Expl0637: Selbstmord


Manche Sendungen sind persönlicher als andere. Besonders persönlich wird es immer, wenn ich selber nicht genau weiß, was ich sagen soll zu einem Thema. Wie zum Beispiel bei Selbstmord. Darum diese Sendung: Weil ich es furchtbar finde, dass der Suizid ein Tabuthema ist.


Download der Episode hier.
Opener: „George Carlin – Suicide 2005“ von uskro
Closer: „Robin Williams Talks About Suicide and Depression“ von The EdgeCrusher
Musik: „Revival (2011)“ von KELLEE MAIZE / CC BY-SA 3.0


Heute soll es um Selbstmord gehen, auch wenn meine Sendung für so ein großes Thema viel zu klein ist. Und ich in keiner Weise autorisiert bin, Ratschläge zu vergeben. Ich bin von der Ausbildung her Illustrator, mehr nicht.

Aber unlängst fiel mir auf, dass das ein verdammt großes Tabuthema ist. Wir reden nicht über Selbstmord. Und damit ist nicht der Freitod gemeint oder der Wunsch, die lebenserhaltenden Maschinen abzuschalten.

Damit sind die 9000 Menschen gemeint, die wir Jahr für Jahr verlieren, weil sie – meist nach langer Depression – kein Ausweg mehr sehen als den Selbstmord.

Worüber ich auch nicht reden möchte, ist die moralische Seite. Tatsächlich habe ich schon einige Diskussionen darüber geführt, wie denn das Christentum oder der Buddhismus zum Selbstmord stehen. Oder führen müssen, denn…

…um ganz ehrlich zu sein: Ich habe keinen Schimmer. Weil es, meiner Meinung nach, da auch keinerlei Konsens gibt. Früher waren Selbstmörder halt schlicht Mörder und wurden jenseits der Friedhofsmauer beerdigt. Aber das wurden Kesselflicker, Akrobaten oder einfach Fremde durchaus auch.

Die Kirchen sind mittlerweile wichtige Ansprechpartner bei akuter Selbstmordgefahr und keiner, der bei der Telefonseelsorge ans Telefon geht, würde den Anrufer in irgendeiner Weise verurteilen. Ich habe selber Bekannte, die solche Anrufe annehmen und was da wirklich niemals einen Platz hat, ist die moralische Seite. Oder Schuld.

Tatsache ist, dass wenn ein Mensch so einen tiefen Punkt in seiner Depression erreicht hat, jegliche Diskussion über Moral völlig hinfällig ist. Das ist eine veraltete Diskussion. Wir sind eben nicht die freien, vernünftigen, selbstbestimmten Wesen, die sich die Stoiker so ausgemalt haben.

Wir haben mittlerweile gelernt, dass die menschliche Psyche eine eigenständige Entität ist und dass diese Psyche genau so krank werden kann wie die Schleimhäute in der Nase. Kein Mensch würde einem anderen moralische Vorwürfe machen, weil er niesen muss. (Obwohl wir da im Detail über Techniken reden könnten, aber lassen wir das…)

Selbstmord ist keine bewusste Entscheidung. Oder eben allermeistens nicht. Aber keiner bringt sich um, weil er glücklich ist und im Vollbesitz einer ausgeglichenen Psyche und glaubt: „Na ja, besser wird’s nicht – und tschüss!“ Solche Abschiedsbriefe gibt es, ich weiß – aber, unter uns: Sie sind gelogen.

Weil wir das also gelernt haben – keine falschen moralischen Maßstäbe anzulegen und die Depression und den Suizid als Krankheit und Symptom zu verstehen – deswegen ist auch die Versorgung besser geworden.

Die Zahlen sind von 1980 bis 2011 deswegen auch konstant gesunken. Es hat also einen Effekt gehabt, nicht einfach wegzuhören oder dieses Problem zu verdrängen, wie wir es seit Jahrhunderten so gehalten haben.

Noch einmal: Ich bin nicht berufen, hier etwas mit Autorität zu sagen. Ich kann nur als jemand sprechen, der Freunde hat, deren Alltagsgeschäft auch Selbstmörder sind.

Oder als jemand, der den Selbstmord seiner Freundin Amelie 1985 noch immer in keinster Weise verarbeitet hat. Es ist lange her, aber manchmal denke ich immer noch, ich sehe sie gerade an mir vorbeiradeln – immer noch 22 Jahre alt, natürlich. Das ist eine Narbe, die niemals aufhören wird zu jucken.

Oder als jemand, der selber schon sehr nahe dran war, sich das Leben zu nehmen, so wie jeder vierte von uns auch.

Und mein Verdacht ist, dass wir sehr wohl ahnen, wenn jemand in unserem Umfeld solche Absichten entwickelt. Dass wir die Vorboten schon erkennen können.

„Dann müsst ihr euch keine Gedanken mehr um mich machen.“ oder „Es interessiert doch sowieso niemanden, was aus mir wird“ oder „Du kannst das einfach nicht verstehen!“ oder „Ich hab einfach nichts, wofür es sich zu leben lohnt“ oder „Ich bin allen nur eine Last.“ Schon einmal gehört? Ich glaube, dass ist schon eine Menge Schritte gegangen auf dem dunklen Weg.

Und noch einmal ein Schritt mehr ist: „Es ist aus. Ich kann nicht mehr“ oder „Was soll das alles denn noch bringen?“ oder „Ich will einfach keine Schmerzen mehr haben.“

Das sind Vorboten. Und wir verstehen die schon genau richtig. Wir neigen bloß dazu, dann nicht mehr so genau hinzuhören. Das abzutun. Zu bagatellisieren. Und, falls wir uns dann doch überwinden und hinhören, dann kommen wir natürlich gleich mit guten Tipps und Ratschlägen. Problemlösendes Denken – haben wir doch alle drauf!

„Das ist alles nicht so schlimm. Trink noch ein Glas Wein, leg’ Dich hin. Morgen schaut alles nicht mehr so schlimm aus!“ oder „Warum sagst Du das? Ich brauche Dich doch. Du würdest mir sehr fehlen!“ oder „Ach, komm doch! Das Leben ist doch so schön! Schau, wie die Blumen blühen, wie toll der Urlaub war, wie nett das Baby lächelt und wie Du gestern den Highscore geschafft hast! Es gibt soviel, wozu es sich lohnt, zu leben!“

Das liegt auf der Hand, dass wir alle so handeln. Denn das würde diese unangenehme Situation auch für uns sofort entschärfen, wenn das so einfach wäre. „Ja, Du hast recht. Gerade habe ich mir einen Strick gekauft, doch jetzt, wo ich dieses drollige Baby sehe, dass sein Erdbeereis auskotzt, da will ich auf einmal wieder leben!“

Es mag paradox wirken, aber, so viel weiß ich aus eigener Erfahrung schon: Gute Ratschläge, Überredungsversuche oder Aufmunterungsversuche bewirken manchmal das exakte Gegenteil. Die Logik der Depression ist paradox. Ich z.B. habe gedacht: „Ja, das sind tolle Kinder. Und eine tolle Partnerin und kein schlechtes Leben, das wir da führen. Und ich, mit meiner Depression und meinem Saufen, ich, ich mache alles kaputt. Die könnten ohne mich viel glücklicher sein.“ Tada!

Zum dritten Mal: Ich fühle mich nicht ausgebildet genug, um hier etwas zu sagen. Es belastet mich nur, dass so wenige überhaupt etwas zu so einem dringlichen Problem sagen. Aber ich, der kleine Explikator, glaube schon, dass man mit selbstmordgefährdeten Menschen reden soll. Auch, wenn es schwierig ist.

Die Moral und die Schuld sollten wir weglassen, haben wir ja schon gesagt und dann noch Ratschläge und Aufmunterung. Es bleibt also nur: Zuhören. Nachfragen. Und ehrlich sein. Es ist vielleicht schwierig zu verstehen, aber zwischen: „Tu’s nicht! Ich hab’ Dich doch lieb!“ und „Das macht mir Angst, was Du sagst. Wie fühlst Du Dich?“ ist ein himmelweiter Unterschied. Einmal ist man bei sich und das andere mal beim anderen.

Zuhören ist wichtig. Und dann noch das Ernstnehmen. Nicht kleinreden wie „Das wird schon wieder“ oder verharmlosen „Das hat jeder manchmal“, sondern jedes Wort glauben und verdammt ernst nehmen. Viel ernster kann ein Gespräch nicht werden.

Und ich denke auch, es ist völlig in Ordnung zu fragen, ob man helfen kann, ob man etwas tun kann. Es besteht dabei aber durchaus das Risiko zurückgewiesen zu werden. Oder gar einen Eimer Aggression abzubekommen. Dann sollte man sich bewusst machen, dass das sehr persönlich gemeint ist und sauweh tut, aber eben doch nicht persönlich gemeint, weil das die Depression selber ist, die sich da wehrt und nicht der Mensch in seiner Ganzheit, der an dieser Krankheit leidet.

Oh jeh, jetzt wird es schon unübersehbar wirr. Das liegt am viel zu großen Thema.

Darum, ganz zuletzt, noch einmal ein anmaßender Rat: Lieber einmal zuviel die Telefonseelsorge angerufen oder den psychiatrischen Notdienst als einmal zuwenig. Das gilt auch, wenn man als Zuhörender nicht mehr mit dem Selbstmörder zurechtkommt. Wenn man bedroht wird oder erpresst. Aber auch, wenn man als Zuhörender Rat braucht.

Und es bleibt immer noch die Möglichkeit – in ganz Europa – die 112 zu rufen oder den Notarzt oder die Polizei. Die fragen alle nicht lange, die kommen sofort.

Das war wirklich eine Nummer zu groß. Da muss ich mir für morgen etwas ganz Anderes überlegen. Ich verspreche hiermit schon: Ihr werdet überrascht sein!