Expl0652: Street-Dance verbindet!


Ich kann mich gut erinnern, als Breakdancing modern wurde. Jeder hat speziell diese Roboter-Moves ‘mal heimlich vor dem Spiegel geübt, oder? Kaum hundert Jahre später gibt es jetzt „Flexing“ oder „Bone Breaking“ – einen Untergrundtanz mit politischer Botschaft. Aber da komme ich keine Sekunde auf die Idee, das einmal nachzuahmen. Nomen EST omen!


Download der Episode hier.
Der Link zu dem Video: 2MAN2UESDAY
Opener: „The Best Bone-Breaking Tutorial 1“ von Max Zarin
Closer: „Men Do Not Dance“ von MorganKfilm
Musik: „I Wanna Dance (2015)“ von DOLL PATROL / CC BY 3.0


Das Leben der jungen Afroamerikaner in den Problemvierteln der USA ist wahrscheinlich etwas, was wir von hier aus betrachtet in keinster Weise beurteilen können. Auch mir vorzustellen, wie deren Alltag in Arbeitslosigkeit und fehlender Schulbildung ablaufen soll, ist mir völlig unmöglich.

Zahlreiche Fälle willkürlicher Gewalt weißer Polizisten gegen Schwarze gab es in den vergangenen Jahren in den USA. Und gibt es auch heute, jetzt immer wieder unverändert. Dass die Täter oft unbestraft bleiben oder nur milde Strafen bekommen, sorgte immer wieder für wütende Proteste und Ausschreitungen. Mittlerweile soll es auch gewalttätige Ausschreitungen gegen Polizisten geben…

Ganz anders leben viele Street-dancer ihre Geschichte. Der immer gleichen Geschichte von Gewalt und Schießerei, Armut und Chancenlosigkeit begegnen sie tanzend. Mit dem Willen aus solch einem Leben herauszukommen, gehen sie noch weiter, sie wachsen an ihrer Geschichte, verändern sich selbst, verändern ihre Bewegungen, verändern ihren Tanz.

Und so entsteht aus dem Street-dance der letzten Jahrzehnte etwas ganz Neues. Das Flexing.
Flexing gilt als ein Ausdrucksmittel für Menschen, die sich fühlen, als ob sie keine Stimme haben. So beschreiben es jedenfalls dessen Macher. Für sie ist es viel mehr. Sie sehen es als eine Art neues Vokabular oder eine neue Sprache, mit der sie mittlerweile Millionen von Menschen erreichen und sich so mit ihnen verbinden können.

Flexing ist der Style, bei dem scheint, als habe der Körper keine Knochen. Flexing, das ist die Kunst, den Körper so zu verbiegen, das es für den Zuschauer weh tut, das sind extreme Dehnungen. Das sind rhythmische Bewegungen nicht nur zu harter Musik, die noch an den Breakdance oder Hip-Hop erinnern. Doch Flexing ist nicht nur tänzerisch unglaublich beeindruckend, sondern will auch politisch sein.

Denn trotz hoher Kriminalitätsraten und wenigen Bildungs- oder Beschäftigungsmöglichkeiten entwickelt eine große und wachsende Gruppe junger Menschen Widerstand gegen das gängige Rollenverhalten auf der Straße! Und das gelingt ihnen mit Flex, dieser erzählerische Tanz, präsentiert die Geschichten ihrer Straßen auf eine ganz eigene romantische und manchmal sogar poetische Version. Sie erzählt dabei von Pistolenkämpfen, Auseinandersetzungen mit Behörden, Wettkämpfen der einzelnen Gangs… Erinnert hat mich das auch ein wenig an ein pantomimisches Zwischenspiel nur viel viel kapriziöser, manchmal sogar artistisch.

Jede dieser Tanzbewegungen zeigt, wie man als Afroamerikaner überleben kann. „Du musst die Situation stets beherrschen“. So gleiten sie in Zeitlupe, spinnenähnlich fließen ihre Körper zwischen den Dimensionen, verknotet scheinen ihre unbreakable Knochen.

Um sich wie in einem gelungen Geduldsspiel dann doch wieder plötzlich entwirrt und unbeschadet wie am Anfang zu sehen. Symbolisch scheinen sie ihre Körper zu zerbrechen. „Jeden Knochen in einem Körper zu brechen und sie wieder zusammen zu setzen, um aus einem zerbrochenen Ich etwas Neues zu machen… so einer der Macher“. Meint das eine persönliche Rekonstruktion? So etwas wie eine erfolgreiche Wiederauferstehung durch die Veränderung von eigenen Vorstellungen der gemachten Erfahrungen?

Und was ist mit den Vorstellungen der anderen, ihres Umfeldes, ihrer Gegner? Die Erfahrungen oder Vorstellungen der cops, der Politiker, der rule-maker? Symbolisch setzen sie dies ein ihrem Rollenspiel in Beziehung, durch vorgetäuschte Straßenkämpfe oder Klammergriffen bei Auseinandersetzungen mit Polizisten. Jede Geste ist eine Aussage.

Hierdurch enttarnt sich aber noch etwas ganz anderes. Sie stellen sich in ihrer Phantasiereise die Position des anderen vor, nehmen die des Gegenübers ein, interpretieren, improvisieren und versetzen sich ganz einfach mal in den auf der anderen Seite. Bewusst oder unbewusst. Gewollt oder zufällig.

So funktioniert der Tanz. So funktioniert flexing. Ich biege mich, verbiege mich, biege mich hin zu dir, lass mich aber nicht verbiegen, und muss dennoch immer biegsam sein, nicht hart, nicht starr, geschmeidig bleiben um nicht zu zerbrechen.

Auf die Art scheinen sie in Verbindung zu kommen mit ihrem Gegner, ihrem Widersacher. Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Berührungspunkte entwickeln sich. Es entsteht eine Ebene auf der Gleichwertigkeit entsteht. Die gegenseitige Aufmerksamkeit lässt respektvollen Umgang miteinander vorstellbar werden. Verständnis für den anderen entsteht, wen das Verhalten geprägt ist von gesellschaftlichen, ethischen oder lebensalltäglichen Vorstellungen.

Und ganz ganz leicht, unterhalb dieser obersten Schicht schimmert eine fragile Wahrheit. Denn letztlich… sind dies doch nur persönliche Konstrukte, Vorstellungen, Bewertungen, Moralismen die mich in meine Rolle hinein drängen. Die Rolle die mir meine Hautfarbe, mein soziale Konditionierung, die Politik, mein kulturelles Umfeld, vielleicht auch die, die meine Erzieher mir zugedacht haben… oder doch die eigenen Erwartungen?

Die emotionale Intensität der Aufführungen und die ausverkauften Shows brachten den Tänzern begeisterte Kritiken und auch die Mainstream-Bestätigung. Schließlich erkannten die Zuschauer, was die Tänzer schon längst gekannt hatten: Diese Biegung ist eine Kunstform von einer wahren Erzählung. Eine Stimme wurde plötzlich gehört.

Flexing hat seine Wurzeln im jamaikanischen “bruk-up dance”, einem Tanz aus jamaikanischen Dance Halls, bei dem Kampfbewegungen nachgeahmt werden. Das Flexing oder Biegen kam auch nicht aus dem Hip-Hop oder dem Breakdance, wie ich ursprünglich dachte, sondern aus dem guten alten Reggae. Flexing ist aber keine zeitgenössische Tanzkunst, die sich ein prominenter Choreograf erdacht hat.

Diese neuartige Kunst ist auf den Straßen von Brooklyn entstanden, der Straßen Tanz (Street-Dance) der schwarzen bros. Es ist eine Dokumentation von Hoffnungen und Realitäten, die sich mit einer urbanen Tanzbewegung eine unüberhörbare, hochkarätige Stimme geschaffen haben!

Und die vielleicht mal dazu führt das eine Wahrheit auf beiden Seiten diskutiert wird. Eine Wahrheit die das Zeug dazu hat eine ehrliche Vertrauensbasis zu schaffen.

Authentizität ist gefragt… und sich eben nicht zu verbiegen um ein konstruiertes Bild von sich aufrecht zu erhalten. Dann gäbe es vielleicht auch ein Miteinander nicht nur ein Gegeneinander.