Expl0650: Studio Ghibli


Ich will unbedingt diese Totoro-Figur! Die habe ich jahrelang in der Wunschliste und jetzt, wo ich sie kaufen will, ist sie vergriffen. Dabei ist Totoro meine Lieblings-Ghibli-Figur! Und Hayao Miyazaki mein Lieblings-Zeichentrick-Macher! Menno!


Download der Episode hier.
Von Kinozeit.de „Studio Ghibli – Die pure Lust am Erschaffen“ von Lucas Barwenczik
Opener: „Mein Nachbar Totoro – Trailer (deutsch/german)“ von Universum Film
Closer: „Hayao Miyazaki on “The Wind Rises” von Ani-Tv Antares
Musik: „Princesa (2008)“ von BETHO IEESUS / CC BY-NC-SA 3.0


Letzte Woche, bei meiner Ode an Cowboy Bebop, hatte ich es erwähnt. Das Studio Ghibli. Ein japanischer Bekannter machte mich darauf aufmerksam, dass man das Dschiblii ausspricht. Weil das ja japanisch ist. Stellt sich heraus, dass zwar das Studio ein japanisches ist, aber die Gründer sich den Namen eines frischen Windes aus dem Italienischen geborgt haben. Darum bleiben wir bei Gibli, denn das H nach dem G macht aus dem Dsch ein G.

Und das mit dem frischen Wind habe nicht ich mir ausgedacht, sondern das stammt von the man himself, von Hayao Miyazaki, der schöpferische Geist hinter den Studiotüren. Illustrator, Animator, Grafiker, Drehbuchautor, Produzent und Comiczeichner seines Zeichens und Jahrgang 1941.

Aber langsam. Im Jahre 1984 erschien in Japan ein Zeichentrickfilm mit dem Namen „Nausicaä, aus dem Tal der Winde.“ Ein Film nach dem Manga von Herrn Miyazaki, der ein Riesenerfolg wurde. Der erfolgreichste japanische Zeichentrickfilm aller Zeiten.

Darum beschloß man bei der Produktionsfirma Tokuma Shoten die Köpfe hinter dem Erfolg in ein eigenes Studio zu sperren und sie einfach machen zu lassen, was sie wollten. Ein Jahr später war „Das Schloss im Himmel“ fertig. Ein Erfolg, aber bei weitem nicht in der Dimension von Nausicaä. Trotzdem durften die vier Gründungsmitglieder mit ihren 100 Mitarbeitern weiter arbeiten.

1988 wurden gleich zwei Filme fertig. Zum einen der todtraurige Antikriegsfilm „Die letzten Glühwürmchen“ und der Film mit einer meiner Lieblingszeichentrickfiguren überhaupt: „Mein Nachbar Totoro“. Wer beim ersteren nicht heult wie ein Schlosshund und sich beim zweiteren nicht in Totoro verliebt, der ist kein Mensch!

Doch obwohl beide Filme von den Kritikern mit Lob überschüttet worden und immer noch jedes Kind in Japan einen Plastik- oder Stofftotoro sein eigen nennt, blieb der große finanzielle Durchbruch aus.

1992 kommt dann eine typisch Ghibli-kauzige Liebesgeschichte in die Kinos. Die vom tollkühnen Flieger-Ass Porco Rosso. Und ja, Porco heißt Schwein. Weil es ein Schwein ist. Der erfolgreichste japanische Film des Jahres, aber immer noch nicht der gewünschte Durchbruch.

Der japanische Markt alleine reichte nicht, um die gründliche und liebevolle Arbeit des Studio Ghibli so richtig zu finanzieren. Weil die Liebe zum Detail und die komplexen Hintergründe und die altmodische Animation einfach sehr teuer sind. Mit jedem Film steht die Existenz mit auf dem Spiel. Eine richtige Bombe und der Spaß hätte ein Ende.

1995 kam dann der erste Film von Miyasaki, der auch international für einen Achtungserfolg sorgte. Die berühmte „Prinzessin Mononoke“. Wenn eure Tochter partout Prinzessin sein will, zeigt ihr diesen Film. Ich sehe gerade, der ist ab 12. Na ja… Vielleicht vorher besser checken. Ich kann mich gar nicht an die hier bemängelten Gewaltszenen erinnern. Aber ich war auch 36 als ich den gesehen habe.

Mononoke ist ein Film, der viele Klischees bricht und schon dadurch ein gutes Gegenmittel gegen die simplen Strickarbeiten aus dem Hause Disney ist. Prinzessin San ist natürlich klar die Heldin und sie kämpft mit den Tieren auf der richtigen Seite. Aber sie ist nicht moralisch überlegen, genauso wie Madame Eboshi auch nicht der klassische Erzbösewicht ist.

Bei uns lief der Film erst Jahre später und dann in Arthouse-Kinos, es gab nur 35 Kopien in Deutsch und insgesamt gab es 70.000 Zuschauer in der ganzen Laufzeit.

Doch die Prinzessin hatte die Türe geöffnet und dadurch schritt „Chihiros Reise in Zauberland“. Dieser Film ist auch heute noch in Japan der erfolgreichste Film aller Zeiten und hat, nur in Japan 2001 über 200 Millionen Dollar eingespielt.

Doch auch international fand er überall Fans und Liebhaber. Man musste das Zauberland einfach lieben und die ganze Fantasie, die da alle paar Sekunden über die Leinwand flimmerte. Chihiro ist immer noch weltweit der Animationsfilm mit den allermeisten Auszeichnungen und Preisen. Auch ein Oscar und ein Goldener Bär gehören dazu.

Kein Film konnte diesen Triumph übertreffen, auch wenn 2005 mit „Das wandelnde Schloss“ das nächste wunderbare Meisterwerk in den Kinos lief. Aber selbst die wunderschöne Hexe aus dem Niemandsland konnte so viele Besucher ins Kino locken wie Chihiro. Übrigens meine Lieblings-Ghibli-Musik in diesem Film.

Für Hardcore-Miyazaki-Fans wie ich folgten dann schwierige Jahre.

Wender „Ponyo – Das große Abenteuer am Meer“, „Arrietty – Die wundersame Welt der Borger“ noch „Der Mohnblumenberg“ konnten mich so richtig faszinieren und „Die Chroniken von Erdsee“ fand ich sogar schlecht.

Erst 2013 kam wieder ein Film von Miyasaki ins Kino, in den ich mich wieder richtig verlieben konnte. „Wie der Wind sich hebt“. Der Held heißt Jirō Horikoshi, ein Junge, der vom Fliegen träumt. Und von Flugzeugen. Und darum erfindet er ein Flugzeug nach dem anderen.

Am Ende des Films steht er vor seinem persönlichen Flugzeug-Friedhof. Lauter Schrott, alles kaputt. „Das ist mein Lebenswerk“ sagt er. Und er ist dabei stolz. Ich zitiere Lucas Barwenczik, der auf kinozeit.de geschrieben hat: „ Die Gesamtheit seines Schaffens liegt zertrümmert zu sein Füßen – und doch ist es ein Triumph. Bevor etwas zu Boden stürzen kann, muss es erst, wenn auch nur für einen Moment, die Erde verlassen haben. Es ist ein Bild von entwaffnender Stärke. Wo wären wir nur, wenn jedem das pure Erschaffen, die Kunst an sich, so heilig wäre?“

Schöner hätte ich’s auch nicht sagen können. Link wie immer auf explikator.de

Denn mit diesem Film verbeugte sich Miyasaki vor uns, seinem Publikum und der größte Märcheerzähler der Moderne verabschiedete sich in den Ruhestand. Aus die Maus.

Das Studio, mittlerweile unter neuer Regie, versuchte sich noch an einer Fernsehserie. Man warf die hehren Grundsätze dafür über Bord und animierte rein per Computer in 3D. Die Serie hieß „Ronja Räubertochter“ – ja, die von Astrid Lindgren und war so wenig erfolgreich, dass sie bei uns nicht einmal irgendwo Erwähnung fand.

Also beschloss das Management 2014 die Tore des Studios zu schließen. Man müsse sich neu strukturieren. So heißt das. Man würde eine Pause einlegen. Vielleicht aber, so hieß es aus inoffiziellen Quellen, würde man das Filmgeschäft auch ganz an den Nagel hängen.

Bis dahin ist auch nichts mehr so richtig passiert. „The Red Turtle“ von 2016? Na ja, reden wir nicht darüber.

Ohne Miyasaki lief einfach nichts mehr. Die Firma, die man in ihrem Heimatland „Japans Disney“ nennt, war zu abhängig von ihrem Regisseur geworden.

Doch im November verkündete Miyasaki, dass er doch noch einen Stoff hätte, den er unbedingt ins Kino bringen wolle. Das wäre dann aber der Allerletzte. Es wird um „Boro“ gehen, so munkelt man. Eine Raupe. Und der Film soll dann 2020 ins Kino kommen. Ein kleiner Lichtblick für uns Fans.

Allen, die die erwähnten Filme nicht kennen, seien sie bis dahin wärmstens ans Herz gelegt. Sie sind alle sehr poetische, verträumte, melancholische oft sogar tieftraurige, romantische, manchmal drollige, immer fesselnde Märchen der Neuzeit. Niemals mit billigem Happy End und niemals berechenbar oder platt. Jeder Film ein fantastischer Urlaub zurück in unsere Kinderseelen.

Vorher noch einmal pinkeln gehen, damit man nicht unterbrechen muss. Und Taschentücher bereitlegen.