber gibt zu, dass er gegen Ende des Films doch herzhaft lachen musste, aber ansonsten wohl nicht amused war.

Das ist meine Vorgehensweise. Jetzt muss ich entscheiden, ob ich den Film sehen will oder nicht. Ich bin ja nicht so richtig in dieser 80er-Jahre-Nostalgie drinne wie meine Altersgenossen. Die stolz sind Karottenhosen, Netzhemden und VokiHila überlebt zu haben. Ich habe das einfach geschafft, indem ich nicht gestorben bin.

Aber so wie ich machen das mittlerweile viele Menschen. Zum Beispiel wahrscheinlich alle Filmschaffenden, egal, was sie behaupten. Nicht umsonst hat „Rotten Tomatoes“ im Monat weltweit an die 30 Millionen Besucher.

Das hätte sich Firmengründer Senh Duong 1998 sicher nicht vorgestellt, als er sein Hobbyprojekt online gestellt hat. Als Jackie-Chan-Fanboy hatte er einfach damit begonnen, alle Kritiken zu allen Jackie-Chan-Filmen zu sammeln. Mit Mitstudenten aus Berkeley wollte er das einfach auf möglichst viele Filme ausdehnen und schon 2000 konnten die drei von ihrem Hobby leben. Damals waren alle noch von der neuen Idee begeistert.

Das hat sich mittlerweile gründlich geändert. „Rotten Tomatoes“ ist eine Website, die zwar wichtig ist und quasi einen Industrie-Standard gesetzt hat, die aber auch herzhaft gehasst wird. In letzter Zeit vor allem von den Anhängern der DC-Superheldenfilme, denn die schneiden da immer katastrophal ab. „Man of Steel“ hat immerhin noch %55 Prozent, Suicide Squad schafft gerade 25% und Batman v Superman auch nur 28%. Alle drei sind also „rotten“, verfault. Schlecht, pfui, bäh, sollte man nicht ankucken…

So zumindest versteht das Brett Ratner, der vor zwei Wochen einen leidenschaftlichen Post veröffentlichte, speziell gegen „Rotten Tomatoes.“ Ratner ist Produzent und Regisseur, seine Firma finanziert und produziert die DC-Filme mit.

Er schreibt: „Das Schlimmste an der heutigen Filmkultur ist Rotten Tomatoes. Ich glaube, das ist die Vernichtung der ganzen Industrie. Ich bewundere und respektiere Filmkritiker; als ich aufwuchs war das noch eine Kunstform. Mit Verstand und Intellekt. Das gibt’s nicht mehr. Jetzt geht es um eine Zahl. Eine aus der Summe von Positivem und Negativem ermittelte einzelne Zahl. Heute geht’s nur um: „Und? Wie war Deine Bewertung bei „Rotten Tomatoes?“

Tscha. Man kann den guten Mann verstehen. Wie gesagt: Sein „Batman V Superman“ hat bescheidene 28% und hat aber trotzdem fast eine Milliarde Umsatz gemacht. Trotzdem wird ihm wahrscheinlich niemand in Hollywood anerkennend auf die Schultern klopfen und auch auf der Comicon wird er wahrscheinlich nicht den Heldenstatus genießen wie jemand von der Marvel-Konkurrenz.

Aber er hat nicht Unrecht, finde ich. Diese aggregierte, einzelne Zahl als Stempel für die Qualität eines Films ist eigentlich immer, immer, immer zu kurz gedacht. Die Zahl bedeutet ja nicht, wie das Publikum den Film bewertet. 50% auf Rotten Tomatoes bedeutet nicht: Die Hälfte der Ankucker fanden den Film gut, die andere Hälfte kacke…

Das weiß man auch im Hause Tomate und bessert immer nach. Da gibt es schon länger den „Audience Score“, also eine Zahl, wie die Besucher einen Film fanden. Und da haben sich Batman und Superman immerhin solide 63% verdient. Das Symbol dafür ist ein Eimer Popcorn.

Denn die Tomaten sind schon auch lästig. Konnte man sich früher unter Filmfreaks leidenschaftlich streiten, holt jetzt immer jemand den Score auf Rotten Tomatoes ‘raus. Das führt immer zu einer von zwei Reaktionen: Streit, Hass und Wut oder aber ein leises, stilles Resignieren.

Unrecht hat Ratner natürlich auch. Denn das Problem seiner Superheldenfilme sind nicht die schlechten Bewertungen auf Rotten Tomatoes, sondern die Filme selber. Die sind alle nicht schlecht an sich, ich teile die Meinung des „Audience Scores“, aber sie sind alle schon auch recht problematisch. Nicht stringent erzählt, komisch geschnitten und sichtlich viel zu akribisch auf einen vermuteten Massengeschmack gezielt. Das wirkt alles etwas tot und lieblos.

Ich glaube fest, das eigentliche Problem mit dieser Filmbewertungswebseite ist einfach ein… Missverständnis. Diese aggregierte Zahl ist völlig irreführend, wenn man sich genau anschaut, wie sie so ermittelt wird.

Der tolle Peter Bradshaw vom tollen Filmblog des Guardians hat sich da ein Beispiel ausgedacht, um das zu illustrieren. Nehmen wir an, Rotten Tomatoes wäre keine Website, sondern ein Film. Und wir würden die Seite nicht kennen. Und Kritiker würden darüber schreiben.

Kritiker A findet das Angebot echt toll, weil man sich so schnell orientieren kann. Kritiker B schreibt jetzt aber 800 Worte über das Webdesign. Warum sollten überreife Tomaten denn bitte schön grün sein? Und warum ist Grün dann die Leitfarbe im Layout? Warum wird das nirgends erklärt? Nummer C regt sich dann auf, was für eine barbarische Metapher das Werfen von Tomaten denn ist, politisch völlig unkorrekt und eigentlich zutiefst menschenverachtend und hämisch. Die D wiederum findet es toll, wie informativ, aber trotzdem locker die Videos von Rotten Tomatoes sind. Während der letzte sich darüber ärgert, wie die Tomatencrew auf einer Seite so fucking objektiv tut und dann in ihrem Podcast hemmungslos subjektiv über Filme schwärmt oder herzieht.

Das würde insgesamt Rotten Tomatoes einen Rotten Tomatoes Score von 40% geben. Rotten also. Aber keiner, der die Zahl sieht, oder die Kurzkritiken hätte danach irgendetwas über die Website, ihren Inhalt, ihre Bedeutung und ihren Sinn und Zweck erfahren.

So ist das Internet halt auch. Von wegen Schwarmintelligenz. Ist wie die Amazon-Reviews: „Das Produkt ist spitze und genau wie erwartet. Aber die Lieferung kam zwei Tage zu spät, daher leider nur ein Stern!“

Ach, ich habe dann „Adventures in Babysitting“ doch angeschaut. Hat bei mir persönlich, in meinem eigenen System, einen Score von 0,6. Gemessen in freiwilligen Pinkelpausen ohne drängende Blasenschmerzen. Total objektiv.

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