Expl0649: Palmyra


Auf Palmyra wurde ich erst aufmerksam, als der IS dieses Weltkulturerbe zu zerstören begann. Doch, da war doch etwas… Mit einer Königin die Zenobia hieß, oder? Das müssen wir uns ‘mal genauer anhören, oder?


Download der Episode hier.
Beitragsbild: Von Claus Michelfelder in der Wikipedia auf Deutsch, CC BY-SA 3.0, Link
Musik: „Do It Here, Do It Now (2013)“ von ROLLER GENOA / CC BY-SA 3.0


Es war in der Steinzeit. Das ist diese Zeit, in der die Hardware noch aus Stein war und Software noch das Synonym für „Kann man vielleicht essen“. Onk, Gronk und Stonk hatten sich bei der Jagd wieder einmal verlaufen und irrten schon tagelang durch die Wüste. „Wasser, Wasser, Wasser…“ – ihr kennt das Spiel aus vielen schlechten Cartoons.

Plötzlich stoßen sie, exkt in der Mitte Syriens, auf eine Oase! Sie sind gerettet! Das Baustellenschild, auf dem in Chinesisch steht „Hier entsteht die Seidenstraße, Version 0.7“ ignorieren sie. Nachdem sie sich ausreichend erfrischt haben, stellt sich die Frage, wie sie diese Entdeckung nun taufen – das war in der Steinzeit eine wichtige Beschäftigung.

Onk stimmt für „Oasis“, aber wird überstimmt. „Da könnten wir unser Dorf ja auch gleich „Dorf“ nennen, meinen die beiden anderen. „Aber das tun wir doch auch!“ meint Onk, aber Stonk und Gronk träumen bereits vom Palmyra der Zukunft.

So geht diese sagenhafte, altbekannte Geschichte, die ich mir gerade ausgedacht habe. Palmyra liegt wirklich inmitten von Syrien und wird nach den Dreien zu einem wichtigen Handelsknoten zwischen dem Osten und dem Westen. In der einen Richtung floß aus dem Osten Seide, aber auch Jade, die Farbe Blau, Porzellan und Papier, aus dem Westen Gold, Edelsteine und Glas. Chinesen nennen dieses Netz aus Handelsrouten deshalb auch die Glasstraße. Nein, tun sie nicht. Könnten sie aber.

Palmyra wurde reich und mächtig, denn hier überschnitten sich gleich mehrere dieser Routen. Geld und Gold reichten in der Regel für die Herrscher dieses kleinen Stadtstaates, um anstehende Probleme effizient zu lösen. Darum wurde man auch von den jungen Römern im ersten Jahrhundert v.u.Z. überrumpelt und war dann, zweihundet Jahre späer eine eigenständige colonia.

Das brachte Steuervorteile und der Handelsboom setzte sich fort. Man blieb auch gegenüber den Neulingen offen und vermischte einfach weiter alles, was die Kulturen der Welt nur so an Wertvollem hatten. Der berühmte Palmyra-Coktail. Da gab es römische Architektur, griechische Philosophie und orientalischen Lebensstil in einem bunten Mischmasch. Und auch die Religionen wurden kreativ durcheinander gewirbelt.

Doch das Römische Reich begann bald zu schwächeln und man musste sich in Palmyra auf das eigene Militär verlassen. Die berühmte schwere Reiterei war erfahren im Umgang mit Seidenstraßenräuberbanden und die Effizienz der eigenen Bogenschützen war gefürchtet.

Mitte des dritten Jahrhunderts hätten die Perser dann gerne die Steuereinnahmen Palmyras in der Staatskasse gehabt und klopften unfreundlich an die Haustür. Rom eilte zur Rettung, aber in der Schlacht von Edessa wechselt der Kaiser Valerian höchstpersönlich die Seiten. Weil nämlich seine Truppen vernichtet werden und er in persische Gefangenschaft gerät. Ein Riesen-Schlamassel.

Rom sollte sich von diesem Schlag nicht so schnell erholen und in schneller Reihenfolge eine Reihe von nicht so richtig wichtigen Kaisern produzieren. In der Regel lebten die ein paar Monate, bevor sie wieder terminal entsorgt wurden. Also musste man in Syrien die Dinge in die eigene Hand nehmen. Septimius Odaenathus sondiert erst einmal bei den Persern, die wären halt schon in der Nachbarschaft. Aber die wollen nicht, wie er es will, also muss er eben selber ran.

Er drängt die Perser Stück für Stück zurück, worüber sich Rom recht freut und Ehren, Titel und Geld schickt. Sorry, wir sind gerade ein bisschen mit Meuchelmorden beschäftigt, wir rufen später zurück, ok?. Das mit diesen Meuchelmorden war aber auch in Arabien schon der letzte Schrei geworden und so wird unser Odenaethus auch bald Opfer dieses Modetrends. Jemand anderes muss also die Zügel in die Hand nehmen, aber Vaballathus, sein Sohn ist noch ein bisschen arg jung. Also regelt seine Frau das. Zenobia wird zur inoffiziellen Herrscherin von Palmyra.

Und zu einer der berühmtesten Frauengestalten der Spätantike; bekannt und berüchtigt wie ein bunter Hund. Denn ihre Methode, die Seidenstraße zu sichern ist, die Perser in den Iran zurück zu scheuchen, ganz Arabien zu erobern und – weil’s gerade so gut läuft – auch gleich Ägypten mit.

Da kuckte der gerade noch lebende Kaiser in Rom nun langsam doch aufmerksamer hin. Ägypten ernährte Rom mit seinem Weizen. Und da saß nun eine Frau und kontrollierte die Speisekammer. „Da müssen wir etwas tun“ röchelte der Kaiser, just in dem Moment, in dem er von seinem Nachfolger erstochen wurde.

Zenobia macht ihren Sohn zum Augustus und sich selber gleich zu Augusta. Zum Kaiser und zur Kaiserin. Wir wissen nicht, ob sie plante Rom zu erobern, aber das ist eher unwahrscheinlich. Es gab da von Anfang an eine Sollbruchstelle im Römischen Reich. Die kulturelle Grenze zwischen dem lateinischen Westen und dem griechischen Osten. Da hat es schon immer gekriselt. Bereits Kleopatra und Mark Anton hätten den Kuchen gerne genau dort geteilt.

Das war wahrscheinlich auch die Idee von Zenobia. Aber sie hatte ihren Einfluss zu schnell zu weit überdehnt. Mit Aurelian war wieder ein Mann Kaiser geworden, der soviel Rückhalt hatte, dass er ein bisschen aufräumen konnte. Statt sich zuerst um die Gallier zu kümmern, die auch ihr eigenes Reich ausgerufen hatten, musste erst einmal diese Frau aus der Vorratskammer.

Nach mehreren Schlachten war Zenobia geschlagen und wurde gefangen genommen. Aurelianus war im Umgang mit den Aufständischen zuerst sehr milde. Er brauchte die ja noch, um die Perser unter Kontrolle zu halten. Doch die Bewohner Palmyras revoltierten, so dass er auf altbewährte römische Feldherren-Finessen zurückgreifen musste. Er liess jeden meucheln und machte Palmyra, das reiche, das wunderbare Palmyra, das Multikulti-Palmyra, na ja, er machte es halt platt.

„Na dann“, sagte er sich, „das hätten wir dann geregelt. Jetzt machen wir als Nächstes auch noch die Perser platt“ röchelte er noch, als er von hinten erstochen wurde. Zenobia wurde nach Rom verschleppt, wo sie entweder nach einem Triumphzug geköpft wurde oder aber in einer Villa ihren Ruhestand verbrachte und noch viele Kinder zeugte.

Ihr müsst schon entschuldigen: Die Geschichtsschreiber waren in dieser Zeit etwas überfordert, weil sie ja alle paar Monate alles neu umschreiben mussten. Deshalb sind die Aufzeichnungen da etwas lückenhaft. „Aemillianus ist cool! Äh. Aemilianus war doof! Es lebe Valerian, der ist cool! Nee, doch nicht. Valerian war doof. Es lebe Gallienus! Moment, kleiner Irrtum. Gallienus ist auch doof gewesen…“ Na ja, ihr erkennt das Muster…

Zenobia war und ist eine arabische Heldin und die Ikone der feministischen Bewegung in Syrien und den Nachbarländern. Dank ihr hat die kleine Oase mit Namen Palmyra ihre Strahlkraft immer noch nicht verloren.

Wir hier und jetzt, die westlichen Erben des Römischen Reichs waren entsetzt wie einst die Kaiser, als der IS dieses Kulturgut der Menschheit eroberte und das Amphittheater für Propagandavideos und Hinrichtungen benutzte.

Dann wurde Palmyra im März letzten Jahres von den Russen erobert, die selbiges Amphittheater für ein klassisches Konzert benutzten, das in Russland und Arabien ziemlich viel Beachtung bekam wegen seiner Propagandawirkung. Wir hier im Römischen Reich haben das nicht so mitbekommen.

Im Dezember war dann wieder der IS Herr der antiken Ruinenstadt und setzte sein Zerstörungswerk weiter fort. Momentan, so die russische Regierung, wäre wieder die syrische Armee Herr im Haus.

Und so beschäftigt uns dieser kleine Punkt auf der Karte immer noch, an dem der Osten und der Westen miteinander verknotet sind. Und die Bedeutung hat sich nicht einmal viel verändert.

Die römischen Kaiser mussten dann bald zusehen, wie ihr Reich genau an der von Zenobia entdeckten Bruchstelle doch noch zerbrach. Der westliche, lateinische Teil ging unter und verschwand in den unübersichtlichen Wirrungen der Völkerwanderung.

Der östliche, griechische hat sich von Byzanz aus noch tausend Jahre für seinen Untergang gelassen. Die christliche Kirche in Eurasien zeigt den Bruch immer noch deutlich. Links die Katholen, die Lateiner und ihre unehelichen protestantischen Kinder und rechts die orthodoxen Kirchen, für jedes Land eine eigene Version.

Zenobia war ihrer Zeit voraus. Um ungefähr hundert Jahre.

Hätten die Menschen damals nur gehört, dann wären die drei gar nicht erst auf die Jagd gegangen. Das hatte Onk ja eigentlich vorgeschlagen, der wollte lieber einen Töpferkurs machen. Aber Stonk war halt ‘mal wieder totaaal langweilig. Und so fing das alles an…

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