Expl0638: Die ermordete Herzogin


Als braver Bayer habe ich natürlich von Agnes Bernauer gehört. Ist immerhin eine leckere Torte danach benannt. Aber die genaue Geschichte kannte ich gar nicht. BTW: Eine Folge mit Überraschung!


Download der Episode hier.
Backgroundmusik: NOMEN EST OMEN – Medieval and Renaissance Music Band / CC BY-NC-ND 3.0
Opener: „Wastl unterwegs: Agnes Bernauer Festspiele“ von Mein Bayerischer Wald
Closer: „The Treaty of Westphalia“ von Plymhistnet
Musik: „Blues Express for Agnes (2011)“ von ALFREDO58 / CC BY-NC-SA 3.0


Der heilige Stand der Ehe. Für alle, für immer, wie jeder möchte?
Schon Papst Leo der Achte sprach einst, dass das Zerreißen der Ehe nicht möglich sei, da in diesem Fall dem Göttlichen Gesetz widersprochen wird. Die Kanzlerin hat heutzutage ein schlechtes Bauchgefühl, wenn es um die Legalisierung der homosexuellen Ehe geht und Bundesfinanzminister Schäuble spricht von der Ehe als Gemeinschaft von Mann und Frau seit biblischen Zeiten, die nicht auf andere Formen der Partnerschaft angewendet werden sollen.
Also immer noch nix mit der Ehe für alle.
Vor allem geht es hierbei ganz offensichtlich nicht um den Stand. Es geht und ging immer um den Status, das soziale Ansehen und immer um das „Das gehört sich so und so eben nicht.“
So wie bei Agnes Bernauerin aus Augsburg.
Agnes Bernauer wurde 1410 als Tochter eines Baders in Augsburg geboren. Der Bader galt im Mittelalter als der Arzt der kleinen Leute, zog Zähne, behandelte offene Wunden, ließ – wenn nötig – zur Ader. Wie Henker und Abdecker galt der Beruf des Baders noch als „unehrlich“. Zum anderen war das mittelalterliche Badehaus Schauplatz vielfältigster erotischer Abenteuer. Was natürlich den Ruf der „Baderstöchter“ ebenfalls ruinierte und ins gesellschaftliche Abseits verbannte.
Als nun der Herzogssohn des Wittelsbacher Regentenhauses Albrecht von Bayern-München kein Bayern-München-Witz? 1428 in Augsburg an einem ritterlichen Turnier teilnahm, begegnen sich die Agnes und Albrecht zum ersten Mal. Wahrscheinlich in Vater Bernauers Badestube, woraufhin der Herzog kurze Zeit später die Baderstochter als Geliebte nach München holte. Es dauerte nicht lange als sie durch ihre schiere Anwesenheit – und vielleicht auch durch ihr selbstbewusstes Auftreten – die Damen des Hofes zutiefst erzürnte. Dazu die weit gerühmte Schönheit der Bernauerin, die das weibliche Urteil bestärken. Also, weil die Bernauerin auch noch verdammt hübsch war, fiel das Urteil wahrscheinlich noch härter aus. Der regierende Herzog Ernst, Albrechts Vater, bekundete Agnes Bernauer zunächst seine Wertschätzung, …denn sie war ja nur eine weitere Gespielin seines Sohns. Das war ja so üblich im Adel.
Bereits 1432 bewohnt Agnes die Blutenburg, ein Jagdschloss vor den Toren Münchens, welches aus dem privaten Besitz Albrechts in urkundlicher Form an sie übertragen wird. Möglicherweise wollte er Agnes damit absichern, oder die Immobilie sollte als Hochzeitsgeschenk dienen. In diesem Zeitraum wird die heimliche Heirat mit dem Herzogssohn datiert. Albrechts häufige Aufenthalte auf Schloss Blutenburg seit Anfang 1433 lassen vermuten, dass das Paar zusammen dort lebte und liebte.
Durch die Regierungsverpflichtungen hielt sich Romeo nun immer häufiger in Straubing auf. So zog die Bernauerin also offiziell ins Straubinger Schloss als bayerische Herzogin. Sie selbst nannte sich Gemahlin des bayerischen Fürsten und Herzogin von Bayern. Dem widersprach zunächst niemand, zumindest nicht offiziell.
Aber so langsam geriet Herzog Albrecht durch die nicht standesgemäße Verbindung mit Agnes Bernauer immer mehr in einen Konflikt mit seinem Vater Herzog Ernst. Die Erbfolge der Wittelsbacher war wackelig und schien zweifellos in großer Gefahr.
Der sogenannte Straubinger Erbfolgekrieg, eingeleitet durch die Ermordung Herzog Johanns des Dritten, sollte dies alles noch auf die Spitze treiben. Der letzte Wittelsbacher Herzog von Straubing-Holland starb nämlich ohne jeden männlichen Erben.

Straubing fiel an Bayern-München. „So wie heutzutage auch 1860 an Bayern-München gefallen ist.“ Als Verwalter und auch Mitregent seines Vaters führt Albrecht nun zunehmend ein unabhängiges Herzogtum. So hielt er sowohl Bayern-München als auch das Straubinger Land unter seiner Befehlsgewalt. Romeo macht Karriere.

Hinter dem Verhalten Albrechts, der bislang überhaupt kein Interesse am Mitregieren in München gezeigt hatte, vermutet Herzog Ernst die Bernauerin. Sie, so wahr er sicher, wollte in Straubing als Herzogin agieren. Wenga der Badersdern dad mei Bua auf einmol ehrgeizig wern. Und tatsächlich, Albrecht wollte Agnes Bernauer, die Baderstochter als ohnehin schon rechtmäßige Ehefrau, öffentlich mit feierlichen Hochzeitszeremonien erneut den Eid der Treue vor aller Welt schwören. Was er dann laut auch tat. Und so residierte sie als Fürstin in einem Hofstaat.

Als Herzog Albrecht an einem Turnier in Regensburg teilnehmen wollte, wurde er vor aller Augen zurückgewiesen, denn sein Vater war ungehalten über seine für das Haus Wittelsbach schädliche Verbindung mit Agnes Bernauer. Auch unter den Rittern galt sein Gebaren als unerhört und so wurde er schlichtweg gemobbt und innerhalb der Geme inschaft missachtet.

Eine Mätresse hätte man toleriert. Diese hätten keinen unwiderruflichen Schaden in der Erbfolge anrichten können. Auch aus unterem sozialem Sujet, hätte Romeo sich eine Julia aussuchen dürfen, allerdings nur als illegitime Bettgefährtin.

So jedoch verstieß nicht Albrecht nicht nur gegen dynastische Gründe, sondern auch gegen den Ehrenkodex der Ritterschaft.
Doch unerwartet starb Herzog Ernsts Bruder und Mitregent Wilhelm der dritte. Er hinterließ nur einen kränklichen Jungen, der das Erwachsenenalter nicht erreichte. Nun galt Albrecht als der einzige Erbe des Herzogtums Bayern-München und des Straubinger Land. Daher musste aus Herzog Ernsts Sicht sein Sohn gemäß seinem Stand heiraten und vor allem: Legitime Nachkommen zeugen! Aber pronto! Ansonsten drohte der unweigerliche Zerfall des Herzogtums, da jetzt nur noch der gemobbte, falsch verheiratete Albrecht den Fortbestand sichern konnte.
Im Oktober 1435 lud Herzog Heinrich in Landshut seinen Cousin Albrecht zu einer mehrtägigen Jagdveranstaltung ein. Agnes Bernauer hielt sich zu diesem Zeitpunkt am Straubinger Hof auf. Nun war Agnes voraussichtlich mehrere Tage ohne Schutz dem Hofe ausgeliefert.
Diese Situation nutzte der alte Herzog aus, und lies Agnes Bernauer grundlos verhaften. Ein Prozess scheint ebenfalls nicht stattgefunden zu haben, nicht einmal ein Scheinprozess in dem man ihr hexerische Buhlschaft mit dem Teufel vorwarf. Herzog Ernst betrachtete Agnes Bernauer vermutlich auch als politische Rebellin, die in der Beziehung mit Albrecht zielstrebig das Ziel verfolgte, Straubing unabhängig von München und damit von ihm zu machen.
Das Straubinger Stadtgericht kam für die Ehefrau eines Herzogs nicht infrage. Stattdessen hätte man sie vor dem herzoglichen Hofgericht in Straubing anklagen müssen, und zwar unter Vorsitz des Herzogs, was nach der geschichtlichen Überlieferung niemals stattfand. Zumindest gibt es keinerlei Akten. Herzog Ernst befahl wahrscheinlich, sie unverzüglich zu töten.
Agnes Bernauer wurde gefesselt von einer der damals bestehenden zwei Donaubrücken ins Wasser geworfen. Wahrscheinlich ertrank sie vor den Augen vieler Schaulustiger. Nur die Tatsache des qualvollen Ertränkens der Bernauerin in der Donau bei Straubing ist zweifelsfrei überliefert.
Dass Herzog Ernst sie töten ließ, statt sie wegzusperren, möglicherweise in ein Kloster, deutet ziemlich deutlich darauf hin, dass sie rechtmäßig mit seinem Sohn verheiratet war. Verheiratet durch den heiligen, unantastbaren Stand der Ehe, vor Gott und der Welt.
Aber dem Stand, der Erbfolge, der Macht, der Karriere und speziell dem Geschlecht der Wittelsbacher war die schöne Agnes einfach nur im Weg.
Dem einfachen Volk entging das nicht. Die „Bernauerin“ wurde eine Heldin und ihre Geschichte eine beliebte Moritat. Carl Orff widmete ihr eine Komposition, Friedrich Hebbel ein Theaterstück und eine Kapelle wurde für Agnes erbaut. In Straubing finden jetzt noch alle vier Jahre Festspiele ihr zu Ehren statt. Der letzte Wittelsbacher in Bayern starb 1918
In biblischen Zeiten, Herr Schäuble, kommen noch keine Baderstöchter vor. Aber wie die Ehe mit mehreren Frauen geregelt wird oder das Leben mit einer Frau und Sklavinnen oder wie man Sklaven behandelt, das wird da schon erwähnt.
Der Beweis, dass es aber beim „heiligen Stand der Ehe“ nicht um „heilig“ geht, sondern um „Stand“, das ist für uns in Bayern die schöne Bernauerin.