Expl0643: Krebs ist Zufall?


Es gibt keine geringe Wahrscheinlichkeit, dass man an Krebs stirbt. Darum sind alle Medien voller guter Ratschläge und neuen Horrormeldungen, was jetzt wieder karzinogen ist. Kommen zwei Forscher und behaupten: „Pustekuchen. Ist alles Zufall.“ So kann man das lesen. Aber sooo haben die das gar nicht gesagt.


Download der Episode hier.
Opener: „He’s Dead Jim!“ von Nostalgic1972
Musik:
Cancer (2015)“ von LAURENT F / CC BY 3.0
CANCER (2007)“ von COELHO DE MORAES / CC BY 3.0
Cancer (2011)“ von SUNSET OVER THE SHORE / CC BY-NC-SA 3.0


Also, mein frei erfundener Onkel Rüdiger, der hat ja geraucht wie ein Fabrik-Schlot! Jeden Tag zwei Schachteln Rothändle! Und jede Zigarette mit einem Klaren runtergespült. Und jeden Klaren mit einem Joint versiegelt. Und für jeden Joint eine Line gezogen. Und der ist schließlich 99 Jahre alt geworden.

So ein Argument fällt früher oder später in jedem Gespräch über das Rauchen. Und mit Helmut Schmid ist sie dann auch so richtig populär geworden. Die anekdotische Evidenz. Das persönliche Gegenbeispiel zur empirischen Evidenz. Letzteres ist ein Teil der wissenschaftlichen Methodik und ersteres halt persönliches Erleben.

„Anekdotisch Evident“ ist, nebenbei erwähnt, auch ein neuer Podcast von Katrin Rönicke und Alexandra Tobor, den ich nur wärmstens empfehlen kann. Zu finden unter www.anekdotisch-evident.de Denn persönliche Erfahrungen sind genau das, was wir gerne hören. Und unwissenschaftlich sind die beiden dabei trotzdem nicht.

Aber zurück zum Rauchen. Wahrscheinlich die seltsamste Sache, die Menschen sich ausgedacht haben. Man nehme vertrocknetes Laub, zerbrösele dieses, wickele es in ein Stück Papier ein, entzünde das und dann atme man den Rauch tief ein. Rauch einatmen! Ich musste ganz schön üben, bis die natürlichen Abwehrmechanismen des Körpers überwunden waren und ich endlich, endlich Nikotin-süchtig war!

Das Raucheinatmen eine schlechte Idee ist, lässt sich denken. Dass diese Angewohnheit auch noch in hohem Maße ungesund ist, hat die empirische Evidenz trotz massiver Einflussnahme der Tabakkonzerne sehr klar erwiesen. Es gibt nicht viele Sachen, die man machen kann, die sicherer Krebs auslösen als Rauchen. Sagt hiermit ein Raucher. Man kann ja süchtig sein und trotzdem sein Hirn benutzen – das ist ja das Dilemma.

Es ist eine Binsenwahrheit: Wenn man die falschen Dinge isst, trinkt oder einatmet, kann man Krebs bekommen. Regelmäßig tauche neue Gifte auf. Kartoffelchips? Glycidamid, geht nicht. Wurst? Nitrosamine. Geht nicht. Tee? Anthrachinon. Ein No Go. Limo? Benzol. Reis? Arsen. Bitterschokolade? Kadmium.

Es gibt eine ganze Branche, die davon lebt, dauernd neue Krebswarnungen abzusondern. Und uns alle ständig zu verunsichern, bis in unserem Unbewussten Essen per se schon ungesund wird. Es ist nämlich immer etwas dabei, was man nicht zu sich nehmen sollte.

Dabei wissen wir ja aus Studien, dass Krebsanfälligeit genetisch vermittelt wird, oder? Hatte der Papa ein Darmkarzinom ohne Polyposis, liegt die Wahrscheinlichkeit bei 80%, dass der Sohn das auch bekommt. Hatte die Mama Brustkrebs, dann erwischt es die Tochter mit einer Wahrscheinlichkeit von 60% oder mehr – je nach Studie und Krebstyp – auch.

Wir sind selber dafür verantwortlich, wie wir leben. Tschuldigung, ich wollte sagen, wir sind selber verantwortlich dafür, wie wir sterben. Der Krebs ist erforscht. Esst dieses nicht und davon nur wenig. Hat die Mama Brustkrebs, brav zur Mammographie, hat der Papa Darmkrebs eben zur Koloskopie. Sonst bist Du selber schuld! Haste jetzt davon.

Und weil wir das alle brav verinnerlicht haben, sind Bert Vogelstein und sein Kollege Cristian Tomasetti auch Ketzer. Behaupten die in ihrer Forschungsarbeit durch die Blume, dass Krebs halt einfach Pech ist. Na gut, ist er sowieso. Genauer: Krebs ist Zufall. Der schlägt hier zu und dort und unsere Erklärungen nutzen nur respektiv.

Das geht so: Zuerst erstelle man eine Statistik der Teilungsraten von Stammzellen in unserem Körper. Eine Dickdarm-Stammzelle teilt sich sechstausend Mal während unseres Lebens, die in der Brust immerhin noch dreihundertmal und die in der Lunge nur sechsmal.

Dann nehme man eine Statistik, die verschiedene Krebssorten nach der Häufigkeit auflistet. Und die hält man jetzt nebeneinander und vergleicht diese. Und schaut auf das Ergebnis: Je häufiger eine Stammzelle sich teilt, desto wahrscheinlicher macht sie beim Kopieren auch einmal Feheler. Und wenn der Kopierfehler dann den Befehl gibt: Divide et impera – dann nennen wir das Krebs.

Mit anderen Worten: Entscheidender als Erbgut und Krebserregendes um uns herum ist einfach der Zufall. Früher oder später baut so eine Stammzelle beim Teilen Mist und es erwischt uns. In einer Welt ohne Rauchen, Tee, Schokolade, Kartoffelchips, Reis und Limo, in der jeder brav Sport treibt, regelmäßig schläft und fünfmal am Tag nur Obst und Gemüse isst, würden uns Tumore früher oder später trotzdem dahinraffen.

Die steigenden Zahlen der Krebserkrankungen belegen damit nur eines: Dass wir immer älter werden und die Stammzellen sich öfter kopieren müssen und sich damit auch mehr Fehler einschleichen können.

So. Steile These. Krebs ist Zufall, dichtet die Presse dann gleich. Es ist ja schon interessant, dass Raucher sich jahrzehntelang extrem krebserregende Stoffe in die Lunge blasen und trotzdem trifft es nur 10%, die dann Lungenkrebs entwickeln. Weil halt die Stammzellen in der Lunge so teilungsunfreudig sind.

„Ob jemand Krebs bekommt, hängt vor allem vom Zufall ab“ meint der Focus, „Die Ursache von Krebs ist vor allem: Pech“ die Süddeutsche und „Krebs als Zufall: Gott würfelt eben doch“ der Tagesspiegel mit einer falschen Referenz auf Albert Einstein.

Diese These hat – um es sehr, sehr euphemistisch auszudrücken – nicht viele Forscher auf Anhieb überzeugt. Die beiden wurden offen angefeindet, ihre Methode als nicht-wissenschaftlich diffamiert und überhaupt: Habt ihr über die Konsequenzen nachgedacht? Was, wenn das die Leute lesen? Fangen dann nicht alle an ungesund zu leben? Und dann habt ihr euch getäuscht und die westliche Zivilisation in den Exitus getrieben? Habt ihr kein Gewissen?

Und so ist Herr Vogelstein, der einst als Nobelpreis-Kandidat gehandelt wurde, wegen der Implikationen seiner Arbeit ein bisschen zum Outcast geworden. Ich würde ihm auf jeden Fall raten, größere Ansammlungen von Onkologen erst einmal zu meiden.

Die Theorie ist faszinierend und keineswegs brandneu, aber mit ihrer Arbeit haben Tomasetti und Vogelstein auf jeden Fall eine sehr interessante Grundlage für die zukünftige Forschung gelegt. Natürlich handelt es sich dabei um eine statistische Korrelation, also die These, zwei Datenbestände hätten miteinander zu tun, weil ihre Tortendiagramme ein ähnliches Bild ergeben.

Das ist immer verlockend, denn bei echten Zusammenhängen ist das ja dann auch so. Aber manchmal hängen Sachverhalte auch nicht zusammen, obwohl sie in Excel verdammt ähnlich aussehen.

Immerhin führt die Diskussion dazu, dass bestimmte Dinge, die Profi-Krebsjournalisten, Ernährungsberater oder auch Krebsforscher sonst nur leise vor sich hinmurmeln auf den Tisch kommen.

Nur vier von zehn Krebsfällen hätten sich eventuell durch anderes Verhalten oder bessere Gene verhindern lassen. Für 60% also haben wir schlicht keine Erklärung. Das war vor Vogelstein so und nicht viel anderes behaupten sie nun schon in zwei Papers.

Von Krebsart zu Krebsart ist das aber unterschiedlich: Prostata, Gehirn und Knochen kümmern sich zu 95% nicht um umsern Lebesstil, der Bauchspeicheldrüse ist gesunde Lebensführung zu 77% wurst, aber bei der Lunge machen zufällige Kopierfehler nur 35% der Tumoren aus, der Rest kommt allermeistens vom Rauchen.

Von außen betrachtet ist also die ganze Aufregung, die über die beiden Forscher schwappt, nicht ganz zu verstehen. Es ist wahrscheinlich die Verwendung des Wortes „Zufall“. Das hört man in wissenschaftlichen Kreisen nicht so gerne.

Also: Entspannt euch alle! Eine gesunde Lebensführung kann das Risiko ein vermindern, halt nicht so dolle, wie man glaubt. Tee, Chips, Reis und Limo sind völlig o.k., da macht’s die Menge – Rauch ist immer noch keine gute Idee. Aber: Früher oder später, wenn wir nicht in der Badewanne ausrutschen oder einen Infarkt haben, erwischt uns ein Kopierfehler.

Und überhaupt, was soll die Aufregung? Was ist denn Zufall? Zufall nennt man das, was wir bis jetzt noch nicht wissenschaftlich erklären können. Das können wir ja ändern, wenn wir wollen.