Expl0653: Der sprechende Delphin


Meine erste Erinnerung an einen Delphin ist natürlich: Flipper! Ist ja auch klar, hier in Oberbayern. Wenn der auf einmal gesprochen hätte, dann wäre ich auch nicht besonders verwundert gewesen. Und genau das hat man tatsächlich schon einmal in einem Experiment mit eher tragischem Ende zu erreichen versucht…


Download der Episode hier.
Opener: „Is This Dolphin Speaking English?“ von Smithsonian Channel
Closer: „Family Guy Dolphin Scene“ von thegolferkid
Musik: „Already Flown (2017) von BAREFOOT MCCOY / CC BY-NC-ND 3.0


Das, was ihr im Opener gehört habt, das war Peter. Der Delphin, der beinahe Englisch gelernt hätte. Das wird leider eine tragische Geschichte, eine Liebesgeschichte, eine Wissenschaftsgeschichte und eine Tiergeschichte. Vor allem eine aus ganz anderen Zeiten. Aus den Sechzigern.

In unserem Kulturkreis muss das wohl eine aufregende Zeit gewesen sein. Viele tolle Dinge geschahen gleichzeitig. Und damit meine ich nicht einmal meine Geburt, obwohl speziell dieses eine Ereignis speziell diese eine Sendung erst möglich machte.

Irgendwie lag der Krieg jetzt so lange zurück, dass man wieder in die Zukunft schauen konnte. Die Sechziger sind nicht umsonst das goldene Jahrzehnt der Science-Fiction-Literatur. Man baute an Raketen, um den Mond zu besuchen. Aber dann sicher bald den Mars, die Venus oder noch fernere Planeten. Das war allen klar, das war der natürliche Verlauf des menschlichen Strebens.

Aus diesem Geist ist Star Trek geboren. Mit seinen Klingonen, Vulkaniern, Andorianern, Betazoiden und Hau-Mich-Tot-Ausserirdischen. So würde das wohl kommen, dachte man in den Sechzigern.

Zu dieser Zeit lebte auch der Neurowissenschaftler mit dem Namen Dr. John C. Lilly. Dem war beim Sezieren eines gestrandeten Kleinwals aufgefallen, dass in diesem Tier ein Hirn steckte, das größer war als das menschliche Hirn. Und das musste heißen, so der Kenntnisstand der Forschung in den Sechzigern: Die müssen aber verdammt schlau sein, diese Walfische. Vielleicht sogar schlauer als wir.

Und so begann er sich mit Delphinen zu befassen. Er untersuchte die Meeressäuger eingehend, vermaß ihr Hirn nach allen Regeln seiner Kunst und beobachtete sie. Es fiel ihm auf, dass Delfine, wenn man mit ihnen redete, versuchten die menschlichen Laute nachzuahmen.

Als ob sie mit uns reden wollten, dachte Lilly sich und schrieb ein vielbeachtetes Buch mit dem Namen „Mensch und Delphin“. Er stellte darin nicht nur die These auf, dass Delfine genauso intelligent sind wie wir, sondern, dass man ihnen durchaus auch Englisch beibringen könnte.

Und das man ihnen dann wohl auch einen Sitz in der UNO geben müsste, damit sie die Interessen aller Meeressäuger weltweit vertreten könnten. Klingt heute absurd, aber hey, es waren die Sechziger. Die Tatsache, dass Delfine nicht einfach nur Ungeziefer sind, die uns die Speisefische wegfressen, war noch brandneu. Fischer nannten sie immer noch „Heringsschweine“ und töteten sie, wo es ihnen möglich war.

Dieses Buch fiel auch einem anderen Forscher in die Hände. Mit Namen Frank Drake. Richtig, das ist der Astrophysiker, der SETI ins Leben gerufen hat. Und der die sogenannte Drake-Gleichung erfunden hat. Eine Formel, mit der man die Wahrscheinlichkeit berechnen kann, ob es außer uns noch anderes intelligentes Leben im All gab.

Drake dachte sich: Wenn wir hier auf Erden schon eine andere intelligente Spezies haben, dann können wir ja schon einmal üben, wie das wird, wenn wir mit Aliens kommunizieren müssen. Soll der Lilly doch den Delphinen Englisch beibringen. Ich schicke ihm gleich einen Koffer mit Geld von der NASA. Na ja, oder so ähnlich…

Und so begann das tragische Experiment, dessen Tonaufzeichnung wir ganz am Anfang schon gehört haben.

Ein Haus in Florida wurde zum seetauglichen Labor umgebaut und die Arbeit mit drei Delfinen begann. In seinem Team hatte Lilly eine engagierte, intelligente junge Frau namens Margaret Lovatt. Als sich der Prozess bald als eher langwierig entpuppte, hatte Margaret einen Vorschlag.

„Wir nehmen den intelligentesten der drei und ich ziehe mit dem zusammen. Wir bauen das Haus so um, dass Peter, so der Name des Säugers und ich zusammenleben können. 24/7 Er kann mich den ganzen Tag beobachten, wird nicht von den anderen Delfinen abgelenkt und ich kann viel mehr mit ihm trainieren, als wenn wir einfach alle am Feierabend nach Hause fahren.

Gesagt, getan. Ab Mitte 1964 lebte, schlief und arbeitete Margaret zusammen mit Peter im abgedichteten, überfluteten Apartment und übte tagaus, tagein mit dem Delfin sprechen. Peter war sehr wissbegierig und stellte sich auch ganz gut an.

Mit seinem Blasloch ahmte er die Lippenbewegungen vom Margaret nach. Den Tonfall und die Betonung fielen Peter nicht sehr schwer, aber so richtig große Fortschritte machte man nicht – erkennbare englische Worte wurden das irgendwie nicht.

Und da entstand noch ein kleines Problem. Peter, der jetzt nur noch Margaret um sich hatte, entwickelte ein besonderes Verhältnis zu seiner Lehrerin. Wenn die junge Frau an anderen Dingen arbeitete, dann schwamm das Tier herbei und beobachtete sie genau. Speziell die Knie hatten es ihm angetan…

Verlieben ist vielleicht ein bisschen metaphysisch ausgedrückt, aber es wurde bald ganz klar, dass das junge Delfinmännchen seine sexuelle Energie auf die junge Menschin richtete. Das konnte die Arbeit ganz schön behindern. Anders ausgedrückt: Der wissenschaftlichen Arbeit „stand“ plötzlich etwas im Wege. Und da Delfine sich nicht selber befriedigen können, musste die junge Frau das erledigen, wenn sie weiterarbeiten wollte.

Kann man durchaus nachvollziehen und man muss da auch nicht wirklich Schmutziges hineininterpretieren. So wie es zum Beispiel das Hustler-Magazin in den Siebzigern machte. Die hatten die Forschungsarbeit einfach umgedichtet zu einem Versuch Sex zwischen den Spezies auszuprobieren. Das mit dem Vokabelnpauken und dem Sprechtraining hatte weniger Platz im Artikel wie die Abbildung eines Delfins und einer Frau beim hypothetischen Geschlechtsverkehr.

Trotzdem war der Hand-Job für den Delfin nicht wirklich eine gute Idee. Wenn Peter vorher schon auf Margaret fixiert war, so verfestigte sich das so langsam zu einer richtigen Abhängigkeit.

Die Durchbrüche ihrer Arbeit blieben aber aus. Ein Blasloch ist kein Mund. Wenn, dann ist es eher eine Nase. Bestimmte Töne waren Peter einfach anatomisch völlig unmöglich. Er konnte keine Verschlusslaute wie P oder B lernen und da er auch keine Zunge hatte, auch kein T, D, K oder G. Aber auch M oder N, sogenannte Nasallaute blieben ihm verwehrt. Und nur mit Vokalen alleine bekommt man halt nicht so schnell einen Sitz in der UNO.

Das wurde nach Monaten der Arbeit recht deutlich. Von heute aus betrachtet ist es eher erstaunlich, dass man das überhaupt je erwogen hatte. Ein bisschen Nachdenken über die anatomischen Gegebenheiten… na ja, es waren die Sechziger. Alles schien möglich.

Und was fällt einem bei den Sixties noch ein? Drogen natürlich. LSD zum Beispiel. Und auch John Lilly hatte sein Interesse in diese Richtung weiterentwickelt. Als die NASA die Mittel für die Meeressäuger-Englischschule strich, zog man einfach um und Margaret verlor ihren Job.

Experiment Englisch beendet. Lilly wollte jetzt lieber erforschen, was passierte, wenn man diesen intelligenten Tieren LSD verabreichte. Kein Scherz. Es waren die Sechziger, ich muss es immer wieder betonen, genau genommen der Sommer 1966.

Als auch das Telefon bei Margaret klingelte. Lilly teilte ihr in knappen Worten mit, dass Peter nicht mehr lebte. Der Delfin war nicht mehr zufrieden damit, wieder mit seinen Artgenossen zusammenzuleben. Und nicht mehr die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Margaret zu haben. Vielleicht war er ja wirklich verliebt, warum auch nicht…

Das wäre auf jeden Fall eine Erklärung für seinen Selbstmord. Ja. Ganz eindeutig. Für Meeressäuger ist die Atmung kein Reflex, wie bei uns. Jeder Atemzug ist eine bewusste Entscheidung. Und so beschloss Peter, sich einfach auf den Boden des Pools sinken zu lassen und nicht mehr weiterzuleben. Nicht mehr zu atmen.

Und so endet die heutige Sendung leider eher tragisch. Diese Geschichte voller Naivität, Engagement, Forschergeist, mutigen Ideen und beseelt vom Willen auch die nicht direkt gewinnversprechenden Ideen auszuprobieren. Eine Geschichte aus den Sechzigern eben.

Übrigens: LSD wirkt bei Delfinen nicht bewusstseinserweiternd. Oder auch nur anregend oder abregend. Nicht einmal abführend oder verstopfend. LSD wirkt bei Delfinen ganz genau genommen gar nicht.

Bis zum ersten psychedelischen Hörbuch, eingesprochen von Flipper, ist also noch ein langer Weg…