Expl0656: Deutsche Tugenden


Ich war noch nie stolz, ein Mensch zu sein. Oder ein Eurasier. Oder ein Deutscher. Oder ein Maxvorstädter oder Bobinger. Und auf die deutschen Tugenden war ich auch nie stolz. Denn, wenn man sich das einmal genauer anschaut, dann sollten wir diese wirklich schnell begraben und durch neue ersetzen.


Download der Episode hier.
Opener: „Mikro blieb an: So schön singt Norbert Lammert“ von FOCUS Online
Closer: „Sarah Chalke speaks german spricht deutsch“ von arnsbach
Musik: „Alles nur Fassade (2007)“ von COEHN&FOEHRB / CC BY-SA 3.0


Schön, wie unser Norbert Lammert die Nationalhymne singen kann, gell? Nach der Vereidigung von Herrn Steinmayr blieb sein Mikro aus Versehen offen und wir haben jetzt ein Zeitzeugnis davon, dass unser Bundestagspräsident den Text sicher beherrscht. Und nicht aus Versehen „Deutschland über alles“ trällert. Isja nich’ Heino, unser Norbert.

Ein anderer Politiker hat, so berichten die Medien, eine Leitkulturdebatte ausgelöst. Unser Innenminister meinte, positiv ausgedrückt, wenn man sich schon von anderen abgrenzen will, dann sollte man vorher wissen, wer man ist. Sehr vorsichtig ausgedrückt, denn so formuliert ist das eine gute Idee.

Und da poppen sie also wieder aller Ortens auf. Frühling. Frühling für die berühmten, vielzitierten deutschen Tugenden. Zu denen man endlich wieder einmal stehen sollte, das muss hier ja einmal gesagt werden dürfen hier, oder was? Auf die Fresse, oder was?

Tugend braucht man nicht unbedingt erklären. Eigentlich ist das eine angestrebte Charaktereigenschaft, eine moralische Vorstellung gewissermaßen. Aber seit Aristoteles sind das eher die Eigenschaften, die ein typischer Bürger haben sollte, damit das Gemeinwesen funktioniert.

Und darum gab es die deutschen Tugenden auch die längste Zeit gar nicht, weil es dieses Deutschland nicht gab. Von westfälisch-lippischen oder unterfränkischen Tugenden habe ich noch nie etwas gehört.

Als Deutschland dann aber wirklich ab dem 1. Januar 1871 ein Reich wurde, da übernahm man ganz simpel die preußischen Tugenden. Der neue Staat war ja auch nicht viel mehr als Großpreußen. Zu ergänzen ist vielleicht, dass sich diese Tugenden Preußens auch nicht groß von dem Tugendkatalog der Protestanten unterschieden. Man darf nie vergessen, vor allem im Lutherjahr, dass der deutsche Kaiser automatisch auch das Oberhaupt der lutherischen Kirche war.

Arbeiten wir also schnell einmal den Katalog ab, wäre nett, wenn ihr dabei die Nationalhymne summen könnten, dann würde das richtig romantisch werden:

„Aufrichtigkeit, Bescheidenheit, Disziplin, Fleiß, Gehorsam, Geradlinigkeit, Gerechtigkeitssinn, Gottesfurcht, Härte, Mut, Ordnungssinn, Pflichtbewusstsein, Pünktlichkeit, Redlichkeit, Selbstverleugnung, Sparsamkeit, Tapferkeit, Treue, Unbestechlichkeit, Unterordnung, Weltoffenheit, Zurückhaltung, Zuverlässigkeit und Zielstrebigkeit.“

Oops. Das issja ma’ ein büschen viel. Und es fällt auch auf den ersten Blick auf, dass viele dieser Werte durch die beiden letzten deutschen Reiche irgendwie ihren Sexappeal ein bisschen eingebüßt haben. Oder? Gehorsam, Härte, Mut, Tapferkeit, Treue, Unterordnung – da reden wir seit 1945 lieber nicht so laut drüber, einverstanden? Diese Tugenden waren ja für das Schlamassel verantwortlich und das wollen wir ja nicht wiederholen.

Gottesfurcht klingt auch ein bisschen angestaubt, befürchte ich. Das klingt heute eher nach „Angst vor dem lieben Gott“, meinte aber früher eher etwas, dass neudeutsch mit „Respekt“ gemeint ist. „Voll der Respekt vor Gott, Alter“. Das Plakat für einen Jugendgottesdienst. Hat sich ein Pastor mit Peter-Pan-Syndrom kreativ verwirklicht. Aber Religion war einmal…

Diese Methode führt uns ins Nirwana. Wir sollten die Deutschen einfach selber fragen, was denn sie für die wahren deutschen Tugenden halten. Das geht viel schneller. Und darum wurde das auch schon gemacht. Sechs Tugenden haben gewonnen und das wären: Platz eins: Pünktlichkeit, dann Pflichtbewusstsein, Fleiß, Ordnung, Ehrlichkeit und Sauberkeit.

Das ist schön. Danke, Deutschland. Damit kann man arbeiten. Wir heißen auch die Neueinsteiger Ehrlichkeit und Sauberkeit herzlich willkommen. Die waren den Preußen nicht wichtig. Ein Narr, der Böses dabei riecht.

Das sind also die Tugenden, von denen wir Schweizer denken, dass sie uns von den anderen unterscheiden. Oder, halt? Wir Österreicher? Denn, ich bin mir sicher, so ähnlich sähe das Ergebnis in der Schweiz und Österreich auch aus. Aber wurstegal, deutschsprachig reicht uns völlig. Oder teilweise deutschsprachig, mein Gott!

Jetzt gilt es nur zu prüfen, ob das stimmt. Wie ist das zum Beispiel bei der Deutschen Bahn so mit der Pünktlichkeit? Also da, wo diese Tugend wirklich wichtig wäre. Da führt in Europa… bei den Bahnen… Finnland. Na gut. Ist ok. Haben ja auch Ricola erfunden. Und dann kommt Dänemark. Auch gut, Lego immerhin. Pfft, die im Norden immer. Streber.

Auf Platz drei folgt: Italien? Wie bitte? Und dann? Dann Norwegen, Rumänien, Schweden, Großbritannien, Frankreich, Slowenien, Spanien, Ungarn, Lettland, Österreich, Slowakei, Bulgarien, Griechenland, Belgien, Niederlande, Polen. Und dann Deutschland.
Also das mit der Pünktlichkeit lassen wir lieber. Einverstanden?

Gehen wir lieber auf Nummer sicher. Fleiß. Da kann uns keiner ‘was vormachen. Das weiß man ja auch im Ausland. Made in Germany. Und jeder zweite Deutsche hält sich selber für fleißig. Aus gutem Grund. Denn es stimmt ja auch. Achtung: Keiner macht so viele Überstunden wie wir! Jawohl, Platz eins. Drei Stück in der Woche je Arbeitnehmer!

Wenn man die Überstunden auf die durchschnittliche Arbeitszeit noch obendrauf rechnet, dann sind das 1660 Stunden, die wir im Jahr arbeiten. Das sind dann… Dreißig Stunden weniger als der europäische Durchschnitt? Dreißig Stunden? Und 180 Stunden weniger als die Ungarn, Rumänen oder Polen. Und die meisten Feier- und Urlaubstage haben wir auch noch…

Das ist ja zum Mäusemelken! An was soll man da noch glauben? Dann nehmen wir einen der Neueinsteiger. Muss ja einen Grund haben, warum die Deutschen das in die Liste gewählt haben.

Sauberkeit also. Sind unsere Häuser nicht sauber rausgeputzt? Das liegt sicher daran, dass bei uns die Hausfrau oder der Hausmann so brav putzt, bügelt, staubsaugt, rasenmäht, das Unkraut mit der Nagelschere schneidet und den deutschen Gartenzwerg allwöchentlich mit Bio-Wachs poliert. Immerhin drei Stunden und elf Minuten. Der Haushalt. Am Tag. Das addiert sich halt.

Und das sichert uns in Europa den beeindruckenden… letzten Platz? Wie bitte? Schon wieder? Finnen, Norweger, Briten, Schweden, Franzosen… alle schon wieder vor uns in der Liste? Gewinner ist, ganz nebenbei erwähnt, Slowenien. Mit fast einer Stunde mehr Zeit am Staubsauger pro Tag. Das addiert sich auch…

Dann ist wahrscheinlich Körperhygiene gemeint. Das wird es sein. Ist ja auch Sauberkeit. Irgendwie. Wir verbringen in Europa von allen Nationen… die wenigste Zeit im Badezimmer? Das auch noch?

Themawechsel. Schnell. Was wollen wir nehmen….? Ehrlichkeit? Gut, nehmen wir Ehrlichkeit. Schnell jetzt, der Nationalstolz steht auf dem Spiel. Wie google ich das am besten? Mit Betrug vielleicht? Wo wird am meisten mit Betrug erwirtschaftet? Und… (hüstelt) Nee, das machen wir anders… Über die Steuermoral. Gute Idee! Wer hat die höchste Steuermoral? Und… Also auch nicht.

Vielleicht gibt es ja im Ausland Quellen, die belegen, wie grundehrlich wir Deutschen sind und unsere stolzen mittelständischen Unternehmen. Wie? „Emission scandal. 3000 Deaths a year“ VW. Deutsche Ehrlichkeit wird mittlerweile im Ausland mit VW assoziiert… Hm… Was machen wir jetzt? Oh, mein Gott!

Wer hat sich eigentlich diese Liste ausgedacht? Wie sollen wir denn bitte so zu einer nationalen Identität kommen? Wenn gerade wir in den deutschen Tugenden immer das Schlusslicht sind?

Hat sich das einmal einer vorher überlegt? Einer?`So können wir ja nicht gewinnen!
Das ist ja wie beim European Song Contest – völlig verplant!

Wir sollten es mit Tugenden versuchen, in denen uns so schnell keiner übertrumpft.

Aufgrund dieser Recherche würde ich vorschlagen wir einigen uns für unsere nationale Identität und unsere Leitkultur auf die wahren deutschen Tugenden. Die da wären: Überheblichkeit, Weltfremdheit, Ignoranz, Wehleidigkeit, Weltschmerz, Ratlosigkeit und Humorlosigkeit.

Denn bei diesen Tugenden, da macht uns so schnell keiner ‘was vor!