Expl0640: Selbsthilfemagie


Die Bestsellerlisten des Buchmarkts brummen begeistert, wenn man in die Gattung „Selbsthilfe“ kuckt. Eine ganze Legion von quasi Erleuchteten sondert regelmäßig Werke ab, die es uns erlauben sollen, alleine durch die Lektüre und die Binsenwahrheiten darin, bessere Menschen zu werden. Da platzt mir doch die Hutschnur!


Download der Episode hier.
Opener: „Can I help you? Yes, please. – English song for Kids“ von English Singsing
Closer: „Louis C.K. on Selfishness“ von 88Tonio88
Musik: „Help Me (2014)“ von RISKY RED / CC BY-NC-SA 3.0


Das Buch ist tot. Der Buchmarkt ist in einer schweren Krise. Die Deutschen lesen nicht mehr genug! Der Guttenberg ist so ‘was von Rotieren in seinem Grab, dass es schon Überlegungen gibt, ihn als alternative Energiequelle zu benutzen!

Denn die Deutschen haben doch 2016 wirklich nur 4,1 Milliarden Euro für Bücher ausgegeben! Statt 4,2 Milliarden wie letztes Jahr! Oder 3.5 Milliarden wie 2006 – Moment, mal, das widerspricht meiner These – vergesst den letzten Satz!

Äh, wo war ich? Ach ja, jeder Deutsche hat 2016 umgerechnet einen Euro 25 weniger für Bücher ausgegeben! Jeder, Baby, Teenie, Demenzkranker, jeder nur 51 Euro 25! Wenn man diesen Trend fortsetzt, dann, ja dann, Moment – Taschenrechner – dann dauert es nur bis ins Jahr 2058 bis kein Cent mehr für den Buchmarkt bleibt! Das bedeutet jedes Jahr 487 mehr Arbeitslose!

Das macht es deutlich. Teutsche Kultur ist zwangsläufig dem Untergang geweiht. Und schuld haben entweder die Asylanten, Frau Merkel oder die Ego-Shooter. Zutreffendes bitte ankreuzen.

Stimmt natürlich nicht. War ein Scherz. Der Buchmarkt ist in Wirklichkeit bumperlg’sund. Der jammert bloß sooo gerne. Seit der Einführung des bösen Internets ist er um 25% gewachsen. Und das auch und nicht zuletzt wegen einer ganz speziellen Gattung von Büchern, den sogenannten Selbsthilfebüchern.

Viele Autoren sind der Meinung, dass diese Gattung von Samuel Smiles – welch’ wunderschön passender Name – im Jahre 1859 erfunden wurde, als er das Buch „Self Help“ verfasste. Liegt auch auf der Hand, der Titel suggeriert das natürlich. Aber ist’n bisschen einfach, merkste selbst, oder?

Andere sind da großzügiger und nennen da eine Sprichwortsammlung aus der Bibel, die „Sprüche Salomos“, die irgendwann vor dem 4ten Jahrhundert vor Christus entstanden sind.

Ich halte für wahrscheinlicher, dass diese Lebensratgeber Nachfolger der Benimmbücher sind. Die entstanden im Spätmittelalter und reichten – über den Klassiker Knigge – auf jeden Fall bis in die Fünfziger. Da ging es noch darum, wie man erfolgreich ein funktionierender Teil der Gesellschaft wird. Mit welchen Regeln und mit welchem Verhalten.

Aber wir, wir leben in modernen Zeiten, jeder kämpft für sich selber, jeder steht alleine.

Wir sind – eigentlich – eher eine Ansammlung von Individualisten und nicht wirklich eine Gesellschaft. Uns fehlt eine gemeinsame Kultur, uns fehlen gemeinsam Ideale und gemeinsame Rituale.

Dazu kommt dann noch die Vorstellung, dass jeder alles erreichen kann. Das im Prinzip nichts unmöglich ist, alles nur von uns selber abhängt. Wir können alles schaffen, genau wie die tollen dressierten Affen, wir müssen nur wollen!

„Wenn alles für jeden offen steht, können ambitionierte Menschen denken, dass es leicht wäre, auch besonders hoch gesteckte Ziele zu erreichen… Ein Irrtum, den die Realität schnell korrigiert. Solange es „normal“ ist, dass nur wenige erfolgreich sind, macht das nichts. Sobald aber jeder es schaffen könnte, fällt jedes Scheitern besonders stark auf. Das ist der Grund für die seltsame Schwermut und pessimistische Grundhaltung bei Menschen, denen es finanziell sehr gut geht.“

Sagte auf jeden Fall Alexis de Tocqueville in einem Artikel über die immanente Traurigkeit der Menschen in den USA. In einem Artikel. Im Jahre 1835 – sooo alt ist das Problem.

Aber: Wenn ich schon für mich selber verantwortlich bin und glücklich sein möchte. Nein, glücklich sein könnte. Nein, noch genauer, glücklich sein muss – dann muss ich mich halt gefälligst auch alleine um mein Glück kümmern. Oder, um das umzurechnen in Kapitalismus: Um meinen Wohlstand, meinen Erfolg.

Denn die Selbsthilfebücher meinen immer Reichtum und Glück mit Erfolg. Da ist das Ergebnis nie, dass man als Landstreicher auch, sagen wir mal, relativ zufrieden leben könnte.

So sitzt der feiste Angestellte abends bei seinem Leberwurstbrot und schmökert in „Das Kind in dir muss Heimat finden: Der Schlüssel zur Lösung aller Probleme“ von Stefanie Stahl. Und seine Bossin hört derweil in Grünwald auf ihrem Crosstrainer das Hörbuch „Die Gesetze der Gewinner: Erfolg und ein erfülltes Leben“ von Bodo Schäfer.

Und die einsame Hausfrau oder der einsame Hausmann trinken diesen Vormittag, nachdem die Kinder im Kindergarten sind, ausnahmsweise nicht einen Piccolo, sondern die hauen sich selber, frei nach dem Bestseller „Klopfen Sie sich frei!: Einfaches Beklopfen zur Selbsthilfe“ von Rainer Franke und Ingrid Schlieske.

Kein Scherz. Beklopfen zur Selbsthilfe ist ein Bestseller. „Wie bekloppt kann man sein?“, möchte man sagen, aber das ist alles eben nicht wirklich ein satirisches Zerrbild der Realität, das ist Realität. Das ist auch nicht bitter oder bösartig, sondern beschreibt die Buchregale, die ich so sehe.

Wenn ich nicht gerade selber in meiner Ausgabe der Bibel für Bigotterie und Zweckoptimismus blättere. Nämlich in „Sorge Dich nicht, lebe!“ von Dale Carnegie. Von 1948. 60 Millionen ‘mal verkauft. Und wahrscheinlich der eigentliche Vater der Selbsthilfe-Berater der Postmoderne.

Ich habe immer wieder solche Bücher gelesen. Oft freiwillig, ich gestehe hiermit offen und ehrlich. Oft aber auch aufgedrängt und mehr oder wenig dazu gezwungen. Und schon die Prämisse macht mich immer noch regelmäßig wütend – so alt und gelassen bin ich auch wieder nicht.

Dieses „Alles ist möglich“ und „Du musst nur wollen“ und die beschissenen „Wünsche an das Universum“ und das ganze Konzept darum herum, das macht mich wütend.

Ich kenne das schon aus meiner Kindheit von sehr, sehr frommen Menschen, die der Meinung waren, wenn man richtig betet, dann macht der liebe Gott den Rest. Und – im Umkehrschluss – Scheitern, Krankheit und Armut ein Zeichen dafür sind, dass die halt nicht fest genug glauben.

Selbsthilfe-Bücher sind genau so. Die atheistische Version frömmlerischer Selbstgerechtigkeit. Das ist so unmenschlich und so egozentrisch, dass ich die Apologeten immer hauen möchte. „So, was hilft Dir Dein positives Denken jetzt, Du Penner!“ oder „Jetzt bete doch, dass es nicht weh tut!“

„Nichts ist unmöglich“ ist eine himmelschreiend realitätsferne Einstellung, die gleichzeitig alle Menschen verspottet, die eben nicht gesund und wohlhabend sind und eben nicht in einer friedlichen Zivilgesellschaft leben, die sich um ihr Wohlergehen sorgt. Das Baby, das an Krebs stirbt; der kleine Junge, der in Quecksilberpfützen schwitzt aber auch jeder Depressive oder verzweifelte Mensch aller Zeiten und aller Länder – die alle scheißen so dermaßen auf „Sorge Dich nicht, lebe!“, dass der Riesenhaufen zum Himmel stinkt!

Aber da ist noch mehr: Selbsthilfebücher sind nicht nur die Erben einer verloren gegangenen und falsch verstandenden Frömmigkeit, sondern damit auch die Erben der Magie. Des magischen Denkens alter Zeiten. Die Verfahren sind die gleichen. Autosuggestion ist so alt wie die Menschheit. Und die Suggestionen des Schamanen oder Priesters sind das „Du schafftst das, Chaka!“ der Moderne.

Visualisierung, die Idee, das man sich seinen Erfolg nur vorstellen muss, ist die Wurzel aller Zaubersprüche. Selbst, wenn ich meinem bösen Nachbarn damals die Pest und die Cholera und noch einen fiesen Pickel auf die Penisspitze wünschte, dann habe ich ihn mir vorgestellt – Visualisierung.

Oft genug verbergen sich ganze esoterische Philosophien hinter den Bestsellern wie z.B. die alte, angestaubte Theosophie, das Human Potential Movement, die Dianetik der Scientologen, oder, in mehr oder weniger versteckter Form das Neurolinguistische Programmieren. Alles im Kern magische, mittelalterliche Methoden der Relitätsklitterung.

Da mampft er also sein Leberwurstbrot, da steppt sie also zu ihrem Hörbuch und der Hausmann und die Hausfrau klopft sich zum Glück. Jeder für sich. Ganz alleine. Jeder auf der Jagd zum selbstgebastelten Glück. Es ist wirklich zum Heulen. In 200 Jahren werden sie sehr lustige Filme über uns drehen. Hoffe ich…

Die Wahrheit ist natürlich ganz banal. Glück als Dauerzustand gibt’s nicht. Es gibt Sonnenschein und Gänseblümchen, Thunfischpizza und tollen Sex. Aber: Zum Leben gehört eben auch Durchfall, Modern Talking, Krebs, Herzinfarkt und der Tod, der verdammte, unausweichliche Tod. Das Leben ist eine Münze und die eine Seite ist eben einfach Scheisse. Echter Mist. Kacke, doof, deprimierend und hoffnungslos. Ist einfach so.

Da kann man sich laaange davor flüchten, da muss man nicht dauernd hinkucken. Aber dem müssen wir uns trotzdem alle früher oder später stellen. Und für jedes Jahr, in dem wir Selbsthilfebücher zur Flucht verwenden, wird es umso schlimmer, wenn unsere Münze mal mit der Kackeseite nach oben landet.

Wir Menschen können uns nämlich gar nicht selber aus dem Sumpf ziehen wie Münchhausen. Wir brauchen andere Menschen, um die Kackeseite der Münze ertragen zu können. Das ist unser Bauplan.

Wir schaffen das Leben nicht alleine. Die Idee, das hinzukriegen oder die Vorstellung, dass man das unbedingt schaffen muss: Das ist zutiefst unmenschlich! Das trennt uns von den anderen und von unserer Natur.

Hilfe zu suchen, sich helfen zulassen oder selber zu helfen: Das ist zutiefst menschlich. Und das gehört zum Leben. Da ist man dann vielleicht nicht dauerhappy und nicht im kapitalistischen Sinne erfolgreich, aber da gibt es zumindest ein paar Grad Wärme und ein paar Tropfen Erfüllung.

In diesem Sinne also wieder einmal: Scheiße! Ach, und Amen!